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Predigten

2006

2.Sonntag im Jahreskreis

HÖREN UND NACHFOLGEN

1. Menschliche Erfahrungen.

Es gehört zu den schönsten Komplimenten, wenn uns jemand sagt: Du bist ein guter Zuhörer, eine aufmerksame Zuhörerin.

1.1 Es gibt die schlimme Erfahrung:

Menschen, die sich liebten haben einander nichts mehr zu sagen. Das Gespräch zwischen ihnen ist verstummt. Es geht nicht mehr zu Herzen. Die Liebe ist gestorben. Es ist wie der Tod. Eltern klagen oft: Mein Sohn, meine Tochter hört mir nicht mehr zu. Was ich sage, geht zum einen Ohr hinein und zum anderen hinaus. Zwischen uns stimmt es nicht mehr.
Als Hörer der Verkündigung machen wir oft eine eigenartige Erfahrung: Sagt der Prediger, was wir hören wollen, fühlen wir uns also bestätigt in unserer Meinung, dann hören wir gerne zu, war es eine gute Predigt. Sagt er aber etwas, was uns nicht in den Kram, in unsere Vorstellungswelt passt, dann sammeln wir in unserem Innern sofort Gegenargumente oder hören gar nicht mehr hin.

1.2 Damals in Israel

so heißt es ersten Buch Samuel „war das Wort des Herrn eine Seltenheit geworden." Weit und breit gab es keine Gesichte mehr. Den Menschen war das innere Sehen abhanden gekommen. Hat sich Gott von seinem Volk zurückgezogen? Die Erfahrung des Schweigens Gottes hat sich in den Psalmen niedergesschlagen mit der flehendlichen Bitte: "Schweig doch nicht, o Gott, bleib nicht still, o Gott, bleib nicht stumm."[1]
Die Frommen des Alten Bundes wussten um die fatalen Folgen des Schweigens Gottes: "Wenn du schweigst, werde ich denen gleich, die längst begraben sind."[2]

1.3 Aber schweigt Gott wirklich?

Auch heute spricht man von einer Zeit des Schweigens Gottes oder auch von der Abwesenheit Gottes.
Könnte es nicht sein, dass die Menschen die Fähigkeit verloren haben, auf Gott hinzuhören? Spricht nicht die Schrift des AT und NT, ja Jesus selbst ausdrücklich davon, dass die Menschen wegen ihres verhärteten Herzens nicht mehr fähig sind, Gottes Stimme zu vernehmen. "Sie haben Augen und sehen nicht, und Ohren und hören nicht."
Ja, die Verkündigung der Propheten, die dem Volk nicht nach dem Munde redet, führt sogar zur Verstockung des Volkes, so sehr, dass sie in ihr Unglück rennen. Wie sehr die Hörfähigkeit verloren gegangen war, zeigt die Samuelgeschichte. Da ergeht der Ruf Gottes an Samuel. Aber er erkennt ihn nicht. Auch sein Lehrer Eli weiß keine rechte Deutung. Erst beim 4. Anruf antwortet Samuel von Heli angeleitet: "Rede, Herr, dein Diener hört.“[3] Was wir nötig haben ist

2 Die Bereitschaft zum Hören .

Gott kommt und nimmt seine Diener und Dienerinnen aus den Menschen um Heil und Gericht zu vollziehen. Von Menschen verlangt er die Bereitschaft zum Hören, denn er hat uns „das Gehör eingepflanzt.“[4] Es ist für uns lebens- und heilsnotwendig, dass wir hörbereit werden und bleiben.

2.1 Die Hörfähigkeit einüben

Deshalb werden wir alle – Prediger wie Hörer - das Hören des Wortes Gottes immer wieder neu einüben. Das über der ökumenischen Bibellese 2006 stehende Losungswort aus dem Buch Josua will uns dazu ermutigen. Denn „Gott spricht: Ich lasse dich nicht fallen. Ich verlasse dich nicht.“[5]
Dass jeder Mensch diese Hörfähigkeit erst lernen muss, zeigt uns die Samuelgeschichte in der heutigen Lesung. Dem jungen Samuel gelingt es erst nach drei Anläufen und durch die Hilfestellung des Heli.
Johannes der Täufer geht in die Einsamkeit der Wüste hinaus. Nicht um eine Schau abzuziehen, schlüpft er in ein Bußgewand und lebt so spartanisch, sondern um in der Einsamkeit und Einfachheit erst einmal zum Hören fähig zu werden, in einer Zeit, da niemand mehr ein Wort von Gott hatte, da es keine Propheten mehr gab.
Es gab zwar viele Leute, die viel wussten, die theologisch gebildet waren, aber nur wenige, die mit ihrer ganzen Existenz sich Gott anvertrauten und zur Verfügung stellten. Ist es in unserer Zeit anders?

