Feist, Andreas
1968 in München geboren und ausgebildeter Holzbildhauer, studierte seit 2001 an der Akademie der Bildenden Künste München bei Prof. Nikolaus Gerhart und Prof. Magdalena Jetelová und erhielt dort als Meisterschüler im Jahre 2008 sein Diplom. Zuvor war er für mehrere Jahre als Stahlbauschlosser tätig und lebte zeitweilig im Ausland.
In seinen Rauminstallationen, die nur zum Beispiel Titel wie „Existence“ (2008) oder „Can we see the room” (2005) tragen und sich oft über viele Quadratmeter erstrecken, setzt sich Feist mit dem Verhältnis zwischen Skulptur und Architektur auseinander. Dabei formen, verengen oder vertiefen seine Werke auf spielerische Weise den Raum, dessen Eigenheiten, Leerstellen und Fluchten den Künstler im positiven Sinne provozieren und zum Einsatz von Kanten und Schrägen, Leinwänden und Linien sowie ausgewähltem Material herausfordern. Der Künstler ist zudem interessiert an der Reaktion der Betrachter auf den jeweiligen Raumeindruck.
Ausstellungen seiner Werke gab es im Zeitraum von 2007 bis 2009 beispielsweise in der Upper East Side Berlin, im Okgwa Art Museum in Süd Korea, in den Kunstarkaden München, im Kunstverein Aichach, im Kunstraum Laichingen, in der Galerie Kampl München, in der Galerie MIRO Prag, im Stadtmuseum Bad Soden, im Haus der Kunst München, in dem Künstlerviertel SoMa in San Francisco, im Rahmen von „Alcatraz Chapel Project“ sowie der Veranstaltung „Open Art München“ der Initiative Münchner Galerien zeitgenössischer Kunst. Kunst von Feist am und im Bau findet sich im BMW-Werk Leipzig (2004), im BMW Forschungs- und Innovationszentrum München (2005), im BMW-Stammhaus am Georg-Brauchle-Ring München (2006), im Klinikum für Innere Medizin Würzburg als Modellentwurf (2009), im BMW IT-Zentrum München (2009) sowie im Ziviljustizzentrum Würzburg (2010).
An ihn verliehene Stipendien aus dem Jahr 2008/2009 kamen in Form einer Projektförderung von der Erwin und Gisela Steiner-Stiftung und als Katalogsförderung von der LfA Förderbank Bayern.
Ab April 2010 lebt und arbeitet Andreas Feist für ein Jahr als Stipendiat des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg.
Interview mit Andreas Feist im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia, Dezember 2010
In Ihrer Biografie fällt auf, dass Sie in einigen Berufen gearbeitet haben. So haben Sie eine Lehre zum Stahlbauschlosser gemacht, eine Ausbildung, die man in einer Künstlerbiografie vielleicht nicht unbedingt vermutet…
Warum nicht? Schauen Sie sich Richard Serra an!
Stimmt. War Ihnen immer klar, dass Sie Künstler werden wollen?
Serra wusste immer, dass er etwas mit Metall machen wollte und so ist er extra in den Stahlbau gegangen.
Und wie war das bei Ihnen?
Ich habe gar nichts gewusst (lacht). Der Künstler war aber wahrscheinlich schon immer da. Das war mir damals nur noch nicht bewusst. Zur Stahlbauschlosserei bin ich gekommen, weil ich von sämtlichen Schulen abgehen musste – Ich war ein schlechter Schüler und aufrührender Punk. Ich habe alles verweigert. Nach der mittleren Reife hatte ich keine Lust mehr auf Schule und wollte einen Handwerksberuf erlernen. Die Stahlbauschlosserei hat nahe gelegen, weil mein Vater Schlosser war. Mein Fuß ging so in die Stapfen des Vaters. (lacht) Nein, eigentlich hatte es eher mit Faulheit zu tun. Im Nachhinein betrachtet, war die Stahlbauschlosserlehre aber kein Nachtteil, weil ich dort Fähigkeiten erworben habe, die später oft gefragt waren. Während meiner Holzbildhauer-Zeit war ich derjenige, der die Schweißarbeiten gemacht hat.
Die Ausbildung zum Holzbildhauer kam danach?
