Wijkmark, Carl-Henning
Carl-Henning Wijkmark, am 21.11.1934 in Stockholm geboren, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, der Universität Lund und der Universität Stockholm und schloss mit einer Dissertation ab. Er lebte für längere Zeit in Deutschland und Frankreich.
Er lehrte an der Universität Stockholm und arbeitete als Literaturkritiker, Rundfunkessayist und Übersetzer, u.a. von Benjamin und Nietzsche, bevor er sich in den 70er Jahren ausschließlich der Prosa widmete. Seitdem veröffentlicht er Romane, die international Beachtung fanden und in viele Sprachen übersetzt wurden, insbesondere ins Deutsche und ins Französische.
Wijkmark, einer der wichtigsten Autoren der schwedischen Gegenwartsliteratur, beschäftigt sich in seinen Werken auf vielfältige Weise mit Fragen der Humanität, mit politischen und sozialen Themen – diese verarbeitet er beispielsweise in einer Art Spionageroman mit historischen Begebenheiten (z.B. „Die Jäger auf Karinhall“ 1972/2007, Matthes&Seitz, Berlin), in der Inszenierung einer satirischen Negativ-Utopie („Der moderne Tod“ 1978/2001 Gemini Verlag, Berlin) oder im Nachzeichnen von Lebensgeschichten („Der du nicht bist“ 1997/2001, Gemini Verlag, Berlin). Wijkmark beobachtet dabei genau und analytisch, fordert dennoch den scharfen Blick des Lesers, denn er nähert sich den zentralen Problemen auf subtile und auch rätselhafte Weise.
Der Schriftsteller erhielt mehrere schwedische Literaturpreise, darunter 1994 den Preis der Schwedischen Akademie oder 2001 den Außergewöhnlichen Preis der Gemeinschaft der Neun, von der er 2007 auch den Lotten von Kraemers-Preis empfing. 2003 wurde er mit dem Övralid-Preis sowie 2007 mit dem renommierten schwedischen August-Preis ausgezeichnet.
Der Autor wird von April 2009 bis März 2010 als Stipendiat im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia leben und arbeiten.
Was hat Sie nach Deutschland geführt? Welche Auslandserfahrungen haben Sie gemacht?
Ich habe in Deutschland studiert. Ich war sehr jung damals und hatte gerade Abitur gemacht, da fuhr ich nach München, um dort zu studieren – nicht aber um ein Examen zu machen. Die kulturelle Atmosphäre in München interessierte mich, und die Universität hatte ein paar sehr interessante Namen zu bieten, Romano Guardini zum Beispiel oder Alexander von Stauffenberg lehrte Alte Geschichte.
Ich war wie gesagt sehr jung und muss wohl sagen, dass meine Studien nicht zweckbestimmt waren. Es war eher eine Bildungsreise. Da lernte ich viel Deutsch, und ich lernte auch viele deutsche Freunde kennen. Es waren auch Schweden zum Studium in München, hauptsächlich Zahnarzt-Studenten (lacht) – aus irgendeinem Grund, vielleicht war es einfacher, einen Studienplatz im Ausland zu finden als daheim. Es gab auch eine berühmte Fotoschule, wo es schwedische Studenten gab. Ich war also nicht ganz ohne Gesellschaft von Landsleuten. Als ich nach München kam, konnte ich schon ziemlich viel Deutsch. Ich gehörte zum letzten Jahrgang mit Deutsch als erster Fremdsprache, der 1944 begonnen hatte.
Nun, warum gerade München? Das hat zu tun mit einem Schriftsteller, den ich damals bewunderte und es auch heute noch tue. Er hatte zehn Jahre in München verbracht in den 1920er Jahren und interessant darüber geschrieben. Das München der 1950er Jahre war natürlich ganz anders als das heutige. Es war furchtbar zerstört vom Krieg. Insbesondere das Schwabinger Milieu gab es nicht mehr. Die Studenten hatten auch eine ganz andere Mentalität und waren eher auf einen Beruf ausgerichtet, also praktisch. Das Schöngeistige war in den Hintergrund geraten.
