Startseite | Zur Person | Informationen | Filme | Predigten | Podcast | Meditationen | Fundgrube | Dias | Kontakt
Boxbild
  Druckversion   Seite versenden

Predigten

Übersicht

2009 (B) Jahreskreis

Homilie zu 1 Kor 6,13c-15a.17.20 im Pfarrgottesdienst um 10 Uhr in St. Michael Neunkirchen a.Br.

===>> zu den bilbischen und liturgischen Texte
===>> Predigt im Orginal lesen oder herunterladen
===>> Gottesdienstvorlage

Nicht vergewaltigte, sondern befreite Sexualität[1]
Schlagworte

  • Solange die Menschheit existiert, gibt es gute und schlimme Zustände, Ordnung und Unordnung. Auf Triebentgleisungen reagierten frühere Gesellschaften mit harten Sanktionen, häufig sogar mit der Todesstrafe.
  • Selbst die Christen in der antiken Hafenstadt Korinth mussten sich mit einem Fall von Blutschande, mit ausschweifend lebenden Gemeindegliedern, mit Fress- und Saufgelagen, mit Prozesshanseln und mit Parteiungen innerhalb ihrer Gemeinde auseinander setzen. Sie baten den längere Zeit sich in Ephesus aufhaltenden Paulus um Stellungnahme.
  • Schlagworte wie »alles ist erlaubt« »die Speisen sind für den Bauch und der Bauch für die Speisen« und - wie in der zweiten Lesung gehört - freizügiges geschlechtliches Verhalten, sind für Paulus die Aufhänger, um falsche sündhafte Verhaltenweisen des mit Christus verbundenen Menschen aufzudecken.

Ganzheitliches Christsein

  •  Der Apostel lehnt es ab, den Christen in einen wichtigen erlösten und in einen unwichtigen, mit Christus nicht verbundenen Teil zu trennen. Der Christ hat keinen »Bauch« (v 13a), mit dem er machen kann, was er will. Die älteren erinnern sich noch an die Schlagworte vergangener Jahrzehnte bei uns, wo Frauen für die Straffreiheit der Abtreibung mit »mein Bauch gehört mir« lautstark warben.
  • Paulus stellt klar: Der Christ hat einen »Leib«, der dem Herrn gehört. Daher darf er in nicht zur Unzucht missbrauchen. Christus hat sich für den ganzen von Gott geschaffenen Menschen eingesetzt. Dieser ist eine Einheit aus Leib, Seele und Geist.
  • Paulus zeigt, wie wir das an Christus selbst beobachten können: Christus ist leibhaftig am Kreuz für uns gestorben. Gott hat ihn leiblich auferweckt. Dasselbe wird er auch an den Christen, an »uns«, tun. Für seine Macht ist dies kein Problem.
  • Für unsere Christusbeziehung verwendet Paulus sogar das Bild vom Leib und seinen Gliedern. Er ruft den Korinthern Ihr Gliedsein am Leibe Christi ins Bewusstsein. Mit ihrem leibhaftigen Wesen sind sie Glieder am Leib des von den Toten auferweckten und beim Vater verherrlichten Christus. Sie sind es jetzt schon und nicht erst dann, wenn Gott sie auferwecken wird. Daraus zieht Paulus in Form einer rhetorischen Frage die Folgerung für den konkreten Fall: Der erlöste Mensch gehört ganz zu Christus, darum wird er sich nicht mit einer Dirne vereinigen.

Wie sieht das Christentum die Sexualität?

