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Haus Moriah Josef-Kentenich-Institut (JKI) Diplomarbeiten Diplomarbeit Herter 08

8. Weiterleitung

8.1. Die Weiterleitung im Zusammenhang mit der Übertragung

Die Weiterleitung muss immer in Zusammenhang mit der Übertragung gesehen werden. Es ist letztlich ein Vorgang, der nur methodisch getrennt wird, um verschiedene Akzente herauszustellen: "Wie ersichtlich, ist im Gesetz der organischen Übertragung immer und allezeit das Gesetz der organischen Weiterleitung inbegriffen: sowohl bei Gott als auch beim Kinde. Trotzdem spricht man noch eigens vom Gesetz der organischen Weiterleitung per eminentiam, wenn man nicht so sehr im Menschen Gott, sondern mehr Gott im Menschen sieht und liebt, wenn der Mensch aus dem bewussten Seelenleben mehr - aber nicht ganz - zurücktritt, ohne dass jedoch das seelische Ineinander irgendwie gestört wird. Es handelt sich nur um eine andere Seite desselben Lebensvorganges."[373]

Bei der Übertragung wird mehr beleuchtet, dass natürliche Beziehungen auf die Gottesbeziehung prinzipiell offen sind; bei der Weiterleitung steht im Mittelpunkt, dass sie tatsächlich realisiert wird.[374] Über die große und bleibende Bedeutung der Zweitursachen und ihre Eigenwertigkeit in der Konzeption J. Kentenichs hinaus stellt J. Kentenich bei der Weiterleitung das letzte Ziel des ganzen Übertragungs- und Weiterleitungsvorgangs heraus: es ist die Beziehung des Menschen zu Gott, der alle Beziehungen innerhalb der natürlichen Welt untergeordnet sind und die diesem Ziel dienen: "Gott will uns für sich haben, daran dürfen wir nicht rütteln. Er will uns absolut, mit allen Fäserchen unseres Seins, und zwar jeden Trieb: den Kindestrieb, den väterlichen, den mütterlichen, schwesterlichen, brüderlichen, bräutlichen Trieb: Gott mein Alles! Gott will alle Liebestriebe bis in die letzten Verzweigungen an sich gebunden wissen."[375] Gott will also durch alle menschlich möglichen Ausdrucksformen der Liebe hindurch geliebt werden. Dabei werden die menschlichen Beziehungen aber nicht aufgegeben, sondern haben ihre bleibende Bedeutung und werden in die Beziehung zu Gott hineingenommen, ja bis über den Tod hinaus haben sie nach J. Kentenich Bestand.[376]

Bei der Übertragung ist das Subjekt der Handlung einmal Gott (theologische Übertragung) und einmal der Mensch (psychologische Übertragung). Bei der Weiterleitung kommt die Funktion des Zwischengliedes zwischen beiden zur Sprache, also die jeweilige Zweitursache. Die Zusammenhänge sollen im folgenden anschaulich dargestellt werden:

Die Übertragung geschieht von Gott her, der etwas von sich (Eigenschaften) auf Zweitursachen überträgt:

                    G ---------------> Z

Und sie geschieht vom Menschen her, der von einer Zweitursache (meist: Mensch), an die er gebunden ist, auf Gott die in der Beziehung aktivierten Gefühle und Vorstellungen/Bilder überträgt:

                    M --------- Z ----------> G

Die Folge ist, dass der Mensch auch zu Gott Beziehung aufnehmen kann:

                    M -------------- G

Bei der Weiterleitung ist die Funktion der Zwischenglieder zwischen Gott und Mensch gemeint, also der Zweitursachen. Sie "leiten weiter":

                    M <- - - - - Z - - - - - > G

Im Schaubild wird deutlich, dass eine Weiterleitung in zwei Richtungen geschieht, nämlich von Gott zum Menschen und vom Menschen zu Gott.

8.2. Weiterleitung von Gott zum Menschen

Die Weiterleitung von Gott zum Menschen liegt in der theologischen Übertragung begründet, in der Gott Menschen oder Zweitursachen an seinem Sein teilhaben lässt. Im Sinne der Analogia entis werden diese Geschöpfe zu Abbildern Gottes. Sie weisen auf den Schöpfer hin, sind Symbol oder Transparent für Gott. Dadurch haben sie eine Weiterleitungsfunktion aufgrund ihres geschöpflichen Seins (ontologische Ebene).

