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Stolpersteine

Haben die Juden Jesus und die Propheten getötet?

1 Thess 2,15 "Diese (= die Juden) haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen.".

Die Bibel ist hinreichend deutlich. Der Jude Jesus ist nicht im luftleeren, ideologiefreien Raum, sondern im Kontext jüdischer Kontroversen vom Leben zum Tod gebracht worden. Die Kreuzigung hat ihren konkreten Ort, und sie bleibt durch alle nachösterlichen Verklärung hindurch eine Ungeheuerlichkeit, die sich einreiht in die vereinigten Schandtaten aller Zeiten, Orte und Nationen.

Das konkrete Verbrechen der Kreuzigung damals wird aber überschattet durch den christlichen Versuch und Erfolg, den Mord von damals zur ewigen Erbschuld eines Volkes zu erheben. Christlicher Antisemitismus hat seinen Ausgangspunkt beim groß angelegten Versuch, dem jüdischen Volk die Verheißungen des Ersten Testaments zu entreißen und diese unter Verdammung der Älteren auf die Jüngeren zu übertragen.

Es wird unterschieden zwischen den (verworfenen) Juden und den (auserwählten)Hebräern, was bereits um 150 in den Satz des Apologeten Aristides münden konnte: "Dieser Jesus ist also vom Stamm der Hebräer geboren ... Er ist von den Juden gekreuzigt worden."

Die These von den Juden als Gottesmördern ist Gemeingut der christlichen Geschichte geworden; der nachtschwarze Bogen entsprechender Aussagen reicht von den Anfängen über Titanen wie Gregor von Nyssa oder Martin Luther bis hin zu Dietrich Bonnhöfer. Sie ist Teil eines Antisemitismus, der eine Entwicklung von konkreter Feindschaft bis zu Fremdenfeindlichkeit und Rassismus durchläuft - um die Juden (auch als Gottesmörder) abzuqualifizieren, bedarf es (wie bequem!) gar keiner Juden mehr.

Schier unerträglich ist die Spannung zwischen der Eingangsfrage und meinem Fragment einer Umschau. Gewiss waren Juden mitschuldig am Tod des Juden Jesus. Ebenso gewiss sind aus dieser historischen Konstellation christlicherseits Konsequenzen gezogen worden, die eine einmalige Kette von Fehlschlüssen und Untaten ausgelöst haben.

Vielleicht hilft das abschließende Gedankenspiel weiter: Sobald Ihr Orthodoxen den Tod des Syrers Ibrahim im Jahr 913, Ihr Katholiken den Tod des Indios Miroao im Jahr 1496, Ihr Evangelischen den Tod des Bauern Bertold von 1525 und Ihr Reformierten den Tod der Hexe Rosalia im Jahr 1704 als kollektive und ungesühnte Erbschuld anerkannt habt, reden wir mit den Juden über ihre Schuld am Tod des Jesus von Nazareth - und kehren dann zurück zur von uns erschlagenen Rhea, zum von uns verbrannten Melchior, zum von uns aufgespießten Rene.

Marc v. Wijnkoop Lüthi, Dr. theol., Kirchenhistoriker, reformierter Pfarrer in Ligerz, Schweiz

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