Meditationen von Erzbischof Ludwig Schick beim Konzert des Bamberger Streichquartetts, am 7. März 2010, in Vierzehnheiligen
Joseph Haydn "Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz"
Hinführung
Liebe Schwestern und Brüder!
Seit dem 15. Jahrhundert war es beliebt, die sieben Worte Jesu am Kreuz zu meditieren. Sie wurden in Andachten ausgelegt und betrachtet. Auch in unserem Gotteslob findet sich der Abschnitt: „Die sieben Worte Jesu am Kreuz“ (Nr. 776). Sie wurden auch in Musik übersetzt und zu Gehör gebracht. Am bekanntesten sind „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz“ von Joseph Haydn. Haydn hat diese Musik und das Thema selbst sehr geschätzt. Er hat drei Ausführungen erarbeitet: eine Orchestervariante, eine Streichquartett-Fassung, die mit der Orchesterkomposition ziemlich zeitgleich erschien und später ein Oratorium für Sopran, Alt, Tenor, Bass, vierstimmigen gemischten Chor und Orchester. Die Streichquartett-Fassung berührt am meisten die Seele. Sie ‚streicht’ die sieben letzten Worte Jesu in die Herzen hinein; sie schenkt dabei den Hörerinnen und Hörern Trost, Kraft und Zuversicht; die Musik wirkt wie wohltuende Salbe, die entkrampft, heilt, lindert, erfrischt und kräftigt. Die letzten Worte eines jeden lieben Menschen sind ganz besonders wertvoll und wichtig. Um wie viel mehr die des Herrn Jesus Christus. Hören wir nun den Introitus, die Einzugsmusik, die zum Kreuz hinführt, an dem Jesu hängt und von dem herab er seine sieben letzten Worte spricht. Heute und jetzt gelten sie uns; an jeden von uns sind sie gerichtet!
1. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34)
Das erste der sieben Worte Jesu am Kreuz ist ein Gebet. Die Situation wird so beschrieben: "Sie kamen zur Schädelhöhe, dort kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den anderen links. Jesus aber betete: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“. Jesus spricht in der Stunde seines Sterbens mit dem Vater. „Die Leute standen dabei“, heißt es weiter „und schauten zu, auch die führenden Männer des Volkes verlachten ihn, … auch die Soldaten verspotteten ihn: Wenn er der erwählte Messias ist, so steige er herab.“ Das ist das Umfeld, in dem Jesus betet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“. So spricht der in seiner Todesstunde, der die Geschichten erzählt hat, vom ‚guten Vater und dem verlorenen Sohn’ und vom ‚Hirten, der dem Schaf, das sich in der Wüste verirrt hatte, nachgeht und es zur Herde zurückträgt’ und vom ‚Geldstück, das die Frau voll Freude wiederfindet’. Jesus hat diese Geschichten erzählt, um deutlich zu machen: Gott ist ein unendlich Liebender, dessen Barmherzigkeit und Huld für die Menschen niemals endet. Das bezeugt er jetzt, mittendrin im Sterben, noch einmal mit der Bitte: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“. Auch Jesu ganzes Leben war Beweis der Barmherzigkeit: Seine Wunder an den Kranken und Notleidenden, sein Umgang mit den Sündern und Entrechteten. Gott-Vater ist barmherzig und der Sohn Gottes, der Menschensohn, ist es auch. Der Mensch kann es auch sein: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist“ (Lk 6,36) mahnt Jesus seine Jüngerinnen und Jünger. Am Kreuz bezeugt Jesus die Radikalität der Liebe Gottes zu den Menschen noch einmal. Gott wartet nicht, bis die Schuldigen kommen, sich entschuldigen und versöhnen. Gott geht den Menschen entgegen. Jesus bittet seinen Vater, den Menschen zu vergeben, die nicht wissen, was sie tun. Dieses erste der sieben Worte ist ein Trostwort: Gott wird auch uns jede Schuld vergeben, denn der erhöhte Christus legt unablässig beim Vater Fürbitte für uns ein. Und es ist ein Mahnwort, einander zu vergeben, nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal (vgl. Mt 18,22).
2. „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43)
Jesus schenkt, selbst in letzter Bedrängnis, liebende Zuwendung. Das zweite Wort Jesu am Kreuz gilt, nach dem Lukasevangelium, dem mit Jesus Gekreuzigten, der zu ihm sagt: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst“ (Lk 23,42). Die Antwort Jesu ist die Verheißung: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43). Damit verspricht der selbst Sterbende ihm ein neues Leben in unendlichem Glück. Im Lukasevangelium kommt öfters das Wort „heute“ vor. „Heute ist euch der Retter geboren“, heißt es im Weihnachtsevangelium. Später wird Jesus sagen: „Heute hat sich das Schriftwort erfüllt“, dass Blinde wieder sehen und den Armen eine gute Nachricht verkündet wird. „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren“, sagt Jesus zu Zachäus. Und am Kreuz sagt er: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“. Sein Wort wirkt ‚jetzt’. Was sich im Leben zeigt, erweist sich auch im Sterben: Sein Wort ist Licht, Leben und Auferstehung. Jesus ist solidarisch mit den Menschen, auch in der äußersten Not des Sterbens. Auch im Tod lässt er den Menschen nicht aus dem Auge. Sterben ist so sicher wie geboren werden, ob wir es wahr haben wollen oder nicht. Wie das eigene Sterben gehen wird, weiß keiner. Jesus wird auch mich im Auge haben, wenn ich sterbe und auch mir sagen: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“. Das ist die trostvolle Verheißung dieses zweiten Wortes.