2.2 Von Johannes können wir einiges lernen.

2.2.1 Das Wort Gottes ist keine alltägliche, selbstverständliche Sache. Wortverkündigung hat eine andere Qualität als die kommunale Wasserversorgung oder das Telefonnetz, bei denen jeder, der die Taxe bezahlt hat und angeschlossen ist, nach Belieben den Hahn aufdrehen oder den Knopf drücken und sich versorgen kann.
Gott behält sich durchaus die Freiheit vor, sein Wort zu erteilen und zu entziehen. So wie der Geist Gottes weht, wo er will, so ist es auch mit Gottes Wort. Gott redet, macht sich vernehmbar, wo er will. Nicht von ungefähr bitten wir in unseren Gebeten und Liedern, um das Geschenk des rechten Hörens. "Herr, gib uns Mut zum Hören, auf das, was du uns sagst." Von Johannes können wir zum Zweiten lernen

2.2.2 Der Mensch kann sich auf das Wort Gottes einstellen. Für junge Menschen – für uns ältere schon – ist es kein Problem, den Fernseher, den Videorekorder, das Radio so zu programmieren, einzustellen, dass optimaler Empfang gewährleistet ist. Um für Gott empfangsbereit zu sein, bedarf es des inneren sich Sammelns und eines Akts des Glaubens: Ich bin ganz ruhig. Ich bin ganz bei mir. Gott, ich glaube, dass du da bist und mich liebend anschaust. Gib mir jene Haltung, die Heli seinem Schüler Samuel gelehrt hat: "Rede, Herr, dein Diener hört."
Wahrscheinlich reden wir vor Gott zuviel und hören zu wenig.

2.2.3 Gott redet „auf vielerlei Weise", heißt es Hebr 1,1.
Er redet in der Werken seiner Schöpfung, im Wort der Bibel und der Kirche, vor allem durch die Person Jesu, durch sein Wort und Leben. Er spricht uns an durch unsere Mitmenschen, aber durch Freud und Leid, durch Geburt und Sterben, wenn wir vor Freude lachen oder weinen.

2.2.4 Wie vernehmen wir sein Wort?
Um sein Wort zu vernehmen - das gilt für den Prediger genau so wie für den Hörer - muss es in uns still werden, wie es in der Wüste still ist;
- wir werden alles von uns wegtun, was uns vom Wesentlichen ablenkt;
- wir achten auf das, was um uns und in unserem Leben vorgeht.
- Wir werden in unserem Lebensbereich Zeiten der Stille und der Besinnung suchen und schaffen.
- Wir werden uns nicht der ständigen Ablenkung durch die Medien aussetzen. So verhindern wir, vom Grund unseres Daseins abgelenkte und schließlich von irdischen Mächten gelenkte Menschen zu werden.

2.2.5 Zu oft hören wir nur auf unsere eigene Stimme,
unsere Gedanken, Wünsche und Vorstellungen, oder lassen uns berieseln, weil wir Angst vor der Stille haben. Wir wundern uns dann, dass wir so nicht Erfüllung dessen finden, was wir eigentlich ersehnen. Wer aber Gott liebt, der forscht nach den Plänen und Wünschen Gottes. Johannes lehrt uns das Stille-Werden, das Mehr-sein-wollen als nur ein Schilfrohr, das im Winde hin- und herbewegt wird.[6]

