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2008 (A) Jahreskreis

Homilie zu Mt 9,9-13 am 10.Sonntag im Jahreskreis in St. Michael Neunkirchen (Pfarrgottesdienst)

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"Jedes menschliche Leben ist gleich viel wert".[1]

"Der Stellvertreter"

Vor einigen Jahren lief in den deutschen Kinos der Film des griechischen Regisseurs Costa-Gavras "Der Stellvertreter". Er greift das Bühnenstück von Rolf Hochhuth auf, das in den 60er Jahren für Furore und Diskussionen sorgte - wegen der These, Papst Pius XII. sei mitschuldig am Judenmord, weil er nicht das ihm Mögliche getan und zu den Gräueltaten geschwiegen habe.
  • Dabei galt er nach dem Krieg als der Papst, der half. Der im von den Nazis besetzten Rom Klöster und Pfarren für verfolgte Juden öffnen ließ, durch seine Vermittlung über die päpstlichen Nuntiaturen in diversen Ländern die Deportation abertausender Juden verhinderte, unzähligen von ihnen mit gewaltigen Summen zur Flucht verhalf.[2]
  • Der römische Großrabbiner Israel Zolli konvertierte aus Dankbarkeit und ließ sich auf den Vornamen des Papstes Eugenio taufen. 94 jüdische Musiker aus 14 Ländern spielten in Rom für Pius XII. Beethovens Neunte, aus Dankbarkeit für sein „großartiges humanitäres Werk.“ Und der palästinensische Großrabbiner schrieb ihm: „So Gott will, wird die Nachwelt sich erinnern, dass, als alles dunkel war für unser Volk, Seine Heiligkeit ein Licht der Hoffnung für sie anzündete.“[3]
  • Hochuts Stellvertreter, darauf weisen viele Indizien hin, war stark vom sowietischen Geheimdienst NKWD beeinflusst. Das Stück wurde in 36 Sprachen übersetzt und sollte das Ansehen Pius XII und der Kirche weltweit beschädigen.

Wenn auch der Film von Costa-Gavras nicht der geschichtlichen Wirklichkeit entspricht, was Pius XII betrifft, so regt er doch zum Nachdenken an.

  • Zwei Personen stehen im Mittelpunkt des Films: Die historische Gestalt des Kurt Gerstein und die erfundene Gestalt des Jesuiten Riccardo Fontana. Kurt Gerstein, ein überzeugter evangelischer Christ, wird als Chemiker im Dienste der SS in einem Lager Augenzeuge einer Vergasung - und ist schockiert. Von diesem Zeitpunkt an versucht er, Freunde, Kirchenvertreter und Diplomaten über den Massenmord zu informieren, damit diese Widerstand leisten und die Öffentlichkeit wachrütteln.
  • Doch nicht nur, dass vielen das Verbrechen, von dem Gerstein erzählt, zu ungeheuerlich erscheint: Immer wieder bekommt er zu hören: "Das sind doch keine Christen - das sind doch nur Juden ...!" Immer wieder erntet Gerstein Verwunderung, dass er sich überhaupt für "diese Juden" einsetzt und für sie Kopf und Kragen riskiert, seine Familie gefährdet.
Das heutige Evangelium berichtet uns

Von dem "Absonderlichen" Umgang Jesu

  • Dieses steht ziemlich am Anfang des Matthäusevangeliums. Zu diesem Zeitpunkt führt Jesu "absonderlicher" Umgang noch nicht zu erbitterten Streitgesprächen, sondern zu echter Verwunderung: Wie kann sich ein aufrechter Jude mit "denen da", den "Zöllnern und Sündern" zusammensetzen, ja sogar Tischgemeinschaft pflegen?
  • Auch Matthäus (Levi) war Jude, denn er tat seinen Dienst an einer innerjüdischen Grenze, wo die Reiche der beiden Herodes Antipas und seines Halbbruder Philippus aufeinander trafen. Doch der Beruf des Zöllners war geächtet, alleine schon, weil er sich in seinem Berufsalltag auch mit Heiden abgab und ständig mit heidnischem, unreinem Geld in Berührung kam. Ein frommer Jude hielt sich von solchen Menschen lieber fern.
  • Dahinter stand nicht nur ein nebulöser Fremdenhass, sondern ein durchaus reales Bangen um die eigene Existenz - womit wir wieder bei den Parallelen zum anfangs genannten Film wären. Wer sich mit "unreinen" Menschen abgab, so die Überzeugung der Frommen damals, wurde selbst unrein und riskierte damit nicht nur das irdische, sondern sogar das ewige Heil.

