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2008 (A) Sonntage im Jahreskreis

Homilie zu den Texten des 22. Sonntags (A) im Pfarrgottesdienst in St. Michael Neunkirchen am Brand

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Christus leidet für uns - wir mit ihm - Nachfolge

Das sagen doch höchstens Verliebte: Du hast mich mit Deiner Schönheit, deinem Scharm betört, verzaubert. Vom Propheten Jeremia lernen wir:

1 Prophetisch leben

Heißt sich von Gott betören, faszinieren zu lassen, in seinem Auftrag sich gegen das Böse in der Welt, gegen Ungerechtigkeit, gegen Unterdrückung der Kleinen und Schwachen aufzustehen. Denn das Unrecht schreit zum Himmel. Es richtet sich gegen Gott, der ein Freund der Kleinen und Schwachen ist.
  • Es bringt dem prophetisch Redenden und Handelnden Hohn und Spott, und den Hass der Mächtigen. Jeremia klagt im Namen Gottes die schlimmen Zustände an. "Gewalt und Unterdrückung." [1] Er möchte sich dem Auftrag Gottes entziehen, aber die Glut der Berufung brennt in seinem Herzen und lässt ihm keine Ruhe. Jeremia ist nicht Prophet geworden, weil er wollte, sondern weil er musste; der Ruf Gottes ließ keine Widerrede gelten.
Ähnlich geht es denen, die sich auf das Evangelium Jesu einlassen. In der zweiten Lesung legt Paulus den Christen in Rom und uns

2 Die Konsequenz des Glaubens an das Evangeliums Jesu

ans Herz. Der Christ soll sich selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt.[2]
  • Das Wort Opfer klingt in unseren Ohren schrecklich. Nein, Opfer möchten wir nicht sein. Opfer des Madrider Flugzeugunglücks. Opfer der russischen Aggression in Georgien, Opfer der Selbstmordattentäter in Afghanistan und Pakistan. Opfer der arabischen Reitermilizen in Dafur. Opfer der chinesischen Gewaltherrrschaft in Tibet. Opfer eines unverschuldeten Verkehrsunfalls. Opfer einer heimtückischen Krebserkrankung. Nein Opfer möchten wir nicht sein. Uns reichen schon die Nachrichten darüber.
  • Aber Paulus meint nicht das passive Erleiden von Unrecht und Gewalt, sondern das aktive Sich Darbringen, sich Verschenken an Gott, an seine Sache, an seine Menschen. Das ist für Paulus der Grundzug christlichen Lebens. Daraus ergibt sich als Konsequenz, dass wir

2.1 Jesus nachfolgen

Dazu will das Evangelium ermutigen. Matthäus schreibt sein Evangelium an die judenchristlichen Gemeinden. Für sie ist Petrus eine Identifikationsfigur.
  • In seiner Darstellung durch Mt wird der Doppelcharakter der Gemeinde sichtbar: Einerseits von Gott erwählt und mit neuer Erkenntnis ausgestattet, und doch zugleich in der Anfechtung und unter der Drohung des Gerichtes stehend.
  • In dem vorausgehenden am letzten Sonntag gehörten Evangelium hatte Petrus sich zu Jesus bekennend noch gesagt "du bist der Messias, der Sohn Gottes!" Er wurde deswegen von Jesus selig gepriesen. Jetzt aber betont der Evangelist besonders das Widerstreben dieses exemplarischen Jüngers gegen eine Theologie des Kreuzes.
  • Petrus nimmt Jesus beiseite und hält ihm gleichsam im Namen Gottes vor „das soll Gott verhüten,Herr! Das darf nicht geschehen!" [3]
  • Die Reaktion Jesu könnte in den Ohren der Gemeinde nicht schärfer klingen: "Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn was Gott will, sondern was die Menschen wollen." [4]
  • Jesus geht seinen Weg bewusst als von Gott gewiesen. Die Verkündigung der Königsherrschaft Gottes durch machtvolle Rede, durch Wunder und Zeichen mündet in den Weg nach Jerusalem, wird zum Kreuzweg, führt ins Leiden und in den Tod.
  • Im folgenden Vers macht Jesus deutlich, nicht nur der Weg des Messias und Gottessohnes führt in die Erniedrigung und in den Tod, sondern auch der seiner Jünger. "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach."
Der hier durch Jesus "gezeigte" Messias vertraut nicht auf eigene Leistung, Stärke und Perfektion - er erfüllt seinen Auftrag durch die völlige Ausrichtung auf Gott, durch seine Bereitschaft, alle Kraft, allen Willen und alles Leid aus Gottes Hand zu empfangen.

