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2006

Homilie zum 16.Sonntag i. Jahreskreis (B) in der Filialkirche in Rödlas, Pfarrei St. Michael Neunkirchen

Hirte sein – in verlässlicher Beziehung leben
'... ruht ein wenig aus.-,' (Ev.) Mosaik, Monreale, 13. Jahrh - Bergmoser & Höller
"... ruht ein wenig aus.-," (Ev.) Mosaik, Monreale, 13. Jahrh - Bergmoser & Höller

Die Freizeit- und Urlaubindustrie spricht in bunten Katalogen, mit Fernsehspots und Auftritten im Internet unsere Sehnsucht nach Erholung und erlebnisreichen Tagen an.
Auch im heutigen Evangelium lädt Jesus seine Jünger ein, ein wenig auszuruhen. Und doch geht es in den drei Schriftlesungen[1] dieses Sonntags um mehr.
Es geht vor allem um gelingendes Leben in lebendiger Beziehung zu Gott, zu Jesus und zu einander. Und es geht um Ausruhen bei Jesus, um das Kräftesammeln bei ihm. Wer mit Jesus bei Gott ausruht und so neue Kräfte sammelt, kann auch anderen zu einem gelingenden Leben verhelfen und selber das eigene Leben als gelingend erfahren.

Die Schriftlesung aus dem AT schreckt uns mit einem Weheruf auf:

»Wehe den Hirten«
Das war zur Zeit des Propheten Jeremia eine lebensbedrohende Rede für den, der dies auszusprechen wagte. Der Vorwurf, dass die damaligen Hirten die Ihnen Anvertrauten zerstreuen und sich nicht um sie kümmern, wiegt schwer. Gott wird die Angeklagten zur Rechenschaft ziehen, und zwar schon in diesem Leben.
Alle, die einen Hirtendienst ausüben, müssen sich fragen, ob sie über die Anvertrauten herrschen oder ihrem Leben und ihrer Entfaltung dienen; ob sie ihnen zugewandt leben oder abgewandt, nur sich selber dienend ihnen gegenüber stehend. Das fängt bei den Eltern an und geht bis zu den höchsten Repräsentanten von Kirche, Staat und Gesellschaft.

Unwillkürlich musste ich, um nur ein Beispiel zu nennen, beim Hören der Lesung aus dem Propheten Jeremia an einen Kommentar zur Pisastudie denken, der in der Wochenzeitschrift »Christ in der Gegenwart« abgedruckt war. Ich zitiere:
"Nach dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler bei der Pisa-Studie wurden Forderungen laut, die Lehrer zu überprüfen. So hat man einen Sündenbock gefunden. Der internationale Vergleich über die Lese-Vollmacht und das Textverständnis Heranwachsender offenbart freilich anderes.“

Die folgenden Sätze dieses Kommentars sind von aller größter Wichtigkeit:
„Das Leistungsvermögen des Nachwuchses hängt wesentlich davon ab, wie intensiv sich die Eltern mit ihm beschäftigen, ob sie selber lesen, die Anstrengung des Geistes suchen. Viel wichtiger als Wohlstand ist die verlässliche Beziehung der Mutter zum Kind. Wo sich die Mutter bildet, begünstigt dies Entwicklungsschübe beim Sprössling. Wenn man also weiter testen möchte, müsste man das zuerst bei der Erziehungsfähigkeit von Müttern und Vätern, in deren Beziehungsstabilität tun."
Bei jedem Hirtendienst geht es also um

Verlässliche Beziehung.
Hirt und Hirtin im Sinne Gottes können wir nur sein, wenn wir ohne Verstellung und Hintergedanken in Beziehung treten zu den uns anvertrauten Menschen. Wenn unsere Beziehung verlässlich ist. Hirtenaufgabe verdirbt, wenn wir heute so und morgen so reagieren, nach dem Motto eines berühmten Films: »Sie küssten und sie schlugen ihn.«

Hirten und Hirtinnen im Sinne Gottes werden wir, wenn wir uns den uns Anvertrauten öffnen und ihnen selbstkritisch mitteilen, was wir denken und fühlen; wenn wir sie ohne Überheblichkeit teilhaben lassen an dem Reichtum unserer Persönlichkeit. Hirtinnen und Hirten im Sinne Gottes werden wir, wenn wir unsere Grenzen zugeben, und unsere Schwachheit nicht durch machtvolles Auftreten kaschieren, sondern demütig bleiben, auch wenn wir Macht haben. So, und nur so kann aus dem Gottesspruch »Wehe den Hirten« ein »Selig die Hirten« werden.

Wie aber kommen wir zu einer solchen verlässlichen Beziehungsfähigkeit?

Die zweite Lesung aus dem Epheserbrief lenkt unseren Blick auf die rettende Sendung des Messias Jesus. Er reißt nicht nur die Scheidewand zwischen Juden und Heiden nieder, sondern er will durch seine Liebe all jene Mauern einreißen, die wir durch das Ausüben von Macht, durch das Streben nach Anerkennung oder durch Konkurrenzneid aufrichten.