  • Das Christentum hat kein gestörtes Verhältnis zur Geschlechtlichkeit. Es waren höchstens mit dem kirchlichen Christentum konkurrierende Sekten wie in der Antike die Manichäer und im Mittelalter die Katherer, für die das Leibliche dem Reich der Finsternis entstammte.
  • Damals zur Zeit des Paulus in Korinth wie heute trübt das Getriebe der Welt und des Lebens leicht den Blick für die fundamentalen Wahrheiten des christlichen Glaubens. Darum fragt Paulus die Christen in Korinth und uns heute: "Wisst ihr nicht?"
  • Es müsste den Korinthern und uns aus der Schrift[2] doch bekannt sein, dass die geschlechtliche Vereinigung zwei Menschen so intensiv miteinander verbindet, daß sie »ein Fleisch« ein Mensch werden.
  • Das gilt aber nach Meinung des Apostels auch für den Geschlechtsverkehr mit einer Prostituierten. Auch hier entsteht eine Verbindung zu dem Partner, die so stark ist, dass sie die Zugehörigkeit zum Leibe Christi stört.
  • Paulus redet bei sexuellen Dingen nicht um den heißen Brei herum. Intensiv begründet er das vorher Gesagte: Die Vereinigung mit der Dirne spielt sich ab im Bereich der heil- und geistlosen menschlichen Wirklichkeit des »Fleisches«. Es regieren die Triebhaftigkeit, das Begehren, nicht der Sinn, nicht die Liebe, wo Partner ganz füreinander da seiend ihrem gegenseitigen Glück und dem neuen Leben dienen, das aus ihrer Vereinigung erwächst.
  • Durch die Vereinigung mit Christus sind die Jünger und Jüngerinnen Jesu »ein Geist« mit ihm geworden, d.h. Gott hat in ihnen eine neue, heile Wirklichkeit entstehen lassen. Nicht mehr Sklave ihrer Triebe und Begierden sind sie frei geworden. Jesus sagt: "Wenn euch also der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei."[3] An die Galater schreibt Paulus: "Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen!" [4] Positiv gewendet sagt Paulus am Schluss der 2. Lesung: "Verherrlicht also Gott in eurem Leib!"[5]

Worauf kommt es an? Auf Freiheit statt Freizügigkeit

  • Offenbar verstanden manche Christen in Korinth die Freiheit als Freizügigkeit. Das gleiche tut unsere sexualisierte Umwelt heute.
  • Echte Partnerschaft, auch zwischen Frau und Mann, zwischen Mann und Frau wird nur gelingen, wenn jeder der Partner frei ist von der Fixierung auf sein Ich, auf seine Triebe, auf sein eigenes Glück,  wenn er oder sie frei sind für das Gute und die Liebe. Wenn jeder dem anderen aus der Kraft des Liebe Gottes und in Verantwortung vor Gott begegnet.
  • Von der zu einem Zwang führenden Freizügigkeit der Sexualität, darf man sich nicht »vergewaltigen« lassen. Das muss in unserer sexualisierten Umwelt jeder bedenken. Die überall propagierte Freizügigkeit begegnet uns auf Schritt und Tritt.
  • Paulus greift das Schlagwort »Alles ist mir erlaubt« auf und hält dagegen, "aber nicht alles dient zum Guten." [6] (Lutherübersetzung) Und ein zweites Mal antwortet er auf das Schlagwort "Alles ist mir erlaubt", "aber nichts soll Macht haben über mich." Paulus richtet sich nicht gegen die Freiheit, sondern gegen die »Vergewaltigung« der Freiheit.

Wodurch kann unsere Freiheit »vergewaltigt« werden?

  •  Nicht durch Gott der diese Freiheit erst ermöglicht hat! Erst als Besitz Gottes und als Glieder Christi sind wir ja die Freien, die wir sind. Ansonsten wären wir Sklaven und zwar die Sklaven unserer Anhänglichkeit an uns selbst. Wir wären Besessene unserer Selbst, wenn wir über uns selbst Verfügung zu haben glaubten, obwohl doch schon die Erkenntnis unserer selbst unserer Verfügung entzogen ist.
  •  Die christliche Freiheit ist der Exorzismus gegenüber dieser Besessenheit und die Gewalt über diese Vergewaltigung. Die Botschaft der christlichen Freiheit ist eine aufklärende Botschaft: sie befreit uns aus der Fremdherrschaft unserer Neigung zu Auflehnung und Verneinung, zu Unordnung und Egoismus, zur Vergötzung der Lust.
Die heutige 2. Lesung richtet sich also gegen die »Vergewaltigung« unserer Freiheit. Unsere Freiheit ist immer da »vergewaltigt«,
(a) wo sie ihren Ursprung nämlich Gott vergisst,
(b) wo sie ihren sozialen Kontext, die Verantwortung für die Mitmenschen vergisst,[7]
(c) wo sie keine Förderungsgestalt für unser Leben erbringt, weder zuträglich, noch konstruktiv ist.[8]