3. „Frau, siehe dein Sohn“ und „Siehe, deine Mutter“ (Joh 19,26)
Das dritte der sieben Worte Jesu am Kreuz ist ein Gespräch des Gekreuzigten mit Maria, seiner Mutter und dem Jünger, den er liebte. Jesus sagt zu seiner Mutter: „Frau, siehe deinen Sohn!“ Dann sagt er zu dem Jünger: „Siehe, deine Mutter!“. „Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich“. Diese Szene ist oft in unseren Kirchen dargestellt: Jesus am Kreuz, Maria und Johannes darunter und hinaufblickend zu IHM.
Hilde Domin schreibt in ihrem Gedicht
Ecce Homo: Weniger als die Hoffnung auf ihn das ist der Mensch einarmig immer. Nur der Gekreuzigte beide Arme weit offen der HIER BIN ICH.
Der Gekreuzigte, sagt die Dichterin, hat „beide Arme weit offen der Hier-bin-ich“. Er ist der Gott, dem Mose, als er ihn nach seinem Namen fragte, antwortete: „Ich bin der ‚Ich-bin-da’“ (Ex 3,14). „Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen“ (Joh 12,32), sagt Jesus. Jesus zieht alle an sich und verbindet sie miteinander, Frau und Mann, Jude und Grieche, Ausländer und Deutsche, Arm und Reich, Jung und Alt. Jesus sorgt für seine Mutter und für Johannes. Keiner soll allein sein. Der Gott, der für alle da ist, spannt seine Arme ganz weit aus und bringt alle zusammen. Wir Menschen haben oft verschränkte Arme, sollen sie aber ausspannen, um zu umfangen und zusammenzubringen. So soll die neue Welt sein, eine versöhnte Menschenfamilie, in der jeder für jeden da ist, so wie es der Gekreuzigte tat, „beide Arme weit offen der Hier-bin-ich“.
Dieses Wort erinnert an Sätze wie: „Ich kann nicht mehr“, „Ich bin am Ende: am Ende meiner Möglichkeiten, meiner Kraft, meiner Weisheit“. Wo ist denn Gott? Gibt es ihn? „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, zeigt uns: Auch Jesus war am Ende, auch er konnte nicht mehr. In seiner Verlassenheit – verlassen von den Seinen, verlassen von Gott, hat er aber gebetet: „… mit lautem Schreien und unter Tränen hat er Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden“ (Hebr 5,7). Auch Jesus hatte Angst, weil er nicht mehr wusste, wie es weitergehen sollte. Doch der Psalm 22 hat ihm weitergeholfen, ein Psalm, der aus persönlicher Gebetsnot und Gottverlassenheit einen Pfad weisen kann. Der Glaube löst nicht alle Probleme und hat nicht auf alle Fragen eine Antwort. Aber der Glaubende kennt für seine Probleme, Fragen und Nöte einen Ansprechpartner; der auch nicht immer und schon gar nicht immer gleich Antwort gibt, aber er ist da. Jesus hat diese Erfahrung gemacht und will sie uns schenken. Er hat uns seine Frage hinterlassen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Er weist uns auch auf seine ganz menschliche Erfahrung hin: „Mein Gott ich rufe, doch du gibst keine Antwort.“ Und er hat uns seinen Umgang mit der Gottverlassenheit im Bekenntnis anvertraut: „Aber du bist heilig, du thronst auf dem Lobpreis Israels. Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut, und du hast sie gerettet.“ Der Schrei der Gott-Verlassenheit ist da, und doch findet der Sterbende den väterlich-mütterlichen Gott der Geborgenheit: „Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, mich barg an der Brust der Mutter. Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, vom Mutterleib an bist du mein Gott.“ Die Jünger bitten Jesus: „Herr, lehre uns beten!“ Wer betet, der geht nicht unter, nicht im Leben und nicht im Tod.
