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Donnerstag 21.08.2014, 06:20 Uhr
(c) 2014 Heinrichsblatt

Vom Werden und Vergehen kirchlicher Macht
Leser des Heinrichsblattes reisten vom 9. bis zum 15. Mai gemeinsam durch Burgund
"Die Vielfalt reizt mich an Burgund“, sagt Ursula Seeböck-Forster. „Die Vielfalt der Landschaft, insbesondere aber auch der romanischen Kirchen, die oberflächlich betrachtet sehr ähnlich aussehen mögen, aber doch alle ihre kleinen Eigenheiten haben und natürlich das ,savoir vivre’.“ Die äußerst engagierte Reiseleiterin des Bayerischen Pilgerbüros hatte 30 Leserinnen und Leser des Heinrichsblattes auf ihrer einwöchigen Reise nach Frankreich begleitet.
Es war eine Reise zurück ins Mittelalter, in die Architektur und Kunst der Romanik und der frühen Gotik. Eine Reise zu Kirchen und Klöstern, die die Geschichte erzählen vom Aufstieg und Fall der Benediktiner und Zisterzienser, eine Geschichte von kirchlicher Machtentfaltung und ihrem Untergang in den Wirren der Französischen Revolution. Vieles wurde von radikalen Kirchengegnern zerstört, doch das, was bis heute erhalten geblieben ist, hinterlässt Spuren – auch bei den Reiseteilnehmern.
Das Burgund ist eine Region im Herzen Frankreichs, etwa so groß wie Nordrhein-Westfalen, allerdings wesentlich dünner besiedelt – etwa 50 Einwohner pro Quadratkilometer. Das ist noch nicht einmal ein Drittel der Bevölkerungsdichte Bayerns. Viel Platz also für sanft abfallende Weinberge, üppige Laubwälder und satt grüne Wiesen auf denen die blonden, fast weißen  Charolais-Rinder weiden. Die Hauptstadt des Burgund ist Dijon, mit insgesamt rund 240 000 Einwohnern eine mittlere Provinzstadt. Hier residierten einst die Herzöge, die Burgund lange Zeit weitestgehende Unabhängigkeit von der französischen Krone sicherten. Erst 1477, nach dem Tod Karls des Kühnen, kamen Burgund und Dijon an den König von Frankreich, Ludwig XI.. Heute ist Dijon Beamten- und Universitätsstadt, in Deutschland vor allem bekannt für den gleichnamigen Senf. Aber auch die malerische mittelalterliche Altstadt mit ihren reich verzierten Bürgerhäusern und der Kathedrale Saint Bénigne mit der romanischen Rotunde, die noch heute in der Krypta der ehemaligen Benediktinerkirche zum Verweilen einlädt, sind eine Reise wert.
Von hier aus starteten die Leser des Heinrichsblattes ihre Entdeckungstour durch Burgund. Ihre erste Fahrt führte die Pilger in den Westen des Départements Côte-d’Or (Goldküste) zur Festungsstadt Semur-en-Auxois (Alte Mauer von Auxois). Sie thront hoch oben auf einem Felsrücken. In den seltenen Stunden der Reise, in denen die Sonne durch die drohenden Regenwolken brach, bot sich den Reisenden von hier aus ein beeindruckender Blick ins weite Tal hinab, durch das sich der Armancon schlängelt.
Beeindruckend war für manchen auch der Ausflug zur Basilika La Madeleine in Vézelay, einem Meisterwerk romanischer Baukunst und Zeugnis mittelalterlicher Lebens- und Glaubenswelt. Ihre Lage am Jakobsweg und die Reliquie der Maria Magdalena machten die Benediktinerabtei bereits im späten 9. Jahrhundert zum Ziel zahlloser Pilger. Mit dem Lauf der Sonne folgten sie dem Weg durch die Kirche vom Vorraum, dem Narthex, mit seinem reich bebilderten Tympanon, durch das nördliche Seitenschiff, den lichtdurchfluteten Chorumgang im Osten, und das südliche Seitenschiff wieder hinaus in die Welt, der sie von Gottes Herrlichkeit künden sollten. „Hier konnte ich etwas von der Nähe Gottes spüren“, erzählt Birgit Ehmcke, die im Anschluss an die Besichtigung noch eine Messe mit gregorianischen Gesängen miterlebte.
