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Haus Moriah Josef-Kentenich-Institut (JKI) Diplomarbeiten Diplomarbeit Herter 04

4. Theologische Übertragung

4.1. Einleitung

J. Kentenich nennt das Gesetz der organischen Übertragung und Weiterleitung "psychologisch". Auf der endgültigen Formulierungsstufe des Gesetzes der organischen Übertragung und Weiterleitung beschreibt er damit aber gar nicht rein psychologische Vorgänge im heutigen wissenschaftlichen Verständnis. Denn, was die Überschrift dieses Kapitels nahelegt, tritt hier zunächst Gott als der Handelnde auf den Plan. Es vermischen sich die beiden Ebenen der Psychologie und der Theologie. Das Gesetz der organischen Übertragung und Weiterleitung beschreibt das dynamische Geschehen zweier Partner - Gott und Mensch -, die sich aufeinander zubewegen. Es berücksichtigt stark psychologische Gesetzmäßigkeiten, aber ohne das gnadenhafte Tun Gottes zu vernachlässigen. Denn ohne den göttlichen Partner kann die Beziehung zwischen Mensch und Gott nicht zustande kommen. Die Unterscheidung "theologische Übertragung" und "psychologische Übertragung" soll den beiden Ebenen gerecht werden. Die getroffene Unterscheidung entspricht bei J. Kentenich den Ausdrücken "metaphysische Wurzel" und "psychologische Wurzel"[118]. Der erste Begriff setzt bei Gott als dem Handelnden an, von dem alles ausgeht und der den ganzen Vorgang trägt; der zweite Begriff betrachtet das Geschehen aus der Sicht des Menschen.

Die theologische Übertragung fasst J. Kentenich in dem kurzen Satz zusammen: "Gott überträgt auf Zweitursachen seine Macht, seine Vollkommenheit, sein Recht."[119]

In der folgenden Darstellung soll dieser Satz näher aufgeschlüsselt werden.

4.2. Gott als ermöglichender und tragender Grund des Gesetzes der organischen Übertragung und Weiterleitung

Das Subjekt der theologischen Übertragung ist Gott. Dem Gesetz der organischen Übertragung und Weiterleitung liegt das von J. Kentenich als "Weltregierungsgesetz" bezeichnete thomistische Axiom zugrunde: "Deus operatur per causas secundas liberas, Gott handelt durch freitätige Zweitursachen"[120]. Unter Berufung auf den großen und anerkannten Kirchenlehrer liefert dieses "Gesetz" die theologische Begründung für das ganze "Gesetz der organischen Übertragung und Weiterleitung". Die Mitwirkung des Menschen sowie die Berücksichtigung der Psychologie werden als von Gott gewollt beschrieben. Von Gott allein geht die Initiative aus. Die erste Übertragung in der ganzen Reihe möglicher Übertragungen ist die von Gott her. Alle anderen Übertragungen und die Weiterleitung von Seiten des Menschen werden durch sie ermöglicht. Gott umfängt den ganzen Vorgang als tragender Grund, sowohl was die theologische Seite betrifft wie auch die psychologische.

4.3. Schöpfung und Mensch als Empfänger der theologischen Übertragung

Empfänger oder Finalobjekt der theologischen Übertragung sind alle Zweitursachen, also alles Geschaffene.[121] Im einzelnen werden u.a. erwähnt: Dinge, Pflanzen und Tiere[122], Orte (im Sinne von Wallfahrtsorten und Heimat)[123], Menschen im allgemeinen[124], Mann und Frau / Freunde[125]. Die häufigsten Beispiele sind Eltern[126] und Erzieher[127], die uns in dieser Arbeit am meisten interessieren. Mit dem Gesetz der organischen Übertragung und Weiterleitung reflektiert J. Kentenich auch die Bedeutung der kirchlichen Autorität[128], der Heiligen[129]; besonders interessiert ihn die Stellung von Maria[130].

4.4. Übertragung als theologischer Vorgang

Ganz allgemein spricht J. Kentenich davon, dass Gott etwas von seinen "Eigenschaften", "Vollkommenheiten" und "Rechten" überträgt.[131] Die folgende Analyse soll klären, was das genauer besagt, dass "Gott überträgt": Was heißt das von Gott her, was bedeutet es für den Menschen, was verändert sich?

Theologisch lassen sich zwei Weisen der Übertragung oder der Teilgabe unterscheiden: Teilnahme aufgrund der Schöpfungswirklichkeit, die alles Geschaffene betrifft, den Menschen eingeschlossen (schöpfungstheologisch), und Teilnahme aufgrund von Gnade und Erlösung, die nur den Menschen betrifft (gnadentheologisch und soteriologisch). J. Kentenich erwähnt im Zusammenhang des Gesetzes der organischen Übertragung und Weiterleitung aber nur die erste, die schöpfungstheologische Perspektive. Die gnadentheologische Perspektive lässt sich in Bezug auf den Menschen im Sinne einer Systematisierung ergänzen.

