Trennung und Scheidung im Erleben und Verhalten von Kindern
von Professor Hans Goldbrunner, Gesamthochschule Essen - D Trennung und Scheidung haben einen Umfang angenommen, der die Beendigung des "Familienkrieges" - rein statistisch gesehen - als eine normale Familienangelegenheit erscheinen läßt. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Partnerbeziehungen bereits bei weniger dramatischen Partnerkonflikten als früher aufgelöst werden. Dazu kommen rechtliche Vereinfachungen des Scheidungverfahrens und spezifische Hilfsangebote für Geschiedene und Scheidungskinder mit dem Zweck, die seelische Verletzungen zu vermeiden oder zumindest aufzufangen. An diese Veränderungen wird von vielen die Hoffnung geknüpft, dass die Scheidung zunehmend an Normalität gewinnt und ihren Schrecken verliert. Von manchen Autoren wird sie bereits mit Entwicklungskrisen wie Geburt eines Kindes, Ablösung der Kinder vom Elternhaus oder Tod eines Ehepartners verglichen (Willi 1991). Dennoch weckt das Zerbrechen einer Partnerbeziehung auch heute zwiespältige Gefühle: Ohnmacht, Trauer, Wut, Verzweiflung und Ängste, aber auch die Hoffnung auf Befreiung aus einem menschenunwürdigen Gefängnis, in das sich die große Liebe manchmal innerhalb sehr kurzer Zeit wandelt. Es wird gefragt, wer zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern zählt (Wallerstein und Blakeslee 1989), wieviel Leid und Krankheit auf das Konto von Partnertrennungen gehen, und welcher ökonomischer Schaden für die Volkswirtschaft inzwischen daraus erwächst. Betroffene und Angehörige stehen häufig wie gelähmt vor den Folgeproblemen der Scheidung. Insbesondere Kinder werden vom Scheidungsgeschehen überrascht und fühlen sich weitgehend ohnmächtig und verängstigt. Mit der Zunahme der Scheidungszahlen hat sich sicher die gesellschaftliche Einstellung gewandelt. Trennung und Scheidung haben an Schrecken verloren und haben eine gewisse Normalität erreicht. Die Erwartung, dass dies eine Entlastung bringen könnte, hat sich jedoch nicht erfüllt. Im Gegenteil wird immer deutlicher, dass Trennung mit einem langwierigen Prozess der Loslösung verbunden ist, der mit Verletzungen, Schmerzen und Gewalt verknüpft sein kann. Vor allem wenn Kinder davon tangiert sind, ergeben sich zusätzliche Aufgaben, die früher in dieser Form nicht wahrgenommen wurden. Nach modernem Verständnis entbindet die Trennung vom Partner nicht automatisch von der elterlichen Verantwortung, sondern es wird vielmehr erwartet, dass die getrennt lebenden Partner ein erzieherisches Arrangement treffen und auch in Zukunft kooperieren, um den Kindern eine "binukleare" Familie zu erhalten. Gesichter der ScheidungDie Tendenz, Scheidung als objektiv beschreibbares Ereignis zu interpretieren, das relativ einfach und überschaubar strukturiert ist, lässt sich sowohl in den Anfängen der Scheidungsforschung als auch im Verständnis der Betroffenen nachzuweisen. Obwohl die umfangreiche empirische Forschung inzwischen ein sehr komplexes und nicht immer widerspruchsfreies Bild vermittelt, werden in der Praxis verkürzte Vorstellungen aufrecht erhalten, die Erwartungshaltungen aufbauen und das Verhalten als sich selbst erfüllende Vorhersage steuern, weshalb sie eine wichtige Funktion im Trennungsprozess einnehmen. Um zu klaren Aussagen über die komplexe Scheidungsrealität zu gelangen, zwiespältige Gefühle einordnen und zukunftsweisende Entscheidungen fällen zu können, werden vereinfachende Denkschemata benötigt. Dazu wird der Focus häufig auf Teilaspekte gerichtet, während andere ausgeblendet werden. Um das Verhalten von Menschen in Scheidungssituationen besser zu verstehen, ist es sinnvoll, nach ihren kognitiven Bildern zu fragen. Daher sollen hier einige "Gesichter" der Scheidung skizziert werden. Scheidung als TraumaAls Ursache für Fehlentwicklungen tritt Scheidung in Erscheinung, wenn der traumatische Charakter in den Mittelpunkt gestellt wird. Aus dieser Sicht werden insbesondere negative Folgewirkungen wahrgenommen oder gedanklich vorweggenommen. Scheidung wird im Extrem als eine Art Katastrophe erlebt, die bei einer oder bei allen Parteien tiefe Verletzungen hinterlässt. Wenn sie eingetreten ist, entwickelt sie eine Eigendynamik, der man sich nicht entziehen kann. Diese Sicht beflügelte die Anfänge der Scheidungsforschung, die vor allem von dem Gedanken getragen war, Wirkungen auf die Geschiedenen wie auf die Kinder nachzuweisen. Emotionale Probleme, Verhaltensstörungen und psychosomatische Krankheiten wurden als Folgen der Scheidung untersucht. Die Ergebnisse sind allerdings nicht so eindeutig, wie nach der Traumatheorie erwartet wird. Vor allem sorgfältigere neuere Untersuchungen führen zu einem differenzierteren Bild und legen die Vermutung nahe, dass Personen sehr unterschiedlich reagieren und Scheidungsfolgen auch von zahlreichen anderen Faktoren abhängig sind (Riehl-Emde 1992). In der Praxis übernimmt die pathologisierende Sicht jedoch die Funktion, ein negatives Bild der Scheidung vor Augen zu führen, um Trennung zu verhindern oder nur in extremen destruktiven Beziehungskonstellationen zuzulassen. Sie impliziert gleichsam einen moralischen Appell an die Verantwortung der Partner, alles zu unternehmen, um die Scheidung zu verhindern. Die Kehrseite davon ist allerdings der unerquickliche Streit um die Schuldfrage, die inzwischen zwar aus dem juristischen Scheidungsverfahren ausgeklammert wird, in den Auseinandersetzungen zwischen den Parteien nach wie vor dennoch einen hohen Stellenwert einnimmt. Scheidung als AusbruchEine gegenteilige Auffassung beschreibt