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Predigten

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2007 (C) Österliche Bußzeit

Homilie zu Joh 8,1-11 im Altenheim St.Elisabeth und in der Pfarrkirche St.Michael.

===>> zu den Bibel- und Liturgie Texten des 5.Fastensonntags

Gnade vor Recht

Rechtspraktiken

Unter dem Titel »Fromme Faustrechtskultur« berichtete am Dienstag Jochen Buchsteiner in der Frankfurter Allgemeinen von einem Besuch in den Stammesgebieten Westpakistans. Dort 'entscheiden keine ordentlichen Gerichte mehr über Recht und Unrecht, sondern "Jirgas". Erst in der vergangenen Woche verurteilte einer dieser Stammesräte zwei Männer und eine Frau zum Tod durch Steinigung - sie sollen sich des Ehebruchs schuldig gemacht haben. Eine einzige kurze Versammlung genügte. In den Zeitungen des Landes werden solche Praktiken kritisiert, aber als Teil der pakistanischen Realität hingenommen."[1]
Nun könnte einer sagen, seht an, wie fortschrittlich diese Muslime sind. Im Evangelium soll nur die Frau gesteinigt werden, hier trifft es auch die ehebrecherischen Männer.

Recht oder Gnade?

Recht muss Recht bleiben

Im heutigen Evangelium geht es nur vordergründig um Ehebruch und Bestrafung der Schuldigen. Es geht vielmehr darum Jesus mundtot zu machen und seine Botschaft vom barmherzigen Gott außer Kraft zu setzen. Das dem heutigen Evangelium vorausgehende Geschehen macht dies deutlich.
Jesus soll verhaftet werden, weil er am letzten Tag des großen Festes die Menschen eingeladen hatte, ihren Lebensdurst bei ihm zu stillen.[2] Von Jesus beeindruckte Menschen sagten: "Er ist wahrhaftig der Prophet", und andere "Er ist der Messias."

Jesus zu verhaften misslingt, weil die Gerichtsdiener es nicht wagen, ihn anzufassen. Sie waren von Jesus tief beeindruckt: „Noch nie hat ein Mensch so gesprochen", entschuldigen sie ihr Nichteingreifen vor dem Hohen Rat.[3]

Nach heftigem Streit im Hohen Rat gehen alle nach Hause. "Jesus aber,“ so beginnt das heutige Evangelium, „geht zum Ölberg."[4] Mit dieser Bemerkung signalisiert der Evangelist, dass die Passion Jesu unmittelbar bevorsteht. Darum beginnt mit dem 5. Fastensonntag die Passionszeit.

So geht es bei der Szene mit der Ehebrecherin gar nicht um diese. Denn nach dem Gesetz des Mose ist alles klar. Des Ehebruchs überführt, verdient sie den Tod. Ganz gleich, wie Jesus sich verhält, für sie gibt es kein Erbarmen. Recht muss Recht bleiben.

Aber warum fragen sie Jesus denn um seine Meinung? Die Sache ist äußerst raffiniert eingefädelt. Jesus sitzt in der Falle. Stimmt er den Anklägern und Richtern der Frau zu, dann wäre auch er nicht mehr als einer von ihnen, ein Gesetzestreuer, einer bei dem nur das Recht zählt. Damit würde er seine Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes, würde er seine Sendung als Heiland und Befreier der Sünder verleugnen. Er könnte einpacken. Missachtet er aber die Autorität des Gesetzes hieße das, die Autorität Gottes zu missachten. Das ist Gotteslästerung! Die Strafe auch hier: der Tod. Wer sich gegen das Gesetz stellt, der wird ein Gesetzloser und ist vogelfrei.
Recht muss Recht bleiben! So sagen die Anhänger des mosaischen Gesetzes, das sie mit dem göttlichen gleichsetzen.

