Einführung zum Caritas-Jahresthema 2012

Armut macht krank

Wo es an Einkommen, Perspektiven und Bildung fehlt, ist Krankheit ein häufiger Begleiter.

 

Arme Menschen sind verletzbarer, im wörtlichen Sinne. Sie sind häufiger durch Krankheiten bedroht, erleben ihre Arbeits- und Lebensbedingungen als gesundheitsgefährdend. Existenzsorgen und fehlende soziale Netze führen zum Anstieg bestimmter psychischer Erkrankungen.

Jeder verdient Gesundheit

Armen Menschen in Deutschland ginge es noch schlechter, würden sie nicht in einem Land leben, dessen Gesundheitssystem solidarisch ausgerichtet ist. Beispielsweise ist im Unterschied zur USA bei uns die gesetzliche Krankenversicherung eine Pflichtversicherung. Jedem Versicherten stehen grundsätzlich die gleichen Leistungen zu, unabhängig davon welchen Beitrag er oder sie einbezahlt hat.

In der Praxis gibt es Probleme, das sollte nicht verschwiegen werden. Zuzahlungen sind bei Ebbe im Geldbeutel ein Problem. Kuren werden abgelehnt und oft nur nach Widersprüchen genehmigt. Asylbewerber(innen) erhalten nur eine Notversorgung. Für illegal in Deutschland lebende Menschen ist unser Gesundheitssystem nicht offen.

Trotzdem lohnt es sich, für den Erhalt der allgemeinen Krankenversicherung einzutreten. Auch das ist ein Ziel der Caritas-Kampagne 2012: Jede(r) verdient Gesundheit, auch in Zukunft!

Arme Menschen rauchen, trinken und essen zu viele Chips vor dem Fernseher

Stimmt das? Sind arme Menschen selbst schuld an ihren Krankheiten? Etwas mehr Disziplin und die Sache ist geregelt? Ein Blick auf die Fakten zeigt ein differenzierteres Bild:

Wer ist arm?

2008 waren rund 14 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland von Armut bedroht. „Darunter finden sich vor allem Haushalte mit Kindern und jungen Erwachsenen. So unterliegen Alleinerziehende mit Kindern im Alter bis zu drei Jahren einem weit überdurchschnittlichen Armutsrisiko von mehr als 50 Prozent.“ Arbeitslosigkeit, aber auch die Zunahme von prekären Beschäftigungsverhältnissen und Jobs im Niedriglohnbereich werden als Hauptursache für Armut in Deutschland genannt. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) berichtet dass 2007 die oberen zehn Prozent der Deutschen 60 Prozent der Geld- und Sachwerte besaßen. Im Gegenzug teilten sich die unteren 70 Prozent nur knapp neun Prozent des Vermögens. Rechnet man die Anwartschaften auf Renten und andere Altersversorgung hinzu, wird der Abstand geringer. Trotzdem befürchten die Forscher für Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiographien (insbesondere In Ostdeutschland) und geringer Möglichkeit, selbst für das Alter vorzusorgen, so dass die Schere auseinandergehen wird.

Bildung und Gesundheit

Das Robert Koch-Institut stellte 2009 fest: „Die Gesundheitschancen sind nach Bildungsstatus ungleich verteilt. Personen mit niedrigem Bildungsstatus schätzen ihre Gesundheit seltener als sehr gut oder gut ein und berichten häufiger über gesundheitliche Einschränkungen als diejenigen mit mittlerem oder oberem Bildungsstatus. … Die Gesundheitsrisiken Rauchen und Adipositas (krankhafte Fettleibigkeit) treten bei Personen der unteren Bildungsgruppen häufiger auf; riskanter Alkoholkonsum dagegen ist eher Merkmal der oberen Bildungsgruppen.“ Letzteres ist interessant, widerlegt es doch die These dass arme Menschen am meisten trinken. Im Gegenteil: In der niedrigsten Bildungsgruppe gibt es am meisten Nie-Trinker(innen).

Männer und Frauen unter 64 Jahren und mit niedriger Bildung sind körperlich aktiver als diejenigen aus den oberen Bildungsgruppen. Sie treiben aber weniger Sport. Auch diese Differenzierung ist wichtig. Wer seinen Sprudelflaschen mit dem Rad nach Hause holt oder weite Wege zur S-Bahn geht wird nicht so viel Sport machen, als ein Autofahrer, der den ganzen Tag am PC arbeitet.

Männer und Frauen in den niedrigen Bildungsschichten haben eine deutlich höhere Adipositasrate als alle anderen. Ab 45 Jahre liegt sie bei über 25 Prozent im Gegensatz zu teils einstelligen Werten in der oberen Bildungsgruppe. Die Vorstufe von Adipositas – Übergewicht - zeigt sich als gesamtgesellschaftliches Problem. Auch in der Mittelschicht haben nur knapp 60 Prozent der Frauen über 30 Normalgewicht. Bei gleichaltrigen Männern sind es sogar nur 41,3 Prozent. Allergien und Neurodermitis kommen stärker in mittleren und höheren Bildungsschichten vor.