Des Weiteren interessierte mich die französische Literatur und Kunst. Ich fuhr schon in den 1950er Jahren, besonders dann in den 1960er Jahren, oft nach Paris. In den 1960er Jahren konnte ich meine Reisen mit kleinen Rundfunkprogrammen finanzieren, da ich für den schwedischen Rundfunk über das Kulturleben und die öffentlichen Diskussionen in Frankreich berichten konnte.
Ich schrieb auch Artikel, und natürlich habe ich mich auch in anderen Sprachen versucht. Englisch, das in Schweden immer mehr zur ersten Fremdsprache geworden ist, und die angelsächsische Kultur hat einen großen Einfluss auf allen Ebenen in Schweden. Russisch und Polnisch habe ich nie gelernt, aber ein ziemlich gutes Spanisch und ein wenig Italienisch. Ich war oft in Spanien, weniger um die Kultur zu studieren, sondern um zu arbeiten und mich zu isolieren in einem kleinen Dorf auf Mallorca oder in Italien, wo ich in Ruhe schreiben konnte. So ist das mit meinen Auslandserfahrungen.
Welche Rolle spielt der Begriff Heimat für Sie?
Natürlich habe ich mich im Ausland immer als Schwede gefühlt. Ich dachte nie daran, Schweden zu verlassen, sondern ich hatte dort immer meine Heimat, meine Wohnung und meine engsten Freunde und Angehörigen. Zu emigrieren, das habe ich nie gewollt – und die schwedische Sprache ist natürlich sehr wichtig für mich. Man fragt mich manchmal, ob ich nicht direkt auf Deutsch, auf Englisch oder Französisch schreiben möchte, aber das wäre mir unmöglich. Da muss man von Kindheit an – glaube ich – in eine Sprache hineingewachsen sein, muss die Namen von natürlichen Dingen wie von Blumen, Kräutern, Flüssen wissen, also das alles, was man als Emigrant in einer fremden Sprache nicht natürlich lernt. Es gibt natürlich Ausnahmen: Samuel Beckett oder Vladimir Nabokov, die wirklich in einer anderen Sprache zu schreiben verstanden haben.
Eine sehr weitreichende, für uns aber sehr interessante Frage ist, wie sich Ihr Deutschlandbild über all die Jahre, in denen Sie das Land besucht haben, verändert hat?
Es ist differenziert, und es hat sehr viele Veränderungen gegeben. 1953, als ich nach München kam, hatte ich als Austauschschüler 1951 schon ein paar Wochen in Coburg verbracht, aber da war ich zu unreif – glaube ich –, um richtig zu verstehen, was vor sich ging.
In München habe ich natürlich diese Restaurationszeit erlebt, den Anfang des deutschen Wirtschaftswunders. Ich hörte und las Schriftsteller, die sich kritisch dazu äußerten. Ich ging oft ins Kabarett von Erich Kästner, in „Die kleine Freiheit“ in München, wo immer wieder satirische Lieder über die Restauration gesungen wurden. Dort wurde dieses Rückwärtsschauen in der Gesellschaft kritisiert, als ob alles so wie vor 1933 sei. Ich glaube, die Satiriker haben übertrieben, es war schon damals – glaube ich – eine gefestigte Demokratie in Deutschland. Ich hatte keinen anderen Eindruck. Diese demokratische Entwicklung in Deutschland nach der Katastrophe von ´45 ist wirklich bewundernswert, und dass es eine der stabilsten Demokratien in Europa geworden ist, wenn man es zum Beispiel mit Italien und Frankreich vergleicht, wo es autoritäre Tendenzen gab. Da bin ich wirklich imponiert. Man kann durchaus die skandinavischen alten Demokratien zum Vergleich heranziehen, die sind sich einander ziemlich ähnlich.