Der Mensch als freies, vernunftbegabtes Wesen, hat nicht nur eine Weiterleitungsfunktion auf der ontologischen Ebene, sondern auch auf der Ebene der Handlung (aktionale Ebene): Durch seine Haltung, seine ethisch- verantwortliche Einstellung und durch sein Wort und Tun transportiert er bewusst oder unbewusst, verbal oder nonverbal ein Gottesbild.

Auf Eltern und Erzieher angewendet heißt das: Indem Eltern und Erzieher Liebe, Zuneigung, Hilfsbereitschaft, Schutz usw. erfahren lassen, bezeugen sie, wie Gott an den Menschen handelt. Eltern und Religionspädagogen sind umso mehr transparent auf Gott hin, je mehr sie "gottähnlich" sind und handeln; d.h. durch ihre liebende Zuwendung zum Kind oder Jugendlichen weisen sie auf die Liebe Gottes hin; durch ihre wahrhaftes Tun auf die ewige Wahrheit Gottes; durch ihre Gerechtigkeit auf die Gerechtigkeit Gottes; durch ihre Kraft (die für das zum Leben Notwendige sorgt, die Schutz und Sicherheit gibt) auf die Allmacht Gottes. Ihr Handeln, das von der Liebe geprägt ist, spricht nonverbal von der Güte Gottes. Ein entsprechendes Gottesbild wird auf der Handlungsebene transportiert. Die Liebe Gottes "inkarniert" sich gleichsam im Tun des Menschen. Natürlich können Eltern und Erzieher auch in ihrer Weiterleitungsfunktion versagen, dann transportieren sie ein negatives Gottesbild, auch wenn sie in Worten vom "lieben Gott" sprechen. Nonverbal sind sie Träger der gegenteiligen Botschaft.

8.3. Die Weiterleitung vom Menschen zu Gott

8.3.1. Der Mensch im Verhältnis zur Weiterleitung

Die Weiterleitung zu Gott hin ist eine Funktion des Zwischengliedes. Dabei ist vorab aber noch zu berücksichtigen, wie sich der Mensch, der weitergeleitet werden soll, dazu verhält. Normalerweise geschieht die Weiterleitung spontan, ohne dass der einzelne sich dessen recht bewusst wird (unreflexiv), wie es in der Dynamik des psychologischen Vorganges liegt. Oder er wird von den Eltern und vom Erzieher dazu angeregt. Beide Male kommt der Anstoß von außen (s.u.).

Der betroffene Mensch kann aber die Weiterleitung auch aus eigenem Antrieb suchen, dann kommt der Anstoß von ihm selbst, von innen. Das ist dann der Fall, wenn das Kind oder mehr noch der Jugendliche bewusst oder aus einem inneren Drang heraus hinter den Zweitursachen nach mehr und tieferem sucht, wenn er nach der Ursache von allem Geschöpflichen zurückfragt.

Der Mensch kann sich auch gegen eine Weiterleitung sperren oder sich bewusst gegen eine Gottesbeziehung entscheiden. In der Freiheit des Menschen liegt eine Grenze für die Realisierung der Gottesbeziehung, auch wenn die Berücksichtigung des Gesetzes der organischen Übertragung und Weiterleitung den Boden für eine positive Entscheidung auf der psychologischen Ebene bereitet hat.

8.3.2. Spontane Weiterleitung

"Spontan" oder "unreflexiv" ist die Weiterleitung hin zu Gott, wenn sie nicht bewusst intendiert wird, sondern sich aus den Umständen der Beziehung von selbst ergibt.

