Einführung ins Caritas-Jahresthema 2018

Wo die Nähe zählt 

Wohnungsmangel, Leerstand, Nachbarschaftshilfe, zunehmende Anonymität, Vereinsamung und Obdachlosigkeit sind Themen der Caritas-Jahreskampagne „Jeder Mensch braucht ein Zuhause“.

Der Ruf nach bezahlbarem Wohnraum ist unüberhörbar. Unser Wohnflächenbedarf im Land hat sich in den letzten 65 Jahren auf heute durchschnittlich 45 qm/Person verdreifacht. Gleichzeitig gibt es enorme sichtbare und unsichtbare Leerstände bei Gewerbe- als auch bei Wohngebäuden.

Wir versiegeln laut Statistischem Bundesamt auf die letzten vier Jahre gesehen durch Wohn-, Geschäfts- und Straßenbau, Parkplätze, usw. im Mittel ca. 66 Hektar pro Tag! Jeden Tag wird also deutschlandweit die Anbaufläche eines mittleren Bauernhofes für Natur- und Landwirtschaft unbrauchbar. Jeden Tag! Das Ziel der Bundesregierung daher: bis 2030 die Flächenversiegelung auf unter 30 ha/Tag zu bringen und 2050 sogar auf null Hektar/Tag.

Die Lösung des Mangels wird zukünftig deshalb nicht allein im Bau neuer Stadtquartiere und Wohngebiete liegen können.

Weiter sind wir mit zunehmender Anonymität, Vereinsamung, Armut und Inklusionsbedarfen in der Stadt und auf dem Land konfrontiert.

Mutigere Formen des Zusammenwohnens

Wir brauchen daher ein Umdenken im Bereich (Zusammen)Wohnen. Wir brauchen mutigere, kreativere Formen des Zusammenlebens. Wir brauchen Vorbilder und Menschen, die verschiedene Wohn- und Lebensformen kennen, vorleben und anderen mitteilen. Wir brauchen (ehrenamtliche) Initiativen und Strukturen, die Menschen in verschiedenen Lebensphasen helfen, die für sie passende Wohnform kennenzulernen; die bei Veränderungswünschen auch finanziell helfen und unterstützen. Ideen "Wie aus Leerstand Wohnraum wird" mit Themen wie Haus im Haus, gemeinschaftliches Wohnen, Hausprojekte, Wohngemeinschaften-Plus, Syndikatsmodelle, "Wohnen für Hilfe" oder "Wohnschule" und interaktive Methoden wie der "Bodenzeitung zu Wohnformen" sind erste Ideen hierzu.

Investieren in den sozialen Zusammenhalt

Sozialer Zusammenhalt und "soziale Ressourcen werden nicht mehr allein aus traditionellen Familienzusammenhängen und Nachbarschaften heraus geschweißt, man muss in sie investieren und das nicht nur individuell […] sondern auch als Wohnungswirtschaft, als Kommune, als Kirchengemeinde" (Prof. Klie). Vor diesem Hintergrund engagieren sich Caritas-Gruppen und -Projekte in Besuchs- und Begleitdiensten, Nachbarschaftsprojekten, Solidaritäts- und Flüchtlingsinitiativen und hoffentlich bald auch als Brücke, die Menschen in verschiedenen Lebensphasen hilft, die für sie passende Wohnform kennenzulernen, die bei Veränderungswünschen finanziell, ideell sowie tatkräftig Unterstützung vermittelt. Dies alles führt zu mehr Nähe, sozialem Zusammenhalt sowie Beteiligung im Sozialraum.

Was kann Ehrenamt hier leisten?

CKD-Ehrenamtliche sind oft in denselben Netzwerken wie Immobilienbesitzer(innen), kirchliche oder kommunale Entscheider(innen) und können diese mit Informationen, speziellen Hinweisen oder Ideen und konkreten, authentischen Bedarfsgeschichten erreichen.

Ehrenamtliche erreichen neben den eigenen Bekannten durch ihre aufsuchende Arbeit in ihren Diensten viele Menschen in ihrem Wohnumfeld. Sie treffen dort z. B. auf Alleistehende, deren Kinder aus dem Haus sind und/oder deren Partner bereits gestorben ist. Manche sind einsam, manche können die Wohnung alleine nicht halten oder manchen ist die Pflege des großen Hauses einfach zu viel. Oft fehlen die Ideen oder der Mut etwas zu ändern.

Sie sind nah dran!

Nachbarschaftshilfen können bei entsprechender Sensibilisierung eine Brücke bilden und je nach Situation selbst oder über organisierte Infoveranstaltungen, zu denen sie einladen, informieren. Sie können vermitteln, Mut machen und eigene Ideen oder Impulse bei Betroffenen, in der Pfarrei oder der Kommune zur Sprache bringen. Oftmals lässt sich durch alternative Wohnmodelle, (finanzielle) Bürgschaften, Nachbarschaftshilfe oder kleine bauliche Änderungen neuer Wohnraum gewinnen und die Lebensqualität durch neue Mitbewohner steigern - zum Wohl aller Beteiligten.

Kommunikationswandel in Nachbarschaften

Durch veränderte lokale Kommunikation und Beteiligung vor allem der jüngeren und mittleren Generation spielen digitale Plattformen in der Nachbarschaftshilfe eine zunehmend stärkere Rolle. Für viele Jüngere ist inzwischen das persönliche Klingeln an Wohnungstüren der Nachbarschaft, um etwas zu erfragen, eine größere Hürde als eine in ihrem Alltag gewohnte Anfrage via digitaler, sozialer Plattformen. Dieser Kommunikationswandel zu berücksichtigen, ist eine wichtige Aufgabe bezüglich einer Stärkung des sozialen Zusammenhalts.

Stadt und Land in den Blick nehmen

Nicht nur der Wohnraummangel in der Stadt, sondern auch die Leerstände auf dem Land sollten gleichermaßen betrachtet werden. Es braucht deshalb auch Ideen und Initiativen, um Wegzugsregionen zu stärken und attraktiver zu gestalten. Hierzu gehört für die jungen Erwachsenen, die bleiben, zurückkommen oder neu zuziehen wollen, neben einem aktiven Dorfleben ein schlüssiges Mobilitätkonzept, eine gute Breitbandanbindung, geeignete Ausbildungs-/Arbeitsmöglichkeiten mit zeitgemäßen Angeboten wie Coworking Spaces, DorfUnis oder Otelos. Ebenfalls so wichtig wie niedrige Mieten auf dem Land sind mietbare, attraktive Wohnformen in ländlich gelegenen Dörfern und Kleinstädten für Wohngemeinschaften, Singles oder neu Zugezogene.


Downloads

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Einführungsaufsatz zum Caritas-Jahresthema aus dem Caritas-Jahrbuch 2018 59 KB