Scheidung als Befreiung aus einem unhaltbaren familiären Zustand, als Ausbruch aus einem einengenden Gefängnis. Nicht die Scheidung ist hier die Katastrophe, sondern die qualvollen Auseinandersetzungen und Enttäuschungen, die ihr vorausgehen und die wie ein Alptraum erlebt werden. Scheidung erscheint als die unvermeidliche Konsequenz, wenn sich Partner nicht mehr in der Lage sehen, schwerwiegende Probleme innerhalb der Partnerbeziehung zu lösen. Sie ist mit der Idee von Befreiung, Emanzipation und Neuanfang verknüpft. Negative Folgen werde zwar nicht geleugnet, sind jedoch kaum vermeidbar und können lediglich durch gezielte Anstrengungen abgemildert werden. Diese Sicht ist nach vorne gerichtet und drückt die Hoffnung aus, die hinter der Entscheidung für die Trennung steht. Indem ein Partner sich aus dem Gefängnis befreit, erwartet er für sich und die Kinder, wieder ein Leben ohne Alpträume führen zu können. Scheidung als KriseDer episodische Charakter der Scheidung wird hervorgehoben, wenn sie als Krise aufgefasst wird. Krise suggeriert hier die Vorstellung von Zuspitzung, Verschärfung und Übergang. Sie stellt einen bedrohlichen Zustand dar, der mit bekannten Verhaltensmustern nicht mehr gemeistert wird. Sie ist vorübergehend mit extremen Reaktionen und Gefühlen verbunden. Gleichzeitig verkörpert Krise einen Wendepunkt. Wenn vertraute Verhaltensweisen versagen, ergibt sich eine Chance zur Neuorientierung. Zu diesem Zweck ist es jedoch erforderlich, den Blick in die Zukunft zu wagen und die Aufmerksamkeit auf die Bewältigung der akuten Probleme zu richten. Nach der Beseitigung der Krisensymptome wird ein relativ normales Leben erwartet, das jedoch der veränderten Konstellation angemessener erscheint. Insbesondere der Partner, der die Scheidung in die Wege leitet, greift auf das Krisenmodell zurück. Es hilft ihm, sich auf eine schwierige Übergangszeit einzustellen, die jedoch verantwortbar erscheint, da anschliessend eine Beruhigung erhofft wird. Scheidung als VerlustVertraut ist die Verlustperspektive, die meist den Parteien als Leitbild dient, die sich als Opfer der Scheidung fühlen. Danach ist Scheidung mit einschneidenden Verlusterfahrungen verknüpft, insbesondere der Verlust des Partners und aus der Sicht der Kinder der Verlust eines Elternteiles. Verlust ist psychologisch mit Trauer verbunden. Daraus ergibt sich die Konsequenz der Trauerarbeit, die jedoch erhebliche Unterschiede zur Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen aufweist (Wallerstein und Blakeslee 1989). Die Kenntnis normaler und pathologischer Mechanismen der Trauer trägt erheblich zum Verständnis von ungewohnten Reaktionen während und nach der Trennung bei und erleichtert die Unterstützung der betroffenen Personen. Trennung steht hier im Zeichen des Abschieds, der sowohl angenehme wie unangenehme Erfahrungen und Beziehungen betrifft. Die psychische Verarbeitung der Verluste erfordert längere Zeit und nimmt seelische Energie in Anspruch, die für andere Aktivitäten häufig nicht mehr ausreichend zur Verfügung steht. Insbesondere die Neuorientierung in der Situation der Nachscheidung ist davon abhängig, wie weit die Trauerarbeit geleistet ist. Die Konzentration auf die Verlustperspektive bewahrt davor, Scheidung lediglich als juristische Beendigung eines Ehevertrages und als Treffen rationales Entscheidungen sowie deren Umsetzung zu sehen. Scheidung wird zu einem innerseelischen Vorgang der Verlustverarbeitung, der längerfristig zu sehen ist und nur begrenzt von aussen gesteuert werden kann. Dennoch kann eine verständnisvolle und unterstützende Haltung für die betroffenen Parteien hilfreich sein. Die bisher aufgeführten Modelle stellen einfache Erklärungsmuster dar, deren Funktion besonders darin zu sehen ist, eindeutige Orientierungshilfen zu bieten, Entlastung bei Schuldgefühlen zu verschaffen, negative Emotionen zu rechtfertigen und die Zukunft zu planen. Die Kehrseite davon ist die Gefahr der Vereinfachung und der Verdrängung wesentlicher Elemente. Die beiden folgenden Schemata weisen differenziertere Züge auf. Sie können zunächst das Ausmass an Unsicherheit erhöhen, ermöglichen dafür aber eine genauere Wahrnehmung des Scheidungsgeschehens und auf längere Sicht eine bessere Bewältigung der Situation. Scheidung als Prozess – PhasenmodellleMit zunehmender Kenntnis der psychologischen Prozesse, welche die Scheidung begleiten, wird deutlich, dass der Faktor Zeit eine wesentliche Rolle spielt. Im Verlauf der Trennung und Scheidung ergeben sich verschiedene Konfliktkonstellationen und Aufgaben, die in Phasenmodellen der Scheidung ihren Niederschlag gefunden haben (Übersicht s. Textor 1991). Die Zeit vor der Trennung, die meist als Ambivalenzphase bezeichnet wird, ist häufig durch gegensätzliche Gefühle, Unzufriedenheit zumindest eines Partners, Lösungsversuche und schliesslich die Entscheidung für die Trennung gekennzeichnet. Mit der äusserlich sichtbaren Trennung der Partner entfaltet sich in der Trennungsphase im engeren Sinn eine spezielle Beziehungsdynamik, da nun auch Kinder, Angehörige und Freunde in das Geschehen einbezogen werden. Das juristische Scheidungsverfahren, das nun eingeleitet wird, entwickelt eine zusätzliche Sprengkraft, da vielfach erforderliche lebensentscheidende gerichtliche Beschlüsse von Beziehungsclinch überschattet werden. Der Verlauf der Nachscheidungsphase ist davon abhängig, ob es gelingt, das Scheidungsverfahren in einer Form zum Abschluss zu bringen, dass die vorgesehenen Lösungen für alle Beteiligten akzeptabel sind und im Alltag umgesetzt