Presseartikel Der Neue Tag Weiden/Opf. v. 26.April 2012 von Winfried Hübner (Speinshart i.m.CH) Neustadt/WN. Weiden. (mw)
"Die Trauer ist die Kehrseite der Liebe" , so der Diplompsychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter einer psychologischen Beratungsstelle (mit Trauerbegleitung) Roland Kachler aus Esslingen in seinem Vortrag "Meine Trauer wird dich finden - die Trauer neu verstehen." Der Einladung der Katholische Erwachsenenbildung im Kreis Neustadt und Stadt Weiden e.V., der Selbsthilfegruppe "Verwaiste Eltern" Weiden und Region, des Fördervereins Schwerkranker e.V. und der Dekanate folgten zahlreiche Besucher, die Frau Dr. Susanne Kreutzer vom Krankenhaus Neustadt/WN (Leiterin der Palliativstation) in der Stadthalle Neustadt/WN willkommen hieß.
Durch den Unfalltod seines 16-jährigen Sohnes vor neun Jahren und der damit verbundenen Trauer spürte der Referent, dass die klassische Methode in der psychologischen Beratung vom "Abschied nehmen, Loslassen und überwinden der Trauer " um einen Verstorbenen, zu der er selbst seine Klienten früher geraten hatte, ihm nicht helfen konnte, seinen immer wiederkehrenden Schmerz in sein "neues Leben" zu integrieren. Dabei beobachtete er im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit, dass die Mehrzahl der Trauernden ihre Verstorbenen auf Dauer im Inneren bewahren, nicht verabschieden, sondern behalten wollten.
Mit zahlreichen Beispielen, Vorschlägen und Anregungen aus seinem Beratungs- und Trauerbegleitungsalltag belegte der Referent seine überzeugenden Ausführungen.
Das Spüren der intensiven Nähe und Präsenz der Verstorbenen wird in der bisherigen Trauerliteratur und Trauerpsychologie nicht als Ausdruck der liebenden Beziehung gewürdigt. Im Gegenteil, sie soll gar überwunden werden. Dies ist nach einer gewissen "Schonfrist" bisweilen auch die Forderung der familiären, nachbarlichen und beruflichen Umgebung zum Leidwesen der Trauernden. Im Blick auf seine eigenen, alle Gedanken, den Körper und seine Gefühlswelt erfassende Trauerschmerzerfahrungen erkannte der Referent, dass es heutzutage in vielen Fällen die "drei ausgeschlossenen Schwestern" der Trauer gibt.
Kachler nannte dabei zuerst "das Mitgefühl" (die Empathie) in der Trauer. Sie reicht bis hin zur Identifikation mit dem Verstorbenen. Bei einer engen Beziehung zu ihm entsteht oft sogar das Verlangen, ihm „nachsterben“ zu wollen, weil die Liebe weitergelebt werden will.
Als Zweites wurde "die Sehnsucht" genannt, die den geliebten verstorbenen Mitmenschen immer wieder in die Gegenwart holt. So sehnen sich u.a. Kinder beim Tod eines Elternteils nach der liebenden Zusage, dass sie einen inneren Begleiter und Ratgeber an ihrer Seite haben.
Die dritte Schwester sei "die Liebe" selbst, die im Trauerfall intensiver Beziehungen eine Klarheit erhalte könne wie nie zuvor. Der Philosoph Kahil Gibran sagt dazu: "Erst in der Stunde der Trennung erkennt die Liebe ihre eigene Tiefe."
Erst das uneingeschränkte Zulassen dieser Komponenten ermöglicht ein heilsames Weitergehen im akuten Trauerprozess. Die "ausgeschlossenen Schwestern der Trauer" zu würdigen ist eine wesentliche Hilfe in der Trauerbegleitung. Natürlich sollte die Aufmerksamkeit abwechselnd und je nach akuter Trauersituation auch auf die klassischen Trauergefühle, wie Verzweiflung, Ohnmacht, Wut, Schuldgefühle etc. gerichtet werden.
Eine der Schlüsselfragen in der Trauerbegleitung und im Trauerverständnis, so der Autor, sei die Frage nach der neuen Existenzweise Verstorbener. Kachler nennt sie die Suche nach einem „sicheren Ort“ für sie. Nicht nur für Kinderseelen ist dieser eine große Hilfe und Beruhigung.
Diese Grundfrage werde in den Weltreligionen verschieden mit Bildern wie "Jenseits, Paradies, Ufer, Fluss, Himmel, im Licht etc. beantwortet. Diese bildhaften Vorstellungen sind laut C.G.Jung auch im gemeinsamen Unterbewussten der Menschheit verankert.
Wie kann also eine liebevolle Beziehung über den Tod hinaus so weiter gelebt werden, dass die Trauer irgendwann für die „Überlebenden“ auch wieder die Empfindung von Glück erlaubt?"