Muslime, die in muslimischen Ländern zum Christentum konvertieren, machen eine ähnlich schlimme Erfahrung. Nassim Ben Iman ist in Pakistan vom Islam zum Christentum konvertiert. Seitdem hat sein Leben eine entscheidende Wendung genommen: Nach dem islamischen Gesetz gilt er als vogelfrei. Jeder gläubige Muslim könne ihn töten, sagt er. „Wer die Religion wechselt, den tötet,“ zitiert er einen Ausspruch Mohammeds. Als Nassim seinen Eltern gesagt hat, dass er Christ werden möchte, wurde er aus der Familie ausgeschlossen. Ein islamischer Geistlicher habe der Familie Rückendeckung für ein Todesurteil gegeben, berichtet er. Bekannt werde so etwas kaum.[5]
Recht muss Recht bleiben, so sagen Anhänger des Islam und berufen sich auf den Koran, der Gottes letzte alles überbietende Offenbarung sei.

Diktatorische Systeme haben schon immer so gedacht und gehandelt. Da hat einer sein Leben schnell verwirkt. Denken wir nur an die Nazizeit bei uns. 1.770 Exekutionen gibt die Volksrepublik China für das Jahr 2005 an. Das sind 81% der weltweiten Gesamtzahl. Die tatsächliche Zahl ist Staatsgeheimnis, wird aber als noch wesentlich höher eingeschätzt, weil Hinrichtungen nicht immer bekannt gegeben werden. Die Todesstrafe steht in China auf 68 Verbrechen, darunter Steuerhinterziehung und Drogen-Schmuggel.[6] Recht muss Recht bleiben, so denken und handeln Menschen, denen es um Machterhalt oder auch nur um Aufrechterhaltung der Ordnung geht. Und Letztere sind wohl im Recht, wenn es um die Aufrechterhaltung einer gerechten Ordnung geht.

Jesus will das Recht nicht außer Kraft setzen. Er will zeigen, wie Gott zum Menschen, zu jedem Menschen steht. Darum geht bei ihm

Gnade vor Recht

Ihm geht es darum den Menschen bewusst zu machen, dass jeder auf die Gnade, die liebende und erbarmende Zuwendung Gottes und der Menschen angewiesen ist, weil jeder auf seine Weise schuldig wird. Das Gemeine an der ganzen Situation ist, hier wird eine in ihrer Schwachheit sündig gewordene Frau dazu benützt, einen anderen Menschen, nämlich Jesus, nicht nur mundtot zu machen, sondern ihn aus den Weg zu räumen.

Ähnliches geschah vor wenigen Wochen mit der russischen Journalistin Anna Politkowskaja. Sie brachte die Wahrheit über den Krieg in Tschetschenien ans Tageslicht. Unter der Überschrift "die Mundtotgemachte" stand im Feuilleton der FAZ: „Als hartnäckigste Kritikerin der Kremlpolitik hatte Politkowskaja Tschetschenien bereist und dort die Bestialitäten der russischen Armee und der mit ihr verbündeten paramilitärischen tschetschenischen Gruppen aufgezeichnet: Folter, Mord, Raub, Korruption. Nichts davon entsprach der offiziellen russischen Darstellung der Lage in der Krisenregion. Immer wieder erhielt sie deswegen Morddrohungen.“[7]

Wie zynisch der Mächtige im Kreml mit dem Recht umgeht, zeigt das gerade bei uns erschiene "Russische Tagebuch" der Ermordeten. „Es ist ein Protokoll des Grauens, in dem eine Figur immer wiederkehrt: der Mundtotgemachte; Menschen, die entweder verschwinden oder umgebracht werden.“ Politkowskaja leitet die Aufzeichnung mit dem kühlen Resümee ein: "Unter Putin erlebt der russische Parlamentarismus sein Ende."[8]

Was solchen Menschen blüht, die den Mundtotgemachten eine Stimme geben, sehen wir an Jesus und neben vielen anderen auch an Anna Politkowskaja. Vier Schüsse waren Politkowskajas Schriften ihren Feinden wert. "Kontrollschuss" ist das andere Wort für den Kopfschuss, den sie zuletzt erhielt. Man wollte sicher gehen, dass sie tot ist.

Von Putin war nach dem Mord der launige Kommentar in München zu hören, Anna Politkowskaja habe dem russischen Staat geschadet, ihre Ermordung schade ihm aber noch viel mehr. Keine Verurteilung der Tat. Kein Entsetzen. Kein Beileid. Anna Politkowskaja wusste, was ihr bevorstand. Aber sie schwieg nicht. Wie nahe sie doch Jesus steht!

