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Predigt am Pfingsmontag (B) in St. Michael Neunkirchen

Aus unmündigen zu Mündigen [1]

1. Das Streben nach dem Mündigwerden

Jeder Mensch strebt danach mündig zu werden, d.h. für sich selber sprechen und handeln zu können. Die Kirche bezeichnet die Firmung als »das Sakrament der Mündigkeit«. Sie will damit den jungen Menschen sagen: »Du bist jetzt für deinen Glauben und dein Christsein selber verantwortlich, nicht als Verneinung, sondern als Bejahung deiner Berufung: Zeuge der Wahrheit und der Liebe Gottes in der Welt zu sein«.
Seit dem 2.Vatikanischen Konzil sprechen wir mehr und mehr vom mündigen Christen, der aus der Begegnung mit Jesus und seinem Evangelium lebend eigenverantwortlich sein Leben als Christ in dieser Welt gestaltet.
Natürlich wird in einer freiheitlich demokratisch geprägten Gesellschaft Mündigkeit nicht selten egoistisch missverstanden: Ich mache, was ich will. Die Botschaft Jesu meint aber eine von Verantwortung und Liebe geleitete Mündigkeit. Solch mündiges Leben wird aus der geistlichen Quelle des Evangeliums Jesu gespeist.
Darum sagt Paulus in der Lesung zu den Ephesern Gott bittend, „Er erleuchte euch die Augen eueres Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt und wie überragend groß seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist.“[2]
Innere Weisheit und Einsicht, Kraft und Selbständigkeit, Hoffnung und Zuversicht sind Wirkungen des Heiligen Geistes. Sind also etwas, was ich mir schenken lassen muss. Es gibt eine dickköpfige, verbohrte, sich überheblich zeigende Selbständigkeit, die das eigene begrenzte Ich zum Maß aller Dinge macht. Und es gibt jene andere wahre mündige Selbständigkeit, die dem zuwächst, der sich als Geschöpf und begrenztes Wesen ganz seinem Schöpfer und Erlöser, aber auch seinen Mitmenschen öffnet.

2. Mündigwerden aus dem Anerkennen des Unmündigseins

Mündigwerden im christlichen Sinn erwächst also aus der Anerkennung unserer Unmündigkeit Gott gegenüber. Wer nur weise und klug ist aus eigenem, dem wird die Erkenntnis Gottes versagt bleiben.
Deshalb preist Jesus im heutigen Evangelium alle selig, die sich Gott, dem himmlischen Vater, gegenüber unmündig wissen. Er allein ist der Herr des Himmels und der Erde. Denen, die also arm sind vor Gott, wird sich Gott in Jesus Christus offenbaren. Darum wünscht Paulus den Christen in Ephesus: „Gott gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt.“[3]
Nur Gott selber kann uns durch seinen Messias zeigen, wer er ist und wer wir sind und was unsere Berufung ist. Gott tut das auf ganz menschliche Weise, wie eine gute Mutter, wie ein seinen Kindern zugewendeter Vater, wie ein guten Lehrer. Er lässt uns an seinem Reichtum teilhaben durch Jesus, seinen geliebten Sohn. In ihm zeigt er uns sein menschliches Antlitz.
Warum bauen wir Kirchen? Doch nicht um uns ein Denkmal zu setzen. Wir bauen Kirchen als Begegnungsstätte der Gemeinschaft der Glaubenden mit Jesus Christus, dem geliebten Sohn Gottes. Durch ihn allein haben wir Zugang zu Gott. Er kennt den Vater wie niemand sonst; die Fülle Gottes wohnt in ihm, die Glut des Geistes leuchtet in ihm auf. Und er schenkt denen die Klarheit und Wahrheit Gottes, die ein klares Auge und ein unverdorbenes Herz haben. Aber es gibt auch

3. Gefahren für das Mündigwerden

Romano Guardini nennt in seinem Buch „die Lebensalter“ die Gefahren, die diesem christlichen Mündigwerden im Wege stehen. Sie liegen »im Kollektivismus, im Aufgesogenwerden durch Totalitäten.«[4] Mit prophetischem Gespür erkannte er schon vor 50 Jahren, was auf uns zukommt: »Die größte ethische Gefahr für den heutigen Menschen ist das "Man", das anonyme Schema, wie jeder zu denken, zu urteilen, zu handeln habe, getragen durch die Organisationen, Parteien, Zeitungen, Radio, Film.«[5] Wir würden heute hinzufügen: Fernsehen und Internet.
Ich denke z.B an die Flut von Pornografie, die heute im Internet über uns hereinbricht. Wer es zulässt, wird mit solchen Emails gleichsam bombardiert. Was für ein verdorbenes Bild von Sexualität wird da erzeugt! Unkontrolliert und hilflos sind junge Menschen solchen Angeboten ausgeliefert.
Viele Eltern sind ahnungslos, welch verderbliche Saat da in die Herzen und Hirne ihrer Kinder gesät wird. MacDonald legt seinen Esstüten Werbungen für Jugendveranstaltungen bei. 10 Getränke bekommen jene umsonst, die sich nackt ausziehen und so vor andern tanzen. Orgasmus wird von der Werbung garantiert.
Mehr denn je müssen wir unseren Kinder und Jugendlichen dabei helfen und sie ermutigen, selbst zu denken, selbst zu urteilen, selbst zu handeln. Ein Gespür zu entwickeln für das, was aufbaut, und für das, was zerstört und versklavt. Junge Menschen haben es heute schwerer denn je, zu jener Mündigkeit zu finden, wie sie der Glaube in uns aufbauen will.