4.4.1. Schöpfungstheologische Perspektive

Es handelt sich um einen Vorgang, bei dem Gott etwas von seinem Sein mitteilt. Es ist also nicht die verbale Übermittlung eines Wissens oder eine Wortoffenbarung gemeint, sondern es geht um eine Seinsmitteilung, die das Sein des Empfängers bestimmt oder verändert. Gott lässt die Schöpfung an seinem Sein teilhaben.[132] Mit Thomas von Aquin kann man von einer "Seinsteilgabe" sprechen. Der "Teilgabe" von Seiten Gottes entspricht eine "Teilhabe" auf der Seite der Menschen.[133] Diese Teilhabe am Sein Gottes darf nicht mit Wesensgleichheit verwechselt werden. Diese gibt es nur bei Jesus Christus, dem menschgewordenen Sohn Gottes. Die geschaffene Wirklichkeit bleibt in einem unendlichen Abstand zu Gott, und eine Ähnlichkeit ist nur in analoger Weise aussagbar.[134]

In der schöpfungstheologischen Perspektive hat alles geschaffene Sein von Gott her einen Abbildcharakter, besonders aber der Mensch, von dem das ausdrücklich gesagt wird (Gen 1,26-27). Die Stellung innerhalb der Ordnung entspricht dem Maß der Teilhabe am göttlichen Sein. Die geschaffene Wirklichkeit nimmt dementsprechend in unterschiedlicher und gestufter Weise teil am Sein Gottes. J. Kentenich sieht die Welt als einen hierarchisch gegliederten "Ordnungskosmos"[135]. Die Ordnungshierarchie ist folgende: materielles Sein, vegetatives Leben (Pflanzenwelt), sensitives Leben (Tiere), geistbegabtes Leben (Mensch), schließlich die Engelwelt (als rein geistige Geschöpfe). Grundsätzlich gilt: Die Gnadenordnung steht über der Naturordnung.[136]

Bei J. Kentenich findet sich keine alle Aspekte umfassende Systematisierung der schöpfungstheologischen Übertragung, sondern ihn interessieren verschiedene Beispiele, wie die Schöpfung dem Menschen etwas von Gott aufzeigen kann. Alles Geschaffene (der Mensch eingeschlossen) kann zum Transparent und Symbol[137] für die übernatürliche Wirklichkeit werden. Die Dinge sind "Spuren" oder "Winke" Gottes.[138] Beispielsweise lassen Dinge, Pflanzen und Tiere den Menschen etwas von der Schönheit und Güte Gottes erfahren.[139] Orte wie Wallfahrtsorte und die Heimat weisen auf die ewige Heimat bei Gott hin.[140]

4.4.2. Gnadentheologische Perspektive

Auf der Ebene des Menschen wird eine wesentlich höhere Stufe der Teilnahme erreicht, da der Mensch Körper und Geist ist. Schon das geistige Sein ist dem Göttlichen ähnlicher als das rein materielle. Dazu kommt, dass der Mensch mit seiner Geistigkeit auf Transzendenz angelegt ist. Diese Anlage ist ihm schon von Natur aus mitgegeben.

Zu dieser schöpfungstheologischen Gegebenheit kommt die gnadentheologische und soteriologische Perspektive hinzu. Mit dem Geschenk der Gnade lässt Gott den Menschen noch mehr an seinem Sein und Leben teilhaben. Die "Teilnahme an der göttlichen Natur" schenkt ihm eine "Seins- und Standeserhöhung".[141] Die Gnade befähigt den Menschen, in eine partnerschaftliche Beziehung zu Gott zu treten und am "innergöttlichen Leben" teilzunehmen[142]. Je näher der Mensch zu Gott kommt, umso mehr wird er durch die Gnade auch rein natürlich geformt.[143] Die Seele wird "begnadet", "vergöttlicht" und "schön", weil Gott die Schönheit ist.[144]

Der ursprüngliche Heilsplan Gottes mit dem Menschen sah eine Einheit und Harmonie der im Menschen angelegten verschiedenen Seinsstufen vor - die Harmonie von Natur und Gnade eingeschlossen. Das bedeutete eine größtmögliche Abbildlichkeit.