J. Kentenich unterscheidet eine positive und eine negative Weiterleitungsfunktion. "Positiv" ist die Weiterleitungsfunktion, wenn der Anstoß zur Weiterleitung von einem positiven Erlebnis der Bezugsperson oder des Gegenstandes ausgeht. "Negativ" nennt J. Kentenich die Weiterleitungsfunktion, wenn die Beziehung mit Erfahrungen von "Enttäuschung"[377] verbunden ist, d.h. wenn sie den Erwartungen nicht entspricht oder bestimmte Bedürfnisse nicht voll befriedigen kann und die Beziehung als negativ erlebt wird. Die Enttäuschung weckt die Sehnsucht, nach einer Beziehung zu suchen, die befriedigender ist.

Ein Beispiel für die positive Weiterleitungsfunktion ist, wenn in der Familie das Kind von der Mutter zum Vater weitergeleitet wird, ohne dass die Mutter etwas dazutun muss. Sie kann diese Weiterleitung unterstützen, aber es ist vor allem ein spontaner Vorgang, bei dem es vor allem darauf ankommt, dass die Mutter in einer für das Kind erfahrbaren Beziehungsnähe zum Vater steht. Dasselbe gilt, wo sich diese Primärbeziehungen auf die Geschwister und auf weitere Personenkreise ausweiten. Die Eltern leiten weiter, das Kind überträgt und bindet sich an neue Bezugspersonen. Das gilt auch für die pädagogische Beziehung zum Erzieher und für die religionspsychologische Übertragung und Weiterleitung von Eltern und Erzieher hin zu Gott: "Wenn die feinsten Fäserchen der Seele mit einer Persönlichkeit verbunden sind, dann wird in der gesunden, normalen Entwicklung des Zöglings das Gesetz der Loslösung (= Weiterleitung[378]) von selber Wirklichkeit werden, das heißt: zugunsten eines Dritten, in unserem Fall zugunsten Gottes."[379]

J. Kentenich sagt an anderer Stelle, dass es in der Entwicklung einer gesunden Beziehung "gewisse Gesetzmäßigkeiten" psychologischer Art gibt, die zu einer Weiterleitung auf andere Bezugsobjekte hin führen.[380] Demnach sind gesunde Beziehungen immer offen für weitere Beziehungen, vor allem auch offen auf Gott hin. Die Weiterleitung ist also in der Natur des Menschen und der Beziehung begründet. Das gilt für alle Arten von Beziehungen.[381] Die Offenheit auf Gott hin liegt in der Anlage des Menschen begründet, der eine "natürliche Sehnsucht nach Gott"[382] in sich trägt.

Da der Mensch seinem Wesen nach auf Gott und das Absolute angelegt ist, kann ihn die Bindung an die Geschöpfe, so wichtig diese von J. Kentenich auch gesehen sind, nicht vollständig befriedigen.[383] Die geschöpfliche Wirklichkeit ist endlich, begrenzt. Sie hat nach J. Kentenich eine dreifache Funktion, die zur Gottesbeziehung hinführen soll: Reizfunktion, Enttäuschungsfunktion und Weiterleitungsfunktion[384]. Die Reizfunktion bedeutet, dass die menschlich-natürliche Liebe "geweckt" wird und eine Beziehung auf der natürlichen Ebene zustande kommt. Wenn die natürliche Liebesfähigkeit nicht aktiviert wird, dann hält J. Kentenich auch eine übernatürliche Liebe nicht für möglich.[385]

Durch die Enttäuschung wird die Weiterleitung angestoßen (negative Weitleitungsfunktion). Dabei kommt die Weiterleitung von selber - unreflexiv - zustande: "Diese kommt von selber, da brauchen die Eltern nicht dafür zu sorgen. (...) Die geschaffenen Dinge enttäuschen mich. Diese Enttäuschungsfunktion ist ein vorzügliches Mittel zur Weiterleitungsfunktion."[386] Es ist unumgänglich, dass der Mensch von den Geschöpfen enttäuscht wird. Materieller Besitz, geistige Güter (Kunst, Kultur, Wissenschaft, usw.), nicht einmal die menschlichen Beziehungen in Freundschaft, Ehe und Familie sind davon ausgenommen.[387] Es bleibt bei aller menschlich-natürlichen Befriedigung ein gewisses letztes Vakuum, das nur von Gott gefüllt werden kann, und das auch nicht unter den Bedingungen dieser Welt, sondern erst nach dem Tod in der Erfüllung bei Gott. Mit Augustinus sagt J. Kentenich daher: "O Gott, du hast unser Herz auf dich erschaffen; unruhig ist es, bis es ruht in dir."[388]

