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 Predigt zum Weihnachtsfest 2012 von Michael Leicht

Liebe Schwestern und Brüder,

im Evangelium der Heiligen Nacht haben wir eine sehr bildliche Erzählung von der Geburt Jesu gehört. Da war die Rede von der Herbergssuche, vom Stall, vom Engel, der den Hirten die Botschaft von der Geburt der Herrn verkündete.

Solche bildreiche Erzählung können wir uns vor Augen halten – vorstellen – und nach dieser Erzählung sind auch viele Krippen gestaltet: Da sehen wir das Kind in der Krippe, die Engel auf dem Dach, den Stern und die Hirten mit den Schafen. Das heutige Evangelium ist da sehr viel abstrakter. Es hat zwar eine gewaltige Sprache – beeindruckende Worte: „Im Anfang war das Wort, das Wort war bei Gott und Gott war das Wort – Das Licht leuchtete in der Finsternis“ – aber darstellen lässt sich das schwieriger. Ich kenne eine Darstellung, die mich begeistert: Ein Bild, auf dem die Bibel in einer Strohkrippe liegt – und um dieser Krippe stehen Menschen, die neugierig hineinschauen.

Krippendarstellungen sind verschieden - da gibt es solche, bei denen ein Stall zu sehen ist – das Jesuskind, Maria, Josef, die Hirten …. Die Darstellungen sind angelehnt an das Lukasevangelium (Christmette). Es gibt auch Darstellungen, in denen das Jesuskind in einem Haus ist. Auch das Haus als Geburtsort ist biblisch belegt: Im Matthäusevangelium gehen die Waisen aus dem Morgenland „in das Haus“, um dem neugeborenen König zu huldigen. - Und auch das heutige Evangelium inspirierte Künstler zu Darstellungen der Geburt – z.B. Das Bild, auf dem eine Bibel in der Krippe lieg.

Wenn ich mir so verschiedene Krippen anschaue, wird mir die Vielfalt der Überlieferungen bewusst. Jede Krippe schaut anders aus. Aber in der Kernbotschaft sind alle Krippen gleich – und die lautet: „Gott ist Mensch geworden – und wir haben seine Herrlichkeit geschaut.“

Oft ist noch etwas neben diesem zentralen Punkt auf vielen Krippen, was meist gleich ist: Ein Zettel mit einer Aufschrift: „Bitte nicht berühren“. Und was auch oft gleich ist, dass ist eine Absperrung vor den Krippen, oder eine Glasscheibe. Das Ganze hat zwar seinen Grund, denn man hat Angst davor, dass die wertvollen Krippen zerstört werden.

„Bitte nicht berühren“ – das kann aber auch heißen, dass ich mich nicht berühren lassen will. Ich will mich nicht vom Weihnachtsgeschehen berühren lassen. Vielleicht halten wir das Weihnachtsgeschehen für etwas, was für Kinder gut und schön ist, eine nette Geschichte – die im Krippenspiel aufgeführt wird ; Ein netter Anlass, um einander zu beschenken ; Aber berührt mich die biblische Botschaft noch? Berührt mich das, was wir an Weihnachten feiern? Berührt es mich, dass „Gott selbst Mensch geworden ist“?

„Bitte nicht berühren“ – das haben wir im heutigen Evangelium in anderen Worten gehört: „Er kam in sein Eigentum, aber die seinen nahmen ihn nicht auf“.

- „Bitte nicht berühren“ – diese Botschaft wird im Neuen Testament immer wieder zu hören sein – von den Gegnern Jesu. „Bitte nicht berühren“ – Berühr nicht unsere Meinung – denn wir wollen nichts hinterfragen / Berühr nicht unsere Selbstsicherheit – Berühr nicht unsere Prinzipien und Traditionen, die wir uns mit großer Mühe aufgebaut haben.

- „Berühr mich nicht“ – das muss aber nicht einmal böswillig sein. „Gott - berühr mich nicht“ – weil ich im Moment nicht glauben kann. Ich würde ja gerne glauben, aber ich kann im Moment nicht. Ich kann nicht glauben, weil ich im Moment zu viel durch mache – diese Gedanken kann ich nachvollziehen, …

o … zum Beispiel bei den Angestellten des Baur-Kaufhauses in Altenkunstadt. Vor einer Woche war in der Tageszeitung der Bericht vom letzten Öffnungstag in der Zeitung. Bei einem Krankenbesuch habe ich mich mit einer Frau in meinem Alter unterhalten, die bei Baur gearbeitet hat. Die Tränen konnte Sie nicht zurückhalten.

