Landwirtschaftliche Familienberatung
Bild mit Bauernkindern
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Rolf Emmenegger, Familienbetreuung im landwirtschaftlichen Umfeld – eine Befragung von Gastfamilien zu deren Sichtweisen bezüglich Stärken und Anforderungen
Buch

Die Diversifizierung landwirtschaftlicher Betriebe ist wesentlich weiter fortgeschritten als in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Ein bereits früher verbreitetes Betätigungsfeld, das allerdings im Zuge der einseitigen Ökonomisierungstendenzen in der 2. Hälfte des 20. Jh.s in den Hintergrund getreten war, stellt die Integration von behinderten und sozial desorientierten Personen in das bäuerliche Arbeits- und Familienleben dar. In verschiedenen Ländern werden seit mehreren Jahren verstärkt Anstrengungen unternommen, dieses Potential von Bauernfamilien als „soziale Landwirtschaft“ (social farming) zu nutzen. Einrichtungen in der Schweiz kommt hier besonders im Bereich der Drogenhilfe und in der Arbeit mit auffälligen Jugendlichen eine Pionierfunktion zu. Rolf Emmenegger, der als psychiatrische Pflegefachperson, Gewaltberater und Sozialarbeiter mit der Thematik praktisch befasst hat, hat nun die Ergebnisse einer Befragung von „Gastfamilien“ vorgelegt, die seit mehreren Jahren desintegrierte Personen auf ihrem Bauernhof aufgenommen haben und nun offen über ihre Erfahrungen berichten.

Im theoretischen Teil stellt der Verfasser zunächst einige allgemeine Grundlagen dar, insbesondere die Lebenssituation und die wirtschaftliche Lage von Bauernfamilien. Kernbegriffe sind die Rolle der Familie als „normalisierende Umgebung“ sowie die Arbeit als sinnstiftende Tätigkeit. Im Vergleich mit anderen Betreuungsformen werden landwirtschaftliche Gastfamilien als kostengünstige Variante herausgestellt. Als Spezifikum der Arbeit in der Schweiz kann die Existenz von Vermittlungsstellen angesehen werden, welche für die Auswahl, Begleitung und Qualitätskontrolle verantwortlich zeichnen. Als wichtigste Personengruppen gelten Suchtgefährdete, psychiatrische Patienten, geistig Behinderte und in geringerem Umfang Betagte und Kinder.

Der empirische Teil besteht aus einem strukturierten Fragebogen, der von den Gastfamilien ausgefüllt wurde, sowie ergänzend qualitativen Interviews mit einigen Eltern und einem Vertreter einer Vermittlungsstelle. Als typische Familienkonstellation ergab sich: verheiratete Ehepaare im mittleren Alter mit mehreren eigenen Kindern, überwiegend (57 % der Fälle) arbeiteten auch noch Großeltern auf dem Hof. Für die Befragten stand der Familienanschluss der Betreuten an 1. Stelle, was eine 24 Stunden-Betreuung voraussetzt. Daraus ergaben sich zunächst Verunsicherungen der familiären Beziehungen, die jedoch zum Vorteil sowohl der Betreuten wie der Familien genutzt werden konnten. Da Abbrecherfamilien nicht erfasst wurden, war nicht zu ermitteln, in welchen Fällen die Familien überfordert waren. Obwohl in 41 % der Fälle die Hausfrau eine pflegerische oder soziale Berufsausbildung hatte, betonten die Befragten, dass es darum geht, normales Familienleben und einen strukturierten Tagesablauf zu vermitteln. Die professionellen Vermittlungsstellen werden als unverzichtbare Unterstützung angesehen. Die betreuten Personen werden nicht als volle Arbeitskräfte angesehen. Die Entlöhnung des familiären Engagements erscheint wichtig, da viele der Familien auf Zusatzeinkommen angewiesen sind. Das Motiv anderen Menschen zu helfen steht jedoch im Vordergrund. Trotz der Belastungen durch die bereits über viele Jahre ausgeübte Tätigkeit sind die Bauernfamilien zufrieden. Sie gehen davon aus, dass die Betreuungsarbeit in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen wird.

Der Wert der Befragung von Rolf Emmenegger ist vor allem darin zu sehen, dass sie die Sicht der Familien wiedergibt. Bei ähnlichen Projekten kommen meist die professionellen Entwickler und in geringerem Umfang die Betreuten zu Wort, während die Gastfamilien, auf deren Schultern die Hauptlast ruht, mit ihren Anforderungen und Qualitäten im Hintergrund bleiben. Die detaillierte Untersuchung der familiären Rahmenbedingungen ist vor allem den Initiatoren ähnlicher Projekte in Deutschland ans Herz zu legen, da hierzulande der Akzent bisher stärker auf der landwirtschaftlichen Situation liegt, während die Rolle der Familiendynamik noch kaum ausreichend gewürdigt wird.

Dank einer sehr präzisen und treffsicheren Ausdrucksweise ohne pseudowissenschaftliches Imponiergehabe gelingt es, den Umfang der Arbeit stark zu begrenzen. Der hohe Preis des dünnen Bandes dürfte jedoch Interessenten vom Kauf der anregenden Studie abhalten. Empfehlenswert wäre daher der Vertrieb einer kostengünstigeren elektronischen Version, bei der auch die angehängten Grafiken in farblicher Form besser zur Geltung kämen als in den Schwarz-Weiß-Grafiken in Miniformat.

Saarbrücken 2009, VDM-Verlag Dr. Müller
97 S., ISBN 978-3-639-05811-6
Preis EUR 49,00

Datum: 24.02.2010
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