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Lesejahr 2012 (B)

Homilie zum Fest der heiligen Erzengel am 29.9.2012 in Neunkirchen St. Michael

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Michael - Diener Gottes und der Menschen
  • Darüber möchte ich mit Ihnen heute am Namenstag unserer Kirche und Pfarrei nachdenken. Patronatsfest nennen wir diesen Festtag. Denn der heilige Erzengel Michael ist der Patron unserer Kirche und Pfarrei. Das Wort Patron leitet sich vom Lateinischen Pater=Vater ab. Väterlicher Schutzpatron.[1]
  • Auch das Wort Patrone hat hier seinen Ursprung. Wie die Patrone das Pulver zusammenhält und ihm Sprengkraft gibt, so ist es auch mit unserem Kirchenpatron. Er will uns als Familie der Gotteskinder hier am Ort zusammenhalten. Dieser Zusammenhalt wächst, wenn wir uns hier in unserer Pfarrkirche St. Michael versammeln.
Wollen wir die ganze Bedeutung unseres Kirchenpatrons erkennen, müssen zurückblicken auf die
1 Jüdische und frühchristliche Tradition
  • Der Heilige Erzengel Michael spielt im Leben unseres Volkes eine bedeutende Rolle. Engel der Deutschen wird er genannt. Ja, unser Volk wurde eine zeitlang von seinen französischen Nachbarn der "deutsche Michel genannt". Sicher war er für alle, die gegen das Böse zu kämpfen meinten, eine Symbolfigur.
  • So sieht ihn auch die junge Kirche: als den Anführer der Engel Gottes, die den Bösen und seinen Anhang aus der Nähe Gottes vertreiben. Darum verehrt ihn auch das neue Gottesvolk, die Kirche, als ihren Schutz- und Bannerherrn gegen die Mächte des Bösen.
  • Die Kirche des 1. Jahrtausends, vor allem die Kirche des Ostens, sieht den Heiligen Erzengel Michael als von Gott mit besonderen Aufgaben betraut.[2]
  • Origenes aus Alexandrien sagt von ihm, er bringt im Dienste der Menschen unsere Gebete Gott dar. Dies bezeugt Gott bittend auch das Hochgebet I der Messfeier: "Dein heiliger Engel trage diese Opfergabe auf deinen himmlischen Altar vor deine göttliche Herrlichkeit."
  • Michael ist der Engel, der die Seelen der Verstorbenen ins Paradies geleitet. Er ist es, der beim Gericht die Seelen wägt.
2 In unserer Pfarrkirche St. Michael ist dies kunstvoll ins Bild gebracht  (Siehe auf meiner Homepage »Der hl. Erzengel Michael in Neunkirchen a.Br. St. Michael«)
  • Die älteste Michaelsdarstellung auf der Emporenbrüstung, die etwa um 1515 entstanden sein dürfte, zeigt den Erzengel Michael als Seelenwäger.
  • Das Altarbild von 1741 zeigt ihn als den, der den Satan und seinen Anhang aus der Nähe Gottes vertreibt. Siegreich schreitet er aus dem Licht Gottes kommend über den Bösen hinweg.
  • Über der Kanzel von 1749 ist er als Tänzer über dem feuerspeienden Teufel dargestellt.
  • In Vorbereitung auf die große Kirchenrenovierung von 1989 -1994 habe ich auf dem Dachboden des Kapitelbaues den Aufbau eines Marienaltärchens entdeckt. Mit Unterstützung des Landesamtes für Denkmalpflege wurde sie restauriert und befindet sich heute in der ehemaligen Schatzkammer. Sie zeigt die Aufnahme und Krönung Mariens durch den dreifaltigen Gott und die Jahreszahl 1610. Als Mutter Gottes und Königin der Engel wird sie auf der einen Seite vom Erzengel Gabriel und auf der anderen vom Erzengel Michael geleitet.