Nur eine Kategorie Mensch

  • Jesus wusste natürlich um all diese Vorurteile wie auch die Ängste. Doch er war überzeugt: Es gibt vor Gott nicht Reine und Unreine, Juden und Heiden, Volksgenossen und Ausländer, nicht einmal Gerechte und Sünder. Für Jesus gibt für ihn nur eine einzige Kategorie Mensch: Kind des Vaters im Himmel!
  • Ob wir Christen die Konsequenzen, die sich aus diesem Menschenbild Jesu ergeben, wirklich verstanden haben? Natürlich ist es nachvollziehbar, dass uns das Schicksal eines nahen Menschen mehr bewegt als das eines Fremden und Unbekannten.
  • Allein: in der heutigen Zeit werden selbst die Menschen in fernen Ländern und Erdteilen zu unseren Nachbarn im »globalen Dorf«.
  • Unsere Eltern und Großeltern mögen zum großen Teil mit Recht sagen oder gesagt haben: "Von dem ungeheuerlichen Massenmord an unseren jüdischen Nachbarn und Mitbürgern haben wir nichts gewusst!" Aber sie haben die Enteignung und Deportation der Juden, der Sintis und Roma einfach hingenommen, ohne zu fragen, was mit ihnen geschieht. Ich vergesse nicht, wie ein naher Verwandter zu mir sagte: „Der Hitler hätte die Juden ja nicht gleich umbringen müssen.“ Er hat sie auch nicht gleich, sondern planmäßig und mit deutscher Gründlichkeit umbringen lassen. Viele wollen das heute nicht hören. „Lasst doch endlich die Vergangenheit ruhen.“ Do was damals geschah, sollte uns hellsichtig und hellhörig für das machen, was heute geschieht, wo heute die Würde des Menschen verletzt, ja zerstört wird.
  • Auch heute werden Menschen Unrecht und Leid zugefügt - in fernen Ländern und in unserem eigenen Land. Wir wissen um die schon Jahrzehnte andauernde Christenverfolgung im Sudan ... um die zehn Millionen Kinder, die jährlich weltweit an Hunger sterben ... um die mehr als 150.000 Kinder, die jährlich allein in Deutschland legal abgetrieben werden.

Warum bloß schauen auch wir zu?

  • Etwa weil es ja "nur Afrikaner" bzw. "Neger" sind, wie man manch einen heute noch abfällig sagen hört, oder "nur faustgroße Ungeborene"? Oder gar, weil wir vor uns und vor anderen zu behaupten wagen, dass wer Not leidet oder z. B. an AIDS erkrankt, ja doch "irgendwie selbst daran schuld ist"?

Wie aber verhält sich der wahre Christ?

Die zweite Hauptfigur im Film, der Jesuitenpater Riccardo Fontana, ist so wie das ganze Geschehen fiktiv, also dem polemischen Stück von Hochhuth nachempfunden. Dennoch wird darin eine wichtige christliche Wahrheit kundgetan.
  • Der Jesuit arbeitet in der Apostolischen Nuntiatur. Nachdem Gerstein vom Nuntius abgewiesen wird, nimmt Fontana auf eigene Faust Kontakt mit ihm auf. Er nutzt familiäre Kontakte in den Vatikan, um dort den Papst über das Ausmaß der Judenverfolgung in Deutschland zu informieren. Doch dort vertraut man mehr auf die Macht der Diplomatie als auf den öffentlichen Protest.
  • Gegen Ende des Films ruft Pater Fontana in einer Audienz den Papst auf, am Bahnhof persönlich den Abtransport der römischen Juden zu verhindern. Als der Papst nicht reagiert, zieht der Pater einen Judenstern aus der Soutane, steckt ihn sich an und verlässt den Saal. Kurz darauf sehen wir ihn einen der Viehwaggons am Bahnhof besteigen.
  • Im Vernichtungslager wird der katholische Priester zunächst ausgesondert - am Ende aber wird er mit den anderen Internierten in die Gaskammer geschickt. Der wahre Christ, – so will der Film sagen, - ist solidarisch mit denen, deren Lebensrecht verneint wird. So zeigt er:

