Dissertation über Trauerarbeit von Eltern - Schulrat Norbert Nitsche: Aktiv werden hilft bei der Bewältigung
66 Eltern, die ein Schulkind verloren haben, hat der Ulmer Norbert Nitsche befragt. Seine Dissertation über Trauerarbeit macht Hoffnung.
Von: NICOLE REUSS
Trauer braucht Zeit. Aber irgendwann finden fast alle Eltern, die ein Kind verloren haben, ins Leben zurück. Das ist eine der Kernaussagen einer Umfrage zum Thema Trauerarbeit, die Norbert Nitsche, bis 2009 Rektor der Hans-Lebrecht-Schule für Kranke am UImer Uniklinikum und nun Schulrat in Biberach, für seine Dissertation zur Erlangung des Dr. phil. ausgewertet hat.
Eltern, die ihr Kind durch Krankheit verloren haben, brauchten durchschnittlich knapp acht Jahre, um einen neuen Bezug zum Leben zu finden. Kam der Tod völlig unerwartet, waren es annähernd zwölf Jahre. 66 Elternpaare hat Nitsche befragt, die Kinder zwischen 7 und 22 Jahren verloren haben. 35 starben an einer Krankheit, 23 durch Unfall oder unerwartet, sieben Jugendliche begingen Selbstmord, ein Kind wurde ermordet.
Trost fanden Mütter und Väter vor allem bei Familie, Freunden und beim Partner. "Die Annahme, verwaiste Paare trennen sich häufiger, ist falsch", hat Nitsche herausgefunden. Trauernde Eltern scheinen sich zeitweise Distanz zu schaffen, näherten sich aber im Verlauf des Trauerprozesses wieder an. Eine Erfahrung, die er auch an der Schule für Kranke und als Leiter von Selbsthilfegruppen gemacht hat. Der 55-Jährige hat einen persönlichen Bezug zum Thema: 1988 fand er seine sechs Monate alte Tochter tot im Bett. Ihm hat das Gespräch mit Menschen, die ähnliches erlebt haben, geholfen, den plötzlichen Kindstod von Hannah zu verkraften.
Selbsthilfegruppen beschrieben knapp die Hälfte der Befragten als "hilfreich" und ,.sehr hilfreich". Weniger Halt fanden verwaiste EItern dagegen bei Nachbarn, Hausärzten und in der Schule ihrer Kinder. Das trifft vor allem auf Geschwisterkinder zu, laut Studie fanden sie in 80 Prozent der Fälle in ihrer Schule keine Hilfe. In 40 Prozent der Rückmeldungen wurde über den Tod des Bruders, der Schwester nicht gesprochen. Für Nitsche eine tragische Erkenntnis seiner Untersuchung: "Die Trauer von Geschwisterkindern wird gesellschaftlich unterschätzt, ausgeblendet und zum Teil ignoriert." Als besonders belastend empfanden es Eltern, wenn verstorbene Kinder totgeschwiegen wurden. Unabhängig vom Todestag spürten alle Nähe zum Kind. Tröstlich nannten sie unter anderem Glaube, Spiritualität, Trauerrituale, Gespräche oder vorübergehenden Rückzug.
Trauernde mit Medikamenten ruhigzustellen, sollte nur letztes Mittel sein, sagt Nitsche. Traueraufgaben seien wichtig. Die Chance, sich vom Körper des Kindes zu verabschieden, gebe es nur bis zur Bestattung. Die Beerdigung organisieren, sich nicht alles aus der Hand nehmen lassen, helfe. Für die Zeit nach der Beisetzung nannten Eltern etwa Trauerliteratur, Therapie, niedergeschriebene Erinnerungen, eine selbst gestaltete Homepage, sich Gutes tun als Stütze. Wege gibt es viele.
Eine Mutter, so erzählt der Schulrat, hat aus den Kleidern ihres toten Kindes Patchworkdecken für die Geschwister genäht. Unendlich viele Tränen seien geflossen. "Aber es hat ihr geholfen."
Nach der Zahl seiner Kinder gefragt, antwortet Nitsche heute mit "drei plus eins". Auch er spürt eine Verbindung zu Hannah, hat sich nach ihrem Tod - damals war er an einer Sprachheilschule tätig - beruflich neu orientiert. Die Trauer, sagt er, hat ihn stärker gemacht.
Info Norbert Nitsches Dissertation trägt den Titel" Trauerarbeit von EItern und Geschwistern nach dem Tod eines Schulkindes". Mitte Dezember steht seine mündliche Promotionsprüfung an der Pädagogischen Hochschule Weingarten an.
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