werden. In diesem Fall ermöglicht die äußerliche Klärung eine vorläufige Beruhigung und erleichtert die innere Verarbeitung der Ereignisse, die nun ansteht. Scheidung als Reorganisation des FamiliensystemsÖkosystemische Ansätze der Scheidung versuchen die verschiedenen Aspekte des Scheidungsgeschehens zu integrieren. Dabei steht im Mittelpunkt, Scheidung nicht ausschliesslich als Angelegenheit der Kernfamilie zu betrachten, bei der ein Ehepartner und Elternteil der restlichen Familie den Rücken kehrt, sondern alle beteiligten Personen und Institutionen sowie deren Wechselwirkung werden berücksichtigt. Die Verarbeitung der Partnertrennung erweist sich hier als Zusammenspiel der unterschiedlichsten Kräfte, die sich gegenseitig aufschaukeln oder dämpfen. Erweiterte soziale Systeme, die in Relation zur Kernfamilie stehen, übernehmen wichtige Aufgaben. Sie unterstützen, kontrollieren und konfrontieren die Kernfamilie. Gleichzeitig werden diese sozialen Systeme durch die Scheidung umstrukturiert, deshalb wird auch von Reorganisation gesprochen (Fthenakis u.a. 1993). Zusätzlich zur eigentlichen Trennung lässt sich etwa ein Rückzug von Bezugspersonen beobachten, wodurch eine Partei etwa isoliert wird. Beziehungsabbrüche sind jedoch auch als Folge von Umzügen festzustellen. Das soziale Umfeld kann polarisiert werden, wodurch sich die Auseinandersetzungen noch verschärfen, Vermittler können jedoch auch versuchen, die Kluft zwischen den streitenden Partnern zu überbrücken. Schliesslich können neue Kontakte geknüpft werden, die sich aus der Scheidung selbst ergeben. Diese Umweltbezüge beeinflussen das Scheidungsgeschehen positiv oder negativ und verdienen daher in Beratungen Aufmerksamkeit. Scheidung im Erleben der KinderKinder erleben Scheidung sehr unterschiedlich. Eltern sind meist in Sorge, dass Kinder zu sehr aufgewühlt werden. Sie fühlen sich meist beruhigt, wenn sie keine dramatischen Verhaltensweisen bei Kindern beobachten. Sie werten dies als Zeichen, dass das Kind nicht traumatisiert ist. Unauffälligkeit ist jedoch nicht immer ein Anzeichen dafür, dass keine emotionale Erschütterung stattfindet. Viel eher ist zu vermuten, dass die Bedeutung der Scheidung noch nicht erfasst oder verdrängt wird. Die Konfrontation mit der dauerhaften Trennung der Eltern löst in der Regel heftige Gefühle aus, und zwar auch dann, wenn das Kind diese nicht sofort nach aussen hin sichtbar zeigt. Es lassen sich verschiedene emotionale Reaktionen beschreiben, die Kinder in jedem Fall durchlaufen. TrauerNach Figdor (1991) sind Trauer, Wut, Schuldgefühle und Angst die zentralen Gefühle, die von allen Kindern in irgend einer Form durchlebt werden und verarbeitet werden müssen. Die Trauer des Kindes ist schwer zugänglich, da Erwachsene meist von ihrem eigenen Schmerz beherrscht werden und dazu tendieren, ihre eigenen Gefühle unbewusst auf die Kinder zu projizieren. Vor allem der verlassene Elternteil empfindet Bestätigung, wenn er registriert, dass ein Kind ähnlich empfindet. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass Eltern sich um die Zuneigung der Kinder bemühen, um sie als Tröster und Bundesgenossen im Scheidungskampf zu gewinnen. Die Konzentration auf die Eltern ist einer der Gründe, weshalb Kinder mit ihrer eigenen Trauer leicht übersehen werden. Darüber hinaus bleibt unklar, was vom Kind eigentlich betrauert wird. Es herrscht die Meinung vor, dass das Kind den Elternteil verliert, der auszieht. In vielen Fällen bemühen sich jedoch heute beide Eltern besonders, dem Kind zu zeigen, dass sie sie auch nach der Partnertrennung nicht im Stich lassen werden. Diese Zuwendung kann jedoch vom anderen Partner als unecht interpretiert und sogar sabotiert werden. Im Loyalitätskonflikt geraten die eigenen Empfindungen des Kindes ins Hintertreffen. Der Verlust des Kindes umfasst indes viel mehr, als der Auszug eines Elternteiles zunächst vermuten lässt. Es sind zunächst finanzielle Einschränkungen, die sich aus der doppelten Haushaltsführung ergeben. Besonders gering verdienende Eltern sind davon betroffen und geraten durch die Scheidung an die Armutsgrenze. Ferner muss häufig ein Wohnortwechsel mit allen damit verbundenen Konsequenzen verkraftet werden. Der Kontakt zu Grosseltern und Freunden kann unter der Trennung leiden oder völlig eingestellt werden. Am schwersten wiegt jedoch die atmosphärische Verunsicherung der Familie. Es scheint nichts mehr so zu bleiben wie es war, das vertraute Zusammenleben zerbricht. Während in einer intakten Familie negative Gefühle ausgehalten werden, weil die Sicherheit der Beziehungen garantiert ist, erhalten sie in der prekären Trennungssituation einen bedrohlichen Charakter. Das Kind spürt unbewusst einen unausgesprochenen Anpassungsdruck, nur solche emotionale Regungen zuzulassen, welche die Eltern aufheitern, während Wut, Ängste und Unsicherheit nicht gezeigt werden dürfen. Besonders schmerzhaft, wenn auch kaum beachtet, ist jedoch die Kränkung des kindlichen Selbstwertgefühles. Während das Kind sich vor der Trennung in der Illusion wiegen konnte, der Mittelpunkt der Familie zu sein, spürt es nun, dass seiner Macht enge Grenzen gesetzt sind. Es kann die Trennungsentscheidung nicht beeinflussen, obwohl es die Folgen zu spüren bekommt. Letztendlich bedeutet die Scheidung einen Verlust an Kindheit, der dem Kind zugemutet wird. WutWut, Hass und Ärger hängen eng mit der Trauer zusammen und werden als bedeutsame Schritte des Trauerprozesses angesehen. Sie erhalten jedoch im Trennungsgeschehen einen bedrohlichen Charakter. Besonders kleinere Kinder, die