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Mittwoch 20.08.2014, 22:27 Uhr
(c) 2014 Heinrichsblatt

Hunger im Überfluss
Zum Erntedank: Das Heinrichsblatt im Gespräch mit dem Umweltbeauftragten der Erzdiözese, Klaus Schwaab

Erntedank – Zeit für unser tägliches Brot zu danken. Für einen ausreichend und abwechslungsreich gedeckten Tisch danken zu können, ist keineswegs selbstverständlich. Haben hier zu Lande viele Menschen verlernt zu danken, weil der Überfluss selbstverständlich geworden ist, können andernorts viele Menschen nicht für etwas danken, was sie nicht haben. Eine Milliarde Menschen hungern, schätzt die Welternährungsorganisation FAO. Zwei Milliarden Menschen – in Deutschland leben rund 80 Millionen – sind fehlernährt, teils aus Mangel, teils durch ein Übermaß. Schätzungsweise eine Milliarde sind übergewichtig.

„Dabei müsste es keinen Hunger geben“, sagt Klaus Schwaab, Agrarreferent und Umweltbeauftragter der Erzdiözese Bamberg, und verweist auf den Weltagrarbericht. Auf Initiative von Weltbank und Vereinter Nationen haben an die 500 Wissenschaftler aller Kontinente und Fachrichtungen vier Jahre lang zusammengearbeitet und sich der Frage gestellt, wie Hunger und Armut verringert werden kann. „Heute werden etwa 30 Prozent Kalorien mehr erzeugt, als wir für die Versorgung aller Menschen bräuchten“, macht Schwaab deutlich. Wie aus dem Bericht hervorgeht, stieg die Weltbevölkerung in den vergangenen vierzig Jahren auf etwa 6,6 Milliarden Menschen und hat sich damit verdoppelt. Die Produktion der Landwirtschaft im gleichen Zeitraum stieg etwa auf das Zweieinhalbfache an – wobei ein wachsender Anteil dieser Produktion nicht der menschlichen Ernährung dient, sondern als Tierfutter, Treibstoff oder für industrielle Zwecke Verwendung findet. Ein weiterer Teil landet im Müll.

Natürlich kann ich Überfluss, der hier in Europa produziert wird, nicht einfach einpacken und nach Afrika schicken. „Der Hunger muss vor Ort überwunden werden“, so das Fazit im Weltagrarbericht. Eine Umverteilung der Produktion ist langfristig möglich. Ein Beispiel: Soja. Für die Fleischproduktion wird immer mehr Sojaschrot beispielsweise aus Brasilien nach Deutschland importiert. Vereinfacht gesagt: Würde hier weniger Fleisch konsumiert, könnten in Brasilien mehr Flächen für die Lebensmittelproduktion genutzt werden.
„Zwei Drittel der europäischen Getreideproduktion dienen als Futtermittel“, erklärt Klaus Schwaab. Weltweit gingen etwa 35 Prozent des Getreideanbaus in die Fleischproduktion, 46 Prozent in die Lebensmittelproduktion und 18 bis 20 Prozent würden für Sprit und Industrie genuzt.

„Neun bis Zehn Energie-Einheiten muss ich in ein Rind stecken um eine Einheit rauszuholen.“ Bei Schweinen sei das Verhältnis etwa 3 zu eins. Da die Fläche in Deutschland für den Fleischkonsum nicht ausreiche, würden immer mehr Flächen außerhalb benötigt, vor allem in Indonesien oder Brasilien. „1963 wurden global 80 Millionen Tonnen Fleisch produziert“, sagt Schwaab. Bis 2003 habe eine Verdreifachung stattgefunden. Damals waren es bereits 250 Millionen Tonnen. Rein rechnerisch kämen weltweit auf einen Menschen 39 Kilogramm im Jahr. Der Deutsche verbraucht pro Kopf etwa 83 Kilogramm Fleisch im Jahr.

Das Beispiel Sojaschrot macht darüber hinaus ein weiteres Problem deutlich: die Produktionsbedingungen. Kleinbauern werden verdrängt, Landarbeiter schlecht bezahlt oder ausgebeutet. Die Gesundheit von Menschen und Umwelt durch den großflächigen Einsatz von Pestiziden, Herbiziden oder Düngemitteln gefährdet. „Ausländische Unternehmer kaufen das Land – ein verbuchtes Landrecht wie hier gibt es nicht – vertreiben die Bauern und bauen großflächig Rosen oder Soja an, oder sonst etwas“, erklärt der Umweltbeauftragte. Land-Grabbing nennt sich dieser Trend, dem viele Regierungen zusehen, da sie nicht selten selbst davon profieren würden. Durch die intensive, nicht nachhaltige Bewirtschaftung der Flächen entstünden darüber hinaus langfristige negative Folgen, etwa die Absenkung des Grundwasserspiegels oder zunehmende Erosion.

„Wir exportieren den Hunger“, formuliert es der Umweltexperte. „Wir exportieren den Hunger, durch den Klimawandel, der überwiegend in den Industrieländern verursacht wird“. Für Schwaab ist deshalb klar: „Ein ,Weiter so‘ ist keine Option.“ Wenn es uns ernst sei mit dem Kampf gegen Hunger und Armut, müssen wir mit Nachdruck etwas gegen den Klimawandel tun. „Natürlich brauchen die Menschen kurzfirstig unsere Hilfe und Spenden“, betont Schwaab. Langfristig aber liege der Schlüssel der Hungerbekämpfung im Klimaschutz und darin, die Rechte der Kleinbauern vor Ort zu stärken.
Hier vor Ort könnten wir zum Beispiel konkret versuchen, weniger Energie zu verbrauchen, bewusster zu konsumieren – weniger Fleisch zum Beispiel oder unsere Wegwerf-Quote senken, uns gegen den wachsenden Flächenschwund einsetzen, eine nachhaltige Landwirtschaft unterstüzen oder über den Umgang mit „Energiepflanzen“ nachdenken. „Aus einem Hektar Raps oder Mais gewinne ich etwa 1400 Liter Öl“, erklärt Schwaab. Getreide mache auf der gleichen Fläche etwa 3000 Liter möglich. Eine Biogasanlage produziere aus einem Hektar äquivalent rund 5000 Liter. Eine Fotovoltaikanlage auf einem Hektar produziert – umgerechnet zum Öl – 50 000 Liter. Etwa gleich viel wie ein Windrand – um das herum – auf einem Hektar – noch Getreide angebaut werden könnte.

Und wir können uns auch hier einsetzen für die Verbesserung der Situation von Kleinbauern in armen Ländern, damit diese an die Situation angepasste Lösungen realisieren können und in ihren Rechten gestärkt werden – zum Beispiel über kirchliche Hilfswerke wie Misereor oder Adveniat oder durch den Kauf fair gehandelter Produkte. Es gibt vieles, das wir – in Dankbarkeit für unser tägliches Brot – tun können. Schritt für Schritt.

Datum: 30.09.2011
Autor: Brigitte Pich

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