Damit spricht J. Kentenich dem Begrenztheitscharakter der Geschöpfe einen positiven Sinn zu. Sie enttäuschen, um zu Gott weiterzuleiten. Das gelingt aber nicht immer, und zwar dann nicht, wenn sich der Mensch, der zu Gott weitergeleitet werden soll, dagegen sperrt oder wenn die Enttäuschung so groß ist, dass der Mensch nicht mehr den guten Gott zu erkennen vermag, sondern an der Enttäuschung zerbricht. Die Folge ist "Verbitterung"[389] oder "Pessimismus"[390].

Auch in der pädagogischen Beziehung zwischen Erzieher und Jugendlichem wird es immer wieder Enttäuschungen geben. Das ist schon deswegen unvermeidlich, weil der Jugendliche anfangs die Neigung hat, den Erzieher überhöht, idealisiert zu sehen. Im Laufe der weiteren Entwicklung muss er dessen Schwächen wahrnehmen und ein realitätsangepassteres Bild vom Erzieher bekommen, er wird in einem positiven Sinn "ent-täuscht".[391] Wenn jedoch der Erzieher den Jugendlichen zu sehr enttäuscht, kann es zu einer Blockierung der Weiterleitung kommen oder zur Übertragung eines negativen, falschen Gottesbildes.[392]

8.3.3. Bewusst herbeigeführte Weiterleitung

a. Notwendigkeit der Weiterleitung

Eltern und Erzieher haben nach J. Kentenich auch die Pflicht, das Kind bzw. den Educandus bewusst weiterzuleiten.

Ein Fehlen der Weiterleitung führt zu verschiedenen Verengungen in der Lebensgestaltung und ganzheitlichen Personwerdung von Kind und Educandus. Wird das Kind nicht von der Mutter zum Vater weitergeführt, und bleibt das Kind allein bei den beiden Primärbeziehungen stehen, bleibt es zeit seines Lebens in seinen sozialen Fähigkeiten gestört und kontaktschwach. Es kann sich auch nicht selbständig mit der Wirklichkeit konfrontieren, wenn es auf die primären Elternbindungen fixiert bleibt.

Die Weiterleitung dient der kindlich-jugendlichen Entwicklung. Ziel ist der freie, verantwortungsfähige Erwachsene, der einen gesunden Selbststand erobert verbunden mit einer gewissen emotionalen Unabhängigkeit und Mündigkeit. Dasselbe Ziel gilt für den Erzieher.

Es geht nun weiter um die Frage, wie Eltern und Erzieher die Weiterleitung bewusst unterstützen können.

b. Weiterleitung durch Verzicht

Weiterleitung kann einen Verzicht auf Nähe und Beisammensein nach sich ziehen, bzw. es kann in manchen Fällen nur eine Weiterleitung erfolgen, wenn vorher ein Verzicht geübt wird.

Kinder neigen dazu, ihre Eltern für sich ganz allein zu beanspruchen. Das Kind muss aber lernen, dass die Eltern auch noch andere Verpflichtungen haben, z.B. die Arbeit. Es muss auf seinen ausschließlichen Beziehungsanspruch verzichten. Gleichzeitig versuchen die Eltern, dem Kind neue Kontaktmöglichkeiten (z.B. zu anderen Kindern) zu erschließen. Auch die Eltern leisten dabei einen Verzicht, nämlich dass sie das Kind nicht mehr nur für sich allein haben. Der Verzicht auf die Ausschließlichkeit der Beziehung zwischen Eltern und Kind unterstützt die soziale Kompetenz des Kindes. Es handelt sich also um einen Verzicht im Dienste neuer Beziehungsmöglichkeiten.[393]

Ähnliches soll auch der Erzieher einem Jugendlichen gegenüber leisten, indem er etwa dafür sorgt, dass der Jugendliche sich einer religiösen Gruppe, Pfarrgruppe o.ä., anschließt, oder ihn in dem Wunsch unterstützt, einem Verein beizutreten. 