Unzucht und sexuelle Freizügigkeit sind Götzendienst

  • Es ist konstante Lehre der Schrift und ihrer Interpretin, der kirchlichen Gemeinschaft, dass die Sexualität des Menschen nicht in einer Funktion aufgeht. In unserer technisierten Welt sind vor allem zwei Dinge wichtig. Wozu kann ich das Ding gebrauchen und wie funktioniert es. Geil muss es sein, meine Begierde, meine Triebhaftigkeit befriedigen. Das ist heute der verderbliche Trend.
  • Kinder und Jugendliche werden heute hauptsächlich über das Funktionieren ihrer Sexualität aufgeklärt. Wie man sich gegen Aids schützt, Schwangerschaften verhütet. Schnell wird da der andere Mensch zum Objekt der Begierde.
  • Aus der Funktion wird ein Recht abgeleitet. Du hast ein Recht darauf Deine Sexualität auszuleben, sobald diese erwacht, wird seit Jahrzehnten vor allem von linken Gesellschaftsveränderern verkündet. Je früher aber der Trieb enthemmt wird, desto abhängiger wird der Mensch davon. Der oder die Abhängige wird zum Getriebenen. Sie sind nicht mehr Herr im eigenen Haus. Der Trieb beherrscht sie. Das kann so weit gehen, dass der Getriebene zum Triebtäter wird. Die Macht der Bilder stachelt den Trieb ständig an.
  • Die Frage, welche Funktion die Sexualität hat, ist also zu eng; man muss fragen, welchen Sinn sie hat. Wichtiger als der Gebrauchswert ist der Daseinswert.
  • In unserer sexualisierten Umwelt wird deutlich, wie sehr Freizügigkeit der Sexualität zu einem Zwang werden kann, von dem wir uns nicht »vergewaltigen« lassen dürfen. Im Fernsehen und im Internet wird sie weitgehend als normal hingestellt.

Jeder und Jede ist da zum Kampf mit sich selbst herausgefordert.

  • (a) Wir werden dem Begriff »πορνεια« - unser Wort Pornographie kommt daher - nicht gerecht, wenn wir ihn im bloßen Sinn einer abgetakelten Rechtssprache als »Unzucht« verstehen. Er enthält vielmehr einen Bestandteil an Dämonie. »Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch« sagt Gottfried Benn. Besteht nicht eine innere Beziehung zwischen Dämonie und »Schweinerei«, so daß die Geister Jesus darum bitten, in die Schweine fahren zu dürfen?[9]
  • (b) Die Götter sind ja nichts anderes als symbolische Gestalten »unserer Sehnsüchte und Ängste, unserer Lüste und unseres Übermutes«[10]. Der Mensch hat sie geschaffen, doch das Schlimme ist, sie gewinnen Herrschaft über ihn. Die christliche Freiheit will nichts anderes als die Emanzipation aus dieser Dämonie. Eine Gestalt dieser Dämonie ist wahrscheinlich auch die Ideologie der grenzenlosen Selbstverfügung und Selbstverwirklichung.
  • (c) Die »πορνεια« die Unzucht meiden, meint vorrangig die Ideologie der Freizügigkeit. Es geht um Freiheit, die aus der Erlösung entsteht. Diese Freiheit bestimmt auch den Sinn der Geschlechtlichkeit und ihre Chance: sie soll etwas von der Herrlichkeit der Erlösung repräsentieren (v 20). Das kann sie weder, wenn sie in muffiger Enge erstickt, noch wenn sie als Fahne vermeintlicher Selbstmächtigkeit des Menschen herausgehängt wird.
Die intime Begegnung von Mann und Frau ist der wunderbare Ort an dem Gott uns geschaffen und als einmaligen Menschen ins Leben gerufen hat. Es ist ein Mysterium, das nur in Ehrfurcht und Liebe seine von Gott geschenkte Schönheit und Größe entfaltet.


[1] Anregungen aus: Kahlefeld (Hrsg.), Die Episteln u. Evangelien der Sonn- und Festtage  21/XI S.539 - 547
[2] Gen 2,24
[3] Joh 8,34
[4] Gal 5,1
[5] 1 Kor 6,20
[6] 1 Kor 6,12
[7] vgl. 1 Kor 8,9-13
[8] vgl.1 Kor 6, 12
[9] Mk 5,12 f.
[10] Ernst Käsemann

===>> zur Übersicht 

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.Ok, verstanden.