Erst deutlich später. Im Anschluss an die Lehre habe ich mich noch mal zusammengerissen und das Abitur nachgeholt. Mir war mittlerweile klar, dass man ohne diesen Abschluss nicht weit kommt, und ich hatte keine Lust, ein Leben lang als Stahlbauschlosser zu arbeiten. In der Firma haben wir große Aufträge ausgeführt, Projekte wie die Kettenbrücke in Bamberg. Morgens um halb sieben habe ich schon anfangen müssen. Das war auf Dauer nichts für mich. Im Anschluss wollte ich Stahlbau studieren, aber als mir klar wurde, wie stark das Studium von den Naturwissenschaften bestimmt wird, habe ich mich dagegen entschieden.
Stattdessen habe ich mich an der FH in Rosenheim für Innenarchitektur beworben – wurde aber nicht genommen. Ich beschloss, ein Wartesemester zu nehmen, hab mir Zelt und Schlafsack gekauft und bin 1991 nach Amerika gegangen. Dort habe ich mir ein Motorrad gekauft und war ein ganzes Jahr unterwegs. Eigentlich wollte ich nur sechs Monate bleiben, bin aber beim Reisen hängen geblieben. Währenddessen habe ich überlegt, wie ich das langfristig finanzieren könnte: Reisejournalismus oder mit Vorträgen unterwegs sein wie Michael Martin.
Irgendwann war mir klar, dass ich wieder etwas Richtiges machen muss. Zufällig bin ich auf ein Plakat vom Berufsinformationszentrum aufmerksam geworden. Mich hat das Wort „Holzbildhauerei“ sehr angesprochen. Ich habe mich bei der Berufsfachschule für Gestaltung in München dafür beworben, wurde genommen und habe eine drei-jährige Holzbildhauer-Lehre gemacht.
Nach dem Abschluss hatte ich eine sehr romantische Vorstellung vom Künstlerberuf: Man zieht sich auf einen einsamen Bauernhof zurück, schnitzt ein bisschen vor sich hin und alles ist schön. Aber so ist es natürlich nicht. Ich wurde sehr schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, war dann bei einem Meister angestellt und habe selbst ein paar kleinere Aufträge bekommen. Ich bin während der Ausbildung allerdings zum Perfektionisten mutiert und wollte immer alles ganz genau machen. Ich brauchte immer doppelt so viele Stunden wie veranschlagt waren, wodurch mein Stundenlohn auf drei oder vier Mark gesunken ist. Davon kann man ja nicht leben.
Außerdem hatte mich die Reiselust wieder gepackt – Ich habe mein Schnitzzeug eingesteckt und bin nach Gomera gegangen. Das war sehr schön! Ich hatte das Glück, eine günstige Wohnung zu finden. Hinter meinem Appartement ist es direkt zu der Bucht gegangen, an der früher die Hippies gewohnt haben – vielleicht sitzen die noch immer da. Dort habe ich mich postiert und meine Schnitzereien an Touristen verkauft. Die Touristen haben bestimmt gedacht, ich gehöre auch zu den Hippies, so wie ich dort gesessen habe. Die eine oder andere Schnitzerei habe ich sogar verkauft. Mit dem Gewinn habe ich natürlich keine großen Sprünge gemacht, aber ich konnte mich ernähren. Nach einer Saison war mir dieses Leben langweilig und ich hab mich abermals aufgerafft und gesagt: Jetzt gehe ich noch auf die Akademie der Bildenden Künste in München!
War die akademische Ausbildung für Sie wichtig, um als Künstler wirken zu können?
Definitiv! Die Entscheidung hatte auch formale Gründe: Man wird als professioneller Künstler heute kaum akzeptiert, wenn die akademische Ausbildung fehlt, zum Beispiel im Bereich Kunst am Bau. Wenn man nicht zufällig über Beziehungen einen Fuß in der Tür hat, wird man ohne Diplom schon früh aussortiert.
Sie haben einen langen Weg hinter sich.
Ja, in der Regel ist es so, dass ich das zu Ende bringe, was ich angefangen habe.
Haben Sie das Gefühl, dass Sie angekommen sind?
Doch, ja, angekommen bin ich, aber wo ich damit hinkomme, ist die Frage. Aber das, was ich jetzt mache, das bin ich selbst. Ich hoffe, dass ich mich in den nächsten zwei bis drei Jahren gut auf dem Kunstmarkt positionieren kann, so dass ich nicht mehr von Stipendien abhängig bin – Das heißt: viel arbeiten.