4. Was ist das »ein mündiger Mensch und Christ«?

Nach dem bedeutenden Religionsphilosophen Romano Guardini bist du ein solcher mündiger Mensch und Christ, »wenn du des eigenen Wesenskerns sicher geworden bist. Gelernt hast in dir selber und für etwas zu stehen; wenn du dir jene Haltung angeeignet hast, die Freiheit, Verantwortung und Treue zugleich ist«.[6]
Als Folge entwickelt sich das, was wir Charakter nennen: »die Bestimmtheit und Festigkeit der Person. Das bedeutet keine Starrheit, keine Verhärtung der Gesichtspunkte, sondern den Zusammenschluss des lebendigen Denkens, Fühlens und Wollens mit dem eigenen geistigen Kern«.[7]
Mit Recht fürchten wir nichts mehr als charakterlose Menschen. Umso mehr werden wir darauf bedacht sein, bei uns selber und bei unserer Kindern bestimmte Werte für sehr wichtig zu nehmen: »die Zuverlässigkeit in dem, was wir übernommen haben.... Das Stehen zum gegebenen Wort.... Die Treue gegenüber demjenigen, dessen Vertrauen ich angenommen habe... Die Ehre als das unbeirrbare Gefühl für das, was Recht und Unrecht ist; das, was hebt und was herunterzieht... Die Fähigkeit, im Wort, im Verhalten, in der Leistung, in den Dingen zwischen echt und unecht zu unterscheiden.«[8] Solche Mündigkeit kann man nicht verordnen, sie muss gelebt werden. Sie braucht lebendige Vorbilder.

5. Ein bewegendes Zeugnis aus der Nazizeit

Ein Vortrag über Alfred Heiß aus Triebenreuth bei Stadtsteinach hat mich sehr beeindruckt. Der junge begabte Bauernbub schaffte es bis nach Berlin in den mittleren Justizdienst mit einem Jahresgehalt von 2003 RM.
Er wagte es noch 1933 nach der Machtergreifung mit SA-Männern zu diskutieren. Er forderte katholische Eltern auf, ihre Kinder nicht zu Hitlerjugend zu schicken, da diese christenfeindliche Grundsätze vertrete. Er wurde denunziert und kam ins KZ Columbia in Berlin. Er verlor seine Anstellung. 1940 wurde er eingezogen. Auf dem Kasernenhof weigerte er sich, die Hakenkreuzfahne zu grüßen. Er lehnte es ab für den Nationalsozialistischen Staat Dienst als Soldat zu tun, da der Nationalsozialismus antichristlich sei. Er wurde zum Tod verurteilt und am 24. Sept 1940 im Alter von 36 Jahren hingerichtet.
Was für ein mündiger Christ er war, zeigt ein Brief. An seine Nichte Gretl schrieb er zur Erstkommunion: »Liebes Nichtchen! Übergebe also an deinem heiligen Erstkommuniontage dem Heiland ein reines und von allem Unordentlichen losgelöstes Herz. ... Gewiss, es ist etwas sehr Schweres um das unbedingte Wahrsein, aber es ist das Wertvollste, was ein Mensch besitzt. Was Unwahrheit an Sünden und Elend im Gefolge hat, das werden Du und ich und wir alle noch in den nächsten Jahren nur zu gut erfahren«.
Wahrhaftig ein aus dem Glauben an Gott und Jesus Christus mündig gewordener Christ. Sein Mut zur Wahrheit, sein Echtsein, sein Widerstand gegen ein verbrecherisches Regime zeigen, dass er sich Jesus Christus, ganz geöffnet hatte und von ihm durchdrungen war.
Der Mensch kann sich der Wahrheit öffnen oder verschließen. Als Kinder, als Söhne und Töchter Gottes haben wir uns im Haus des Herrn versammelt. Als solche müssen wir uns auch im Alltag bewähren. Das wird gelingen, wenn wir unsere Unmündigkeit gegenüber Gott nicht als Mangel, sondern als entscheidende Chance erkennen, mündig und verantwortlich in dieser Welt zu leben.
Vom Heiligen Geist erfüllt, preist Jesus seinen Vater, den Herrn des Himmels und der Erde, weil er »all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber geoffenbart hat». Die Nazis mit ihrem Rassenwahn hielten sich für selber klug und weise. Ihre Propaganda war auf Lüge und Hass aufgebaut. In 12 Jahren führten sie unser Volk in den Untergang und verwüsteten weite Teile Europas. Eine Mörderbande. Gott sei Dank gab es solche Zeugen für die Wahrheit wie Alfred Heiß.

Papst Benedikt betete vor 8 Tagen vor jedem der 20 Gedenksteine für die von den Nazis in Auschwitz Ermordeten. Am Ende seiner Rede sagte er:

Hinter diesen Gedenksteinen verbirgt sich das Geschick von unzähligen Menschen. Sie rütteln unser Gedächtnis auf, sie rütteln unser Herz auf. Nicht zum Hass wollen sie uns bringen: Sie zeigen uns, wie furchtbar das Werk des Hasses ist. Sie wollen uns zur Einsicht bringen, die das Böse als Böses erkennt und verneint; sie wollen den Mut zum Guten, zum Widerstand gegen das Böse in uns wecken. Sie wollen uns zu jener Gesinnung bringen, die sich in den Worten ausdrückt, die Sophokles der Antigone angesichts des Grauens um sie herum in den Mund gelegt hat: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.”

[1] Erstfassung 1985
[2] Eph 1,18-19
[3] Eph 1,17
[4] R. Guardini, Ethik I – Vorlesungen an der Uni München
[5] Guardini ebd. S.625
[6] Guardini ebd., S.633
[7] Guardian, ebd. S. 633
[8] Guardini ebd. S.633

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