o … „Im Moment kann ich nicht glauben“ – Weil ich meinen Arbeitsplatz verloren habe. Im Moment sind unsere Region und die Arbeitnehmer hier wieder sehr gebeutelt: Nicht nur Altenkunstadt, sondern auch die Spinnerei in Kulmbach oder Löwe in Kronach.

o … „Bitte nicht berühren – Ich kann im Moment nicht glauben“ – weil es so viel Leid gibt: Ich selbst oder ein Freund, jemand aus meiner Familie hatte einen Unfall – oder ist krank und wird bald sterben.

o „Bitte berühr mich nicht“ – Es gibt viele Anlässe in unserer Welt, dass zu sagen: Kriege im Kosovo, in Syrien und vielen weiteren Ländern, Die Ausseinandersetzungen in Ägypten, die Situation der Christen in der Verfolgung. Der Sturm Sandy in den USA, der viele Menschen das eigene Haus, die Heimat genommen hat und Todesopfer gefordert hat

- „Bitte nicht berühren“ – „Die Seinen nahmen ihn nicht auf“ - Diese Reaktion kann verständlich sein.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn ich meine Predigten vorbereite, schaue ich mir ger nandere Predigten an. Es gibt hier eine Masse an Büchern – und auch das Internet ist eine unerschöpfliche Quelle. Im Rahmen meiner Weihnachtsvorbereitung habe ich eine Predigt gelesen, in der jemand auch über die Gedanken von Leid spricht. Und der Prediger fragt, wie das zusammenpasst: Die Freude von Weihnachten, die Glaubensüberzeugung, das Gott das Heil der Menschen will – und dann die Erfahrung des persönlichen Leids – einige Beispiele habe ich erwähnt. Und als Antwort auf die Frage hat der Prediger zuerst einmal einen Perspektivenwechsel vollzogen: Er hat sozusagen aus der Perspektive Gottes darauf geschaut. Wenn Tausend Jahre vor Gott wie ein Tag sind – so folgerte er, dann sind 40 Jahre wie bei ihm wie ein paar Minuten. Gott handelt also in ein paar Minuten – nur nach unseren Maßstäben sind das schnell mal 40 Jahre. Daher forderte er auf: Wir müssen nur Geduld haben.

„Wir müssen Geduld haben“ – das ist vielleicht nicht falsch sein – aber ich halte es für eine schwache Botschaft. Und sie würde auch mit nicht helfen. Wenn ich mitten im Leid stehe, wenn ich nicht weiß, womit ich morgen mein Leben finanzieren und meine Familie ernähren soll – wenn ich oder ein Freund oder Verwandte eine schwere Krankheit hat und bald sterben wird, dann nützt mir der Aufruf zur Geduld wenig. Das wäre dann nur eine Vertröstung. Das wäre, wie es Karl Marx formulierte, „Opium des Volkes“ – das stellt den Menschen ruhig, verströstet ihn – aber es hilft ihm nicht.

„Bitte nicht berühren“ – weil ich im Moment nicht sehe, dass mich die Weihnachtsbotschaft irgendwie helfen könnte. „Bitte nicht berühren“ – weil ich nicht glaube, dass mir Gott oder der Glaube helfen kann. „Bitte nicht berühren“ – „Die Seinen nahmen ihn nicht auf“ – das ist nachvollziehbar – Damals wie heute.

Trotzdem hat Jesus die Menschen berührt, immer wieder: Matthäus 8: Jesus berührt einen Aussätzigen – und er wird rein.; Johannes 9: Er streicht einem Blinden Teig auf die Augen und er konnte wieder sehen.; Markus 5: Die blutflüssige Frau berührt Jesus und wird geheilt. und im gleichen Evangelium: Jesus berührt ein totes Mädchen und es lebt wieder.

Bei der Erzählung von der Blutflüssigen Frau ist sie es, die Jesus berührt. Damit sagt sie: „Mein Schicksal kann Dir doch nicht gleichgültig sein“ – Das muss Dich doch anrühren – Du muss doch was davon spüren.

Liebe Schwestern und Brüder,

Gott spürt etwas – wir sind ihm nicht egal. Davon ist die Botschaft der Bibel überzeugt. In der Geschichte von Moses: „Ich habe die Schreie meines Volkes gehört“. – Und er handelt – führt sie aus Ägypten heraus.

Gott berührt die Menschen – und lässt sich berühren Das haben die Menschen bei Jesus gespürt.