Da sind zum einen die äußeren Orte die helfen können, die Verbindung zu spüren, wie z.B. das Grab, die Unfallstelle oder eine „Gedenk-Ecke“ in der Wohnung. Trauernde wollen die Verbindung spüren, und nicht aufgeben müssen. Nicht loslassen, sondern bewahren. Die Forderung Vieler, loszulassen im Sinne von Vergessenmüssen oder „Nicht mehr dran denken dürfen“ erleben Trauernde eher als ein zweites Sterben. Rituale können helfen, die Beziehung zum Verstorbenen lebendig bleiben zu lassen. Das kann über das Betrachten von Bildern oder Videoaufnahmen, über Kerzen oder Erinnerungsgegenstände oder auch durch Gedenkgottesdienste geschehen.
Als Hilfe für die Suche nach "inneren sicheren Orten" nannte der Referent die Erinnerungs- und Körperarbeit. Sie kann tröstlich und schmerzlich gleichzeitig sein. Die seelische Pendelbewegung zwischen Realisierungsarbeit (die mit dem Sterben verbundene Gefühlswelt Hinterbliebener) und der Beziehungsarbeit (des Suchens und in Verbindung Bleiben-Wollens mit den Verstorbenen) entspricht dem Trauerprozess.
Trauerbegleiter sollten wissen, dass die individuellen Erinnerungstage und Familienfeste oft eine große emotionale Herausforderung für Trauernde sind. Ehrliche Nachfragen sind zwischenmenschliche Brücken für Betroffene - auch nach Jahren.
Trauerarbeit, so Roland Kachler, ist auch Körperarbeit. Nicht wenige Trauernde verspürten nach dem Geschehen z.B. Magen -, Bauch - Brust- oder Herzschmerzen. Um der Somatisierung einer Depression (der seelische Schmerz wird ins Körperliche verschoben) durch die Trauer vorzubeugen, sollten körperliche Trauergefühle durch Begleiter ebenso erfragt, soweit möglich solidarisch ausgehalten und nicht gleich mit Medikamenten unterdrückt werden.
Kachler bezeichnete diese auch als nonverbale Antworten der Trauer, in denen die Nähe des geliebten Mitmenschen fühlbar wird und der seelische Schmerz sich dort auch lösen könne. Körperlich ausgleichende Tätigkeiten und Anstrengungen unterstützten diesen Prozess.
In der Trauer ist das Leben unterbrochen und muss wieder neu gefunden werden. Dabei hilft es, wenn in Gesprächen (mit Angehörigen, Freunden, Kollegen etc.) die Verstorbenen immer wieder gewürdigt werden und ihren, wenn auch begrenzten, Platz und Raum zumindest in den Familien bekommen.
Auch Elemente der Natur wie Sterne, Meer, Regenbogen können sichere Begegnungsorte mit den Verstorbenen symbolisieren und dem Trauernden versichern, dass der geliebte Mitmensch nicht verloren, sondern gut aufgehoben ist.
Der Tod, so Roland Kachler, stellt die Frage nach jenseitigen schützenden Orten unserer Wirklichkeit und Vergänglichkeit. Während die Naturwissenschaft der Sehnsucht Trauernder keine Rechnung trägt, helfen gläubigen Menschen Vorstellungen und Bilder wie "Himmelfahrt, Haus Gottes, Himmel, Paradies, Tisch des Herrn" etc. So vertrauten Christen darauf, im Sterben sanft "in die Hand Gottes zu fallen." Das uralte Tibetanische Totembuch bestätigt die Wahrnehmungen jenseitigen Lichts als sicheren heilsamen Ort in den u.a. vielfach dokumentierten Nahtoderfahrungen.
Viele Trauernde, so Roland Kachler zusammenfassend, brechen eine klassische Psychotherapie ab, weil sie ihre Lieben nicht nochmals "verlieren" möchten. Statt deren Forderung nachzukommen, Ihre Verstorbenen los zu lassen, frei zu lassen und gehen zu lassen, wünschen sie sich einen sicheren Ort, wo Ihre Lieben gehalten und geborgen sind. Es gehe darum, die Trauer langsam zu verabschieden, das Leben wieder stückweise, wenn auch verändert, zurück zu erobern.
Die Verstorbenen begleiten und geben hierzu ihren Segen, so Kachler.
Mit einem seine Beobachtungen bestätigenden Zitat des Psychoanalytikers Siegmund Freud, dessen Tochter Sophie 1920 der spanischen Grippe erlag, stellte sich der Referent der abschließenden Diskussion:
"Man weiß, dass die akute Trauer nach einem solchen Verlust ablaufen wird, aber man wird ungetröstet bleiben, nie einen Ersatz finden. Alles was an die Stelle rückt, und wenn es sie auch ganz ausfüllen sollte, bleibt doch etwas anderes. Und eigentlich ist es recht so, es ist die einzige Art, die Liebe fortzusetzen.
Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.Ok, verstanden.