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2008 (A)

Homilie zu Mt 15, 21-28 im Pfarrgottesdienst um 10. 00 in St. Michael Neunkirchen am Brand

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Die kanaanäische Frau, Federzeichnung Rembrandt (1606-1669)
Die kanaanäische Frau, Federzeichnung Rembrandt (1606-1669)
Gott will das Heil aller Menschen

Unverständliche Reaktion Jesu?

Wie würden Sie regieren, wenn Sie in einer akuten Notlage einen Gottesmann um Hilfe bittend erleben müssten, dass dieser antwortlos weitergeht? Wir würden uns wahrscheinlich enttäuscht, vielleicht sogar unter lautem Protest abwenden.
Ob wir es ein zweites Mal versuchen würden, so wie die kanaanäische Frau, deren Tochter psychisch krank ist?
  • Aber nehmen wir an, wir würden einen zweiten Versuch wagen und bekämen eine solche Antwort wie die Frau: "Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen." Selbst an Schimpfwörter gewohnte Menschen würden beleidigt reagieren. Wir würden Jesus für gemein und hochnäsig halten und mit ihm und seinem Gott nichts mehr zu tun haben wollen. So etwa würden wir heute reagieren.
  • Das kann eigentlich nicht die Absicht des Evangelisten sein. Um den Text so zu verstehen wie er damals gemeint war, müssen wir Folgendes erkunden: Wer sind die Adressaten und was die theologischen pastoralen Absichten des Evangelisten? Matthäus schreibt sein Evangelium für Juden, die Christen geworden sind. Das heutige Evangelium ist also

Eine Lehrgeschichte für die judenchristliche Gemeinde

Es geht hier nicht um irgendeine Hilfe, sondern darum einem Menschen zu helfen, dem damals niemand helfen konnte. Von Jesus erwartet die kananäische Frau ein Wunder. So groß ist ihr Glaube, dass sie ihm das zutraut. "Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem schlimmen Dämon gequält." (v 22)
  • Jesus hat die Frau nicht übersehen. Er hat genau gesehen, wer sie ist, und gehört, was sie will. Aber warum gibt er keine Antwort, geht einfach weiter? Will er sehen, wie die Jünger reagieren? In der Einheitsübersetzung werden die Jünger mit der Bitte »Befrei sie von ihrer Sorge« positiv reagierend dargestellt. Im Griechischen Urtext aber steht »ἀπόλυsoν αὐτήν« d.h. »Schick sie weg, sie schreit hinter uns her«. Das Geschrei der Frau nervt sie. Sie möchten sie loshaben. So verhalten sich Menschen, die nicht helfen wollen und nicht helfen können.
  • Außerdem ist die um Hilfe Bittende keine Jüdin, sondern Kananiterin, also eine Heidin. Die Juden und natürlich auch Judenchristen bezeichneten sich als Gotteskinder. Man schaute auf die Heiden herunter, wie auf arme Hunde. Im Evangelium ist die Schroffheit etwas entschärft durch das Wort Hündchen also Stubenhunde, die sich von den vom Tisch herunterfallenden Abfällen nähren.
  • Jesus verweist darauf, er sei nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. (V 24) Ob das wirklich die Überzeugung Jesus ist? Muss er als der Messias Gottes die Weite des Heilswillens Gottes erst lernen? Kennt er etwa nicht das in der ersten Lesung aus dem Propheten Jesaja gehörte Wort des Herrn, dass er »die Fremden, die sich dem Herrn angeschlossen haben, die ihm dienen und seinen Namen lieben, um seine Knechte zu sein, alle, die den Sabbat halten und ihn nicht entweihen, die an meinem Bund festhalten«, zu seinem heiligen Berg bringt und sie mit Freunden erfüllt? (Jes 56,6)
  • Oder versuchte die urchristliche Gemeinde die Enge ihres Heilsverständnisses Jesus in den Mund zu legen? Jesus kannte sicher die Bitte des Sängers, die im Psalm 67 dem Antwortgesang nach der 1. Lesung auch an unser Ohr drang "Gott sei uns gnädig und segne uns. Er lasse über uns sein Angesicht leuchten, damit auf Erden sein Weg erkannt wird und unter allen Völkern sein Heil." (Ps 67,2f.)
  • Was aber weitet den Blick Jesu und auch der jungen Kirche aus Judenchristen für die Matthäus sein Evangelium schreibt? Es ist der Glaube und die Demut der Frau, die zweimal abgewiesen nicht resigniert oder sich wütend abwendet. Ihr großer Glaube und ihre Demut weiten den Blick für den universellen Heilswillen Gottes.
Die frohe Botschaft dieses Sonntags heißt also:

GOTT WILL DAS HEIL ALLER MENSCHEN.