die Bedeutung der Partnerbeziehung noch nicht beurteilen können, sehen ihre aggressiven Impulse als Ursache der Scheidung, während sie das eigentliche Zerwürfnis der Eltern noch kaum erfassen. Kindliche Unmutsäusserungen verstärken nicht nur die Loyalitätskonflikte, sondern stehen den Wiederversöhnungsbemühungen im Wege, die Kinder nur schwer aufgeben können. Kinder können ihre Wut und Enttäuschung den Eltern in der Regel nur zeigen, wenn diese innerlich stark sind und davon nicht beeinträchtigt werden. Nun erleben Kinder ihre Eltern häufig schwach, hilflos und depressiv. Die Kinder scheinen sie mit ihrem Ärger noch mehr ins Unglück zu stürzen. Kinder fühlen sich mit ihrem Ärger in einem unlösbaren Dilemma. Einerseits sind sie zu Ohnmacht verurteilt, andererseits können sie Eltern nur dadurch unterstützen, dass sie ihre eigenen feindseligen Impulse unterdrücken, um sie nicht zu enttäuschen. Zeigen sie jedoch ihre Wut, wird dies als Parteinahme registriert, wodurch das Bemühen um friedliche Konfliktlösung wiederum zunichte gemacht wird. Die Unterdrückung des Ärgers ist um so schwieriger, als Kinder selbst Zeugen von gegenseitigen Verletzungen und Ungerechtigkeiten werden, die ihren Hass weiter schüren. Es bleibt hier auch kritisch zu fragen, wie weit aktuelle Bemühungen und friedliche Lösung der Scheidungsprobleme, z.B. mit Hilfe von Mediation, dem hohen Anteil an Frustration und Wut gerecht werden oder eher zur Unterdrückung dieser Impulse beitragen. SchuldgefühleWut und Ärger bilden häufig eine unheilvolle Allianz mit kindlichen Schuldgefühlen. Erst in der Pubertät gelangen Kinder zu der Einsicht, dass sie die Scheidung der Eltern nicht beeinflussen können. Kleinere Kinder hingegen machen die Erfahrung, dass sie mit bestimmten Verhaltensweisen den Familienfrieden fördern, während sie bei anderen Reaktionen elterlichen Streit beobachten. Wallerstein und Blakeslee (1989) registrierten in ihrer Langzeitstudie bei etwa 30 bis 50 Prozent der Kinder Schuldgefühle. Kinder fühlen sich – meist unbewusst – für die familiäre Harmonie verantwortlich. Während das Kind in einer stabilen Partnerschaft der Eltern allmählich erfährt, dass sein störendes Verhalten nicht zum Entzug der elterlichen Liebe führt, fühlen sich Kinder in Scheidungssituationen meist für den Rückzug eines Elternteiles schuldig. Sie glauben, durch ihr Verhalten die Trennung herbeigeführt zu haben. Schuldgefühle stellen den rückwärts gerichteten Teil der kindlichen Omnipotenzgefühle dar. Auf die Zukunft gerichtet bilden sich Wiederversöhnungsfantasien aus, die in Bemühungen münden, die Eltern wieder zusammen zu führen. Vorstellungen, die Trennung der Eltern ungeschehen zu machen, halten sich zuweilen über viele Jahre. Insbesondere das gemeinsame Sorgerecht, das von den Eltern Zusammenarbeit im Umgang mit dem Kind verlangt, behindert die Aufgabe der Wiederversöhnungsfantasien (Balloff u.Walter, 1991). Eltern sind häufig der Auffassung – und werden darin häufig von Ratgebern noch verstärkt, dass Schuldgefühle durch realistische Information über die wahren Scheidungsgründe überwunden werden können. Diese Haltung verkennt jedoch die tiefere Natur des kindlichen Verantwortungsbewusstseins. In Wirklichkeit ist ihre Aufgabe ein langfristiger Prozess, das Kind kommt erst allmählich zu der ernüchternden Einsicht, dass seiner Macht klare Grenzen gesetzt sind und dass es die Scheidung trotz seiner Anstrengungen, die Eltern wieder zusammenzuführen, nicht rückgängig machen kann, auch wenn es nach der Scheidung möglicherweise weniger ernsthafte Auseinandersetzung über die Erziehung gibt als vorher. AngstDer hohe Anteil an Schlafstörungen bei Scheidungskindern ist das sichtbarste Anzeichen der kindlichen Ängste. Das Zerbrechen der Familie wirkt in vielerlei Hinsicht bedrohlich, da für das Kind viele unvorhersehbare und unkontrollierbare Dinge passieren, die das Leben grundlegend verändern. Wenn die Familie von einen Elternteil verlassen wird, verliert das Kind die wichtigste Sicherheit, auf die es bisher vertrauen konnte. Wenn ein Elternteil geht, befürchten viele Kinder, dass auch die Zuwendung des anderen nicht mehr sicher ist. Anklammerungstendenzen und panikartige Reaktionen bei Unmutsäusserungen können die Folge sein. Anlass zur Sorge der Kinder gibt häufig auch die depressive Verfassung eines Elternteiles sowie die heftigen Streitszenen, die sich zeitweise zwischen den Eltern abspielen. Dabei kommt es nicht selten zu Gewaltandrohungen und in Extremfällen zu realen Gewalthandlungen, die sicher nicht zur Beruhigung beitragen. Da Kinder keine unbeteiligten Schiedsrichter sind, sondern selbst Wut und Hass empfinden und dadurch in die Auseinandersetzungen verstrickt sind, wird die Situation noch undurchschaubarer und unkontrollierbarer, was ihre Ängste noch zu steigern vermag. Dazu kommen Versagensängste, den inneren und äusseren Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Einflussfaktoren auf die Scheidungsverarbeitung der KinderKinder reagieren sehr unterschiedlich auf die Scheidung ihrer Eltern.Vor allem bei langfristiger Betrachtung der Nachscheidungsphase ergeben sich erhebliche Differenzen. Schmidt-Denter und Beelmann (1995) untersuchten drei unterschiedene Verlaufstypen: - Hochbelastete: hohes Ausmass an Verhaltensauffälligkeiten über den gesamten Untersuchungszeitrum (30 Monate).
- Belastungsbewältiger: zu Beginn deutliche Verhaltensauffälligkeiten, die jedoch sichtbar abnahmen.
- Geringbelastete: geringe Symptombelastung bereits zu Beginn der Scheidung, diese Kinder wirken relativ unverwundbar.