Verzicht kann auch der Selbständigwerdung und Reifung des Kindes oder Jugendlichen dienen. Kinder müssen altersgemäß behandelt werden, damit sie sich altersgemäß entwickeln können. Das bedeutet den Entzug von materiellen Dingen und von Hilfeleistungen im Dienste der Selbständigkeit des heranwachsenden Kindes. Für das Kind ist der Verzicht mit Enttäuschung verbunden. Wenn aber eine Maßnahme zur rechten Zeit geschieht, soweit möglich erklärt wird, zur Selbständigkeit ermuntert wird (beispielsweise selber zu essen statt sich schieben zu lassen, auf die Stützräder am Fahrrad zu verzichten) und weiter mit spürbarer Liebe begleitet wird, dann ist der Verzicht für die weitere Entwicklung des Kindes förderlich.

Angewandt auf den Erzieher: Sein Ziel ist es, sich auf die Dauer überflüssig zu machen, weil der Jugendliche mehr und mehr lernt, mit seinen Problemen alleine fertig zu werden.[394] Darum stellt J. Kentenich an ihn die Forderung: "Sie dürfen nicht darauf hindrängen, dass das Mädchen (oder: der Jugendliche; d.V.[395]) an Sie gebunden bleibt."[396] Grund dafür ist, dass ein gesunder Jugendlicher das auf die Dauer nicht aushält. Er will sich nicht gegen seinen Willen oder mehr als er es selbst als nötig erachtet an einen Erzieher binden, sondern seinen Selbststand soweit als möglich gewahrt wissen. J. Kentenich weiter: "Wenn Sie das tun, dann dürfen Sie sicher sein: Ein edles Mädchen hat Abscheu vor Ihnen. Das kann man nur für kurze Zeit tun, sonst laufen alle weg."[397] Der Verzicht auf eine zu enge Bindung erschließt dem Jugendlichen neue Beziehungsmöglichkeiten, ermuntert ihn, zu anderen Menschen Kontakt aufzunehmen. Das schließt ein, dass der Erzieher in seiner Rolle immer mehr zurücktritt zugunsten der eigenen Entwicklung des Jugendlichen: "Je mehr ich wahre Erzieherin bin, desto mehr mache ich mich überflüssig."[398] Die Bedürfnisse, die Person des Jugendlichen stehen an erster Stelle. Ziel ist die Selbständigkeit des Jugendlichen, nicht die Abhängigkeit vom Erzieher, auch wenn es dem Erzieher noch so gut tut, von dem Educandus gebraucht und geliebt zu werden. Wenn der Erzieher den Jugendlichen mehr braucht als der Jugendliche ihn, besteht die Gefahr, dass der Erzieher nicht das Nötige tut, um dem Jugendlichen weiterzuhelfen, sondern ihn in einem künstlichen Abhängigkeitsverhältnis hält.

Im Verzicht selber liegt nach J. Kentenich eine Dynamik, die dafür sorgt, dass eine Beziehung nicht erkaltet.[399] Zuviel Beisammensein schadet auf die Dauer einer Beziehung mehr, als es ihr nützt. Der Partner in der Beziehung wird sonst langweilig oder fängt an, "einem auf die Nerven zu gehen". Jeder der beiden Partner braucht seinen eigenen Raum, sonst kann er sich nicht frei fühlen. Eine gesunde Balance zwischen Nähe und Distanz muss gefunden werden. Das gilt für jede Beziehung, auch für die pädagogische. Der Erzieher muss ein besonderes Fingerspitzengefühl entwickeln, um zu spüren, wann der Jugendliche mehr Kontakt und Zeit braucht und wann nicht. Allgemein ist die pädagogische Beziehung auf die Dauer nicht auf viel physisches Beisammensein angewiesen, um fruchtbar zu sein.[400]