In Ihrer Arbeit spielt der Raum eine große Rolle. Können Sie uns den Prozess beschreiben, wie Sie Ihre Raumkonzepte entwickeln? Lassen Sie sich zuerst von einem Ort inspirieren oder suchen Sie gezielt nach bestimmten Räumen?
Das ist ganz unterschiedlich. Als ich zum Beispiel in die barocke Villa Concordia gekommen bin, war ich ein bisschen unsicher, was ich hier machen kann. Die Architektur ist ja schon so dominant. Hier sind mir die Ideen gekommen, als ich die Räumlichkeiten gesehen habe. Ich muss aber auch sagen, dass es nicht immer so ist. Nicht jeder Raum hat die Energie oder nicht in jedem Raum lohnt es sich, etwas zu machen. Ich will auch nicht aufschneiden und behaupten, ich mache aus jedem Raum etwas ganz Tolles. Meist kann ich mich darauf verlassen, dass ich das richtig spüren kann.
Bei der Arbeit „Elektrobarocker Vasensex“ war es ein bisschen anders. Da war eigentlich die Lampe zuerst da und der Raum kam später dazu; die Lampe hat sich ihren Ort selbst gesucht. Natürlich war mir klar, dass ich im Innenraum der Villa Concordia etwas damit machen möchte. Die Lampe steht ja eigentlich im Außenraum und wenn man diese in den Innenraum holt, dann sagt das etwas. Das kann man durchaus als Strategie von mir bezeichnen: Die Isolatoren, die ich unter anderem bei der Arbeit „a moment to shine“ in der Villa Concordia verwendet habe, werden ja auch eigentlich im Außenraum eingesetzt. Diese Gegenstände erhalten eine ganz andere Aufladung, wenn man sie in den Innenraum versetzt.
Sie stehen den Interpretationen des Publikums sehr offen gegenüber. Spielt das Publikum/der Betrachter oder die Betrachterin eine Rolle, wenn Sie eine Arbeit konzipieren?
Ja und nein. Viele meiner Arbeiten sind interaktiv. Da gehört die Betrachterreaktion quasi zur Arbeit dazu. Die Installation mit den Standisolatoren zur „Open-Art“ ist ein gutes Beispiel. Die Isolatoren steckten horizontal gegenüber in der Wand. Über Schlitze am Ende des Raumes habe ich Störgeräusche an der Wand entlang geleitet, so dass es sich anhörte, als würde dieses Geräusch von den Isolatoren kommen – es war eine Raum- und Klanginstallation. Wenn man zwischen den Isolatoren stand, hatte man wirklich das Gefühl, dass da ein Energieaustausch stattfindet – obwohl die Isolatoren ja nicht angeschlossen waren. Den Leuten hat es da mehrfach die Haare aufgestellt. Eine Irritation.
War die Arbeit im Raum, das dreidimensionale Arbeiten schon immer Zentrum Ihrer Kunst? Kommt das vielleicht von der Arbeit als Holzbildhauer?
Nein, eigentlich habe ich früher sogar mehr gezeichnet. Auf meinen Reisen habe ich viele Dinge zeichnerisch festgehalten. Ich bin fast immer ohne Fotoapparat unterwegs gewesen. Alles kann das Gehirn nicht abspeichern, deswegen habe ich viel aufgeschrieben und kleine Skizzen dazu gemacht. Das hatte mehr Wert für mich als ein Foto. Erst als ich mit dem Mountainbike durch Alaska geradelt bin und überlegte als Reisejournalist zu arbeiten, habe ich mir eine Kamera gekauft.
Gibt es Räume, die Sie besonders oder vielleicht sogar gar nicht interessieren? Haben Sie einen Traum-Raum?
Jeder Raum ist wie jeder Mensch, eine Art Individuum. Es muss nicht immer der museale Raum sein. Jeder Raum hat seine eigene Kraft – selbst wenn ein Raum mich überhaupt nicht interessiert, dann hat das auch schon wieder etwas für mich. Ich versuche dann aus dem Nicht-Interesse heraus, etwas zu entwickeln…
…als Herausforderung?
