Startseite | Zur Person | Informationen | Filme | Predigten | Podcast | Meditationen | Fundgrube | Dias | Kontakt
Boxbild
  Druckversion   Seite versenden

Predigten

Übersicht

2006

Homilie am 17.Sonntag (B) zu Eph 4,1-5 in St.Johannes d.T. in Großenbuch

CHRISTLICHE TUGENDEN NEU VERSTEHEN –
Verantwortung, Fürsorge und Kollegialität in der Industriegesellschaft

1 „Versager“
ist heute zum schlimmster aller Schimpfworte geworden. Versager in der Schule, beim Sport, im Beruf, in der Ehe, im Bett. Ich kann damit einen Menschen total entmutigen, ja innerlich vernichten. Wir gefallen uns darin „direkt zu sein." „Wir nehmen uns kein Blatt vor den Mund.“ Ob das nicht oft das Feigenblatt für schlimme verbale Brutalität ist?
Stellen Sie sich vor, sie sitzen in der Kneipe, im Gasthaus oder auch im Verein mit anderen zusammen. Würden Sie sich getrauen, Worte aus der heutigen 2. Lesung wie Demut, Sanftmut, Langmut, Geduld in den Mund zu nehmen? Und wenn Sie es wagten, würden Sie nicht höhnisches Grinsen ernten? Man würde Ihnen entgegenhalten, das seien doch Verhaltensweisen, die nichts einbrächten, ja die das Versagen geradezu herausfordern würden.
Man würde Ihnen sagen: wer etwas werden und erreichen wolle, der müsse sich durchsetzen können, die Fähigkeit haben die Aufgaben und Dinge rational, also mit dem Verstand anzugehen. Gefühle seien nicht gefragt. Härte sei nötig.
Der Arbeits- und Produktionsprozess in der modernen Industriegesellschaft verlange solches Verhalten, also genau der Heiligen Schrift entgegengesetzten Verhaltensweisen. Diese Entwicklung lasse sich nicht rückgängig machen.
Die Zeiten der Beschaulichkeit der früheren Agrargesellschaft seien endgültig vorüber. Eine Industriegesellschaft könne sich ein solch beschauliches Leben nicht mehr leisten, denn sonst käme der Arbeits- und Produktionsprozess ins Stocken, wenn nicht gar zum Erliegen. Und das brächte das Gegenteil von Frieden und Wohlstand; Unzufriedenheit und soziale Spannungen wären die Folge.
Was in der Kirche Frieden bringt, eine von Dienstbereitschaft, von Langmut und Sanftmut geprägte Nächstenliebe, würde in der Industriegesellschaft zu einer Krise, zur Gefährdung der Arbeitsplätze und Versorgung der Massen sich auswachsen. Haben also die christlichen Tugenden ausgedient? Sind sie überholt? Und welche sollen an ihre Stelle treten? Ich meine, wir müssen lernen

2 Die christlichen Tugenden neu deuten.

2.1 Vom Wesen der Kirche

leitet der Epheserbrief seine Verhaltensweisen ab: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe.“ Das ist die Wirklichkeit, die am Anfang der Kirchen- und Gemeindegründung gestanden hat und noch immer als tragender Grund jeder christlichen Gemeinde steht.
Kirche ist dort, wo Menschen sich unter die Herrschaft Gottes stellen, die in Jesus Christus angebrochen ist. Ihn hat Gott zum Herrn gemacht über Lebende und Tote.
Kirche ist dort, wo Menschen bekennen: „Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes des Vaters.“ Kirche ist dort, wo Menschen an diesen einen Herrn glauben, d.h. von ihm Leben in Fülle erwarten; sich von ihm und seinem Leben und Sterben prägen lassen.
Kirche, im Griechischen »ekklesia« heißt ja die aus der Welt von Gott Herausgerufenen. Kirche ist, wo sich Menschen durch die Taufe eingliedern lassen in die Gemeinschaft derer, die ihr Leben auf Jesus Christus, den gekreuzigten und auferstandenen Herrn gründen.
In dieser Kirche ist einer für den anderen verantwortlich, d.h. wir haben dem Herrn Antwort zu geben auf die Frage:
„Was hast du aus deinen Mitmenschen und Mitchristen, aus deinen Mitgeschöpfen, aus der Schöpfung Gottes gemacht? Wie bist du ihnen begegnet?
Was sind sie durch dich geworden. Konnten sie durch dich spüren, dass wir alle dem einen Herrn gehören, dass der Glaube an den einen Gott und Vater uns verbindet und zu Geschwistern macht; dass die eine Taufe uns zu einer einzigen Heilsgemeinschaft zusammenschließt, die Erde und Himmel umfasst.“
Es geht also darum, dass wir in einer gewandelten Welt

2.2 den neuen Gegebenheiten von Christus her begegnen.