Wenn wir uns mit unserem ganzen Sein und Leben Jesus öffnen, dann reißt seine sterbende, sich bis in den Tod hinein verströmende Liebe die von uns Menschen errichteten Trennwände nieder. Durch ihn haben alle und jeder Zugang zu dem liebenden und erbarmenden Gott. Alle dürfen Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes werden. Das gilt vor allem in der Kirche, in der es viele Dienste gibt, aber nur einen Herrn: Jesus, den Christus, den Messias Gottes.
Jesus hat es uns verkündet und vorgelebt: Auf Jahwe, auf seine Beziehung zu uns ist unbedingter Verlass. Eine der wichtigsten Botschaften des Alten wie des Neunen Testaments heißt: Gott ist treu! Deshalb ermutigt uns Petrus in seinem 1. Brief: „Werft alle eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch.“[2]

Verlässliche Beziehungsstabilität braucht, wie uns Jesus im Evangelium zeigt, auch das Ausruhen bei ihm, die Möglichkeit sich vor ihm auszusprechen. Das ist für meine innere Stabilität, für meine verlässliche Beziehungsfähigkeit unerlässlich. Freilich dazu muss ich mir Zeit nehmen.

Zu diesem Ausruhen beim Jesus können mich einladen, die stille Weite und Schönheit einer Landschaft, am Strand das Spiel der Wellen, im Gebirge die Majestät der Berge. Auch unsere Kirchen laden uns ein. Sie sind Oasen der besonderen Nähe des Herrn. Jeder Gottesdienst will uns in die Nähe Jesu bringen und durch ihn in die Nähe Gottes. Deshalb braucht Gottesdienst auch besinnliche Stille und Ruhe. Selbstdarstellung und Effekthascherei zerstören die Wahrnehmung der heilenden und befreienden Gegenwart des Herrn.
Jesus lädt zur Ruhe ein.

So wie die Jünger von ihrer Sendung zu den Menschen zurückkehrend sich bei Jesus versammeln, über alles berichten, was sie getan und gelehrt hatten, so sollten wir als Christen die Feier des Sonntags als Rückkehr zu Jesus verstehen, vor dem wir alles ausbreiten dürfen, was wir in der Woche erlebt, geredet, getan, was uns gelungen oder misslungen ist. Die lebendige Beziehung zu ihm schärft unser Bewusstsein und unseren Willen, in der kommenden Woche unsere Beziehungen zu den uns anvertrauten oder uns begegnenden Menschen zugewendet, aufmerksam und verlässlich zu leben.

Ein Mönchsvater hat einmal eine berühmte Persönlichkeit zum Gebet und zur Stille in sein Kloster eingeladen. Der berühmte Mann erwiderte, er habe keine Zeit, er sei zu beschäftigt. Da sagte der Mönchsvater seinen Mitbrüdern: "Dieser Mann erinnert mich an einen Holzfäller, der Zeit und Kraft verschwendete, weil er mit einer stumpfen Axt arbeitete. Erschöpft sagte der Holzarbeiter, er habe keine Zeit, die Schneide seiner Axt zu schärfen."
Verstehen wir daher

Das Evangelium als Einladung zu erfülltem Leben

Das heutige Evangelium ist ein richtiges Urlaubs- und Erholungswort für Leib und Seele, das ansprechende Wort eines um die Menschen besorgten Gottes, der uns zur Ruhe einlädt und uns zuruft: Schau dir die Axt deines Lebens immer wieder an, pflege und schärfe sie, damit sie wieder glänzt und du nicht abstumpfst. Vertrau mir dein Leben an, erzähl mir von deinen Freuden und Sorgen, versuche still zu werden. Es zahlt sich garantiert aus, nicht nur im Urlaub, sondern in deinem ganzen Leben.

Dieses Mitkommen und Ausruhen ist oft gar nicht so einfach, vor allem nicht im Alltag. Manchmal ist es nur eine Momentsache. Wenn wir viele verschiedene Aufgaben erledigen sollen, ist es hilfreich, dass wir einen Moment lang innehalten und gar nichts tun, still werden oder einen kleinen Spaziergang oder einen zehnminütigen Powerschlaf machen. Und dann vor dem Herrn sprechen: Was ich jetzt beginne, tue ich mit Dir und für Dich! Dann werden wir gesammelt und ohne Hektik unsere Aufgaben anpacken und unsere Begegnungen zugewandt und mit Ausstrahlung angehen. Und alles wird gut gelingen.

„Komm mit, ruht ein wenig aus!“ Das ist eine Urlaubseinladung für Leib und Seele. Es ist eine Einladung, mit Jesus in der Gegenwart Gottes auszuruhen, zu sich zu kommen; denn es heißt ja: „Kommt mit, wo wir allein sind!“
Das erinnert mich zudem an ein berührendes Wort Jesu im Matthäusevangelium, wo er sagt: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“.[3]

Auch Urlaub und Ferien, ob daheim oder in der Ferne, sollten wir als Einladung Jesu an uns nutzen: "Kommt mit mir an einen einsamen Ort, wo wir allein sind." Dieser Einladung Jesu sollten wir immer wieder Zeit einräumen. Denn nur allzu schnell werden auch wir wie Jesus und seine Jünger vom Alltag und von den Menschen, die uns brauchen, eingeholt, wie der Schluss des heutigen Evangeliums zeigt.

Dann ist es möglich, den Menschen und den Aufgaben in gestärkter Aufmerksamkeit zu begegnen und für sie da zu sein, weil wir durch Jesus sowohl in Gott als auch in uns ruhen.
So lebend werden unsere Beziehungen nicht durch unstete und heftige Reaktionen gestört, sondern sie werden wieder verlässlich und so den uns anvertrauten und begegnenden Menschen Leben bringen.

Das ist freilich eine Arbeit, die lebenslang getan werden muss. Das aus der Zeit der noch nicht mechanisierten Landwirtschaft kommende Sprichwort bleibt für alle Zeiten gültig:
„Die Zeit, die du für das Dengeln der Sense verlierst,
fehlt nachher beim Mähen nicht.“

[1] Jer 23,1-6; Eph 2,13-18; Mk 6,30-34
[2] 1 Petr 5,7
[3] Mt 11,28

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