Landwirtschaftliche Familienberatung
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Der ganz normale Neid - von Dr. Georg Beirer
April 2012

In einem Seminar mit Dr. Georg Beirer  befassten sich die Mitarbeiter der Landwirtschaftlichen Familienberatungen aus ganz Bayern mit dem Thema:
„Der  ganz normale  Neid“
Die nachfolgende Zusammenstellung  aus dem Manuskript  zeigt  die Vielfältigkeit des Themas.

Zunächst ist Neid eine menschliche Grunderfahrung. Er ist verbunden mit dem Kern des Menschen als sozialem Wesen. Daher verweist der Neid auf eine grundlegende Spannung und Differenz im Menschsein, mit sich selbst und mit den anderen und ist Teil seiner lebensdynamischen Entfaltung. Neid entsteht, weil man einen Mangel an etwas empfindet. Das Gefühl des Mangels ist gleichzusetzen mit dem Gefühl der Erniedrigung und dem Mangel an Selbstachtung.

Das Gefühl des Neides trifft uns oft als benennbaren Stich angesichts einer Leistung, des Aussehens, des Eigentums eines anderen. Da bei wirken verschiedene Emotionen, die je unterschiedlich im Vordergrund stehen, auf uns ein, wie Trauer, Wut, Ärger und Hass. Es zeigt sich auch im Gefühl, vom Leben schlecht behandelt worden zu sein. Diese Stimmung überfällt uns eher, wenn wir selber unsicher und unzufrieden mit und selber und der Welt sind.

Missgunst ist eine Variante des Neides, in der man einem anderen Menschen etwas nicht gönnt oder vergönnt. Dabei ist man eher neidisch auf Privilegien als auf Fähigkeiten eines Menschen, wobei oft Fähigkeiten als Privilegien dargestellt werden. Das Schielen auf Andere und der heimliche und süchtige Vergleich mit anderen Menschen fördern den Neid. Mit dem Vergleich beginnt der Verlust des Glücks.

Im Missvergnügen wehren wir unsere Selbstwahrnehmung, dass wir uns zu kurz gekommen fühlen, ab, denn es würde uns kränken, uns so zu entwerten. Stattessen entziehen wir anderen Menschen unsere Wertschätzung und werten sie ab, damit wir aufgewertet werden, besser dastehen und selber glänzen.

Neid kann auch als Stimulation wirken, wenn etwa durch Erziehung die eigenen Talente nicht gezeigt werden durften, oder ich meine Freude über meine Kompetenzen nicht ausdrücken darf, um bei anderen ja keinen Neid zu erregen. In solchen Fällen wird lieber vom Unglück als vom Glück gesprochen, um ja keinen Neid zu erregen.

Neid und Eifersucht sind Geschwister und gehören der gleichen Familie an.

Der Neid entsteht zwischen zwei Personen, zwei gegenüber stehenden Parteien. Dabei möchte ich haben, was du hast, jedenfalls solltest du das nicht besitzen. Er richtet sich auf Eigenschaften, Fähigkeiten, Lebensmöglichkeiten, Dinge usw.

Zur Eifersucht gehören immer drei. Sie richtet sich an/auf Personen, Menschen. Es besteht die Angst davor, etwas, das ich „besitze“ oder habe, zu verlieren. „Ich mag nicht teilen, du musst verschwinden, damit ich ihn/sie für mich alleine habe.“ Dabei kann ein Gefühl einer quälenden Furcht bis zu leidenschaftlichem Hass entstehen. Sie ist eine Warnung, aber auch ein Verdrängungskampf um die Herstellung einer exklusiven Beziehung.

Beide Emotionen gründen in einem mangelnden Selbstwertgefühl, weil eigene Bedürfnisse nicht erfüllt sind oder ich selber mit mir nicht im Einklang lebe.

Der Neid hat viele Masken und Gesichter. Auf jeden Fall „kostet“ er mich etwas. Er blockiert meine Ziele, verunsichert mich, greift das Selbstwertgefühl an. Er versteckt sich in vielen Verhaltensweisen. Im Selbstmitleid beklagen wir unsere Situation, wie schlecht es mir geht, wie schöne es andere haben und stöhnen, wie beschäftigt wir sind. Eine weitere Maske ist das Gefühl der Ungerechtigkeit des Lebens. Glück und der Erfolg treffen immer nur den anderen, nie bin ich dabei (Jammern). Auch falsche Demut und das demonstrieren einer scheinbaren Souveränität, „das ist mir egal, das brauche ich nicht, das macht doch mir nichts aus“, ist eine weitere Variante des Neides. Weil es mir weh tut, gehe ich dem Leben aus dem Weg und vermeide, was mich neidisch machen könnte. Dabei rede ich mir ein: „Davon will ich gar nichts wissen, das geht mir gar nichts an.“

Eine weit verbreitete Maske des Neides ist das Kritisieren. Wenn man an dem Erfolg des anderen leidet, kritisiert man ihn in der Hoffnung, dass es dann einem selber besser geht. Kritik unter der Gürtellinie rührt häufig vom Neid her. Auch unechtes Lob kann eine Neidmasken sein. Schweigend leiden ist ebenso eine Art des Neides. Man lässt erfolgreiche Menschen und Freunde allein und zieht sich in sich zurück. „Die brauchen mich nicht mehr, jetzt sind die was Besseres, der kennt einen nicht mehr“, sind Ausdrucksformen davon. In der Selbstabwertung bis hin zum Selbsthass erniedrigen wir uns, weil wir sehen, andere sind erfolgreicher, zufriedener, begabter, glücklicher, reicher, mächtiger.