Wir staunen über die Gelassenheit Jesu, mit der er dem Angriff seiner Gegner begegnet. Sie zeigt uns sein tiefes Gegründetsein in der Liebe des sich erbarmenden Gottes. Jesus, der die Herzen aller kennt, lässt die Ankläger stehen. Er lässt sich nicht von den aufgeregten Worten bestimmen, die ihm entgegengeschleudert werden. Vielmehr unterbricht er die unheilvolle Dynamik des Geschehens. Er geht in die Hocke und schreibt in den Staub - rätselhaft für alle, die ihn in diesem Moment umgeben. Jesus entzieht sich, und er entzieht damit den Anklägern ihre eigentliche Zielscheibe.

Sich dem Staub der Erde zuwendend zeigt er augenfällig: Alle sind wir Staub, von der Erde genommen kehren wir zur Erde zurück. Alle sind wir Todeskandidaten. Gott aber gab uns das Leben, indem er jeden ganz persönlich seinen Odem einhauchte.
Sich nicht auf eine Gesetzesdiskussion einlassend erinnert er an das Entscheidende des Glaubens: an die Gottebenbildlichkeit und Würde eines jedes Menschen - auch einer Ehebrecherin. Der Schuss gegen Jesus geht nach hinten los, als Jesus sich aus dem Staub aufrichtend zu ihnen sagt: "Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie."

Wieder wendet er sich dem Staub der Erde zu. Eine Predigt fast ohne Worte, aber ungemein wirksam: "Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand."

Nun steht nur noch die Frau in der Mitte mit Jesus. Die Ankläger sind verschwunden. Die Steine bleiben liegen. Jesus, sich aus dem Staub erhebend, wendet sich ganz und gar der Frau zu. Er tritt mit ihr in einen Dialog. Es reicht nicht, keinen Stein zu werfen: Gottes Liebe geht auf den Menschen zu, spricht ihn wohlwollend und aufbauend an. Aus dieser Zuwendung soll der Frau die Kraft zuwachsen, von ihrem bisherigen Weg umzukehren. Jesus traut dem Menschen, der sich angenommen und geliebt weiß, zu, die Freiheit der Kinder Gottes im guten Sinne zu nutzen. Ohne den Ehebruch zu bagatellisieren, entlässt er die Frau in ein neues Leben: "Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!"

Was hat das alles mit Misereor zu tun?
Sehr viel! Der Kern der Botschaft Jesu heißt ja: Misereor - mich erbarmt des Volkes, der Menschen. Der Gott und Vater Jesu ist Liebe und Erbarmen. Das Eintreten für diesen Gott kostet Jesus das Leben und bringt ihm die Auferstehung von den Toten. Gott macht ihn zum Herrn des Alls.
Jesus lässt sich nicht einfach mitreißen von einem Geschehen, das - vermeintlich nach Recht und Gesetz - mindestens einen Menschen das Leben kosten würde. Jesus nimmt sich Zeit. Er blickt tiefer und deckt auf, was Lüge ist und Unrecht. Er entdeckt eine unheilvolle Situation und öffnet Wege ins Leben für alle Beteiligten.
„Entdecken, was zählt;“ heißt das diesjährige Leitwort der Misereor Aktion. Mit den Augen Jesu das Geschehen in der Welt betrachten; hinter der großen Politik, den umfangreichen Statistiken, den scheinbar unendlichen Zahlen von Armut, Hunger, Krankheit oder mangelnden Bildungsmöglichkeiten den einzelnen, verwundbaren Menschen sehen - und sich an seine Seite stellen: dazu lädt MISEREOR uns ein. Heute. Und alle Tage.

[1] FAZ 20.3.07
[2] Joh 7,2
[3] Joh 7,46
[4] Joh 8,1
[5] DT vom 03.11.2004
[6] Nach einem Artikel in TIME Europe vom 13.11.2006
[7] Frankfurter Allgemeine 12.2.2007
[8] ebd.
[9] Joh 8,9
[10] Die Botschaft heute 3/2007
[11] Joh 8,11

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