Aufgrund dieser Ergebnisse sollte man allgemeine Aussagen in der Ratgeberliteratur mit Vorsicht aufnehmen, wonach davon ausgegangen wird, dass Kinder in der Regel die Scheidung nach ein bis zwei Jahren bewältigt haben. Inzwischen sind zahlreiche Variable untersucht worden, die als erschwerende oder unterstützende Faktoren in Betracht zu ziehen sind. Alter und GeschlechtHinweise auf Alters- und Geschlechtseffekte finden sich in zahlreichen Untersuchungen, sie sind insbesondere in den Langzeitstudien von Wallerstein u.a. sorgfältig erfasst. Kinder erleben und reagieren je nach Altersstufe unterschiedlich auf die Scheidung, da das Verstehen, die Fantasietätigkeit und die Bewältigungsmöglichkeiten unterschiedlich ausgeprägt sind. In Kleinkindalter, in dem die Scheidung noch kaum bewusst aufgenommen wird, reagieren Kinder häufig mit Anklammerungstendenzen und Schreien, sie wirken leicht irritierbar und zeigen Symptome wie Schlafstörungen oder Obstipation, regressive Verhaltensweisen wie Bettnässen und infantiles Sprechen. Im Kindergartenalter zeigen Kinder ihren Kummer deutlicher. In dieser Zeit werden bereits Geschlechtsunterschiede sichtbar. Jungen reagieren eher überaggressiv, bei Mädchen lässt sich Gehorsam und Ordnungsliebe beobachten. Kinder entwickeln Schuldgefühle und suchen infolge ihrer naiven Fantasien die Gründe für den Auszug eines Elternteiles in ihrem eigenen "ungezogenen" Verhalten, für das sie von den Eltern früher kritisiert wurden. Indem sie sich den Wünschen der Eltern fügen, versuchen sie die Trennung rückgängig zu machen. Im Schulalter entwickelt sich ein gewisses Verständnis für die Scheidung, gleichzeitig sind die eigenen Gefühle sehr heftig, Kinder werden von Traurigkeit, Hilflosigkeit und Zorn überwältigt. Schulkinder sind zumindest vorübergehend so stark mit ihren eigenen Fantasien und Gefühlen beschäftigt, dass Konzentration und Schulleistungen darunter leiden. Zu Hause übernehmen sie zuweilen ein Übermass an Verantwortung, um den verzweifelten Elternteil zu entlasten, oder sie tendieren dazu, Eltern gegeneinander auszuspielen. Insbesondere Mädchen, deren psychosexuelle Entwicklung beschleunigt ist, scheinen schnell in die Rolle der Bündnispartnerin der Mutter zu geraten. In der Vorpubertät wird auch ein Hang zu Rechthaberei und Streitlust registriert. Im Jugendalter verstehen die Kinder die Scheidung, sie reagieren zuweilen einfühlsam auf die Belastungen der Eltern, haben jedoch auch Probleme, mit ihren eigenen widersprüchlichen Gefühlen fertig zu werden. Die Bewältigung der psychosexuellen Reifung, der Identitätsfindung und der Ablösung von den Eltern wird durch den Scheidungskonflikt beeinträchtigt. Abrupte Trennung von den Eltern kann als eine Art Befreiungsschlag angesehen werden, in anderen Fällen hingegen sind Heranwachsende nicht in der Lage, sich innerlich zu lösen und bleiben lange an das Zuhause gebunden. Jugendliche wirken äusserlich häufig wenig auffällig, daneben lassen sich aber auch extreme Reaktionen wie suchtartige Eskapaden, Ausreissertum, Suicidtendenzen, depressive Verstimmungen und Neigung zu Gewalttätigkeiten verzeichnen. Familiäre Beziehungen vor der ScheidungKommen Kinder nach der Trennung der Eltern mit ihren Problemen nicht zurecht, so kann dies nicht nur eine Folge der Scheidung sein, sondern kann auch mit der Hypothek aus unbewältigten Beziehungskonflikten vor der Scheidung zusammenhängen. Als belastend wird hier nicht nur eine Bindungsunsicherheit oder eine Fixierung auf einen Elternteil angesehen, sondern vor allem Triangulierungsprobleme (Figdor 1991). Das Kind benötigt zur Entwicklung von Urvertrauen nicht nur eine beständige Bezugsperson, sondern die Ausbildung einer stabilen Identität ist davon abhängig, ob es zwischen Vater und Mutter hin und her pendeln kann. Das Wechselspiel zwischen Annäherung und Distanzierung beginnt nicht erst in der Zeit des Ödipuskonfliktes, etwa um das 3. – 4. Lebensjahr, sondern bereits in den ersten Lebensjahren sucht das Kind in zeitlich begrenzten Phasen die Nähe eines Elternteiles, während es Abstand zum anderen hält. Fühlt sich hier ein Elternteil ausgeschlossen oder reagiert er mit Eifersucht, kann das Annäherungs-Vermeidungsspiel des Kindes beeinträchtigt werden. Schwierigkeiten eines Elternteiles, das Kind loszulassen oder Abwertung der Beziehungsinitiativen des anderen Elternteiles, aber auch Streit um Erziehungsprinzipien können zu unausgelebten Spannungen in der Mutter-Vater-Kind-Triade beitragen, die später die Bewältigung der Scheidung beeinträchtigen. Kognitive Zuschreibungen entwickeln zuweilen eine zusätzliche Sprengkraft. Eltern unterstellen sich etwa gegenseitig starre und unkorrigierbare Beziehungen zum Kind (z.B. Fixierung oder Interesselosigkeit, Inkonsequenz in der Erziehung) und legitimieren mit dieser Sicht ihre Scheidungsabsicht, oder Kinder glauben, dass sie durch ihr parteiliches Verhalten die Trennung verursacht haben. Verhalten der Eltern während und nach der ScheidungVerantwortungsbewusste Eltern stellen sich häufig die Frage, wie sie sich im Scheidungsprozess Kindern gegenüber verhalten sollen. Auf Grund eigener Schuldgefühle oder auch wohlgemeinter Ratschläge von Angehörigen oder Ratgebern versuchen sie, gute und verständnisvolle Eltern zu sein, um ihre Kinder zu entlasten oder um vom eigenen Gefühlschaos abzulenken. Damit überfordern sie sich jedoch selbst, da sie in ihrer eigenen affektiven Verstrickung nicht so offen für die Kinder sind, wie sie gerne möchten. Sie haben trotz aller Bemühungen das Gefühl, schlechte Eltern zu