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Stolpersteine

Lobenswerter Betrug?

Jesus erzählt ein sehr anstößiges Gleichnis: Ein Verwalter, dem die Entlassung droht, lässt alle kommen, die seinem Chef etwas schulden, und erlässt ihnen einen Teil der Schulden. Damit verbindet er ein raffiniertes Kalkül: Wenn er dann arbeitslos sei, würden sie sich revanchieren und ihn gastfreundlich aufnehmen. Der Kommentar zu dieser Geschichte lautet: "Und der Herr lobte die Klugheit des unehrlichen Verwalters" (Lk 16, 18)

In Zeiten, in denen manche Wirtschaftsführer sich als Leute erweisen, die ihre Firmen ausgeplündert und sich privat bereichert haben, in denen der Vorwurf von Filz und Korruption erhoben wird und in denen die Zahl der Arbeitslosen steigt, wirft die Geschichte erst recht Fragen auf. Lobt Jesus da einen Mann, der sich betrügerisch und unmoralisch verhält?

So überraschend das klingt: Die Antwort lautet JA! Aber dieses JA ist kein Bekenntnis zu einer Wirtschafts(un)moral, die dazu auffordert, sich möglichst raffiniert und zielstrebig selbst zu bereichern. Zu viele Texte, die von der Gerechtigkeit und vom Teilen handeln, stehen dem entgegen.

Vielmehr steht diese Aufforderung zu einem entschiedenen und überraschenden Handeln, das gewohnte Bahnen verlässt und sich über gängige Normen hinwegsetzt, im Zeichen der Vision Jesu vom nahen Gottesreich: Wer Anteil an Gottes neuer Welt erlangen will, muss sich manchmal rücksichtslos über das Übliche hinwegsetzen.

So gehört das Gleichnis zu einer Reihe von Texten, die Unmoralisches und Unmögliches fordern: Sich ein störendes Auge ausreißen, Feinde lieben, betteln statt arbeiten, die Toten ihre Toten begraben lassen, jenen, die den ganzen Tag geschuftet haben, gleich viel bezahlen wie jenen, die nur eine Stunde im Weinberg waren.

So wie Jesus nicht zu den Braven und Angepassten gehörte, verkündet auch seine Botschaft keine Religion der bürgerlichen Tugenden, sondern fordert den Mut, für Gottes neue Welt alles auf eine Karte zu setzen und manchmal gar den Boden des Anständigen und Legalen zu verlassen. Jesus ermutigt nicht zum Betrug, sondern zu entschlossenem und unkonventionellem Handeln.

Daniel Kosch, Dr. theol., leitete 1992-2001das Schweizerische Kathot. Bibetwerk und
ist Generalsekretär der Römisch. Kathol. Zentralkonferenz der Schweiz.

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