  • Im Ehrenmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege ist der Erzengel Michael dargestellt als der Engel, der die Seelen der Gefallenen und Vermissten zu Gott geleitet. Dieses von Prof. Leitherer aus Bamberg geschaffene vom früheren Ehrenmal erhalten gebliebene Mittelteil wurde in den 1960er Jahren in eine Fensterlaibung des Hauses St. Augustinus eingefügt.
Alle diese künstlerischen Darstellungen haben eines gemeinsam: sie zeigen uns, Gottes Macht ist stärker als das Böse.
  •  Die guten Engel sind von Gottes Herrlichkeit durchglüht und dienen dem Willen und Heilsplan Gottes. Sie mahnen uns, mit dem Bösen zu rechnen, uns aber nicht darauf zu fixieren, sondern Gott allein anbetend darüber hinwegzuschreiten und über dem Bösen zu stehen; denn wer sich zu sehr mit dem Bösen beschäftigt und sich darauf fixiert, wird schnell selber böse.
Wichtig ist für uns als Christen, wie das Neue Testament die Engel sieht.
3 Die Engel im Neuen Testament
3.1 Christus und die Engel
  • Schon die Urkirche setzt sich mit der Rolle der Engel auseinander. Der Kolosserbrief macht klar: Jesus Christus ist Mittelpunkt und Haupt, Anfang und Ziel der ganzen Schöpfung.
  • "Denn in ihm ist alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und Unsichtbare, die Throne, Herrschaften,  Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen." [3]
  • Die unsichtbare Welt der himmlischen Heere trägt den Sinn ihres Seins nicht in sich selbst. Sie sind wesenhaft auf Christus hingeordnet. Christus ist ihr Haupt, ihr Herr, ihr Kyrios in dessen Lob sie ohne Ende und voller Begeisterung einstimmen.
  • Irrlehrer preisen den Engelkult an, da sie den Menschen zu gering achten direkt mit Gott zu sprechen: sie berufen sich auf Visionen und suchen die Vermittlung der Engel. Paulus und auch Petrus streiten energisch dagegen.
  • Im Galaterbrief schreibt Paulus „Wer euch aber ein anderes Evangelium verkündigt, als wir euch verkündigt haben, der sei verflucht, auch wenn wir selbst es wären oder ein Engel vom Himmel.“[4] Und Petrus schreibt in seinem 1. Brief von Christus, „der in den Himmel gegangen ist; dort ist er zur Rechten Gottes und Engel Gewalten und Mächte sind ihm unterworfen.“ [5]
  • Von den Erzengeln sagt die heilige Hildegard von Bingen: „In ihnen leuchtet wie in einem Spiegel das Bild des Menschensohnes auf. Auf eine ganz reine Weise verherrlichen sie das Fleisch gewordenen Wort Gottes. Sie künden oft die Geheimnisse der Menschwerdung des Gottessohnes an, weil sie geheimen Pläne Gottes erkennen konnten.“[6]
  • Die Engel stehen nicht zwischen Gott und der Kirche. Christus allein ist der Mittler zwischen Gott und den Menschen. Die Stellung der Engel ist die gleiche wie die der Kirche: Erst durch die 2. Göttliche Person durch Gottes ewiges Wort erhalten sie Zugang zur göttlichen Fülle. Wie wir dienen sie Christus. So sind sie unsere Weggefährten, aber wie die Heiligen sind sie mit Christus in der Herrlichkeit des Vaters: Christus und die Engel.
3.2 Die Kirche und die Engel
  • Darum gehören Kirche und Engel zusammen. Das wird in unserer Kirche überall eindrucksvoll sichtbar. Wenn sie durch das Hauptportal eintreten, begrüßen uns die vier Erzengel Michael, Gabriel, Raphael und Uriel, zwei herrliche Engel mit erhobenen Händen in der Haltung der Anbetung und die Engel die das Sanctus singen.
  • Diese Fresken erinnern uns, wenn wir zum Gottesdienst in die Kirche  eintreten an das, was der Hebräerbrief uns freudig verkündet: „Ihr seid  zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung“.[7] Wenn wir uns zum Gottesdienst versammeln. Die Engel sind schon da!