sein. Hinzu kommt, dass sie in ihrer eigenen Bedürftigkeit Unterstützung durch die Kinder erwarten und mit den Ärgerreaktionen kaum umgehen können. In vielen Fällen entwickeln sich daher spannungsgeladene Eltern-Kind-Beziehungen. Für Kinder ist es bereits hilfreich, wenn sie erleben, dass sich Eltern trotz dieser Belastungen nicht zurückziehen, sondern den Kontakt aufrecht erhalten. Die beständige Zuwendung trotz angespannter Gefühlslage stellt die Basis dar, um auf längere Sicht eine stabile "binukleare" Familie aufzubauen und Kindern die Einsicht zu vermitteln, dass sich Eltern nicht zurückziehen, wenn die Stimmungslage eisig wird. So lange die Eltern die Scheidung innerlich noch nicht verarbeitet haben, besteht die Gefahr, dass sie ihre eigene elterliche Unzulänglichkeit nicht eingestehen können und anstelle dessen nur erzieherische Defizite beim getrennten Partner registrieren. Diese Haltung wird durch die gängige Praxis des Umgangs der Eltern mit dem Kind noch begünstigt. So kann etwa der "Wochenendvater" von Kindern idealisiert werden, da er mehr für die angenehmere Freizeitgestaltung zuständig ist, während der Mutter die unbequemen erzieherischen Aufgaben innerhalb der Woche zufallen, welche die Mutter-Kind-Beziehung belasten und die Mutter in ein ungünstiges Licht rücken. Derartige Konstellationen können im Scheidungskonflikt von den Eltern willkommen aufgegriffen werden, um die Bemühungen der "Gegenseite" zu sabotieren und das Kind stärker an sich zu binden. Dadurch werden nicht nur die Loyalitätskonflikte des Kindes verstärkt, sondern darüber hinaus wird die gesamte Entwicklung beeinträchtigt. Das erweiterte soziale NetzAus ökosystemischer Sicht ist die Scheidung nicht nur eine Angelegenheit der Kernfamilie, sondern tangiert auch das erweiterte soziale Umfeld, in dem die Familie lebt. Die Bewältigung von Trennung und Scheidung ist demnach auch von Umweltfaktoren abhängig. Erschwerend können sich hier bereits normale Übergänge wie Eintritt in den Kindergarten oder Einschulung auswirken, die von Kindern und Eltern Anpassungsleistungen abverlangen. Das gleichzeitige Auftreten von Scheidung und entwicklungsbedingten Übergängen kann die Familie überfordern. Zusätzlicher Stress ergibt sich auf Grund sozialer Veränderungen, die im Gefolge der Trennung erforderlich werden. Wohnortwechsel und die Aufnahme oder Veränderung der Berufstätigkeit insbesondere der Mutter sind an erster Stelle zu nennen. In Einzelfällen können auch Krankheit oder Tod von Bezugspersonen, Migration und andere kritische Lebensereignisse die Verarbeitung der Scheidung erschweren. Als günstig erweist es sich hingegen, wenn das Kind wenige zusätzliche Veränderungen zu verkraften hat. Die Aufrechterhaltung des sozialen Netzes verkörpert Beständigkeit und Sicherheit, die einen gewissen Rückhalt vermitteln. Das Vertraute stellt gleichzeitig eine Rückzugsmöglichkeit dar. Vor allem verständnisvolle Freunde, Verwandte, Lehrer und Erzieher können Unterstützungsfunktionen übernehmen und dadurch auch die Eltern entlasten. Vielfach erwartet das Scheidungskind keine Sonderbehandlung, sondern bereits das Erleben des Fortbestehens von Normalität kann eine beruhigende Wirkung ausüben, da auf diese Weise das belastende Familiendrama eingegrenzt wird. Scheidungsaufgaben für KinderKinder werden häufig noch als passive Opfer des Scheidungsgeschehens wahrgenommen. Die Konkretisierung von Scheidungsaufgaben, wie sie vor allem von Wallerstein und Blakeslee (1989) vorgenommen wurde, hilft hier zu einem genaueren Erkennen der Schwierigkeiten von Kindern in Trennungs- und Scheidungskonflikten. Sie bietet auch konkrete Ansatzpunkte für Hilfen. Es ist davon auszugehen, dass nicht alle Kinder die gleichen Probleme haben. Kinder bewältigen vielfach die meisten dieser Aufgaben, kommen jedoch über ganz spezifische Konflikte kaum hinweg. Die Realität der Scheidung anerkennenDie elterliche Trennung kommt für die Kinder meist überraschend, selbst häufiger Streit wird von vielen Kindern nicht als Anzeichen einer bevorstehenden Scheidung erlebt. Die Bindung der Eltern stellt die sichere Existenzgrundlage des Kindes dar. Es fällt daher schwer, die Trennung zu akzeptieren, zumal heute der getrennt lebende Elternteil meist noch regelmässigen Kontakt zu den Kindern hält. Das leistet einer Verdrängung der Realität der Trennung Vorschub. Insbesondere kleinere Kinder können hier noch kaum zwischen Besuch und Rückkehr unterscheiden. Um die Gefahr des Leugnens zu vermindern, wird meist eine kindgemässe, aber doch eindeutige Aufklärung der Kinder gefordert. Vermutlich sind Eltern vielfach selbst überfordert, in ihrem eigenen Trennungsschock sachgemässe Auskünfte zu geben, zumal Kinder in ihrer lebhaften Fantasie aus der Beobachtung der nonverbalen Reaktionen der Eltern eigene Schlüsse ziehen, die darauf hinauslaufen, dass die Partnerbeziehung der Eltern unmöglich beendet sein kann. Die Abwehr der Realität der Trennung hat jedoch für Kinder nicht selten vorübergehend auch eine Schutzfunktion, da die psychischen Folgen noch zu bedrohlich sind. Was nicht in einer einmaligen Information vermittelt werden kann, bedarf vieler kleiner Einsichten, die leichter verarbeitet werden. Ein realistisches Bild der Scheidung entwickelnDas kaum fassbare Scheidungsgeschehen beschäftigt die Fantasie kleinerer Kinder und führt aus der Sicht der Erwachsenen zu bizarren Vorstellungen, die sie Kindern "auszureden" versuchen. Kinder nehmen häufig an, dass sie selbst eine wichtige Rolle spielen und für die Trennung verantwortlich sind. Sie