Die Erbsünde[145] bringt jedoch einen Bruch in diese Harmonie von Leib, Seele, Geist und begnadeter Seele, wodurch die Abbildlichkeit Schaden nimmt. Der inneren Gebrochenheit entspricht auch ein Bruch in der Beziehung zu Welt, Mitmensch und Gott. Die erlösende Gnade, die ein freies Geschenk Gottes ist, stellt als heiligmachende Gnade die Gottesbeziehung wieder her. Die gestörte Harmonie aber bleibt bestehen. In der Mitwirkung mit der "helfenden" Gnade, die zugleich auch "medizinale" Gnade ist, ist der Mensch aufgerufen, an der Wiedergewinnung der vielschichtigen Harmonie mitzuarbeiten.[146] Der unter den Bedingungen der Erbsünde lebende Mensch erreicht diese Harmonie erst in der "visio beata" im ewigen Leben.[147] Nur Maria ist durch eine "einzigartige Begnadigung" davon ausgenommen. Ihr ist die volle göttliche Abbildlichkeit, die volle Harmonie gelungenen Menschseins geschenkt.[148]


 



[118] ME 34, 155f.

 

 

[119] ME 34, 155.

 

 

[120] ME 34, 155.

 

 

[121] Vgl. u.a.: Vautier, Maria, 289; Causa, 168ff; Causa, 194.

 

 

[122] Vgl. u.a.: St 49, 134 (in: Causa, 128); Causa, 168ff.

 

 

[123] Vgl. u.a.: ME 34, 156.266; PT 51, 177; Causa, 170.
Vgl.: Schlosser, 283.

 

 

[124] Vgl. u.a.: MWF 44, 41.74; Causa, 91; Causa, 168ff; Causa, 194.

 

 

[125] Vgl. u.a.: ChT 51, 31-33 (in: Causa, 148-150).

 

 

[126] Vgl. u.a.: ME 34, 155ff; KwF 46, 85f (in: Causa, 99); St 49, 230f, (in: Causa, 127f); PT 50, 188; WPhE 59, 79ff; Causa 168ff (Vortrag 1963).193f (Vortrag 1965).

 

 

[127] Vgl. u.a.: ME 34, 155ff; PT 50, 188; WPhE 59, 79ff.

 

 

[128] Vgl. u.a.: OW 50, 60-63.

 

 

[129] Vgl. u.a.: St 49, 134-140 (gekürzt in: Causa, 128-130); Causa, 171f (Vortrag 1963).

 

 

[130] TgIns 41, 50-52 (in: Causa, 89f); Causa, 91; MWF 44, 74f; KwF 46, 86 (in: Causa, 100); PT 51, 221f; Causa, 170 (Vortrag 1963).

 

 

[131] Vgl. u.a.: ME 34, 155ff; PT 50, 188; PT 51, 221.

 

 

[132] Vgl.:WPhE 59, 32 (Einleitung von Schlosser, H.). Vgl.: Schlosser, 53f.

 

 

[133] Vgl.: KLK, 102-113, Lexikonartikel über "Sein" und "Seinsordnung". Demnach löst Thomas von Aquin das Verhältnis von Erst- zur Zweitursache, indem er Gott (causa prima) als subsistierendes Sein bestimmt (Sth I, 4,2) und alle Zweitursachen, auch der Mensch als partizipiertes Sein (Sth I, 75, 5 ad 4). Gott ist das Sein (bei ihm fallen Sein und Wesen zusammen), und der Mensch hat Sein. Er ist ein Seiendes. Sein Wesen (essentia) ist begrenzt durch eine Teilhabe am Sein (esse) nach einer begrenzten Fassungskraft.

 

 

[134] Vgl.: s.o. Kap. 2.2.

 

 

[135] Vgl.: JBr 52 II, 130ff.

 

 

[136] Vgl.: JBr 52 II, 130ff.

 

 

[137] Vgl.: OW 50, 62.

 

 

[138] Vgl.: St 49, 134f (in: Causa, 128).

 

 

[139] Vgl.: WH 37, 122-149; Causa, 168f (Vortrag 1963).

 

 

[140] Vgl. u.a.: Causa, 170 (Vortrag 1963); PT 51, 174-210.

 

 

[141] Vgl.: KMb 46, 92-95 (in: Causa, 120ff).

 

 

[142] Vgl.: WH 37, 35ff.

 

 

[143] Vgl.: WH 37, 35; KMb 46, 92-101 (in: Causa, 120-123).

 

 

[144] Vgl.: KMb 46, 92-95 (in: Causa, 121-122).

 

 

[145] J. Kentenich hält die Erbsünde für ein Geheimnis. Ihr wahrer Ursprung bleibt im Dunkeln, ihre Wirkung lässt sich aber beschreiben. Vgl.: WPhE 59, 50.

 

 

[146] Vgl.: FfAK 25, 8-25.

Vgl.: Vautier 79 I, 49f.

 

 

 

 

[147] Visio beata = glückselige Schau.

Vgl.: WH 37, 38.

 

 

 

 

[148] Vgl.: Causa, 170f (Vortrag 1963).

 

 

 

 

 

 
 

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