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Stolpersteine

Weherufe über Schwangere und Stillende?

(Lk 21,23-24): Weh aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Denn es wird große Not auf Erden sein und Zorn über dies Volk kommen, und sie werden fallen durch die Schärfe des Schwertes und gefangen weggeführt unter alle Völker.

Die biblischen Wehrufe über die Reichen, Schmarotzer und Eingebildeten unserer Erde sind bekannt und sympathisch, weil wir ja nicht zu ihnen gehören: Wehe den Reichen, den Satten, den Lachenden, denen, die alle gut finden, ist im Lukasevangelium zu lesen (Lk 6,24-26). Es gibt ja immer noch Reichere, noch Sattere, noch Lustigere, noch Gefälligere. So können wir sagen: Endlich redet jemand Klartext. Das sind ja auch blöde Leute!

Im Lukasevangelium steht noch ein völlig anderer Wehruf. "Wehe den Schwangeren und den Stillenden!" (Lk 21,23) Zu denen gehören die meisten von uns auch nicht, und wenn, dann nur für eine kurze Zeit. Dieser Wehruf meint nun nicht die Mehrbesseren, sondern - im Gegenteil - die Langsamsten. Der Wehruf stand wahrscheinlich in einem alten Flugblatt über das Verhalten im Krieg.

Diese kleine Schrift gelangte in die Evangelien, weil auch sie unter dem Schrecken eines Krieges verfasst wurden und auf den Krieg nicht nur theologische, sondern auch sehr praktische Antworten geben wollten:

Flieht schnell! Blickt nicht zurück! Lasst alles liegen! Wehe den Schwangeren und Stillenden heißt in diesem Zusammenhang aber, dass auch diese Frauen mit ihren Kindern liegengelassen werden sollen. Dieses Wehe spricht das Todesurteil über Frauen und Kinder, die nicht schnell genug sind.

Und dieser Satz macht gleichzeitig jene Frauen, Männer und Kinder unsichtbar, die mit den Langsamen solidarisch sind. Er verschweigt die Menschen, die das "Wehe" nicht selbstverständlich finden, sondern nach dem Grundsatz zu leben versuchen: Wenn ihr flieht, vergesst die Langsamen nicht.

Und solche Menschen, die sich von den Langsamsten aus dem Tritt und auf neue Ideen bringen lassen, gibt es nämlich. Von ihnen müssen wir lernen, solche brauchen wir - viele, überall, damit wir der Bibel an dieser Stelle energisch widersprechen können.

Regula Grünenfelder,
Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks, Zürich

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