Aber Menschen mit niedrigem Bildungsstatus

  • haben mehr Seh- und Hörprobleme
  • berichten häufiger über seelische Belastungen
  • sind häufiger mehr als 50 Tage pro Jahr und öfters chronisch krank
  • liegen öfters im Krankenhaus
  • verfügen über geringere soziale Unterstützung
  • arbeiten unter schlechteren, nicht gesundheitsfördernden Arbeitsbedingungen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Vorurteil Menschen mit einem niedrigeren Bildungsabschluss würden hauptsächlich krank sein, weil sie mutwillig ungesund leben nicht haltbar ist.

Kinder und Jugendliche

„Kinder und Jugendliche, die unter sozial schwierigen Lebensumständen aufwachsen, weisen in zahlreichen Bereichen schlechtere Gesundheitschancen auf. Bisherige Studien belegen dies z. B. für frühe Gesundheitsstörungen und Entwicklungsverzögerungen, Unfallverletzungen und Umweltbelastungen, zahnmedizinische Probleme sowie mit Blick auf das Jugendalter auch für die psychosoziale Gesundheit und das gesundheitsrelevante Verhalten,“ stellt das Robert Koch-Institut fest. Arme Kinder und Jugendliche rauchen früher, zeigen häufiger eine schlechtere Mundhygiene, bewegen sich weniger und schauen mehr fern. Überraschend ist jedoch, dass ihr Obst- und Gemüsekonsum sich kaum von anderen Kindern unterscheidet. Im Durchschnitt bekommen sie sogar seltener Süßigkeiten als Gleichaltrige aus der Mittelschicht. Jedoch trinken sozial benachteiligte Jugendliche öfter zuckerhaltige Limonade, gehen häufiger ohne Frühstück in die Schule und sind stärker übergewichtig.

Entscheidend für das gesunde Aufwachsen von Kindern sind auch die Ressourcen in ihrer Umgebung. Arme Kinder, die Zuwendung und ein positives, stabiles Familienklima erleben, sind weniger anfällig. Ebenso positiv wirken sich Freundschaften in Schule und Freizeit aus.

Im Gegensatz zu ihren Eltern, die eigene Vorsorgeuntersuchungen sogar häufiger wahrnehmen als Personen mit mittlerer/hoher Bildung, ist die Rate bei armen Kindern geringer. „So wurden in der Brandenburger Einschulungsuntersuchung im Jahr 2005 bei 47 Prozent der Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus eine vollständige Untersuchungsreihe festgestellt. Die Vergleichswerte bei Kindern aus der mittleren bzw. hohen Statusgruppe lagen bei 67 Prozent und 71 Prozent (Landesgesundheitsamt Brandenburg 2007).“

Solidarität hilft heilen

Die Caritas-Kampagne 2012 möchte aufklären. Wie die Analyse gezeigt hat, stimmt die weit verbreitete These nicht, dass Arme rauchen, trinken und zu viel Chips essen und damit mutwillig ihre Gesundheit gefährden. Ihre schwierigen Lebenslagen und Existenzsorgen verringern ihre Gesundheitschancen. Manchmal erwächst daraus ein Teufelskreis. Es ist aber auch möglich, diesen zu durchbrechen. Was brauchen arme Menschen, damit sie ihr Recht auf eine gute gesundheitliche Versorgung wahrnehmen können? Sie brauchen, soviel lässt sich zu Beginn der Kampagne 2012 bereits sagen:

  • Engagierte Ärztinnen und Ärzte, die die den Ermessungsspielraum zu Gunsten armer Menschen nutzen
  • Krankenkassen, die eine kulante Regelung der Versicherungsschulden akzeptieren
  • Aufsuchende Hilfesysteme, wie es die Straßenambulanzen sind und deren finanzielle Absicherung, z.B. durch eine Beteiligung der Krankenkassen
  • Unbürokratische Fonds, die in Notfällen Zuzahlungen übernehmen und für illegal hier lebende Menschen eine angstfreie medizinische Versorgung ermöglichen.
  • Rechtliche Regelungen, die Leistungsberechtigte nach dem Asylbewerberleistungsgesetz auch eine kurative Versorgung und nicht nur eine Notfallversorgung tatsächlich ermöglichen und die Finanzierung sicherstellen.
  • Gesunde Arbeits- und Lebensbedingungen
  • Ausbau der Prävention
  • Stärkung und Befähigung von Kinder und Jugendlichen
  • Wache Augen und Ohren von Freunden, Nachbarn und Kollegen, die im Alltag beratend zur Seite zu stehen, wenn Menschen ihre Rechte im Gesundheitssystem nicht kennen oder wahrnehmen
  • Die weitere Bereitschaft der gesamten Gesellschaft zur solidarischen Finanzierung des Gesundheitssystems, damit arme Menschen, die krank werden nicht aus dem sozialen Netz fallen.

Armut macht krank. Das stimmt. Es gilt jedoch auch: Solidarität hilft heilen! Dafür setzt sich die Caritas 2012 mit ihrer Kampagne ein.

Barbara Fank-Landkammer. Referatsleitung Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising Deutscher Caritasverband, Freiburg

Den vollständigen Artikel aus dem Caritas-Jahrbuch 2012 können Sie sich unten auf dieser Seite downloaden.

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Artikel "Armut macht krank" aus dem Caritas-Jahrbuch 2012 44 KB