Aus einer mehr gläubigen Sicht und aus der aszetischen Erfahrung herkommend sieht J. Kentenich im Verzicht auf sonst sehr hoch eingeschätzte Güter (materieller und geistiger Art, auch menschliche Beziehungen) eine Möglichkeit, um zu einem "höheren" Gut zu gelangen, also letztlich zur Beziehung zu Gott.[401] Das ist wohl so zu erklären, dass die ausschließliche Bezogenheit auf "niedere" Güter (z.B. materielle) die ganzen Seelenkräfte "binden" können und so keinen Raum mehr lassen für "höhere" Güter oder "blind" für sie machen. J. Kentenich redet von einer "Versklavung": "Wir ringen um Gott und wollen ganz frei werden für Gott. Die Dinge können uns mit Sklavenketten fesseln - deshalb müssen wir einen Befreiungskampf führen. Ich will mich freikämpfen von diesen Dingen, die mich versklaven, freikämpfen für Gott."[402]

c. Weiterleitung durch Hinweise[403]

Das persönliche Lebenszeugnis kann nach J. Kentenich ein überzeugender Hinweis auf Gott sein. Haltungen, Handlungen, die von einer Glaubensüberzeugung getragen sind, und religiöse Ausdrucksformen beeindrucken andere Menschen und können zur Suche nach einer eigenen Gottesbeziehung provozieren. J. Kentenich nennt das einen "seinsgemäßen Hinweis" im Unterschied zum "wortgemäßen Hinweis".

Ein seinsgemäßer Hinweis ist es beispielsweise, wenn das Kind die Eltern als religiöse Menschen erlebt: wie sie beten, Gottesdienst feiern und so ihren Glauben offen vor dem Kind praktizieren.

Der "wortgemäße Hinweis" erfolgt durch ein klärendes Wort, durch inhaltliche Belehrung und Unterweisung und durch Anweisung und Ermunterung zu religiösen Handlungen.[404] Hier sind alle Orte der Glaubensweitergabe und Katechese angesprochen: in der Familie, Religionsunterricht, Pfarreikatechese, Vortrag, Gespräch, Diskussion. Hier gälte es nun anzusetzen mit Überlegungen zur inhaltlichen und didaktischen Glaubensvermittlung. Das ist aber nicht mehr Gegenstand dieser Arbeit.


 



[373] St 49, 231 (in: Causa, 128).

 

 

 

[374] Vgl.: Vautier, Maria, 292.

 

 

 

[375] ME 34, 161.

 

 

 

[376] Vgl.: ChT 51, 16 (in Causa, 148): "Nicht so, als ob wir die Liebe zu den Geschöpfen abstreifen sollten, das wäre mechanistisch. Die Geschöpfe sollen und dürfen wir in gesunder Weise mit hineinnehmen in Gott, ja in die visio beata. Sie ist ein seliges Ineinander zwischen Gott und uns und allen, mit denen wir in Gemeinschaft stehen."

 

 

 

[377] Vgl.: Causa, 13.

 

 

 

[378] J. Kentenich gebrauchte anfangs den Begriff "Loslösung" oder "Losschälung", bevor er den Begriff "Weiterleitung" fand. Ab ME 34 gebraucht er konsequent immer "Weiterleitung". Vgl.: Czarkowski, 234.

 

 

 

[379] JPT 31, 120.

 

 

 

[380] Vgl.: ChT 51, 32 (in: Causa, 149): "Wenn ich Gott in den Eltern liebe oder die Eltern in Gott, dann gibt es auch gewisse Entwicklungsgesetze. Früher oder später kommt die Zeit, dass der Akzent sich verschieben lässt. Die Eltern (...) treten etwas zurück und Gott in den Mittelpunkt."
Diese psychologischen Gesetzmäßigkeiten sind das Gesetz der Übertragung und und die weiter unten ausgeführte Enttäuschungsfunktion.

 

 

 

[381] Vgl. ME 34, 161; ChT 51, 33 (in: Causa, 149f).

 

 

 

[382] FP 54, 344. Vgl.: WH 37, 19ff; PT 51, 24-35; FP 54, 344-348.426.

 

 

 

[383] Vgl.: Schlosser, 55.

 

 

 

[384] Vgl.: ChT 51, 16.31-34 (in: Causa, 148-151).

 

 

 

[385] Vgl.: ChT 51, 16 (in: Causa, 148).

 

 

 

[386] FrM 46, 52 (in: Causa, 110).