Ja, ein total uninteressanter Raum kann eine große Herausforderung sein, ebenso wie ein architektonisch besonderer Raum oder ein musealer Raum, der nur Oberlicht hat. Zum Beispiel hat mich der Ausstellungsraum hier in der Villa Concordia, das Bewegliche Atelier, zunächst überhaupt nicht interessiert. Das lag vor allem an den verschiebbaren Stellwänden, die da stehen. Mittlerweile hätte ich Lust, dort etwas zu machen – und zwar mit genau diesen Stellwänden.
Wenn die Stellwände zu Kunst werden, könnte man provokativ fragen: Ist alles Kunst? Kann alles Kunst sein?
Nein, nicht alles kann Kunst sein.
Sondern nur das, was Sie dazu machen?
Wenn ich das jetzt bejahen würde, käme ich in den Verdacht, ein arroganter Künstler zu sein. Das bin ich nicht. Es geht um die Möglichkeiten, die man abwägt und nutzt oder nicht – um eine sinnvolle, funktionierende Kombination von Raum und Gegenstand. Man kann natürlich alles zusammenschweißen, was man findet, jedes gefundene Objekt verwenden – ich bin ja auch so ein Lumpensammler. Ich gebe den Dingen, die ich finde, lediglich eine Chance, Kunst zu werden. Aber 80 Prozent der Sachen werfe ich auch weg.
Manche Sachen inspirieren mich sehr stark, da kann ich nicht vorbeigehen – die Krähe zum Beispiel, die ich für ein Kleinobjekt verwendet habe, das derzeit in der Ausstellung „big belly yellow seahorse“ im Bamberger Naturkundemuseum zu sehen ist. Die Krähe ist in München gegen ein Glashaus geflogen und hat sich das Genick gebrochen. Zuerst habe ich nur gedacht: „Das arme Viech“, aber dann hat sie mich gefesselt. Ich habe ihre Beine abgezwickt und behielt die fleischigen Schenkel, die verwesen und stinken. Vor meinem Atelier in Nymphenburg verlief eine Ameisenstraße. Dort habe ich die Füße hineingelegt. Die Ameisen haben sich bedankt und den Knochen schön blank abgefressen. So hat sich das alles erhalten und ich konnte die Krähenfüße weiterverarbeiten. Anschließend habe ich eine komplizierte Drahtkonstruktion, die so tut, als wäre sie der Krähenkörper, in einen Quader einbetoniert und die Füße eingesetzt. Hätte ich die Beine einfach so in den Beton hineingesteckt, hätte es nicht so authentisch ausgesehen. Ich habe es so gemacht, dass man denken könnte, die Krähe liegt noch so da… unter Beton.
Jetzt sind wir schon mitten in der Ausstellung im Naturkundemuseum Bamberg, die noch bis zum 31.01.2011 zu sehen ist. Dann natürlich wollen wir nicht nur über Ihre großen Installationen sprechen, sondern auch über Ihre kleinen Objekte. Wenn man diese Kleinstkunstwerke betrachtet, merkt man, dass Humor in Ihrer Kunst eine große Rolle spielt.
Stimmt. Mein Humor ist eine große Inspirationsquelle für mich. Bevor ich nach Gomera gegangen bin, habe ich mich viel mit diesem Thema – vor allem im Rahmen eines Kurses „Der Witz in der Skulptur“ – beschäftigt. Da sind schöne Arbeiten entstanden.
Ich habe damals eine Plastik in Zusammenarbeit mit der Brauerei Stiegl gemacht, die mir immer noch sehr gut gefällt und die das gut illustriert: Ein Bierparasit (lacht).
Was ist ein Bierparasit?
Das ist eine tischgroße Larve, der oben aus dem runden Körper Gestänge rausgewachsen sind, vorn hatte sie einen Rüssel. Die Materialien waren gefundene Sachen vom Schrottplatz. Ich habe Teile einer alten Waschmaschine verwendet. Das Gestänge sah aus wie eine Art Absaugvorrichtung. Ich habe den Parasiten bei der Brauerei an einem Container installiert, wo Fassbier drin war, und habe ihn dann daran saugen lassen. Dazu gab es ein Video, auf dem ich als Wissenschaftler das ganze Phänomen erklärt habe: Wie gefährlich der Bierparasit für Brauereien ist und so weiter.
