Emanuelsson, Sune Mattias

Der Komponist und Musiker Sune Mattias Emanuelsson, geboren am 8.2.1979 in Östersund, studierte an der „Gotland School of Music Composition“ sowie an der „Royal Academy of Music Stockholm“, wo er 2008 mit dem „Master“ abschloss.Emanuelsson komponiert für kleine Ensembles wie auch für Kammerorchester, für Chöre und Solisten. Abseits des traditionellen Komponierens produziert er auch elektronische Musik, wo er ebenfalls zahlreiche Werke schuf, darunter Klang- und Geräuschinstallationen für Ausstellungsräume, wie z.B. 2004 für das Historische Museum Stockholm.

Außerdem beschäftigt er sich intensiv mit Gesang und der Tradition der Oper. 2008 wurde seine erste Oper „You are my prince charming“ beim Internationalen Opernfestival der Vadstena Akademie uraufgeführt. Darüber hinaus schreibt er Libretti, Gedichte, Essays und andere Texte.

Mit ausgewählten Stücken war er 2001 beim „Young Nordic Musik Festival“ in Ârhus, Dänemark, sowie 2002 beim „Electronic Music Festival“ in Bourges, Frankreich, vertreten.

Sune Mattias Emanuelsson erhielt 2003 das Wilhelm Peterson-Berger Stipendium sowie 2006 und 2008 das Stipendium der „STIM“, der „Swedish Performing Rights Society“. Ab April 2009 wird er für ein Jahr als Stipendiat im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia leben und arbeiten.

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INTERVIEW MIT SUNE MATTIAS EMANUELSSON

Herr Emanuelsson, vor kurzem haben Sie Ihr Musikstudium am Royal College of Music in Stockholm erfolgreich abgeschlossen. Welche Pläne hatten Sie für Ihren Berufsstart und wie fügt sich das Stipendium des Künstlerhauses darin ein? Wie passt es in Ihr momentanes künstlerisches Schaffen?

Um zuerst Ihre zweite Frage zu beantworten: Das Stipendium kam mir wirklich sehr gelegen. In Schweden gibt es kein vergleichbares Stipendium, also keines, mit dem man sein Leben finanzieren kann. Es gibt für Komponisten keine Angebote nach dem Hochschulabschluss. Ich hatte nicht wirklich einen Plan - außer Musik zu machen.

Während meines Studiums arbeitete ich in einem Seniorenheim. Ich habe dort gearbeitet, um meine Miete zahlen zu können. Genauso gut hätte ich mich als Musiklehrer bewerben können, doch das hätte noch einiges mehr an Aufwand neben dem Studium bedeutet. Außerdem hatte ich mit der Tätigkeit im Seniorenheim, die nichts mit Musik zu tun hatte, beim Komponieren den Kopf frei für meine eigene Musik. Musik war und wird aber immer meine erste Wahl sein, wenn ich davon leben kann.

Nach dem Studium hatte ich die Vorstellung, dass sich mit der Zeit schon etwas ergeben würde – und so bin ich in Bamberg „gelandet“ – wohl vor allem wegen meiner Opern-Komposition und meiner Gesangsstücke, wie ich hier von Herrn Professor Hiller aus dem Kuratorium des Künstlerhauses erfahren habe.

Einen konkreten Plan für meinen Berufsstart hatte ich nicht. Nach dem Gymnasium habe ich neun Jahre studiert, davon drei Jahre vorbereitende Kurse und sechs Jahre an der Hochschule, wobei ich in den letzten zwei Jahren so viel und hart gearbeitet habe, dass es sich nach meinem Abschluss wie ein Vakuum angefühlt hat. Ich war erschöpft und brauchte Zeit zum Durchatmen.

Nun möchten wir Ihre musikalischen Anfänge ansprechen. Wir wissen zum Beispiel, dass Sie Gitarren-Unterricht genommen haben und Mitglied einer Band waren, richtig?