  •  Zusammen mit ihnen verehren wir Christus als unser gemeinsames Haupt. Durch dieses Haupt sind die Gemeinde der Glaubenden und die überweltlichen Mächte miteinander verbunden, einander zugeordnet; in gemeinschaftlicher Verantwortung treten wir zusammen mit ihnen vor Christus hin.
Ein Hymnus der Ostkirche zu Beginn der österlichen Bußzeit fordert angesichts dieser großartigen Gemeinschaft die Christen zur Umkehr auf:
  • „Die Heere der Engel, die Gemeinschaft der Märtyrer, der göttlichen Apostel heiliger Chor, der Seligen Versammlung, die Priester und Propheten flehen zu dir, Gütiger, Allerbarmer: Rechte Umkehr verleihe deinen Dienern in der Zeit der Enthaltung, die nun beginnt.“[8]
  • Da die Engel wesenhaft auf Christus hingeordnet sind, nehmen sie teil an seinem Heilshandeln; wie er unsretwegen Fleisch annahm, so sind auch – verkündet der Hebräerbrief - die Engel als "dienende Geister ausgesandt zum Dienst derer, die das Heil erben sollen".[9]
  • Die Kirche existiert unter dem Beistand und Schutz der Engel, darum wird den Engeln Ehre zuteil durch den Mund der Kirche. Die orthodoxe Kirche wendet sich in einem Troparion am Morgen des 4. Ostersonntags an den Heiligen Erzengel Michael mit folgendem Gesang, der auch zum Gesang unserer Gemeinde heute am Patronatsfest und Namenstag unserer Kirche und Pfarrei werden kann:
  • "Heerführer der Engel, oberster Anführer der himmlischen Liturgen, schirme jene, die sich in deinem heiligen Tempel versammeln und Gott Hymnen singen; schütze sie vor vielfältigen Gefahren."
Die Engel gehören zur Kirche weil sie zu Christus gehören.
4 Engelgleiche Menschen sollen wir Christen sein
4.1 Mit den Engeln singen wir das Lob Gottes.
  • Im Sanctus stimmen wir in den Gesang der himmlischen Liturgie der Engel ein. Das gibt unserem Gott anbetenden Singen zum dringende Kraft.
  • Die heilige Hildegard teilt uns mit, was sie mit wachem Sinn geschaut hat:
„Und wie Gott von den Engeln gepriesen wird,
wobei sie in Harfen und in Symphonien
und in allen Stimmen das Lob erklingen lassen,
so muss er auch von den Menschen gepriesen werden.
Durch das Lob ist der Mensch nämlich engelhaft
und durch die heiligen Werke ist er Mensch.
Er ist nämlich das vollständige Werk Gottes,
denn durch das Loben und durch das Wirken
werden die Wundertaten Gottes an ihm vollendet“
[10]
4.2 Engel für andere Menschen sein
  • Wie die Engel sind auch wir "Angelloi" Boten Gottes für andere Menschen, ja für die ganze Schöpfung. Der berühmte Konvertit und Theologe der heilige Kardinal John Henry Newman hat das so gesagt:
"Ich bin berufen, etwas zu tun oder zu sein,
wofür kein anderer berufen ist;
ich habe einen Platz in Gottes Ratschluss,
auf Gottes Erde, den kein anderer hat.
Ich bin an meinem Platz so nötig,
wie ein Erzengel an dem seinigen."

  • Wie Michael und die anderen Erzengel sind wir unter Christus, dem Haupt der Kirche Diener Gottes und Diener des Heils der Menschen.

[1] Kluge, Ethymologisches Wörterbuch, Berlin 1960 S.535
[2] Dan 12,1
[3] Kol 1,16
[4] Gal 1,8
[5] 1 Petr 3,22
[6] in Hildegard Strickerschmidt, Hildegard von Bingen – Engel, Visionen und Meditatioen S.37
[7] Hebr 12,22
[8] Lothar Heiser, die Engel S.144
[9] Hebr 1,14
[10] Strickerschmidt ebd. S. 97


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