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Lebensentwürfe von Frauen in der modernen Familie

Prof. Dr. Hans Goldbrunner

Lebensentwürfe von Frauen in der modernen Familie1

Eine systemtheoretische Orientierungshilfe zum Verständnis von Prophylaxe und Resozialisierung von Frauen

Eine systemische Orientierung sucht abweichendes Verhalten in einen ganzheitlichen Zusammenhang zu stellen, in welchem zahlreiche zirkuläre, rückgekoppelte soziale Prozesse zu beobachten sind. Es soll vermieden werden, von „Tätern“ und „Opfern“ zu sprechen, die lediglich Ausschnitte aus komplexen Wechselwirkungen erfassen und Abweichung als Versagen von Individuen oder der sozialen Umwelt definieren.

Devianz erscheint vielmehr als entstellter Appell um Anerkennung und Verständnis, der sich in seiner Hilflosigkeit an Familie, Erzieher und Gleichaltrige wendet. Die kommunikativen Signale werden allerdings in einer Form mitgeteilt, dass sie zur Vertiefung der Distanz und zum Ausschluss aus Gemeinschaften beitragen. Die Umwelt registriert meist nur den bedrohlichen Charakter der Signale, nicht jedoch die Hilflosigkeit des Senders. Prozesse der Stigmatisierung, des Ausschlusses und der Abwertung werden von verschiedenen Devianztheorien auf mikro- und makrosozialer Ebene beschrieben.

Devianz von Frauen

Die Untersuchung der Devianz bei Frauen konzentrierte sich lange Zeit auf Formen der Verwahrlosung, worunter besonders Verhalten wie sexuelle Auffälligkeiten, Schulversagen und Vernachlässigung von Kindern erfasst wurden. In den Kriminalitätsstatistiken waren und sind Frauen in der Minderheit. Je nach der Schwere von Straftaten beläuft sich ihr Anteil gegenüber Männern im Verhältnis 1:5 (leichtere Vergehen) bis 1:10 (Mord, Raub, schwere Gewalt). Die moderne Genderforschung entwickelte Hypothesen zur Erklärung:

Frauen haben zum Teil andere Konflikte und ... bewältigen sie anders: Sie sind eher passiv als aktiv, eher selbstschädigend als aggressiv gegen andere, eher angepasst, unauffällig und legal.2

Gipser und Stein-Hilbers (1980) stellten die These auf, dass Auffälligkeiten von Frauen sich vor allem auf Konsum und Abhängigkeit von Drogen konzentrieren und besonders im Privatbereich zu beobachten sind. Als Konfliktbewältigung wurde vorrangig die Flucht in Krankheiten beschrieben. Diese Annahme wurde durch Ergebnisse der Gesundheitsforschung gestützt, wo sich insbesondere bei älteren Frauen höhere Raten von Arztbesuchen sowie Einnahme von Psychopharmaka und Medikamentenmißbrauch ermittelt wurden. Aus heutiger Sicht lässt sich zusammenfassend feststellen, ohne auf Details der Devianzforschung einzugehen:

Männer tendieren dazu, auf schwere Krisen ... sowohl kriminell als auch mit schweren Krankheitsbildern zu reagieren.3

Lebensentwürfe von Frauen

Hier soll jedoch nicht der Frage nach typischen weiblichen Formen der Devianz nachgegangen werden, sondern ein dynamischer Aspekt besonders herausgegriffen werden, der sich mit der Frage des Selbstkonzeptes von Frauen beschäftigt. Das ermöglicht gleichzeitig, abweichendes Verhalten in soziale Bezüge einzuordnen. Ich möchte hier von Lebensentwürfen sprechen. Lebensentwürfe sind auf das einzelne Individuum bezogene Zukunftsvisionen, die Werte und Ideale konkretisieren. Lebensentwürfe sind keine geschlossenen Einheiten, sondern anpassungsfähig, offen und flexibel. Thematisch beziehen sie sich auf die zentralen Lebensbereiche wie Selbstkonzept, Familie, Partnerbeziehung, Verhältnis zwischen den Generationen, Arbeitswelt, Freizeit.

In modernen Gesellschaften existieren unterschiedliche – auch widersprüchliche Lebensentwürfe von Frauen, die im Laufe des Lebens ständig revidiert, an die veränderte Realität adaptiert werden und mit den eigenen Möglichkeiten ausbalanciert werden müssen. Unangemessene Entwürfe werden verworfen, während neue Handlungsmodelle konzipiert und als Leitbilder internalisiert werden. Probleme treten jedoch auf, wenn aus moralischen Gründen, infolge von Bindungen an spezifische Werte und Bezugsgruppen wie Familie oder Peergroups Revisionen erschwert werden. Dazu kommt, dass der Wechsel zwischen Entwürfen häufig Merkmale von Übergängen (Kind – Erwachsener) und Krisen trägt. Übergänge werden behindert, wenn Veränderungen in einem Beziehungskontext auftreten, der bestimmte Leitbilder nicht erlaubt. Dies ist etwa der Fall, wenn etwa zwischen der Herkunftsfamilie und Gleichaltrigen große Diskrepanzen bestehen.