  • In den späteren Auseinandersetzungen des Paulus und Barnabas mit den Judenchristen zeigt sich die Schärfe dieses Konflikts mit aller Deutlichkeit. Die Weite des Blicks und des Herzens muss auch der Glaubende erst lernen. Wir etwa nicht? In seiner Erwählung durch Christus hat sich das Denken des Paulus geweitet, so dass er im Römerbrief "seinen Dienst als Apostel der Heiden preist".[1]
  • Die junge Christengemeinde aus Judenchristen sucht natürlich vor allem in der Bibel Antwort auf diese Frage zu finden. Das Neue Testament gab es noch nicht. Ihre Bibel war das AT. Deshalb wird auch bei uns an den Sonntagen im Jahreskreis die 1. Lesung immer aus dem Alten Testament genommen.
  • In der heutigen Lesung aus dem Propheten Jesaja wird dieser von den aus dem Exil heimgekehrten Juden schon 500 Jahre vor Christi Geburt gefragt: "Wer gehört zu unserer Gemeinde, wer darf im Tempel beten und Opfer darbringen?"
  • Die Antwort Gottes aus Prophetenmund ist eindeutig: Wer vor Gott „recht“ ist und sich zu ihm bekennt, den soll die Gemeinde nicht abweisen. Im Haus Gottes ist Raum für alle und am Sabbat gibt es - gibt Gott - Freude für alle.
  • Der Text wendet sich also ab V. 6 an Gottesfürchtige und Proselyten, an Heiden, die sich mit oder ohne Beschneidung zum Judentum bekehrt haben. Das Kriterium für die Zuwendung Gottes ist nicht mehr die Zugehörigkeit zum auserwählten Volk, sondern der persönliche Anschluss an JHWH, die Liebe zu ihm und damit die Bereitschaft, in den Dienst Gottes zu treten. Der Ausdruck „Knecht“ meint im biblischen Sinn nichts Erniedrigendes, sondern ist ein Ehrentitel.

Die Konsequenz

aus der Heiligen Schrift, dem Verhalten Jesu, dem Glauben und der Demut der Frau im heutigen Evangelium heißt für uns als Gemeinde des Herrn als Christen, der Glaube an Jesus überwindet alle Schranken, die wir Menschen aufrichten, seien sie religiöser oder rassischer Art. Weder Religiöses noch rassistisches Ausschließlichkeitsdenken darf es in der Gemeinde Jesu, in der Kirche geben.

1. Unser Blick muss sich weiten.

Nicht nur Einheimische, sondern auch Zugezogene, auch Fremde, auch Menschen aus anderen Völkern und Rassen, selbst die »ärmsten Hunde«, müssen uns in unserer Gemeinde und im Hause Gottes willkommen sein, wenn sie an den Gott und Vater Jesu Christi glauben, und Jesus als den Christus, den Messias Gottes bekennen. Aber wir müssen ihnen das auch zeigen und es sie spüren lassen.

2. Unser Hilfe muss allen Menschen zuteil werden die Gott anbeten,

also auch den Menschen anderer Religionen und nicht nur den Christen. Denn das Heil Gottes ist nicht nur ein jenseitiges, sondern es umschließt unser ganzes irdisches Leben mit seinen Nöten, die nach Hilfe und Linderung schreien. Deshalb wird ein Christ alles tun, um leibliche und seelische Not zu heilen oder wenigstens zu lindern, sicher zuerst den Glaubensbrüdern und -schwestern, aber auch allen die um unsere Hilfe bitten. Denn erst dann können »die Nationen sich freuen und jubeln« und »die Völker« Gott danken, wie der Antwortpsalm es besingt. Von der kananäischen Frau lernen wir,
 

3. beharrliches und demütiges Bitten kommt bei Jesus und durch Ihn bei Gott an.

Wie sie für sich und ihre Tochter bittet: "Herr, hilf mir, Hab Erbarmen mit mir, Herr Sohn Davids. Meine Tochter wird von einem Dämon gequält," so dürfen auch wir beharrlich und unablässig für uns und andere bitten.
  • Karl Rahner hat es auf en Punkt gebracht: "Im Bittgebet werden Mut und Demut eins. Richtig bitten kann nur, wer seine Abhängigkeit kennt. Das können Kinder am besten. Und richtig bitten kann nur einer, der Vertrauen hat. Auch darin sind Kinder die besten Lehrmeister." Knecht, Diener und Kind Gottes zu sein, ist ein Ehrentitel für den Menschen, der glaubt, dass Gott der Ursprung und das Ziel seines Lebens ist.
Und noch einmal Karl Rahner: "Der Bittende sagt ja zur Unbegreiflichkeit Gottes und zu seinen vitalen Bedürfnissen - ohne zu wissen - wie das zusammenpasst."




[1] Röm 11,13

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