„Lass Dich berühren“ – das ist auch die Einladung an uns: Lass Dich von Gott berühren – und hab den Mut, Gott zu berühren - wie diese blutflüssige Frau: „Wenn ich Ihn berühre, werde ich geheilt“. Aus der Aufschrift „Bitte nicht berühren“ wird „Bitte berühren“

o In der biblischen Figur des Moses haben die Menschen etwas von Gott gespürt. Sie haben gespürt, dass Gott Menschen in die Verantwortung füreinander ruft – dass er ruft, dass Menschen füreinander eintreten und andere befreien aus dem, was ihnen Angst macht oder sie versklavt und der sie auf den Weg in Freiheit, den Gott vorgibt, begleitet. Den Weg muss das Volk selbst gehen – Moses begleitet sie. Er gibt sozusagen Hilfe zur Selbsthilfe – er unterstützt

o „Der Weg zu Gott ist der Mensch“ – das galt damals und das gilt auch heute. Gott will Mensch werden – auch durch uns. „Der Mensch ist Abbild Gottes“ – so sagt es der Schöpfungsbericht. Und in diesem Abbild muss etwas vom Urbild – von Gott sichtbar werden.

Liebe Schwestern und Brüder,

das Weihnachtsfest ruft uns auf, dass wir uns diesem Anspruch zu stellen. Er ruft uns auf, dass wir Gott eine Geburts- und Wirkungsstätte in unserem Leben zukommen lassen – so dass die Menschen Gott spüren und berühren können – durch uns.

Und wie damals – im Stall von Bethlehem hat sich Gott in Jesus auch im gewissen Maß an die Gegebenheiten vom Raum und Zeit gebunden – mit all seinen Möglichkeiten und auch mit all seinen Einschränkungen - Trotz alledem handelt Gott in uns.

Auch Jesus hat nicht alles getan – Er hat nicht das ganze Leid der Welt beseitigt, wie man es vom Messias erwartet hat. Das hat sich auch bis heut nicht geändert. Aber er hat sich berühren lassen und andere berührt – auf diese Weise hat er geheilt.

So sollen auch wir uns wie er sich berühren lassen:

o Aussätzige – Ausgeschlossen sollen damals wie heute spüren, dass sie willkommen sind in unserer Gesellschaft – dass sie wertvoll und geschätzt sind. Hier kann ein Anschauen – ein herzlicher Händedruck WUNDER wirken.

o Blinde Menschen gibt es damals wie heute: Menschen, die blind für das Schöne und Gute im Leben sind. Es braucht Menschen, die Ihnen helfen, nicht nur auf die Probleme und Sorgen zu sehen, sondern auch das Wertvolle im Leben zu entdecken. Er braucht Menschen, die Ihnen die Augen öffnen für das, wofür sie blind geworden sind. Hier hilft uns eine Methode für Seelsorgliche Gespräche. In dieser heißt es: Nimm Dir Zeit für den anderen. / · Höre dem anderen zu – nimm seine Gedanken und Ängste ernst. Schon alleine das zuhören kann heilen – wenn der andere spürt, dass er wegen seinen Problemen nicht isoliert oder ausgeschlossen – wie ein Aussätziger behandelt wird. / Lass ihn Ausreden – Unterbreche ihn nicht: Er hat etwas zu sagen. / Nimm seine Gedanken ernst – für Ihn sind sie das. / · Frage nach – Wiederhole, was Du verstanden hast. Auf diese Weise wird er selbst zu sich kommen und einen vielleicht verschütteten Lösungsweg in sich finden, den er annehmen und gehen kann. Auf diese Weise wird er lernen, sein Leben, seine Situation neu zu sehen – mit einem Ausblick in die Zukunft.

o Damals wie heute brauchen Menschen Berührungen. Eine Berührung kann neuen Mut geben – wenn mich jemand bei der Hand nimmt und sagt: „Du schaffst das – Ich glaube an Dich“. Eine Berührung – ein Klopfen auf die Schulter kann mit Mut machen zum Leben – kann mit helfen, wie das Mädchen bei Jesus – aufzustehen und loszulaufen.

Liebe Schwestern und Brüder,

auch in dieser Weise berührt uns heute Gott – und durch uns auch andere Menschen. Lassen wir uns auf diese Weise ein – lassen wir Gott in uns geboren werden und durch uns handeln. Auch wenn wir nicht alles können – auch wenn wir an die Gegebenheiten und Begrenzungen von Raum und Zeit gebunden sind und die großen Probleme der Welt nicht von heute auf morgen lösen werden – durch solche Berührungen können auch heute noch Wunder geschehen. Auf diese Weise leuchtet das Licht, leuchtet Gott heute in der Finsternis der Menschen, lässt sie Leben, sehen und laufen – lässt sie in die Zukunft gehen. Auf diese Weise sind wir eine lebendige Darstellung des Weihnachtsgeschehen heute – mit der Aufschrift: „Bitte berühren“.

Amen.

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