Durchsetzungsvermögen, Rationalisierung, Anforderungen der Industriegesellschaft müssen von Verantwortung durchdrungen sein. Das Durchsetzungvermögen wird dort Halt machen, wo der Nächste rücksichtslos zurückgesetzt und fertig gemacht wird.
Mobbing darf für einen Christen nicht in Frage kommen. Und Mobbing fängt dort schon an, wo ich Mitarbeiter, die ich - aus welchen Gründen auch immer - nicht mag, etwas Negatives, eine Schwäche, einen Fehler zu entdecken suche, und diesen dann aufbausche, so dass alles Positive an diesem Menschen verschwindet.
Rationalisierung darf nicht einfach zu einer Vernichtung von Arbeitsplätzen führen. Sie muss begleitet sein von dem ernsthaften Bemühen, dem Betroffenen eine gleichwertige Stellung und Tätigkeit zu vermitteln.
Sanftmut und Langmut zügeln die Härte, wo sie verletzend vorgeht, kein Verständnis für den Menschen, für seine Eigenart und Lage aufzubringen droht. Wenn wir statt Nächstenliebe Verantwortung, statt Demut Fürsorge, statt Langmut Kollegialität, statt Sanftmut fairen Umgang sagen, wird uns klar, wie nötig diese Tugenden sind.

3 Auf das Klima kommt es an.

Was macht das Betriebsklima, das Klima in der Familie, in einer Schulklasse, im Verein, in der Pfarrgemeinde aus? Wird da Verantwortung füreinander, Fürsorge umeinander, Kollegialität, Geschwisterlichkeit, Fairness, Rücksichtnahme erfahrbar?
Dabei dürfen diese Tugenden nicht bloß als Kompromiss zugelassen werden, sondern sie müssen das ganze Leben in der Industriegesellschaft, eines Dorfes, einer Familie regeln.

Zuerst einmal sind wir als Kirche, als Pfarrgemeinde gefragt.
Bei uns sollen diese Tugenden: Verantwortung, Fürsorge, Rücksichtnahme, Kollegialität, Fairness und Geschwisterlichkeit zuerst lebendig sein, sollen sie in die Welt hineinstrahlen. Das gilt für Männer und Frauen im gleichen Maße.
Als Kirche, als Gemeinschaft der Glaubenden, sollen wir nach dem Willen Jesu wie Sauerteig sein, der den Teig unserer Industriegesellschaft durchsäuert, dass die Berufs- und Arbeitswelt, aber auch der Ungang miteinander in der Dorfgemeinschaft und den Familien christlicher und damit menschlicher wird.
Der eine tut es in politischen Parteien, der andere in den Gewerkschaften, wieder ein anderer durch seine Mitarbeit im Betriebsrat; der eine als Arbeitgeber, der andere als Abteilungsleiter. als Meister oder Mitarbeiter.
Jeder Mitarbeiter kann durch verantwortungsbewusstes, fürsorgliches, faires und kollegiales Verhalten seinen Teil dazu beitragen, dass die Berufs- und Arbeitswelt menschlicher und damit christlicher wird. Denn so schließt die Lesung: es ist „ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.“ Durch dich, durch jeden von uns will Gott an einer besseren Welt bauen.
Anthony de Mello erzählt in seinem Buch „warum der Vogel singt“ eine Fabel des arabischen Mystikers Sa‘di. Am Schluss dieser Fabel sagt der Erzähler: Auf der Straße traf ich ein kleines frierendes Mädchen, zitternd in einem dünnen Kleid, ohne Hoffnung, etwas Warmes zu essen zu bekommen. Ich wurde zornig und sagte zu Gott: „Wie kannst du das zulassen?“
Eine Zeitlang sagte Gott nichts. Aber in der Nacht antwortete er ganz plötzlich: „Ich habe wohl etwas dagegen getan. Ich habe dich erschaffen.“

 

===>> Zur Übersicht
===>> Predigt als PDF Datei ansehen oder herunterladen
===>> Gottesdienstvorlage ansehen oder Herunterladen 

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.Ok, verstanden.