Lebensentwürfe und Devianz

Sozial nicht akzeptierte Lebensentwürfe können zum Ausschluß aus Gruppen führen und dadurch die Ausbildung von Devianz begünstigen, da Gruppen auf ein gewisses Maß an Konformität angewiesen sind. Abweichendes Verhalten immunisiert durch die Identifikation mit realen oder imaginären Gruppen und Werten gegen Einflüsse von Sozialisationsinstanzen (Familie, Schule, Jugendhilfe, Kirche), wenn eine Ablösung intendiert wird. Devianz ist aus Sicht des Devianten eine Stärke, welche die Übermacht der Sozialisationsagenten schwächt.

Pädagogisch relevante Dimensionen von Lebensentwürfen

Lebensentwürfe durchziehen mehrere Ebenen, die auch wesentliche Elemente von Resozialisationsansätzen erfassen. Ein systemisches Konzept hat sowohl individuelle wie soziale Komponenten von Lebensentwürfen zu berücksichtigen. Interventionen mit dem Ziel der Resozialisierung setzen meist an einzelnen Problemen wie Gewalt, Verletzung von Eigentumsrechten und Gesetzestreue an. In einem umfassenden Sinn spielen jedoch häufig unsichtbare soziale und moralische Bindungen sowie die Interdependenz mit anderen Faktoren eine bedeutsame Rolle, denen in der Resozialisierung und Prophylaxe Rechnung zu tragen ist. Eine Vernachlässigung dieser Zusammenhänge kann zum Scheitern der Bemühungen beitragen.

Es soll daher ein umfassendes Modell vorgestellt, das grundlegende Ebenen aufzeigt. Damit ist die Erwartung verbunden, dass individuelle und soziale Komponenten des Sozialisationsprozesses angemessen erfasst werden und zu enge Erfolgskriterien wie Rückfallsgefährdung relativiert werden. Ausgehend von einem Modell sozialer Beziehungen, das von Wynne (1985) im Kontext der Familientherapie entwickelt wurde, und das ich an anderen Stellen (1994, 1996) verändert habe, sollen folgende Faktoren herausgegriffen werden:

1. Erleben,

2. Kommunizieren,

3. gemeinsames Problemlösen,

4. Neustrukturieren von Beziehungen.

Diese Ebenen bauen nach Art eines Stufenmodells aufeinander auf und beeinflussen sich gegenseitig. Ihre Beachtung kann auf Sozialisationsdefizite aufmerksam machen und wirksame Korrekturmaßnahmen aufzeigen.

Zu 1. Erleben:

Erleben umfasst alle Formen emotionaler und körperlicher Reaktionen auf innere und äußere Erfahrungen. Erleben ist spontan, unmittelbar, präverbal, mit körperlichen Reaktionen verbunden. Erleben ist als Signal der subjektiven Bewertung zu verstehen und zeigt sich in angenehmen, positiven Gefühlen als Zeichen der Attraktivität ebenso wie in unangenehmen, angstvollen, traurigen Gefühlen als Zeichen der Aversion. Gegenwärtiges Erleben hat jedoch eine Vorgeschichte, die im Gedächtnis gespeichert ist. Affektive Reaktionen auf Wahrnehmungen sind daher zu verstehen als Ergebnis früherer Erfahrungen. Neben eigenen Erfahrungen spielen in der Sozialisation durch andere Personen vermittelte Bewertungen eine wichtige Rolle: Kinder und Erwachsene lernen von anderen, was für sie bedeutsam, irrelevant oder bedrohlich ist. Unterschiedliches Erleben hat somit biografische und soziale Hintergründe, die eine Orientierung in aktuellen Situationen ermöglichen.

