Becker, Matias

 1974 in München geboren, hat in den letzen Jahren vor allem großformatige, figurative Kohlezeichnungen und Collagen angefertigt. Quellen seiner Arbeiten sind der Strom der Medienbilder unserer Zeit ebenso wie die Kunst- und allgemeine Bildergeschichte. Fragmentarisch zieht er sich aus diesen Motive und Zeichen mit Erzählwert heraus, die er durch Dekontextualiserung, Rekombination und Verdichtung zu neuen „Wirklichkeiten“ montiert. Auf diese Weise entstehen verwirrende, uneindeutige beziehungsweise vielschichtige Bilder, denen auch ornamentale und amorphe Formen nicht fremd sind.

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt im Bereich des Siebdrucks, aber auch Videoarbeiten gehören zu dem Werk des Künstlers. Zudem verfolgt Becker das Konzept, seine grafischen Arbeiten in Beziehung zu bühnenraumartigen, installativen Elementen zu setzen.

Im Jahre 2000 erhielt er sein Diplom an der Akademie der Bildenden Künste München, wo er seit 1994 bei Prof. Gerhard Berger studierte. Einzelausstellungen seiner Werke gab es in der Radio-Werkstatt München (2001), bei Prima Kunst e. V. in Kiel (2001), im Chateau Marmont in Hollywood (2003) sowie in der Galerie Andreas Grimm in München (2003 und 2007). Auf Gruppenausstellungen war er bereits in Berlin, München, New York, Paris und Madrid vertreten.

Ab April 2010 wird Matias Fernando Becker für ein Jahr als Stipendiat des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg leben und arbeiten.

Matias Becker im Gespräch mit Lisa Hauke und Maria Wüstenhagen im November 2010
 

Sie stellen in Ihrer Ausstellung „Prospekt“ im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia Siebdrucke aus. Was interessiert Sie an dieser Technik besonders?

Die Basis für diese Siebdrucke sind fast immer Zeichnungen. Ich hab schon in der Akademie gedruckt, Linolschnitte und Radierungen. Vor drei Jahren habe ich die ersten Siebdrucke erstellt – von Collagen, die ich aus Zeitungsausschnitten geflochten habe. Ich mag diese handwerklichen Vorgänge beim Drucken, wie auch beim Aufbau der Wand, an der die Siebdrucke im Treppenhaus hängen. Wenn man zeichnet, hat man dieses „Bildhauerische“ nicht. Das andere, in diesem Fall, ist, dass ich den Plakatcharakter sehr gerne mag.

Was ich außerdem sehr spannend finde, gerade bei zwei- oder mehrfarbigen Drucken: Jedes Druckmedium hat einen speziellen Charakter, mit dem man anders arbeiten muss. Dieser Charakter, den jede Drucktechnik hat, verändert aber auch die Herangehensweise. Nicht alles, was ich zeichne, funktioniert auch als Druck. Die Zeichnungen für die Siebdrucke zeichne ich aber meist darauf hin. Es gibt auch Arbeiten in der Ausstellung, die als Zeichnung viel größer sind, von denen ich dann nur Teile gedruckt habe.

Warum in Rot?

Das hat keine tiefere Bedeutung. Ich zeichne viel mit Kohle und das Rot hat vielleicht ein bisschen den Charakter von Rötelkreiden.

Beim Siebdrucken kann man für ein Motiv ja beliebig viele Farben oder Untergründe wählen, so dass man, wie es mir am Anfang erging, schnell zig Blätter beieinander hat. Man entscheidet sich halt dann irgendwann für eine Farbe.

Haben Sie ein künstlerisches Konzept, einen roten Faden in Ihrem Werk – wie z.B. die Technik des Siebdrucks oder der handwerkliche Aspekt, den Sie schon erwähnt haben?

Für diese Ausstellung gab es folgende Überlegung. Ich wollte in diesem barocken Treppenhaus, das ein Durchgangsort, auch ein Repräsentationsort ist, eine Plakatwand installieren. Die Wand, an der die Siebdrucke hängen, ist daher wie ein Billboard, wie eine Plakatwand gestaltet.

Die ursprüngliche Idee für das Treppenhaus – das ich schon von Anfang an im Blick hatte, war, verschiedene Bilder von Treppen auszustellen. Ich habe angefangen, Treppen zu sammeln. Das barocke Treppenhaus in der Villa Concordia ist ja als Empfangshalle ein Repräsentationsort, also eine Bühne, wo sich die Leute als Darsteller zeigen. Der Kontext war für mich mit dem Treppenhaus als eine Art Bühnenraum schon gegeben. Es ginge um den Ab- und Aufstieg, um Karriereleitern oder mögliche Bühnenrollen. Ich hätte für diese Art Archiv von Treppenbildern aber noch länger sammeln müssen.