Die Nähe Gottes spüren und erfahrbar machen, das wollten die Benediktiner einst in Gebet und Arbeit mit ihren strengen Ordensregeln. Sie zogen viele Gläubige an, der Orden wuchs rasant und wurde immer mächtiger. Die Mönche häuften unglaubliche Kunstschätze an und wurden immer reicher. Von diesem Reichtum kündete auch die im Jahre 910 gegründete Abtei von Cluny. Ursprünglich sollte sie das damalige Ordensleben reformieren, das durch die Einmischung weltlicher Herrscher zunehmend verwässert wurde. Daher wurde Cluny direkt und einzig dem Papst unterstellt. Das brachte zahlreiche Privilegien mit sich und nach und nach entwickelte sich Cluny zu dem geistigen Zentrum des christlichen Abendlandes. Im 12. Jahrhundert lebten hier 400 Mönche. Sie hatten den Pflug des Arbeiters gegen die Feder der Gelehrten eingetauscht und aus einer kleinen Holzkirche wuchs der größte romanische Kirchenbau vor der Errichtung des Petersdoms in Rom, größer sogar als der Dom in Speyer. Cluny wurde das Mutterhaus von über 1000 Klöstern. Die „cluniazensische Reform“ hatte ihr Ziel aus den Augen verloren – der Niedergang der Cluniazenser war eingeläutet. Die Zisterzienser machten sich daran, das monastische Leben durch eine strengere Anwendung der Regeln des Heiligen Benedikts von Nursia zur reformieren.
Das Volk schätzte ihre Auffassung von einem Mönchsleben in Armut und Einsamkeit. Diese geistige Haltung kommt auch in ihren Bauten zum Ausdruck, wie in der  von Bernhard von Clairvaux 1118 gegründeten Abtei von Fontenay. Die schlichte Architektur, die völlig schmucklose Fassade und die Zurückgezogenheit in einem entlegenen Bachtal 60 Kilometer nordwestlich von Dijon, vermittelte auch den Heinrichsblattlesern Momente der Ruhe und Besinnlichkeit. In ihrer Blütezeit lebten in der Abtei 200 Mönche. Zusammen mit zahlreichen Laienbrüdern betrieben sie Ackerbau und Viehzucht und eine Schmiede. Doch wie die Abtei von Cluny, von der heute nur noch ein Zehntel zu sehen ist, da es einem Abrissunternehmen in die Hände fiel, wurde auch Fontenay ein Opfer der Französischen Revolution. Dass die Abtei heute zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, ist einzig den heutigen privaten Besitzern zu verdanken, die die Anlage mit viel Liebe in ihren Urzustand zurück versetzten.
In derselben Region wie Cluny und Fontenay liegt auch die interreligiöse Gemeinschaft von Taizé. Sie ist ein Beispiel für eines der heutigen – zumeist von jungen Pilgern aufgesuchten – großen Pilgerzentren. Die Grundidee von Taizé ist das Zusammenleben in einer friedlichen Gemeinschaft ohne den Blick auf Unterschiede in Herkunft oder Religion. So hatten die Brüder von Taizé und die zahlreichen Jugendlichen auch nichts einzuwenden, als sich die Heinrichsblattleser zur gemeinsamen Mahlzeit dazu gesellten. „Das war ein richtiges Gemeinschaftserlebnis – weltumfassend“, meint Birgit Ehmcke begeistert.
Gemeinschaft, das zeichnete die gesamte Leserreise aus. So fanden sich nach 41 Jahren zwei ehemalige Arbeitskollegen vom Zoll wieder, die sich 1969 aus den Augen verloren hatten, gemeinsam trotzte man dem schlechten Wetter, feierte mit Domkapitular Prälat Luitgar Göller Gottesdienst an Christi Himmelfahrt und heiterte sich auf, als nachts die Dachluke vom Pilgerbus aufgebrochen worden war.
„Wir haben Vieles mitgenommen von der Fahrt“, sagen Helmut und Susanne Bachhofer. Das Ehepaar aus Nürnberg war bereits einmal in Burgund, aber zum ersten Mal mit dem Heinrichsblatt unterwegs. „Das war einfach etwas ganz anderes. Wir haben so viele neue Informationen und Eindrücke sammeln können.“ Viele andere fahren immer wieder mit auf Leserreise. Die Fahrt nach Burgund hat ihnen Lust auf mehr gemacht. Eine Mitreisende meinte gar: „Wenn ich nur besser Französisch sprechen könnte, würde ich gleich wieder auf eigene Faust nach Burgund Reisen.“
Datum: 02.06.2010
Volker Poerschke

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