glauben, dass sie durch ihre "Unarten" den elterlichen Zwist verursacht haben. Die partnerschaftliche Ebene ist für sie kaum vorstellbar. Nach Wallerstein und Blakeslee (1989) verstehen erst Jugendliche die eigentlichen Trennungsgründe. Für Eltern mag es schmerzhaft sein, dass sie diese den jüngeren Kindern noch kaum vermitteln können, sondern ihnen die Qualen und Sorgen, die sie sich auf Grund ihrer vermeintlichen Mitverantwortung machen, nicht ausreden können. Das Bemühen um das Verstehen ist ein langwieriger Prozess, der vermutlich nie abgeschlossen wird. Das erfordert von Erwachsenen Geduld und Empathie über eine lange Zeitspanne hinweg. Strategischer Rückzug aus dem Engagement für die ElternScheidung wird von Kindern als Bedrohung der kindlichen Sicherheit erlebt, sie stellt eine Art vorzeitiges Erwachen des Erwachsenen im Kinde dar. Nicht nur eigene Ängste belasten Kinder, sondern auch die Sorge um Geschwister oder verstörte Eltern, denen sich Kinder verpflichtet fühlen. Unbeabsichtigt nehmen Eltern zuweilen Trost und Unterstützung von Kindern in Anspruch und geniessen deren Zuwendung. Dadurch kommen typisch kindliche Bereiche wie Schule, Gleichaltrigenbeziehungen oder Spiel zu kurz. Kinder müssen hier lernen, sich aus übertriebenem Engagement für die Eltern zurückzuziehen. Möglicherweise dienen zahlreiche Verhaltensstörungen von Kindern dem Zweck, auf sich aufmerksam zu machen und die Verantwortung an die Eltern abzugeben. Auch die häufige Beobachtung, dass Scheidungskindern nach aussen unbeeindruckt wirken und die Trennung gut zu verarbeiten scheinen, kann ein Mittel darstellen, hartnäckig an den eigenen Interessen und Bedürfnissen festzuhalten. Eltern kommt hier die Aufgabe zu, Kinder dazu anzuhalten, Kinder zu bleiben (Wallerstein und Blakeslee 1989). Trauerarbeit: Verarbeitung der VerlusterfahrungenDie Auseinandersetzung mit dem Verlustschmerz ist die schwierigste Aufgabe, die Kinder zu bewältigen haben. Dafür sind unterschiedliche Gründe verantwortlich. Trauer zeigt sich zunächst im kindlichen Erleben und ist von aussen schwer zu erkennen. Da Kinder ihre Gefühle nicht immer verbal angemessen auszudrücken vermögen, werden Anzeichen der Trauer leicht missverstanden. Das Verständnis wird dadurch erschwert, dass die übrigen Familienmitglieder mit ihren eigenen Gefühlen beschäftigt sind, die häufig in Widerspruch zu denen des Kindes stehen. Während ein Kind etwa den abwesenden Vater idealisiert, empfindet die Mutter Wut und Hass. Ferner ist häufig unklar, worüber Kinder in Scheidungssituationen trauern. Es ist nicht nur der Verlust eines Elternteiles oder der sicheren Familienatmosphäre, sondern etwa auch der Verlust der vertrauten Umgebung nach einem Wohnungswechsel, der Rückzug von Grosseltern, Verwandten und Freunden. Schwer zugänglich sind vor allem die Gefühle, die aus dem Zerbrechen der Partnerbeziehung der Eltern resultieren. Da beide Eltern weiter leben und nach ihren Möglichkeiten auch den Kontakt zum Kind aufrecht erhalten, ist das Scheitern der Partnerbeziehung kaum fassbar. Es wird auch nicht wie beim Tod eines geliebten Menschen durch Trauerrituale sinnlich vor Augen geführt. Trauer bedeutet innere Loslösung von emotional bedeutsamen Erfahrungen durch Wiedererleben und Zulassen der Einsicht, dass diese Erlebnisse Vergangenheit sind. Trauer konfrontiert mit Gefühlen wie Ohnmacht und Hilflosigkeit, Angst, Schmerz, aber auch Wut und Zorn oder Schuldgefühlen. Als problematisch erweist sich vor allem das Zulassen feindseliger Impulse, da die Adressaten dieser Emotionen, in erster Linie die eigenen Eltern, sich als verletzte und verletzliche Personen wahrgenommen werden. Wenn Kinder ihre Aggressionen zeigen, verstärken sich ihre Schuldgefühle und Verlassenheitsängste, da sie damit einen vermeintlichen Vorwand liefern, dass der Graben zwischen den Eltern sich weiter vertieft und die noch vorhandenen Wiederversöhnungsfantasien endgültig enttäuscht werden. Als Ergebnis einer gelungenen Trauerarbeit zeichnet sich die Einsicht ab, dass die Trennung der Eltern nicht mehr rückgängig zu machen ist und eine Zukunft ohne die beschützende gemeinsame elterliche Atmosphäre gemeistert werden muss. Öffnung für neue BeziehungenDie Bewältigung der Scheidung bedeutet nicht nur, dass die Vergangenheit nicht mehr als belastende Hypothek erlebt wird, die viel Energie aufsaugt, sondern dass auch mit wachsender Zuversicht in die Zukunft geblickt werden kann. Die Erkenntnis, dass das Leben auch nach dem Zerbrechen der vertrauten Familie neue Chancen bietet, stellt einen letzten Schritt der Lösung aus dem Scheidungskonflikt dar, der besonders von problembelasteten Kindern nur schwer vollzogen werden kann. Als grösste Herausforderung erweist sich besonders für ältere Kinder das "Risiko der Liebe" (Wallerstein und Blakeslee 1989). Heranwachsende Scheidungskinder beschäftigt die Frage, ob sie in der Lage sind, nach den Erfahrungen der Eltern selbst eine tragfähige Liebesbeziehung einzugehen. Für die eigene Partnerbeziehung gilt das elterliche Scheitern als negativer Bezugspunkt. Das erzeugt eine Entmutigung und begünstigt die Überzeugung, "beziehungsgeschädigt" zu sein. Als Gegenreaktion entsteht der Druck, es anders und vor allem besser machen zu müssen. Die wiederholt beschriebene Beobachtung, dass die Scheidungshäufigkeit bei erwachsenen Kindern geschiedener Eltern signifikant erhöht ist, scheint die Schwierigkeiten der Liebesfähigkeit zu beweisen. Vor allem wenn die eigene Partnerschaft in eine Krise gerät, taucht das negative elterliche Vorbild auf und