Von dieser ursprünglichen Idee bin ich jetzt abgewichen. Geblieben ist die Idee des Bühnenraums, nur sind jetzt aus der Inszenierung mit Treppen und Leitern Inszenierungen mit Alltagsgegenständen geworden, die jetzt sozusagen als Bühnenfiguren auftreten.

Der Titel Prospekt bezieht sich übrigens auf beides, die Gegenstände, aber auch auf Prospekt als Bezeichnung für die früher oft illusionistisch gestaltete Rückwand einer Theaterbühne.

Der Raum, in dem Sie ausstellen, spielt immer eine Rolle für Sie?

Nicht immer. Es interessiert mich, einen Bezug herzustellen. Meistens hat man aber doch einen „white cube“ und keine Wahl. Ich finde es interessant, sich so etwas auszusuchen.

Haben Sie vor, vom zweidimensionalen Bild an der Wand in den dreidimensionalen Raum zu gehen? Haben Sie auch schon Installationen konzipiert?

Ja. Ich hatte in München eine Ausstellung, bei der ich Bühnenelemente verwendete und ein Video zeigte. Ich sehe die Ausstellung hier mit ihrem Plakatcharakter und mit der Wand schon auch als Objekt, auch wenn das Graphische den Hauptteil ausmacht. Ein Plakat steht irgendwo zwischen Bild und Alltagsobjekt.

Auch vieles, was ich zeichne, wie z.B. dieser Kronleuchter aus Schreibtischlampen, könnte ich als Objekt bauen. Aber ich bin beim Zeichnen gelandet. Ich werde den bildhauerischen Aspekt sicher ausweiten und vielleicht in Kombination betreiben. Es ist mir nicht fremd, ich habe auch eigentlich mehr mit Künstlern zu tun, die Bildhauer sind oder Installationen machen, als mit Malern.

Bei unseren Recherchen haben wir eigentlich nichts über Sie im Internet gefunden, Sie sind nicht präsent in der virtuellen Welt. Sie meinten zu Beginn des Stipendiums, dass Sie einfacher persönlich zu erreichen sind, als per E-Mail. Ist das ein Ausdruck für „Medienkritik“ oder interessiert es Sie einfach nicht?

Ich forciere es einfach nicht besonders. Das ist keine kritische Haltung. Ich habe lieber direkten Kontakt, ich treffe die Leute, die um mich herum sind, rede lieber mit diesen, wenn sie mir gegenüber sitzen. Ich mag auch gerne, wenn etwas direkt zurück kommt und weniger, wenn man Sachen in eine Richtung schickt. In der Kunst wendet man sich sowieso schon zwangsweise an eine abstrakte Öffentlichkeit. Ich benutze das Internet, um Sachen zu recherchieren. Ich finde es nur angenehm, dass man nicht dauernd verfügbar ist.

Wir würden gerne über Ihre Motive sprechen. Sie verarbeiten Gegenstände, Objekte, die man aus der Werbung, Prospekten und Magazinen kennt. Suchen Sie bewusst eine Verbindung zur Popkultur, oder ist es möglicherweise eine Kritik am Mainstream? Oder sind solche Hintergründe und Bezüge nicht wichtig für Sie?

Das ist eher neu, dass ich mit Alltagsgegenständen oder relativ banalen Sachen arbeite. Das habe ich auch nicht immer gemacht. Die großen Kohlezeichnungen waren überlagert von Figuren, in letzter Zeit fallen die Figuren immer mehr heraus. Jetzt übernehmen Gegenstände oder auch z.B. Bauanleitungen die Erzählung.

In den Collagen ist teilweise ein Bezug zu den 70/80er Jahren. Als ich die gemacht habe, haben mich die Ideen von Eskapismus und Aussteigertum interessiert. Ich hatte einen Riesenstapel „National Geographics“ aus dieser Zeit, die ich zu Collagen verarbeitet habe.

Zu den Alltagsgegenständen im Treppenhaus: Es geht um die Bühnenfunktion – deswegen auch die Präsentation als Plakat. Auf ihnen gibt es Zusammentreffen von Gegenständen, die man als Erzählungen sehen kann – mit Haupt- und Nebendarstellern, wie die slapstickartige Szenerie mit dem Mikrophon und den Kabeln.

Der Hintergrund der Bauanleitungen ist der, dass sich eine Unternehmensberatung Bilder in einer Galerie gekauft hat – dadurch kam ich auf die Zeichnungen auf Flipcharts, also eher abstrakte Ratgeberpläne – und weiter zu dieser ganzen Ebene, in der Sachen im Alltag ausgetüftelt werden, die nicht im Zusammenhang Kunst gelesen, aber trotzdem gestaltet werden.