Pädagogisch entscheidend sind Veränderungen des Erlebens. Entwicklungen beziehen sich auf: Zulassen bisher nicht zugänglicher Impulse, Differenzierung von Gefühlen, Entwicklung von Bewältigungsstrategien gegenüber bedrohlichen Impulsen.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sollen einige Beispiele für Erlebensbereiche benannt werden, die im Kontext der Resozialisierung von Bedeutung sind:

• Körperwahrnehmung: Hunger, Durst, Sättigung
   (Konsumverhalten!), Schmerz, Anspannung–Entspannung, Wärme-
   Kälte, körperliche Attraktivität, Sexualität,

• Erfahrungen mit Tieren, Natur,

• Erleben von Arbeit, Leistung, Erfolgserlebnisse, Freizeit, Kreativität:
  aktives Gestalten: Singen, Tanzen, Malen, passives Genießen,

• Sozial: Angst, Einsamkeit, Sicherheit, Fürsorge, Verantwortung,
  Geborgenheit.

Erleben und Bindung (attachment) hängen eng zusammen: Intensives Erleben schafft (sichere) Bindungen. Sie erleichtert in Übergängen auch die Ablösung aus Beziehungen und die Korrektur überholter Lebensentwürfen. Unsichere, von feindseligen Impulsen überschattete Bindungen behindern die Lösung aus Bindungen und die Aufnahme neuer Beziehungen. Besonders unbefriedigende Mutter- und Vaterbindungen oder generell eine unglückliche Kindheit erschweren den Übergang vom Jugendalter in das Erwachsenwerden. Unsichere Kindheitserfahrungen sind eine Belastung für sozial auffällige Personen! Daraus ergibt sich als Konsequenz: Es fällt schwer, sich auf neue Erlebnisse einzulassen, Flucht und Vermeidung von Veränderungen sind weitere Folgen. Neuartige Erlebnisse in der Resozialisierung sollten aus diesen Gründen vorsichtig, sensibel und in „kleinen Dosen“ vermittelt werden, um Überforderungen zu vermeiden!

Zu 2. Kommunizieren:

Kommunizieren heißt hier: Erleben in Worte fassen, verbalisieren, sich anderen mitteilen und dadurch anderen einen Zugang zum eigenen Erleben ermöglichen. Kommunizieren ermöglicht Anteilnahme, Einfühlung, Verstehen. Der fortlaufende Dialog vertieft und differenziert Beziehungen, da über die Sprache eine komplexere Form der Verständigung möglich wird, die über den vorsprachlichen Austausch von Erlebnissen hinaus geht.

In der Praxis verdient nicht nur Beachtung, ob und wie verbal kommuniziert wird, sondern auch, welche Kommunikationsnetze genutzt werden: Was wird wem mitgeteilt, wem nicht? (Familienmitgliedern, Freunden, pädagogischen/therapeutischen Fachkräften). Es darf nicht übersehen werden, dass auch Schweigen und Verweigerung Formen des Kommunizierens darstellen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, metakommunikative Fähigkeiten zu entwickeln, wodurch es möglich wird, destruktive Kommunikationsmuster zu reflektieren und zu verändern.

Der zwischenmenschliche Dialog erweist sich als eines der bedeutendsten Medien der Resozialisierung. Er trägt dazu bei, Unbewusstes bewusst zu machen, Sprachlosigkeit zu überwinden und Diskrepanzen zwischen persönlichen Lebensentwürfen und sozialen Erwartungen aufzudecken, die nicht selten Entwicklungen behindern. Da am Anfang der Resozialisierung vielfach Zwänge stehen, übernimmt die Kommunikation eine wichtige Funktion, den Zwangscharakter allmählich aufzulösen und in einen partnerschaftlichen Dialog überzuführen, in welchem Befürchtungen von Manipulation und Unterdrückung an Bedeutung verlieren.

Zu 3. Gemeinsames Problemlösen:

Gemeinsames Problemlösen bezieht sich auf die praktische Seite der Realitätsbewältigung. Sie wendet sich an die alltagspraktischen Kompetenzen. Es geht darum, Potentiale zu erkennen und in Situationen des Lebens sinnvoll einzusetzen. Selbstüberschätzung oder das Gefühl von Inkompetenz sind nicht selten Barrieren auf diesem Weg. Der erfolgreiche Einsatz von persönlichen Fähigkeiten erzeugt ein Gefühl von Kompetenz und Macht und stabilisiert das Selbstwertgefühl. Im sozialen Kontext geht es häufig um gemeinsames Problemlösen, das in erster Linie Fragen der Kooperation im Alltag einschließt. Damit treten besonders folgende Themen in den Mittelpunkt:

• Wie werden die vorhandenen persönlichen Ressourcen eingesetzt
  und koordiniert?

• Welche praktischen Möglichkeiten bringen Menschen mit, wie
  können diese erkannt und gefördert werden?

• Wie können Anreize und Belohnungen entwickelt werden?

• Wo liegen Einschränkungen und Handicaps – und wie können 
  diese kompensiert werden?