5. „Mich dürstet“ (Joh 19,29)
Der schönste Teil von Joseph Haydns: „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz“ ist für mich die Musik zu diesem 5. Wort „Mich dürstet“. Das Zupfen der Violinen, die kurzen leisen und doch wieder lauter werdenden Läufe im Tempo ‚Adagio’ wirken wie ein Lockruf. Jesus hat am Kreuz gesagt: „Mich dürstet“ – und damit alle Sehnsucht aller Menschen nach Leben, nach Wasser des Lebens, nach den Quellen des Lebens ausgesprochen. Wir kennen solche Sehnsucht der Menschen, die Sehnsucht des Menschen mit seinen trockenen Lippen, Hilfe zu erhalten in der Not der menschlichen Seele und in der Trockenheit körperlichen Leidens. Manchmal können Menschen nicht einmal mehr sagen, dass sie Durst nach Leben haben, weil sie innerlich in ihrer Seele fast vertrocknet sind. Jesus sagt uns aber auch: „Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt!“ Jesus ist das lebendige Wasser, nach dem die Samariterin am Jakobsbrunnen dürstet. Jesus will auch unseren Durst nach Leben stillen. Wir müssen ihn aber erst wahrnehmen, wie die Samariterin, die sagt: „Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe …“ (Joh 4,15). Die Musik von Haydn lockt uns zu Jesus. Er schenkt das Wasser des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, das Wasser, das das ewige Leben schenkt (vgl. Joh 4,14). Lassen wir uns locken, damit wir Durst verspüren, der von Jesus gestillt wird.
6. „Es ist vollbracht“ (Joh 19,30)
„Es ist vollbracht“, sagt Jesus im Johannesevangelium. Und dann heißt es: „neigte er sein Haupt und gab seinen Geist auf“. Manche Ausgaben des Neuen Testamentes übersetzen das „Es ist vollbracht“ mit „Es ist vollendet“. Jesus hat im Sterben seine Lebenshingabe und seine Liebeszuwendung zu den Menschen und zu seinem Vater vollendet. Er hat den langen Weg der Liebe und des Leidens für die Menschen im Tod vollendet. Da wir wissen, dass Jesus über den Tod hinaus lebt, verstehen wir die Vollendung seines Lebens als die Vollendung der Liebe zum Leben. Durch Jesus den Auferstandenen, der zu Rechten des Vaters sitzt, soll alles Unvollendete menschlichen Lebens Vollendung erhalten. Jeder Mensch hat Unvollkommenes, Unvollständiges und hinterlässt im Leben immer wieder Fragmentarisches. Er darf aber von der Verheißung erfüllt sein, dass all das, was im Leben unvollkommen und unvollständig ist, einmal in seiner endgültigen Gottesbegegnung seine Ergänzung und Vollendung findet. Daran glauben zu dürfen, dass das Leben vollendet wird, heißt letztlich, als „österlicher Mensch“ zu leben: Zu dem zu stehen, was in meinem Leben und in meinen Werken unvollkommen ist, darauf zu vertrauen, dass es immer ein Letztes vollenden und ein immer noch Mehr gibt, als ich derzeit erleben und erfahren kann. Wie tröstlich ist es zu wissen, dass es einen gibt, der vollendet, was ich begonnen habe. Das macht auch Mut, anzupacken, was vielleicht oder sogar mit Sicherheit nicht vollendet werden kann. Weil Jesus sein Werk vollbracht hat, wird das Leben in Fülle geschenkt werden, das Reich Gottes kommt, der neue Himmel und die neue Erde werden am Ende der Zeiten den neuen Anfang bilden, der aber kein Ende mehr hat.
7. „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ (Lk 23,46)
Das ist das letzte Jesus-Wort in der Reihe der sieben Kreuzesworte. Jesus stirbt mit der Übergabe seines Lebens an seinen Gott. Er ist innerlich befreit von dem Druck, noch etwas klarstellen, noch etwas vollenden, noch etwas erledigen zu müssen. „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“. Ob mir das auch gegönnt sein wird im Sterben? Zu sagen: ‚Alles gehört dir, Gott. Ich gehöre dir. Ich übergebe dir alles, was mein Leben ausgemacht hat. So wie es ist, ist es gut’. „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“, dass ich einverstanden bin mit den Tagen, die Gott ihm geschenkt hat, mit der Frist, die er mir gesetzt hat, glaubend, dass ER, der Vater, alles gut macht. Jesus hat im Tod nicht aufgegeben, er hat sich in die Hände des Vaters gegeben. In Frieden sterben, das muss eingeübt werden durch betende Hände, wie Dürer sie gemalt hat, ein Leben lang. Aber auch geöffnete und gebende, Gutes tuende Hände, üben für die Übergabe in Gottes Hände am Ende des Lebens ein. Und wichtig ist der Geist, der sich zeitlebens auf Gott ausrichten soll, damit es im Sterben zur ‚Begegnung zwischen Geistverwandten’ kommt. Ich wünsche mir, dass ich einmal sterben kann wie Jesus: „Herr, in deine Hände lege ich meinen Geist“. Loslassen und „Vater“ sagen beim Hineinfallen in Gott. Die Hände und Arme öffnen für die endgültige Umarmung unseres Gottes.
Datum: 23.03.2010
Autor: Erzbischof Ludwig Schick
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