 

 

 

[387] Vgl.: ExMü 50, 16-18 (in: Causa, 138, gesprochen zu Schönstatt-Müttern): "Wir alle haben früher oder später die Erfahrung gemacht, dass es Zeiten gibt, wo die Reizfunktion so stark ist, dass wir nicht widerstehen können, dass wir die Dinge und Geschöpfe fast anbeten. Dann kommt früher oder später der Finger Gottes, der uns darauf hinweist, dass alle geschaffenen Dinge nur Zwischendinge sind, die zwischen Gott und uns stehen und die Aufgabe einer Weiterleitungsfunktion haben. Sie sollen uns weiterleiten hinein in das Herz Gottes. Auch der Mann und unsere Kinder sollen unsere Liebe wecken, unsere innerste Gesinnung berühren. Aber wir dürfen nicht dabei stehen bleiben. Diese Dinge dürfen uns nicht wegtreiben von Gott - auch nicht die Liebe zu Mann und Kind, zu Vater und Mutter -, sondern sie sollen uns weiterleiten. (...) Die Dinge enttäuschen uns, alles enttäuscht uns letzten Endes, alles ohne Ausnahme."

 

 

 

[388] Augustinus: Confessiones, I, 1.
FP 54, 244. Vgl.: Ost 51, 28f (in: Causa, 141); PT 51, 24: "Dieses Heimweh, diese Sehnsucht nach Gott, nach dem Jenseits, nach dem Übernatürlichen kann unterdrückt werden, kann auch irregeleitet werden, kann aber auf die Dauer nicht übertönt und unterminiert werden."

 

 

 

[389] Vgl.: FrM 46, 52 (in: Causa, 110): "Wenn ich einen Menschen schier anbete, kommt plötzlich die Enttäuschungsfunktion an mich heran. Und die schwersten Enttäuschungen erleben edle Menschen nur zu oft an ihren Vorgesetzten. Wenn ich nun diese Krise nicht benutze als Weiterleitungsfunktion zu Gott, gehöre ich bald zum Meer der verbitterten Menschen."

 

 

 

[390] Vgl.: ExMü 50, 16-18 (in: Causa, 138): "Was wird die Wirkung sein? Entweder werden wir Pessimisten, werfen alles von uns und wissen mit Welt, Menschen und Dingen nichts mehr anzufangen, oder aber wir steigen durch die Enttäuschung hinauf zum Urquell, zum unendlichen Gott."

 

 

 

[391] Vgl.: s.o. Kap. 6.3.2.c.

 

 

 

[392] Vgl.: JPT 31, 122. "Ein derartiges Kindesverhältnis (= pädagogische Beziehung der geistlichen Elternschaft; d.V.) schließt eine ganze Unsumme von Leid in sich, (...) zumal wenn es sich um religiöse Naturen handelt. Wenn da etwa die Furcht vorhanden ist: Das Verhältnis ist getrübt - dann meint man: Also hat der Himmelsvater mich nicht mehr gern! Also ist die Gottesmutter 'nicht mehr gut mit mir'."

 

 

 

[393] Vgl.: FrM 46, 52 (in: Causa, 110): "Gesunde Eltern sorgen auch dafür, dass ihre Kinder mit anderen Kindern zusammenkommen, dass sie auch eine andere Fühlung bekommen. Es darf nicht alle Liebeskraft von den Eltern allein angesogen werden. Die Eltern leiten dadurch die Kinder an zum Verzicht."

 

 

 

[394] Vgl.: JPT 31, 126.

 

 

 

[395] Angeredet sind in dem Zitat Mädchenerzieherinnen.

 

 

 

[396] JPT 31, 126.

 

 

 

[397] JPT 31, 126.

 

 

 

[398] JPT 31, 126.

 

 

 

[399] Vgl.: ChT 51, 33 (in: Causa, 149).

 

 

 

[400] Vgl.: JPT 31, 123f.

 

 

 

[401] Vgl.: JPT 31, 115 (Anm. 6).

 

 

 

[402] FrM 46, 52 (in: Causa, 110).

 

 

 

[403] Vgl.: ChT 51, 33-34 (in: Causa, 149f).

 

 

 

[404] Vgl.: Causa, 13.

 

 

 

 

 

 
 

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