• Wie wirken alle Akteure bei der Bewältigung der komplexen und
  sich fortlaufend verändernden Realität zusammen?

• Wie können unangemessene und einseitige Arbeitsteilungen und
  Rollenmuster bewusst gemacht und verändert werden?

• Wie kann die problemlösende Kommunikation eingesetzt und
  verbessert werden?

• Wie wirken sich die Erfahrungen des Problemlösens auf
  Lebensentwürfe aus? (Verantwortung, Selbstwert, Kompetenz)

Zu 4. Neustrukturieren von Beziehungen:

Hier geht es um eine grundlegende Revision von Beziehungsstrukturen, die bei länger anhaltenden Beziehungen erforderlich sind. Sie sind als Anpassung an Altersprozesse, Krankheit, Tod und geänderte Umwelt unverzichtbar. Revisionen von Beziehungen sind erforderlich, wenn persönliche Entwicklungen und äußere Anforderungen nicht mehr übereinstimmen. Gleichzeitig sind sie jedoch auch mit erheblichen Ängsten verbunden, da der Ausgang schwer vorhersehbar ist. Wenn Beziehungsveränderungen sich nicht stillschweigend vollziehen, sind komplexe Prozesse des „Aushandelns“ erforderlich. Kommunikative Fertigkeiten, die auf den vorhergehenden Stufen entwickelt worden sind, sind wichtige Voraussetzungen im Prozess des Neustrukturierens von Beziehungen. Sprachliche Defizite, Unbehagen und Veränderungswünsche zu artikulieren, führen zu Missverständnissen und Spannungen. Ferner behindern einseitige Vorstellungen von Harmonie und Liebe Diskussionen über die unvermeidlichen Veränderungsschritte, da sie als Bedrohung erlebt werden.

Zentrale Schritte sind:

• Trauern (als Zulassen von Enttäuschungen),

• Streiten (als Ringen um neue Lebensentwürfe und
   Beziehungsmuster) und

• Versöhnung (als Einsicht in die veränderte Situation).

Revision von Lebensentwürfen als Aufgabe von Prophylaxe und Resozialisierung

Arbeitsfelder der Prophylaxe und Resozialisierung werden mit starren, unangepassten Lebensentwürfen konfrontiert. Sie unterliegen dabei der Gefahr, einseitige zeitgebundene und interessengeleitete Gegenmodelle zu propagieren, die bei Heranwachsenden Ablehnung hervorrufen. Manipulative pädagogische Ansätze stoßen auf Widerstände, wenn sie nicht individuell auf die Situation der Adressaten bezogen sind. Das Konzept der Lebensentwürfe als Leitbild der Sozialisierung relativiert den Stellenwert begrenzter Werte und Normen, ohne sie völlig zu entwerten. Aus diesen modellhaften Grundüberlegungen leitet sich die Notwendigkeit ab, Lebensentwürfe in einem dialogischen Prozess, an dem die verschiedenen Parteien beteiligt sind, immer wieder zu klären und an der intrapsychischen und sozialen Realität zu prüfen und zu revidieren. Die Konkretisierung dieser abstrakten Zielsetzung durch die Dimensionen Erleben, Kommunizieren, gemeinsames Problemlösen und Neustrukturieren von Beziehungen kann dazu beitragen, zeitlich begrenzte Interventionen zur Verbesserung des Sozialisationsprozesses in umfassende Zusammenhänge einzuordnen und Lücken von Sozialisationskonzepten aufzudecken.

1 Vortrag auf den 7. Tagen der Prophylaxe der Wojewodschaft 
   Swietokrzyskie, 13.-14.Mai 2009
2 Gipser, D. Stein-Hilbers, M., Frauen und Kriminalität. 1980, S. 11.
3 Jacobson, A.C.,: Sozialstruktur und Gender. 2008, S. 57.

Quellenangaben

Gipser, D., Stein-Hilbers, M., Frauen und Kriminalität. Weinheim, Basel, Beltz-Verlag 1980.

Goldbrunner, H., Masken der Partnerschaft. Mainz, Grünewald Verlag 1994.

Goldbrunner, H., Trauer und Beziehung. Systemische und gesellschaftliche Dimensionen der Verarbeitung von Verlusterlebnissen. Mainz, Grünewald Verlag 1996.

Jacobson, A.C., Sozialstruktur und Gender. Analyse geschlechtsspezifischer Kriminalität mit der Anomietheorie Mertons. VS Verlag. 2008.

Wynne,L. C.,: Die Epigenese von Beziehungssystemen: Ein Modell zum Verständnis familiärer Entwicklung. In: Familiendynamik, Jg. 11,1985, S. 114 – 146.

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