2.3 Das Verfallensein an die Triebe zerstört die Hörfähigkeit

Paulus nahm in seiner heidnischen Umwelt wahr, dass durch die Unzucht Menschen hörunfähig für Gott werden. Der Missbrauch und die Willkür auf dem Gebiet des Geschlechtlichen machen den Menschen innerlich unfrei. Nicht von Liebe und Verantwortung geleitet nur seine Befriedigung suchend wird er zum Sklaven seiner Triebe. Christen, die so leben, sagt Paulus, entehren Christus. ” Der Leib ist nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn, und der Herr für den Leib.“[7] Alle Kräfte des Menschen sollen vom Geist Gottes durchdrungen und von der Liebe geleitet zum Gelingen des Lebens beitragen.
Der seinen Trieben Verfallene verliert die Ansprechfähigkeit für Gott in allem, was die Herrschaft der Triebe in Frage stellt. Das übermächtige Begehren, das Haben-Müssen wird in ihm zu einem übermächtigen Diktator, der mit allen Mittel seinen Herrschaftsbereich verteidigt und sich gegen jeden wendet, der ihm diesen streitig macht.
Christliches Menschsein aber vollzieht sich im Spannungsfeld zwischen

2.4 Berufung und Nachfolge.

Die Berufungsgeschichte der ersten Jünger zeigt uns, wie aus dem Hören Berufung wird. Johannes weist seine Jünger auf Jesus hin: „Seht das Lamm Gottes.“ Seht da ist der zum Lamm gewordene von Gott kommende Messias. Durch ihn stellt sich Gott auf die Seite der Menschen.
Jesus lädt die von Johannes kommenden Jünger ein, bei ihm zu wohnen, also in enger Lebensgemeinschaft mit ihm zu sein; denn nur so werden sie gewahr, wer er ist; wird sein Wort Gewicht bekommen und sie wirklich berühren. Und er macht sie zu seinen Sendboten.
Eine Berufungsgeschichte hat jeder von uns hinter sich; sonst wären wir nicht hier. Aus dem Munde unserer Eltern, unserer Priester und Religionslehrer und Katechetinnen, oder von Freunden und Bekannten, haben wir den Ruf vernommen und sind ihm ein Stück weit gefolgt.
Jeder von uns hat auch seine persönliche Glaubensgeschichte mit ihren Höhen und Tiefen, mit ihren Freuden und Leiden, mit ihren Gewissheiten und Zweif0 00eln. Da geht es uns nicht anders als den Aposteln. Wer dem Ruf des Herrn folgt, wird mit ihm wachsen und reifen.

Königin Margarete von Dänemark sagte bald nach ihrer Krönung:
"Seit ich Königin geworden bin, ist mein Verhältnis zur Kirche viel intensiver geworden. Früher empfand ich Religion als etwas sehr Theoretisches und ich habe mich nicht besonders ernsthaft damit beschäftigt. Plötzlich wurde Religion für mich etwas ganz Wesentliches. Das war, als mir nach dem Tod meines Vaters die gesamte Verantwortung auf meine Schultern gelegt wurde und ich auf einmal fühlte: Ich war nicht allein.... Ich glaube, dass jeder Mensch das tun sollte, wozu er berufen ist."
Was dem Samuel geschah, kann auch uns in abgewandelter Form widerfahren. Wenn wir uns immer wieder hör- und dienstbereit dem Anruf des Herrn stellen, dann kann es geschehen, dass auch wir eines Tages den Schöpfer selbst zu uns sprechen hören, dass wir einen Augenblick erleben, in dem die Vielheit und Mehrdeutigkeit der täglich an unser Ohr dringenden Stimmen aufgehoben und überwunden sind, und wir erkennen: Gott ist da. Seine liebende Hand liegt auf mir. Ich bin sein. Er hat seinen Plan mit mir. Ergibt meinem Leben Weisung und Richtung, sein Wort und sein Geist erfüllen und leiten mich.
Darüber sollten Eltern mit ihren Kindern frühzeitig sprechen. Wenn Sie dies tun, könnten auch die ihnen anvertrauten Kinder die Erfahrung machen, dass Gott mit ihnen ist.
Von Samuel heißt es: „Er wuchs heran, und der Herr war mit ihm und ließ keines von all seinen Worten unerfüllt.“[8

[1] Ps 83,2
[2] Ps 28,1
[3] 1 Sam 3,10
[4] Ps 40,7
[5] Jos 1,5 b
[6] Mt 11,17
[7] 1 Kor 6,13
[8] 1 Sam 3,19

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