Die deutschsprachige Kultur ist ein großer Kulturraum und kann sich besser verteidigen gegen die Masse von amerikanischen Populärkulturen als wir in Schweden. Das ist erfreulich in Deutschland, dass die eigene Kultur, auch die Populärkultur, einen größeren Platz einnimmt als bei uns. Die Kultur in Deutschland ist ja sehr wichtig, das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia ist ein gutes Beispiel. Das ist wirklich großzügig, was man hier macht, diese Stipendien zu verteilen und diese Arbeitsruhe zu gewährleisten. Das ist wunderbar.
Und welche Bedeutung hat der Ort Ihres Aufenthalts für Ihr Schreiben?
Eigentlich isoliert man sich, wenn man schreibt. Einiges hatte ich schon vorbereitet, als ich hier nach Bamberg kam. Die großen Linien waren schon da. Aber natürlich denke ich, Eindrücke kommen, ohne, dass man sich so bewusst darüber ist. Natürlich wirken die Eindrücke, der Fluss hier zum Beispiel, aber eben auf einer unbewussten Ebene – würde ich sagen... Und natürlich wird man inspiriert, zum Beispiel von einem Konzert der Bamberger Symphoniker – das ist klar! Aber es ist schwer zu sagen, wie genau das wirkt. Man wird in eine Stimmung versetzt, die die Schleusen öffnet – sozusagen.
Sie arbeiteten als Literaturkritiker, Rundfunkjournalist und Übersetzer. Seit den 1970er Jahren schreiben Sie ausschließlich Prosa. War das eine bewusste Entscheidung, oder vielleicht ein langgehegter Wunsch, in dem Sinne: Ich will mich einmal an einen Roman heranwagen?
Ja, der Schnitt war wohl am deutlichsten, was die Lehrtätigkeit betrifft. Ich hatte ziemlich viel Unterricht an der Universität Stockholm in Moderner Literatur und auch an der Hochschule für Bibliothekare gegeben. Das habe ich 1970 beenden können. Es war interessant, aber es nahm all meine Zeit und Kraft in Anspruch, und ich konnte nicht viel schreiben. So ab 1970 bekam ich auch die finanzielle Möglichkeit, mich ganz dem Schreiben zu widmen und seitdem habe ich das auch getan. Einzelne Übersetzungen oder Literaturkritiken, wissenschaftliche Essays habe ich geschrieben – gesammelt in vier Essaybüchern. Ich habe nicht nur Romane geschrieben, sondern auch ein paar Schauspiele. Aber hauptsächlich Romane – es sind wohl jetzt acht Romane, die ich publiziert habe.
Auf diese Romane wollen wir zu sprechen kommen. Ihre Werke behandeln sehr vielfältige, unterschiedliche Themen: Da gibt es den Spionagefall, vermischt mit historischen Begebenheiten, die Inszenierung einer satirischen Utopie, das Nachzeichnen von Lebensgeschichten – gibt es ein Motiv, das sich durchzieht?
Wie es aus Ihrer Zusammenfassung hervorgeht, habe ich oft gegenwartsgeschichtliche Themen behandelt und da interessierte mich besonders das Verhältnis von privatem Schicksal und den großen Ereignissen der Gegenwartsgeschichte – das ist wohl durchgehend. Und dann ist es dieses Thema, wie die Gesellschaft mit den schwächsten Menschen umgeht. „Der moderne Tod“, auch „Nahende Nacht“ hat damit zu tun, dass ein starker Ökonomismus sich durchgesetzt hat in allen Parteien und Richtungen, kann man wohl sagen. Die Ökonomie und die wirtschaftlichen Aspekte haben sozusagen ein Monopol auf die Wirklichkeit, und alle anderen Werte sind dann zweitrangig. Das ist die durchgehende Tendenz, obwohl das nicht im letzten Roman „Nahende Nacht“ die Hauptsache ist, und die Diskussion über Sterbehilfe ist auch nicht das Wichtige, sondern es sind die einzelnen Charaktere, einzelne Schicksale, Menschen in einer schweren Lage, wo das Unausweichliche näher kommt und die Frage, wie sie dazu Stellung nehmen.