Ja, sogar Mitglied verschiedener Bands. Mit 12 Jahren habe ich angefangen, Gitarre zu spielen und in meiner ersten Band war ich mit 13. Bis ich 21 Jahre alt war, war ich dann sehr aktiv und spielte in vielen Gruppen.

Demnach waren es Ihre Freunde, die Sie zum Musikmachen ermutigt haben? Es war nicht Ihre Familie?

Ja, es gab keine Musiker in meiner Familie, auch keine Instrumente und dergleichen.

War die Musik also eine Art Abgrenzung zu Ihrer Familie?

Ja, vielleicht, aber Sie haben mich sehr unterstützt und mir nicht vorgeschrieben, was ich tun soll. Hätte ich zum Beispiel Pilot werden wollen oder Bauer - ich hätte es gedurft; aber ich begann, Gitarre zu spielen und sie halfen mir dabei.

Ein bisschen war es auch Zufall: Ich hatte einen sehr guten Freund, der Schlagzeuger war und dessen Vater Musiker war. Sie hatten viele verschiedene Instrumente zu Hause, die sie auch spielten. So bin ich ganz einfach und zwanglos in Kontakt mit Musik gekommen.

Und wann und wie haben Sie mit dem Komponieren begonnen?

Ich würde sagen, schon seitdem ich mit dem Gitarre-Spielen angefangen habe.

Gab es denn so eine Art „Initiationserlebnis“, nach dem Sie sich für das professionelle Musikmachen entschieden haben?

Ich bin auf ein Musik-Gymnasium gegangen, an dem man insbesondere lernte, Instrumente zu spielen. Ich lernte Gitarre und Singen. Schon damals interessierte ich mich aber eher für das Schreiben von Musik, Liedern wie auch Texten als dafür, ein Instrument perfekt zu beherrschen. Überhaupt konnte ich schon immer sehr gut mit Worten umgehen. Manche sagen, dass jeder Mensch mit einem Talent geboren wird – wenn das so ist, ist meines der Umgang mit Wörtern und Sprache. Ich habe bereits früh Geschichten und Gedichte geschrieben.

Nach der Schule habe ich dann für ein Jahr als Lehrer gearbeitet. Dabei wurde mir klar, dass ich diesen eingeschlagenen Weg noch einmal überdenken sollte und entschied mich für die Musik. Ich bewarb mich für das Studienfach Komposition und ging nach Stockholm.

Neben Ihrem musikalischen Talent haben Sie also auch ein literarisches Talent. Können Sie uns noch ein bisschen mehr über Ihre Texte erzählen?

Der Umgang mit Wörtern ist mir nie schwer gefallen, ich hatte nie mit ihnen zu kämpfen – im Gegenteil. Sie flogen mir zu und bereits mit sechs Jahren konnte ich lesen und schreiben.

Bei der Musik war es etwas anders; für sie musste ich immer arbeiten. Klar, habe ich einen natürlichen Sinn dafür, aber auch dieser kommt eher vom Sprechen, von dessen Rhythmik und Melodie. Auch weil es keine musikalischen Wurzeln in meiner Familie gibt, musste ich mir alles selbst und hart erarbeiten.

Zum Beispiel habe ich ein Opernlibretto geschrieben, von dem es viele überarbeitete Versionen gibt. Während ich also beim Schreiben war, es immer wieder durchlas und kürzte, begann ich in meinem Kopf bereits zu komponieren und entwickelte musikalische Themen. Musikalische Formarbeit und das Finden von Wörtern gehen dabei Hand in Hand.

Es gibt für Sie keinen Unterschied zwischen Worten und Musik?

Komposition ist einfach ein Wort für ‚Dinge-zusammen-stellen’. Ich kann also Wörter zusammenstellen oder auch Gegenstände. Es geht immer um die Beziehung eines Gegenstandes zu einem anderen.

So ist es auch beim Musik komponieren: Ich glaube nicht, dass Musik eine Sprache ist. Aber man lernt wie beim Schreiben den Umgang mit der Musik wie eine Art Handwerk.

Ich visualisiere dabei auf sehr abstrakte Weise, wie die Dinge zusammen gehen sollen. Farben können zum Beispiel dabei helfen.

