Landwirtschaftliche Familienberatung
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Bauernbetriebe unter dem Existenzminimum
Mai 2009

An seiner Frühlingsweiterbildung 2009 lässt sich das Team des Schweizer Sorgentelefons über das Forschungsprojekt „Bauernfamilien unter dem Existenzminimum“ informieren. „Es gibt zwei Grundmuster, nach denen Bauernfamilien in existentielle Probleme geraten: Stetiges Bergab oder Einschneidendes Ereignis.“ So erklärt Sandra Contzen von der Schweizerischen Hochschule Zollikofen die unmittelbaren Ursachen für den wirtschaftlichen Absturz bäuerlicher Unternehmen. Diese Analyse deckt sich mit den Erfahrungen des Bäuerlichen Sorgentelefons aus Hunderten von Gesprächen mit Anrufern in Not.

Die Landwirtschaft treffe ganz allgemein auf immer schwierigere Rahmenbedingungen, führt Frau Contzen weiter aus. Wenn die Betriebsleitung auf diese Veränderungen nicht reagieren könne oder wolle, reiche das Einkommen früher oder später nicht mehr aus, um die Grundbedürfnisse der Familie zu decken. Ob die Anpassung an das härtere Umfeld gelinge oder nicht, hänge auf individueller Ebene u.a. von den unternehmerischen Fähigkeiten, den ausserlandwirtschaftlichen Einkommensmöglichkeiten oder von der Gesundheit des Betriebsleiterpaares ab – und natürlich auch ein bisschen vom Zufall (Wetterglück oder Pech im Stall)….

Die Berner Fachhochschule, welche das Forschungsprojekt vorantreibt, möchte Lebenssituationen und Bewältigungsstrategien der Betroffenen aufzeigen. Erste Interviews mit Bauernfamilien in wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen zeigen ein breites Spektrum von Verhaltensmustern angesichts bedrohter Existenzgrundlagen: Die Reaktionen reichen von der Schaffung neuer Einkommensquellen bis zu „Gürtel enger schnallen“ oder gar Verdrängen. Auffällig: Die Befragten sehen in der Betriebsaufgabe keine Strategie zur Krisenbewältigung – offensichtlich ist das Bauernleben weiterhin so attraktiv, dass grosse Härten in Kauf genommen werden, um an der bäuerlichen Lebensform festhalten zu können.

Das Forschungsprojekt bemüht sich auch um eine klare Definition von „Existenzminimum in der Landwirtschaft“: Ab welchem Einkommen sinkt ein Familienbudget in der Landwirtschaft unter das absolut Lebensnotwendige, wie kann man prekäre Lebensverhältnisse in der Landwirtschaft gesamtschweizerisch beurteilen, und mit welchen Zahlen lässt sich die Armutsentwicklung in der Landwirtschaft über längere Zeiträume beobachten?

Die nackte Formel für das „absolut Lebensnotwendige einer Bauernfamilie“ gibt dann einiges zu reden – schon deshalb, weil für uns Sozialmathematik neu ist und etwas gewöhnungsbedürftig. Allgemeine Berechnungsnormen für das Existenzminimum sind in den Richtlinien der SKOS (Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe) bereits definiert. Auf diesen Vorgaben basiert denn auch die Definition des Forschungsprojekts. Welche Anpassungen sind aber notwendig, um den besonderen Bedingungen des landwirtschaftlichen Familienbetriebs gerecht zu werden (Naturalleistungen, Investitionsbedarf des Betriebs, Schuldentilgung, enge Verknüpfung von Betrieb und Familie usw.)? Wird die eingesetzte Arbeit in irgendeiner Form berücksichtigt (Überlastung kann das Einkommen eine gewisse Zeit über der Existenzgrenze halten, führt aber mittelfristig zu gesundheitliche oder psychische Problemen)? Und können reine Zahlenformeln den Wert einer „Existenz“ überhaupt sinnvoll erfassen (gemessene und gefühlte Existenzbedrohung müssen nicht übereinstimmen)?

Diese Diskussion hat auch das Forschungsteam noch nicht abgeschlossen. Wir sind gespannt auf den offiziellen Schlussbericht zum Projekt „Bauernhaushalte unter dem Existenzminimum“. Er soll noch im Jahr 2009 herauskommen.

Als Zwischenfazit zieht Sandra Contzen folgende Schlüsse aus der Projektarbeit:

  • Armut in der Landwirtschaft ist noch immer ein Tabuthema
  • Die Strategie des Verdrängens/Betriebserhaltung verhindert Veränderungen
  • Gefragt sind Mechanismen der Früherkennung
  • Bäuerinnen nehmen bei der Existenzsicherung eine Schlüsselrolle ein
  • Guter professioneller Umgang in der landwirtschaftlichen Beratung und auf Sozialdiensten ist sehr wichtig

Sollten Sie selber Probleme mit dem Existenzminimum haben und einfach nicht mehr weiter wissen, rufen Sie doch das Sorgentelefon an. Das entlastet. Sie müssen nicht befürchten, dass Ihre persönlichen Sorgen an die Öffentlichkeit gelangen. Sorgentelefon: 041 820 02 15, Montagvormittag und Donnerstagabend.

Datum: 03.05.2009
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