Das Satirische gibt es vor allem in „Die Jäger auf Karinhall“. Das ist eine satirische Groteske, kann man sagen, und sie wurde sehr verschieden interpretiert. Aber ich finde immer noch, dass das ein interessanter Roman ist.
Es gibt auch ein philosophisches Märchen „Die Draisine“. Es wurde in Deutschland nicht so viel beachtet. In Frankreich wurde es hingegen sehr viel gelesen und beachtet. Es ist interessant zu vergleichen, wie verschiedene Länder verschieden reagieren auf meine Bücher. In Holland zum Beispiel, wo man ja eine lange Debatte über Sterbehilfe gehabt hat, da interessiert man sich besonders für „Der moderne Tod“; das wurde dort in großen Auflagen publiziert.
Ein wichtiges Thema in meinen Büchern ist das Vater-Sohn-Verhältnis. Ich habe meinen Vater sehr früh verloren. Ich war 1 ½ Jahre alt und habe keine Erinnerung an ihn. Ich versuchte dann in ein paar meiner Bücher dieses fehlende Vater-Bild zu zeichnen, eine Vorstellung vom Vater zu zeichnen. Das ist natürlich auch wichtig.
Sind das autobiografische Züge?
Autobiografisch will ich eigentlich nicht schreiben, sondern es ist transponiert in eine andere Lebensgeschichte und andere Lebensverhältnisse; aber natürlich sind diese Erfahrungen immer mit im Spiel. Aber direkt autobiografisch zu schreiben? Ich weiß eigentlich nicht warum, aber ich möchte lieber fabulieren. Das rein Autobiografische interessiert mich nicht so sehr.
Würden Sie sich als politischen Autor bezeichnen? Gesellschaftskritik klingt an...
Ja, in ein paar Büchern sicher, ist auch die Gesellschaftskritik wichtig, aber – nein – ich würde sagen, die Hauptlinie in meiner Produktion ist doch eher psychologisch-existenziell. Fragen der Identität, der Festigung beziehungsweise Auflösung des Ich-Erlebnisses – solche Sachen sind mir wichtig und Relationen zwischen den Menschen. Liebesthemen gibt es auch, und auch die Freundschaft hat eine Bedeutung. Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern, diese Freundschaft in „Letzte Tage“ aus den Zeiten des Algerienkrieges in Paris. Da gibt es eine Freundschaft zwischen dem schwedischen Journalisten und einem französischen Kollegen, die haben völlig verschiedene Ansichten in politischer Hinsicht und haben dennoch eine starke Freundschaft.
Und wie steht es mit dem Mittel der Übertreibung, das uns bei „Der moderne Tod“ und „Die Jäger auf Karinhall“ begegnet?
Ja, die Übertreibung verwende ich, um zu verdeutlichen. Das ist wohl in der Literatur immer so, dass man stilisieren muss, um etwas zu verdeutlichen, um eine deutlichere Welt hinzustellen – das ist wohl eine der Aufgaben der Kunst, der Literatur. Aber das Buch „Die Jäger auf Karinhall“ ist ziemlich gut recherchiert und es sind eigentlich keine kontrafaktischen Übertreibungen. Das liegt natürlich darin begründet, dass ich eine Geschichte fabuliert habe, um diese historischen Fakten herum, die man nicht belegen kann. Der Verlauf dieser zwei bis drei Tage im Wald von Mecklenburg, das ist natürlich fabuliert, aber die Personen und die politischen Grundfakten sind korrekt und recherchiert. Ja, ich glaube, das ist eine legitime Schreibweise, und da gibt es auch eine große Tradition dafür: schon von Jonathan Swift oder Karl Kraus oder andere Satiriker. Da befinde ich mich wohl in einer starken Tradition.
Uns interessiert außerdem Ihre Auseinandersetzung mit der Philosophie. Sie haben ja u.a. Nietzsche und Benjamin übersetzt Was reizt Sie daran und haben Sie auch Ihre eigene „Philosophie“ entwickelt?
Ich interessiere mich seit frühen Jahren für die Philosophie, das ist klar. Ich habe auch Philosophie an der Universität studiert. Das Persönliche daran? Ich habe keine eigene Philosophie entwickelt! (lacht) Das wäre zu viel gesagt.