Töne haben Farben?

Ja. Aber gleichzeitig denke ich, dass ein und derselbe Ton je nach Kontext verschiedene Farben haben kann. Das ist Synästhesie. Ich denke im Gegensatz zu anderen Leuten, die auch einen synästhetischen Zugang zur Welt haben, dass nicht jeder Ton immer die gleiche Farbe hat, sondern eben von der Umgebung abhängig ist.

Daher sagten Sie auch, dass Sie jede Art von Musik mögen?

Ja. Für mich ist Musik Musik. Johann Sebastian Bach zum Beispiel schrieb seine Musik im 18. Jahrhundert, vor dem Hintergrund der damaligen Weltsicht. Und auch Hip-Hop-Künstler in den USA machen ihre Musik aus ihrer ganz eigenen Situation, aus der Zeit heraus. Ich versuche einfach, mich in meiner Musik selbst zu verwirklichen, ich aus meiner Situation heraus, von dem, was ich bin und was ich habe.

Ich denke, dass es sehr kleingeistig und dumm ist, zu sagen: Diese Musik gehört in diese Kategorie und diese wieder in eine Andere. Solches Schubladen-Denken ist etwas für kleine Leute.

Ich mache einfach Musik. Ich versuche, einen Weg zu finden, mich selbst mit Musik auszudrücken. Die Leute sollen meine Musik nicht kategorisieren, sondern sagen: Das muss Musik von Sune Mattias Emanuelsson sein.

Dennoch sind wir interessiert an Kategorien: Wie kamen Sie in Berührung mit klassischer Musik, wo Sie doch eigentlich aus dem Rock/Pop kamen?

Der Vater eines guten Freundes, der auch mit mir in einer meiner Bands spielte, war Opernsänger. Mein Freund spielt Geige und übte sich ebenso im Opernsingen. So begannen wir im Alter von 16, viel klassische Musik zu hören, viele klassische Opern.

Sie produzieren heute auch elektronische Musik – wie sehen Sie diese in Bezug zu klassischer Musik?

Es ist alles das Gleiche. Ich studierte sehr gerne klassische Musik, insbesondere Kontrapunkt-Studien und Orchester-Instrumentation. Gerade diese Bereiche halfen mir in meiner Arbeit mit elektronischer Musik und andersherum. Es ist nur eine andere Technik.

Mit elektronischer Musik schufen Sie auch ihre musikalischen Rauminstallationen, wie z.B. „My chamber of treasures“ im „Museum of the Castle Chamber“ in Stockholm 2003 oder auch „Dead or Lajv“ im Historischen Museum in Stockholm 2004. Wie können wir uns diese Arbeiten vorstellen? Können Sie uns etwas dazu erzählen?

„Dead or Lajv“ im Historischen Museum beispielsweise war eine sehr interessante und lustige Arbeit. Ich habe für einen Freund von mir gearbeitet, einen Szenographen, der eine große Ausstellung für Kinder entwickeln sollte. Die Ausstellung war in der Art eines Rollenspiels gestaltet, in dem die Kinder als Ritter, Prinzessinnen, Bauern etc. verkleidet waren und Aufgaben lösen mussten. Ich produzierte den Sound dazu: Je nach Thema der jeweiligen Räume konnte man z.B. feuerspeiende Drachen hören, Donner und Regen, heroische Rittermusik oder auch Kirchenglocken.

Sie orientierten sich also in der Komposition sehr an den Bildern, an der Raumgestaltung?

Ja, die Musik hatte eine Funktion.

Weil es für Kinder war?

Ja, das hängt davon ab. Aber meine Musik hat immer eine Funktion, auch wenn sie keine Funktion hat, ist genau diese Tatsache deren Funktion.

Wenn ich also etwas für Kinder mache, mache ich etwas für Kinder. Im Historischen Museum arbeitete ich sehr eng mit dem Künstler zusammen und versuchte, etwas zu schaffen, das zu seinen Ideen passt.