Natürlich muss man da auch aufpassen. Humor verwende ich gern, aber man darf seine Arbeiten nicht zu sehr ins Lächerliche ziehen. Ich habe sicher schon ganz absurde Arbeiten gemacht, aber ich habe immer versucht, etwas Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit zu bewahren. Ernsthaftigkeit ist ganz wichtig in der Kunst. Viele glauben, dass Kunst sehr wissenschaftlich sein muss.
Haben Sie auch Anknüpfungspunkte an politische Kunst oder an Politik ausgerichtete, die Politik kritisierende Kunst?
Ich bin kein Anhänger einer politischen Kunstrichtung. Hin und wieder kommt es aber schon vor, dass ich eine sozialkritische Arbeit mache, …
…die „Klagemauer“ mit den Taschentüchern. Eine sehr politische Arbeit, wie wir finden.
Das könnte man so deuten, vor allem, wenn man von der Klagemauer in Israel ausgeht und wenn man sich überlegt, wie viele Mauern in Israel gebaut werden. Definitiv kann das als politische Aussage gedeutet werden.
Aber das ist nicht Ihre Intention gewesen bei der Konzeption der Arbeit?
Nein, eigentlich hat mich bei der Arbeit zunächst das Absurde geleitet. Das war auch eine Arbeit, um etwas auszuprobieren. Sie ist im ersten Drittel meiner Studienzeit entstanden. Es war meine erste Anfrage für Materialsponsoring – und es war überraschend einfach: Ich habe Hakle einen Brief geschrieben und die fanden meine Idee gut. Ich hatte schon fast wieder vergessen, dass ich eine große Menge Kleenex-Schachteln angefragt hatte – es war Januar, ich hatte Grippe und ein ganz kleines Zimmer. Um sieben Uhr morgens klingelt es an meiner Tür, es war noch dunkel, ich lag mit Fieber im Bett. Ich gehe genervt an die Tür und da steht einer im Schneetreiben mit einem riesigen LKW vor dem Haus und lädt zwei Paletten Kleenex-Schachteln ab. Ich habe mein Zimmer von Januar bis April mit 1000 Taschentuchboxen geteilt. Ich musste mich immer zwischendurch schlängeln, um von einem Ende zum anderen zu kommen.
Da verändert die Kunst auch den Lebens-Raum.
Ja, ich habe auch dokumentiert, wie ich damals gehaust habe. Das wäre ein schöner Brand geworden (lacht).
In Bamberg, Ihrem derzeitigen Lebens-Raum, sind und waren Sie schon sehr aktiv. In der Villa Concordia sind die bereits erwähnten Installationen „a moment to shine“ und „Elektrobarocker Vasensex“ zu sehen, im Naturkundemuseum die Kleinplastiken, Sie waren in St. Stephan, in der Villa Dessauer… Ist die Stadt Bamberg besonders inspirierend?
Nicht unbedingt. Ich glaube, meine Inspiration ist, dass ich hier Zeit und Ruhe habe, zum Beispiel weil die Wege so kurz sind, der Fluss direkt vor der Haustür ist – solche Dinge. Ich war früher viel unterwegs – nicht nur in Amerika. Da fühlt man sich plötzlich wie implodiert, eine Art Konzentration. Auch die Tatsache, dass ich hier mit anderen Künstlern zusammentreffe, ist für mich Inspiration. So entstand die Idee, etwas mit Luís Antunes Pena zu machen. Luís hat am 29. Januar in der Villa ein Konzert und ich gestalte eine Ton-Landschaft zu seinem Klanggebilde. Einen Tag später findet das Projekt in der Kunststation in Köln statt.
Haben Sie über die sich in direkter Planung befindenden Projekte hinaus konkrete oder weniger konkrete Wünsche und Träume für die kommenden Jahre?
Ja, einen Flugschein möchte ich machen. Ich habe einen guten Freund in Anchorage, der ist vor Jahren nach Alaska ausgewandert. Der hat eine Cessna im Garten stehen – wie übrigens fast jedes dritte Haus in den Suburbs von Anchorage, wie ein Zweitwagen. Dort gibt es auch viele Flugschulen, die das ganz günstig anbieten. Ja, den Flugschein möchte ich gern noch machen.
Dann wünschen wir Ihnen sowohl künstlerische als auch leibhaftige Höhenflüge und bedanken uns für das Gespräch.
Das Gespräch führten Lisa Hauke und Maria Wüstenhagen