Wichtig sind mir auch die graphische Spannung und wie sich daraus Sinn- oder Unsinnszusammenhänge ergeben. Insofern hat es mit dem vorgefundenen Material schon Popelemente.

Gleichzeitig wähle ich die Gegenstände so aus, dass es noch eine zweite Ebene gibt. Eine meiner Zeichnungen zum Beispiel besteht aus einer Anleitung, wie man sich Hängematten knüpft, und aus Kletteranleitungen. Dabei steht das alpine Motiv vom Aufstieg direkt neben der Hängematte als Zeichen für Müßiggang. Bei anderen treffen Anleitungen zum VW-Bus Ausbau auf Anleitungen zum Gewächshausbau.

Humor spielt dabei eine große Rolle?

Ja, ich mag slapstickartige Elemente, die eher Filmmotive sind, aber ich denke, dass dies auch in Skulpturen und Zeichnungen funktioniert. Ich zeichne Aneinanderreihungen von Dingen, die so nicht funktionieren oder die Situation ad Absurdum führen. „Men in trouble“ als eine Definition von Slapstick spielt dabei eine große Rolle.

Beim Witz gehts ja um die Zusammenstellung von unvereinbaren Gegensätzen und die Abkürzung. Das macht auch Collagen aus, dass Sachen zusammen kommen, die nicht automatisch zusammengehören, die aber zusammenarbeiten. Und: Es ist auf einem Blatt organisiert und stellt damit eine Form von Abkürzung dar. Man kann es so zeichnen, dass es als Witz funktioniert.

Noch eine Frage zur Popkultur: Viele Bildende Künstler orientieren sich zurzeit in Richtung Design und gestalten Alltagsgegenstände. Könnten Sie sich vorstellen, Ihre gezeichneten Alltagsgegenstände mit tatsächlichen Gebrauchsgegenständen zu verbinden?

Ich kann mir vorstellen, dass meine Sachen Teil anderer Arbeiten werden, z.B. als Plattencover oder Plakat. Am Design interessiert mich eigentlich eher, was ein Gegenstand erzählt, wenn man ihn in einem anderen Kontext zeigt, als die Form.

Sie unterrichten in einem Projekt, das jungen Menschen die Möglichkeit gibt, sich künstlerisch zu betätigen. Was bedeutet das für Sie?

Das „IMAL“ (International Munich Art Lab) ist ein wunderbares und ich glaube ziemlich einmaliges Projekt, das vor 10 Jahren in München gegründet wurde. Die Idee ist, Jugendlichen unabhängig von ihrer Schulbildung die Möglichkeit zu geben, ein Jahr lang projektbezogen kreativ arbeiten zu können, im Bereich der Darstellenden oder der Bildenden Kunst. Es ist aber kein Mappenkurs, sondern findet täglich statt. Für die jungen Leute ist es ein Freiraum, wo sie sich auch persönlich und künstlerisch entwickeln können. Mir bereitet dieser Austausch große Freude und ich empfinde es auch als sehr große Bereicherung für mich.

Wie geht es Ihnen hier im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia? Was bedeutet es für Sie, auch mit Künstlern anderer Sparten zusammenzukommen?

Ich finde es schön, die Gelegenheit zu haben, mit Künstlern aus anderen Bereichen zusammenzukommen, es ist interessant zu erleben, wie z.B. meine Schriftstellernachbarn arbeiten. Auch finde ich gut, dass wir verschiedenen Alters sind.

Mit den Mitstipendiaten ist es auch ein Glücksfall gewesen, und dadurch dass es ein Internationales Künstlerhaus ist, hat sich auch mit den portugiesischen Stipendiaten ein sehr freundschaftlicher und herzlicher Kontakt ergeben. Man kriegt viel voneinander mit, von der Kultur, dem Humor aber auch von der jüngsten Geschichte Portugals, die in den Werken einiger hier eine große Rolle spielt.

Haben Sie einen großen Wunsch, ein Projekt, das Sie irgendwann einmal verwirklichen wollen?

Ich habe zunehmend das Bedürfnis, mit dem, was ich mache, an andere Bereiche anzuknüpfen, so wie bei meiner Arbeit beim „IMAL“. Es reicht mir nicht, nur im Atelier zu sein, und dann meine Werke ab und zu irgendwo auszustellen. Für mich ist es sinnvoll, dass man an irgendwelchen Prozessen, wie an sozialen Prozessen beteiligt ist. Das will ich weiter machen. Mal sehen, in welche Richtung es geht.

Dabei wünschen wir Ihnen viel Erfolg! Vielen Dank für das Gespräch.

 

Matias Becker

Vollbild