Strategien für den Umgang mit dem Neid.

Neben dem Neid, der zerstörerisch wirkt, gibt es einen Neid der eine Reifungschance eröffnet. Als berechtigter Neid zeigt er sich bei der Verletzung des Gerechtigkeitsprinzips, z. B. wenn Menschen aus Entscheidungs- und Kommunikationsprozessen ausgeschlossen werden oder auch bei Abwertung und Minderbewertung einzelner und ganzer Gruppen. Ein Verwirklichungsneid wird zum Anlass, einige bislang ungenutzte und ruhende Möglichkeiten und Fähigkeiten zu entfalten und sich selbst um eine Bereicherung des eigenen Lebens zu bemühen. Der Neid lenkt die Aufmerksamkeit auf die persönlichen Fähigkeiten und ermuntert zu einer Freiheit, die aus der Sehnsucht nach dem Begehrten erwächst.

Neid kann auch als positiver Antrieb, und in positive Identifikation verwandelt werden. Dabei übernehme ich die Qualitäten und Vorzüge der bewunderten Person, integriere diese in meine Person und forme mich selbst nach diesem Menschen. Man kann den Neid auch dazu benutzen, sich um das zu bemühen, was man sich wünscht. Was man bewundert, sollte man zu entwickeln versuchen.

Der Neid kann mir auch eine Warnung sein. Er macht mich aufmerksam, dass mein eigenes Leben nicht so ist, wie ich es gerne hätte. Der eigene Neid kann aber auch Ansporn, Stimulans für Veränderung sein. Er vermittelt die Hoffnung, wenn andere das schaffen, dann schaffe ich es auch.

Welche Handlungsmuster und Strategien kann ich gegen den Neid entwickeln?

Grundsätzlich ist es wichtig, sich das Gefühl des Neides einzugestehen, weil es zum Menschen gehört. Unterlassen wir doch jede Bewertung und Selbstverurteilung wegen des Neidgefühls. Akzeptieren wir grundsätzlichen Unterschiede der Menschen mit ihren Anlagen, Lebensverhältnisse usw. Machen wir unser Selbstwertgefühl nicht von äußeren Bedingungen abhängig wie Erfolg, Besitz, Ansehen, Macht. Sprechen wir über unsere Gefühle, auch wenn es schwer ist und wir sie uns selber nicht eingestehen oder akzeptieren wollen. Üben wir uns in Großzügigkeit. Erfreuen wir uns an und mit Menschen, deren Leben gelingt und die Erfolg haben. Lassen wir uns von anderen inspirieren und anregen. Verändern wir nach Möglichkeit die Situation, die Neid erzeugt. Wenn einer in einer Hinsicht gewinnt, heißt das noch lange nicht, dass wir verlieren. Lassen wir uns nicht verunsichern und lachen wir über den eigenen Neid, wenn wir ihn bei uns entdecken.

Wenn ich merke, dass der Selbsthass oder die Selbstablehnung bei mir Einzug hält, ist es wichtig, Wege zu finden, sich selbst zu trösten, sich selbst zu akzeptieren und zu mögen. Das erreiche ich, wenn ich versuche, mit mir freundlich zu sein. Ich mache mir bewusst, wodurch ich mich selbst ablehne oder verletze (z. B. Ärger, Wut, Ohnmacht) und ersetze das durch etwas, was mir Freude macht. Es kann auch schon helfen, mit Freunden etwas, die zu einem halten, etwas zu unternehmen. Denn im Neid-Zustand unternimmt man meist nichts. Statt sein Leben zu leben, vertut man seine Zeit damit, sich zu wünschen, man könnte wie der andere sein. Die eigene Zeit wäre besser genutzt, wenn wir unsere eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte anschauen. Sich zu fragen: Was fehlt mir, was es ist, was der andere hat, kann ich das selber erreichen? Was „kostet“ es mi, das zu erreichen, was ich mir wünsche, oder welchen „Preis“ musste die beneidete Person dafür zahlen und ist das für mich auch erstrebenswert?

Vielleich sollten wir überlegen und auflisten, was mir an mir selber gefällt und was ich alles kann, statt nur auf andere zu schielen. Wird mir bewusst, was meine Talente, Stärken und Fähigkeiten, meine eigenen Qualitäten sind, dann verwandelt sich das Gefühl des Neides in Liebe zu den Menschen, und mir selbst ist vieles möglich.

Datum: 04.04.2012
Autor: Dr. Georg Beirer
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