Aber ich habe wohl eine stark humanistische Überzeugung; ich würde sagen, begründet auf der Aufklärungsphilosophie, Kant und auch Neukantianismus waren mir sehr sympathisch. Bei Nietzsche ist es wohl eher die Kulturkritik, die Ästhetik; seine Gesellschaftstheorie finde ich eher abstoßend. Aber seine Ästhetik in „Geburt der Tragödie“ zum Beispiel ist genial und sein psychologisches Beobachten auch. Ich habe auch aus sprachlicher Bewunderung seine Schriften gerne übersetzt und jetzt kommen zum ersten Mal die gesammelten Werke von Nietzsche auf Schwedisch heraus, und ich habe einen Band übersetzt: „Die fröhliche Wissenschaft“. Das war wunderbar als Spracherlebnis.
In „Der moderne Tod“ versuche ich an die humanistische Philosophie der Aufklärung anzuknüpfen und an naturrechtliche Gedanken, die ich dort zu entwickeln versucht habe; also im Gegensatz zum Utilitarismus, der in der medizinischen Ethik sehr stark ist. Ich versuchte, eine Art Gegenbewegung zu machen.
Die „Draisine“ ist eine Abenteuergeschichte, aber auch eine philosophische Erzählung. Ich versuche darin, die Evolution zu veranschaulichen. Es ist ein Versuch, die Evolution sozusagen im Kurzverfahren noch einmal zu verwirklichen. Es ist ein Jesuitenpater, Schüler von Teilhard de Chardin, der versuchte, Katholizismus mit darwinistischer Evolutionslehre zu vereinen. Das wurde jedoch nicht vom Vatikan akzeptiert, und er wurde mehr oder weniger ein Einzelgänger. Dieser Schüler von ihm, kurz vor dem ersten Weltkrieg, versucht nun mit drei Hominiden, also menschenähnlichen Affen, die er im Dschungel von Kongo antrifft, eine verkürzte Evolution zu machen. Er hofft, dass, wenn er diese drei Individuen diszipliniert und in Strapazen verwickelt, diese gezwungen sind, mehr oder weniger wie Menschen zu denken. Sie machen eine Überquerung des Atlantiks, auf einem Floß – einer Draisine, die also als Floß umkonstruiert wird, mit Segel und Mechanismus. Das gelingt bis zu einem gewissen Grade, aber eine Sprache können Sie doch nicht finden. Sie machen ihre Verrichtungen an Bord ziemlich gut, allmählich. – Das ist eine Phantasiegeschichte, natürlich. – Und als sie dann in Südamerika landen, sind sie in einem neuen Dschungel und werden zurückentwickelt zu ihrem ursprünglichen Stadium. Das ist eine Art allegorische Darstellung, aber es sind keine philosophischen Schriften, nein.
Wir möchten auf Ihren Erfolg zu sprechen kommen: Sie haben viele Preise erhalten, zuletzt 2007 den renommierten schwedischen August-Preis. Was bedeuten Ihnen Preise und Auszeichnungen?
Wie bei den meisten Menschen natürlich: Man ist erfreut, eine Anerkennung zu bekommen. Und es kann ja auch die Arbeitsruhe sichern für eine gewisse Zeit, wenn es gut dotiert ist. Natürlich begrüße ich das, und ich habe kein Problem damit, das zu sagen. Es ist natürlich erfreulich, dass man gefragt wird für Lesungen, aber für die Arbeit, die man gerade zu machen versucht – da braucht man ja eine gewisse Abschirmung – können die vielen Unterbrechungen ein Problem sein. Jetzt habe ich mich dazu entschieden, dass ich diese Verpflichtungen und Aufgaben durchführen werde – mit gewissen Ausnahmen. Im Großen und Ganzen bin ich aber bereit und auch erfreut. Die Reise nach Berlin, die Lesung in der Buchhandlung Ferlemann und Schatzer – das war ein wunderbares Publikum und sehr aufmerksam. Das kleine Lokal war voll von Menschen, ein Stammpublikum offenbar, denn die haben oft Lesungen mit verschiedenen Autoren. Das war ein schönes Erlebnis, dieser Abend. Da bin ich froh, dass ich dabei war.