Jedes menschliche Leben ist gleich viel wert

Nicht, dass das Leben eines Katholiken, ja eines Priesters auch nur einen Deut mehr wert wäre als das eines Juden - und seine kaltblütige Ermordung damit skandalöser als all die Morde an den Juden.
  • Im Film aber wird der Priester zur symbolischen Person. Wir sagen doch, dass in der Liturgie der Priester als "Repräsentant Christi" handelt. Wenn mitten unter Juden auch ein Priester Seite an Seite mit ihnen vergast wird, - und es sind viele Priester in den KZ vergast oder ermordet worden - dann wird dies zu einem Fanal: In jedem einzelnen Juden, der in den Gaskammern umgebracht wurde, starb eine Tochter oder ein Sohn Gottes - starb Christus selbst.
  • Wenn es eine besonders intensive Gegenwart Christi auf Erden gibt, dann sollten wir sie dort vermuten, wo sich Jesus von Nazaret zu Lebzeiten mit Vorliebe – wie abfällig gesagt wird - "herumgetrieben" hat: Unter den Ausgestoßenen, den Ausgegrenzten, den Kranken, den Behinderten, den Todgeweihten, den Ausländern, den Obdachlosen, den Sündern ... kurz: unter denen, die wir so gerne und so einfach die "Randgruppen" unserer Gesellschaft nennen.
  • Wer Christus nahe kommen möchte, wird sich von denen nicht fernhalten können, deren Nähe Jesus in besonderer Weise suchte, die ihm besonders am Herzen lagen.

Für Jesus gibt es nur den einen Menschen.

Wir haben am Ende des Evangeliums von der gegenüber den Jüngern Jesu geäußerte Reaktion der Schriftgelehrten und Pharisäer gehört: „Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?“ Für sie also gibt es zwei Klassen von Menschen.
  • Unser abfälliges Reden über andere, bringt uns nicht selten in die verdächtige Nähe der Pharisäer und Schriftgelehrten. Wie schnell geht es uns über die Lippen: Hör mir auf mit der Bagage! Mit der Gsellschaft will ich nichts zu tun haben! Alles nur Gschwerdl!
  • Jesus dies hörend sagt: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.“ Das Opfer Christi, das wir jetzt feiern, das Mahl Jesu, an dem wir teilhaben, lässt uns nur eine Wahl, die Wahl Jesu.
  • Für ihn gibt es keine zwei Klassen von Menschen. Für ihn sind alle Gottes geliebte Kinder, seiner Liebe und Sorge, unserer Liebe und Sorge anvertraut.
  • Die Liebe und Sorge Jesu hat den verhassten Zolleinnehmer Levi zum Evangelisten Matthäus werden lassen. Er hat uns das heutige Evangelium überliefert. Es ist seine eigene Geschichte. Sie zeigt, was die in Jesus Mensch gewordene Liebe Gottes vermag, die ausnahmslos jedem Menschen gilt. Diese Liebe muss heute von denen gelebt und bezeugt werden, die Jünger und Jüngerinnen Jesu sind. Nur so kommt jene göttliche Liebe zur Wirkung, die kein Ansehen der Person kennt, sondern jedem die gleiche Würde des von Gott geschaffenen Menschen zuerkennt.



[1] Quelle Frank Peters in »Liturgie konkret« 2005/06
[2] http://gudrunkugler.blogspot.com/2007/03/kgb-hinter-dem-rufmord-pius-xii.html
[3] ebd.

 

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