2.2 " Selbstverleugnung " und "Annehmen des Kreuzes"

sind die Bereitschaft die eigenen Wünsche und Bedürfnisse hintanzustellen, wenn es darum geht, dass Gottes Liebe und Gerechtigkeit zum Zuge kommen, wenn es um Heil und Unheil der Menschen oder um die Bewahrung seiner Schöpfung geht.
  • "Selbstverleugnung" und "Annehmen des Kreuzes" meint die völlige Ausrichtung auf Gott und seinen Willen für die Welt. Das Beten für andere und das Tun des Gerechten ist die Wahrnehmung der missionarischen Verantwortung für die Welt durch die Gemeinde, die Kirche Jesu Christi.
  • Der Christ ist nicht nur Zuschauer des Weltgeschehens, sondern aktiv Handelnder. Der von Nazis ermordete Dietrich Bonhoeffer sagt es nicht nur ausdrucksstark, sondern auch glaubwürdig:
»Tat.
Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,
Nicht im Möglichen schweben das Wirkliche tapfer ergreifen,
Nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.
Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens,
Nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,
Und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.«
Wir wissen, dieser Weg der Tat war und ist kein Spaziergang.

2.3 Nachfolge bedeutet Leiden

Das hört man in der Spaß- und Wellnessgesellschaft ungern.

Es könnte sein, dass mit dem Harmoniediktat die Zerstörungen und das Leiden unsichtbar werden.

  • Unter dem Stichwort »Vermissen« schreibt Fulbert Steffensky in seinem Buch »Schwarzbrot-Spiritualität«:
Es könnte sein, dass wir eine menschliche Grundfähigkeit verlernen: Das Vermissen des Augenlichts der Blinden;
das Vermissen der Sprache und der Lieder für die stumm Gemachten;
das Vermissen des aufrechten Ganges der zu Boden Gedrückten.
Wenn man durch unsere Städte geht und das große Gelächter der Reklame wahrnimmt, jener Selbstdarstellung einer Gesellschaft, weiß man, wie gefährlich es da ist, wo man nichts mehr vermisst.

Gefährlich ist eine Gesellschaft, die will, dass man ihr Beifall zollt, und die skeptisch ist gegen die Untröstlichkeit;
jene Unbestechlichkeit, die auf den Hunger der Kinder hinweist; auf die Qual der Gefolterten und auf die Schande des ungerecht verteilten Reichtums. Nein! Es ist nicht alles Harmonie!

Mitleiden mit den Geschundenen, Kranken, Aufgegebenen, den Kleinen, den Vergessenen, für sie da sein, sich ihnen schenken, das ist in den Augen Gottes ein wohlgefälliges Opfer. Das ist gültiges, ewigen Lohn verdienendes Leben.
  • Der Harmoniezwang und die Selbsterfüllungszwänge können zur Aufkündigung der Solidarität mit den ersten Adressaten des Evangeliums den Armen und Geschändeten auf dieser Erde führen.
  • Schauen wir also immer auf Jesus Christus, der uns auf dem Weg des Leidens voranging und so zur Herrlichkeit des neuen für immer bei Gott geborgenen Lebens gelangt ist.

3 Durch Jesu Leiden werden wir geheilt

Beim Dichter Marcel Proust findet sich in »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« eine Aussage über das Leid, die zunächst bitter schmeckt, sarkastisch klingt: »Wir werden von einem Leiden nur geheilt, indem wir es bis zum Letzten auskosten«.
  • Sollen wir etwa zu Leidgenießern verkommen? Das wäre sicher nicht im Sinne Jesu. Für ihn ist der Leidensweg ein äußerst schwerer. Auch er bittet im Ölgarten. "Vater, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen. Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe."
  • Leid ist nun mal in der Welt. Oft von Menschen verschuldet, oft unbegreiflich schicksalhaft die Frage hervorstoßend: „Warum gerade ich?“ Oft ist das Leid wie eine Geburt, die unter Schmerzen neues Leben hervorbringt. Ein Theologe des 18.Jhts. hat einmal gesagt: »Gott hilft uns nicht immer am Leiden vorbei aber er hilft uns hindurch«.
  • Letztlich hilft nur, dass ich mich wie Ijob angesichts des unausweichlichen Leids ganz in die Hand Gottes gebe. Oder wie Dietrich Bonhoeffer in »Widerstand und Ergebung« angesichts des Todes erfährt:
Leiden. Wunderbare Verwandlung.
Die starken, tätigen Hände sind dir gebunden.
Ohnmächtig, einsam siehst du das Ende deiner Tat.
Doch atmest du auf und legst das Rechte still und getrost
In stärkere Hand und gibst dich zufrieden.
Nur einen Augenblick berührtest du selig die Freiheit,
Dann übergabst du sie Gott, damit er sie herrlich vollende.


  • Den Tod unausweichlich vor Augen singt Bonhoeffer das Lied der Freiheit, die Gott schenkt:
Tod.
Komm nun, höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit.
Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern
Unsres vergänglichen Leibes und unsrer verblendeten Seele,
Dass wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen missgönnt ist.
Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden.
Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.
 

 So kann nur reden, wer ganz und kompromisslos Jesus nachfolgt. Vielleicht sind wir selber erst am Anfang dieses Weges. Aber auch wir wollen und müssen ihn gehen. Das Ende ist nicht aus. Das Ende ist der Anfang der Verherrlichung bei Gott.


[1] Jer 20,8
[2] Röm 12,1
[3] V 22
[4] V 23

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