Zur Funktion: Auch als ich die Oper schrieb, musste ich entscheiden, ob die Musik der laufenden Handlung folgen soll oder einen Kontrast dazu darstellen sollte. Es gibt darauf keine richtige Antwort, es ist mehr Intuition.

Für die Ausstellung im königlichen Schloss, 2003, arbeitete ich wieder mit einem Freund zusammen, der damals an der Hochschule für Oper in Stockholm studierte; ich nahm seine Stimme auf und arrangierte diese mit verschiedenen Soundeffekten wie ein musikalisches Stück.

2008 wurde Ihre erste Oper „Your are my prince charming“ beim „International Festival of Vadstena Academy“ uraufgeführt. Sie sind sehr interessiert an der Tradition der Oper. Was sind Ihre Pläne diesbezüglich? Wollen Sie eine weitere schreiben?

Ja. Ich denke zur Zeit über eine Oper für Kinder nach – nach dem Märchen „Die Prinzessin auf der Erbse“. Ich stelle mir vor, dass man diese Geschichte bühnenbildnerisch sehr gut umsetzen kann und außerdem vermittelt dieses Märchen seinen moralischen Sinn nicht so direkt, sondern etwas subtiler. Ich werde diesbezüglich vielleicht in ein paar Jahren die Opernhäuser in Schweden anschreiben und schauen, ob ich ein paar Fäden ziehen kann.

Ich weiß, dass man eine Art Unternehmer sein muss, um sich seine eigene Arbeit schaffen zu können.

Und seit ich hier in Bamberg bin, sehe ich durch den Abstand meine Situation als Komponist in Schweden und damit auch meine Zukunft klarer.

Woran arbeiten Sie im Moment?

Ich arbeite zur Zeit an zwei verschiedenen Projekten:

Ich schrieb in den letzten Jahren mehrere Lieder, die ich jetzt auf ein Demo-Tape aufnehmen werde.

Das andere Projekt basiert auf elektronischer Musik. Daran werde ich in diesem Sommer arbeiten. Gleichzeitig denke ich über eine andere Idee nach: Ich habe noch nie ein Stück für ein Symphonieorchester geschrieben, nur für kleinere Ensembles. Es gibt einen Wettbewerb in Schweden, zu dem man ein solches Stück bis Ende des Jahres einsenden kann.

Schreiben Sie die elektronische Musik für einen bestimmten Anlass oder einen bestimmten Ort?

Nein. Ich schreibe es für mich und dann werde ich sehen, was passiert. Ich glaube, dass wenn man etwas tut, was man wirklich will, es dann auch gut wird. Dann wird es auch seinen Platz finden.

Ich hoffe, dass mich, wenn ich viele Stücke produziere, die Leute bemerken und ich Aufträge bekomme. Aber ich muss den ersten Schritt in deren Richtung machen. Denn ich bin jung und habe gerade erst mein Studium beendet. Bamberg ist tatsächlich mein erster Schritt.

Und Ihre Oper war doch auch schon ein sehr wichtiger Schritt in diese Richtung?

Ja. Das ist etwas, worauf ich sehr stolz bin. Es war eine Ehre, dass sie in Vadstena gespielt wurde und außerdem war es sehr gut, denn alle schwedischen Musik- und Opernerxperten waren dort und sahen die Oper. Ich glaube, dass ich nicht hier im Internationalen Künstlerhaus wäre, wenn ich sie nicht geschrieben hätte.

Ich versuchte, in meiner Oper sowohl formal als auch inhaltlich etwas völlig neues zu erschaffen. Zum Beispiel hat „You are my prince charming“ ein Happy End. Das ist revolutionär im eher konservativen Ressort der Oper. Ich bekam sehr verschiedene Kritiken, aber sie waren für mich richtig. Denn die Menschen, die die Oper nicht mochten, waren diejenigen, die sehr konservativ sind. Und somit war das für mich ein Kompliment in dem Sinne: Du hast das nicht verstanden, denn ich habe etwas Neues gemacht.

Das war doch ein gutes Schlusswort! Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führten Luise Botta, M.A. und Lisa Hauke, M.A. im Juli 2009.