begünstigt den Beziehungsabbruch. Das Ringen um eine eigenständige Bewältigung der Beziehungsprobleme ist gleichzeitig ein wichtiger Schritt in der Ablösung von den Eltern. Er gelingt vermutlich nie vollständig und ist vor allem nicht kurzfristig zu erreichen. Hilfen für Kinder Eltern entwickeln im Scheidungsprozess häufig Schuldgefühle, weil sie in Folge ihrer eigenen emotionalen Verfassung fürchten, die Kinder zu vernachlässigen. Verhaltensauffälligkeiten und ungewohnte verbale Äusserungen sorgen für Beunruhigung. Vermutlich gelingt es jedoch zahlreichen Eltern auch in dieser schwierigen Lage, Verständnis und Unterstützung zu zeigen. Dennoch ist es wertvoll, spezielle therapeutische und pädagogische Hilfen für Kinder zu kennen, die in den letzten Jahren entwickelt wurden. Ein wichtiger Schritt ist für Eltern zunächst, sich die eigene Überforderung einzugestehen und sich für ausserfamiliäre Angebote zu öffnen. Vor jeder professionellen Unterstützung entdecken und nutzen Kinder vielfach spontan Ressourcen in ihrem eigenen sozialen Umfeld, wenn sie von den Eltern nicht daran gehindert werden. Grosseltern, Geschwister, Freunde, vor allem auch andere Kinder in ähnlichen Scheidungssituationen, eine verständnisvolle Haltung von Erziehern und Lehrern können Rückhalt bieten. Wichtig erscheint auch, dass Kinder ihre vertrauten Tätigkeiten weiter ausführen können, z.B. ihre Freizeitaktivitäten weiter pflegen. Da sich Kinder auch um ihre Eltern sorgen, dient es ihrem psychischen Gleichgewicht, wenn es Eltern schaffen, ihre eigenen Probleme in Griff zu bekommen. In diesem Fall kann eine vorübergehende Distanzierung zwischen Eltern und Kind eintreten, die häufig nicht bewusst registriert wird. Sie ist nicht mit Vernachlässigung zu verwechseln, wenn sie von Phasen intensiver Zuwendung abgelöst wird. Eine Familienatmosphäre, in der Nähe und Distanz gleichermassen zugelassen und ertragen werden, kann als günstiger Nährboden für die Bewältigung der emotionalen Belastung angesehen werden. Professionelle Angebote verfolgen spezielle Ziele. Sie können nach Fthenakis u.a. (1993) im Frühstadium der Scheidung eingesetzt werden, um negative Konsequenzen zu verhindern. Im Stadium der Spannungseskalation verhindern konfliktdämpfende Methoden wie Mediation eine Verhärtung der Fronten. Ferner kann die emotionale Krise aufgefangen werden. Im fortgeschrittenen Stadium steht die Kompetenzerweiterung im Mittelpunkt. Es werden Fähigkeiten entdeckt und gefördert, die zur Lösung der anstehenden Probleme beitragen und die Anpassung an die geänderte Situation fördern. Spezielle Hilfen für Kinder sind noch relativ selten. Meist sind sie mit der Beratung der Eltern gekoppelt. Als sinnvoll erweisen sich vor allem Gruppenangebote für Kinder, die in der Regel ab Schulbeginn einsetzen. Die methodischen Ansätze sind sehr unterschiedlich. Teilweise werden Informationen über den Scheidungsprozess vermittelt und innerhalb eines didaktisch vorstrukturierten Rahmens die jeweiligen Probleme angesprochen. In anderen Fällen werden den Kindern bestimmte Hilfsmittel an die Hand gegeben, um ihre Gefühle auszudrücken. Dazu zählen etwa Malen, Geschichten erzählen, Entspannungsübungen und Fantasiereisen, körperliche Ausdrucksübungen. Neben diesen eher pädagogisch orientierten Gruppen werden auch Gruppen mit einem therapeutischen Charakter gebildet, die kein vorstrukturiertes Programm aufweisen, sondern Aktivitäten aus den aktuellen Bedürfnissen und Interessen der Kinder entwickeln. Sie sind meist auch nicht auf wenige Sitzungen begrenzt, sondern zeitlich offener gehalten. Wesentlich erscheint, dass Kinder sich in der Gruppe sicher fühlen und zur Einsicht gelangen, mit ihren Problemen nicht allein da zu stehen, sondern in einer Solidargemeinschaft aufgehoben zu sein, in deren Schutz der Scheidungsstress leichter verkraftet werden kann. Quellennachweis - Balloff, R. und Walter, E., 1991: Reaktionen der Kinder auf die Scheidung der Eltern bei alleiniger oder gemeinsamer elterlicher Sorge. In: Psychologie in Erziehung und Unterricht, 38, 81-95.
- Eggert-Schmid Noerr, A. (Hrsg.), 1994: Das Ende der Beziehung ? Frauen, Männer, Kinder in der Trennungskrise. Mainz.
- Figdor, H., 1991: Kinder aus geschiedenen Ehen: Zwischen Trauma und Hoffnung; eine psychoanalytische Studie. Mainz.
- Fthenakis, W.E., Niesel, R., Griebel, W., 1993: Scheidung als Reorganisationsprozeß. Interventionsansätze für Kinder und Eltern. In: Menne, K., Schilling, H., Weber, M., (Hrsg.), 1993: Kinder im Scheidungskonflikt, Weinheim, 261-290.
- Goldbrunner, H., 1994: Trennung und Scheidung als Mythos. In: Praxis Spiel + Gruppe, 7, 47-54.
- Goldbrunner, H., 1996: Trauer und Beziehung. Mainz.
- Kardas, J., Langenmayr, A., 1996: Familien in Trennung und Scheidung. Ausgewählte psychologische Aspekte des Erlebens und Verhaltens von Scheidungskinder. Stuttgart.
- Krieger, W.(Hrsg.), 1997: Elterliche Trennung und Scheidung im Erleben von Kindern.
- Riehl-Emde, A., 1992: Ehescheidung und ihre Folgen. Bericht über Forschungsliteratur. Familiendynamik, 17, 17-24.
- Schmidt-Denter, U., Beelmann, W., 1995: Familiäre Beziehungen nach Trennung und Scheidung: Veränderungsprozesse bei Müttern, Vätern und Kindern. Unveröffentlichter Forschungsbericht, Univ. Köln.
- Textor, M.-R., 1991: Scheidungszyklus und Scheidungsberatung. Göttingen.
- Wallerstein, J. und Blakeslee, 1989: Gewinner und Verlierer. Frauen, Männer, Kinder nach der Scheidung. München.
- Willi, J., 1991: Was hält Paare zusammen? Reinbek.

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