Trotz des Geschäfts kriegt man also auch etwas zurück...
Oh ja, das Geschäftliche wird nicht so sehr betont. Darüber will ich mich nicht beklagen. Natürlich hat es auch mit dem Verkauf von Büchern zu tun – das ist klar, aber das ist eher im Hintergrund. Ich habe gute Gespräche geführt mit Lesern und Teilnehmern an diesem Abend. Da gibt es in Deutschland wirklich ein interessantes Publikum für solche Lesungen. Bei uns kommt das immer seltener vor, es war früher bei uns auch üblich. Jetzt gibt es nur noch ein paar Buchhandlungen in den größeren Städten, die das machen.
Als abschließende Frage: Nun kommen Sie ja hier in der Villa Concordia auch mit jüngeren Stipendiaten zusammen. Gibt es da ein Geben und Nehmen zwischen den Generationen?
Ja, gut, dass Sie das fragen. Es ist nämlich eine sehr wichtige Erfahrung, hier diese neuen Freundschaften gemacht zu haben. Ich kannte keinen dieser Menschen von früher, auch die Schweden nicht. Das sind mir alles neue Bekanntschaften. Wir haben wirklich ein gutes Verhältnis zueinander gefunden, und es sind Kameraden und Freunde, die ich sicher länger behalten werde.
Man nimmt Rücksicht aufeinander, wenn man weiß, dass man nicht stören soll und dass man an gewissen Tagen nicht gestört werden will. Manchmal stößt man so zufällig aufeinander, hier an der Tür oder in der Vorhalle, und dann geht man manchmal Essen zusammen. Ich werde mit Freude zurückblicken auf diese Zeit in der Villa Concordia. Das ist eine großzügige Einladung, muss ich sagen, dass man hier in aller Ruhe arbeiten darf und auch neue und interessante Bekanntschaften macht - Sie und ihre Kollegen gar nicht zu vergessen.
Ebenso, danke. Noch eine letzte neugierige Frage: Woran arbeiten Sie im Moment?
Ja, das ist immer die schwierigste Frage zum Beantworten. Da ist man sehr vorsichtig und bereut oft, dass man zuviel darüber gesagt hat. Es ist manchmal so, dass man es nicht aussprechen soll, weil es sonst entzaubert wird. Das haben Sie sicher von anderen auch schon gehört: Die gespannte Feder lässt ein bisschen nach, wenn man schon etwas vorformuliert hat. Das ist so eine Art Erfahrung von Schriftstellern und Künstlern im Allgemeinen, dass man schweigsam sein soll während einer Arbeit. Es ist ein Roman und (lacht) da wage ich nicht, deutlicher zu sein. Sie verstehen und entschuldigen das.
Selbstverständlich, außerdem war es eine Antwort, die viel über das Schreiben aussagt – gerade von der Spannung während dieses Prozesses...
Ja, das ist wichtig. Und die Verlockung und der Appetit auf das Weiterschreiben sinken ein wenig, wenn man darüber spricht. Diese Erfahrung habe ich gemacht.
Weil man auch Erwartungen beim Publikum weckt?
Ja, ja, weil dann Einiges schon in die Welt hinausgelangt. Das ist typisch: Wenn man mit Kollegen zusammensitzt, dann spricht man nie darüber, was man aktuell macht. Das ist auch mit meinen Kollegen hier so. Ich weiß sehr wenig darüber, was sie hier eigentlich arbeiten. Die Jour fixe sind so gestaltet, dass die meisten über das schon Gemachte, aber nicht gern über das gerade Entstehende sprechen.
Das sind wir einfach auf Neues von Ihnen gespannt.
Vielen Dank für dieses Gespräch!
Dieses Gespräch führten Luise Botta und Lisa Hauke im März 2010.


