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„Papa lebt jetzt im Himmel“
"Das schlimmste ist, dass ich jetzt keinen Papa mehr habe"

Quelle: Fränkischer Tag von Montag, 5. März 2012
Autor: Otto Lapp
Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

Bamberg — Isabella möchte selbst erzählen, wie ihr Papa gestorben ist: Er ist in der Toilette umgefallen und er hatte Blut im Kopf. Er wollte die Hände waschen. Dann ist er eingeschlafen. Da war sie fünf. Noch heute, mit sieben Jahren sagt sie: „Erst mal wollt’ ich’s gar nicht glauben.“

Aljona Hübert (25) sagte ihrer Tochter zunächst gar nichts. Als der Papa (27) sich nicht mehr wie sonst täglich meldete – die Eltern lebten getrennt – fing sie an, sich Sorgen zu machen. Erfahren hat sie es von Freunden – aus dem Internet. Mit ihrer Familie hat Aljona tagelang überlegt, „was sagen wir?“. Und wie könnte das Mädchen reagieren? „Wir haben das Schlimmste erwartet“, sagt sie heute.

Trauer und Kinder – „da werden viele Fehler gemacht“, sagt Oliver Wirthmann (40). Der evangelische Pfarrer und Trauerbegleiter ist Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur in Düsseldorf. „Viele Fehler“ –weil Eltern versuchten, ihre Kinder zu schonen. „Fälschlicherweise“, sagt Wirthmann. Etwa mit dem „Opa auf der Wolke“. Dieses vermeintlich kindgerechte Bild in einer beschönigenden Sprache sei „sehr verfehlt“. Und töricht.

Kinder müssen sich verabschieden können

Denn Opa ist nicht auf der Wolke. Und Kinder nehmen dieses Bild sehr wörtlich. Wirthmann warnt: Solche Phantasien lösten in Kinderköpfen etwas aus, das nicht mehr zu steuern ist. Irgendwann aber werden sie merken: Opa ist gar nicht auf der Wolke, kann er gar nicht sein. Und die Eltern haben ihm die Möglichkeit genommen, sich vom Opa zu verabschieden. Isabella hat jeden Abend mit ihrer Mama eine Kerze angezündet. Unter dem Bild von Papa, das noch heute in der Wohnung hängt. Ein Ritual, zum an-den-Papa-Denken, zum Traurigsein, zum Abschied. Die Kleine war morgens bei der christlichen Trauerfeier. Und spätabends auf einer afrikanischen, erzählt die Mutter. Die Menschen hätten getanzt und gelacht und auch Ernstes gesprochen. "Da war ich doch dabei", ruft Isabella, "da waren die vielen Bilder von Papa."

"Kinder haben auch ein Recht auf Abschied", fordert Trauer-Experte Wirthmann. Und zwar auf einen würdigen Abschied. Auch am Grab oder am offenen Sarg. Das sei nicht schön, "aber das geht", sagt Wirthmann. Und wegen einer Traumatisierung der Kinder bräuchten die Eltern sich keine Sorgen zu machen. Aljona hatte es ihrer Tochter im Wohnzimmer erzählt. "Weil das so schlimm war, wollt' ich Mittagsschlaf machen", sagt die Kleine. "Und weißt du: Ich hasse eigentlich Mittagsschlaf."

"Das Schlimmste ist, dass ich jetzt keinen Papa mehr habe"

Ja, müde sei die Isabella geworden, sonst habe sie ruhig reagiert. Als die Mama sie ins Wohnzimmer gerufen habe. "Isabella, ich muss dir jetzt was sagen, was nicht so schön ist." Als die Mama ihr gesagt hat, der Papa sei gestorben. "Mama, ich glaub das nicht." Dann hat sie gesagt: "Das Schlimmste ist, dass ich jetzt keinen Papa mehr habe."

Für Kinder bis etwa zum fünften Lebensjahr ist der Tod etwas Unwirkliches. Was weg ist, kann in diesem Alter jederzeit wiederkommen. "Kinder können nicht erfahren, dass der Tod etwas Endgültiges hat", sagt Trauer-Experte Wirthmann. Aber Kinder im Alter von Isabella, zwischen fünf und zwölf Jahren, schaffen diese Erkenntnis:

Papa ist für immer weg. Isabella ist das klar. Um Ängste einfach zu umgehen, rät Wirtmann, "authentische Antworten"  zu geben. Die könnte auch lauten: "Ich weiß einfach nicht alles". Ideal wäre aus Sicht des Theologen so ein Satz wie:"Papa ist beim lieben Gott." Aber dass das "Weltall und alles" nie aufhört und ewig ist, "Mama, das versteh' ich nicht". Und die Mama muss zugeben, dass es "mit unserem Menschenverstand" eben nicht zu verstehen ist.

"Wenn ich sterbe, wär' ich immer bei Papa"

Isabella sagt: "Es wär' besser, ich sterbe. Dann wär' ich immer bei Papa." Aljona seufzt. Zwei Dinge, sagt sie, haben ihr geholfen. Dass der Vater ihrer Tochter nach dem Unfall eingeschlafen ist. Und ihr Glaube. Isabella weiß ganz sicher, dass der "Papa im Himmel lebt". Und sie kann mit dem lieben Gott reden. Und der kann mit Papa reden. Richtig problematisch können Todesfälle erst in der Pubertät werden. Vor allem wenn die Vorbilder Mutter oder Vater sterben.

Allerdings wächst in dieser Zeit beim Jugendlichen das Todesbewusstsein, das er als Erwachsener haben wird. Wirthmanns Rat an Eltern: Den Kindern aufgrund der eigenen Überzeugung helfen, mit dem Tod umzugehen. Sie aber auf keinen Fall "abzuspeisen mit geistigem Fastfood". Kinder verkraften "Schwarzbrot", an dem sie kräftig zu kauen hätten.

"Viele Fragen, wenn sie älter ist"

Isabella wünscht sich wieder einen Papa. Sie ist, wie ihre Mutter sagt, "auf der Suche". Zum Beispiel, wenn Freunde zu Besuch sind. Isabella redet oft von ihrem Papa. Sie springt zwischen Trauer und Fröhlichkeit hin und her. Verarbeitet Papas Tod eben auf ihre Weise. Wenn die Mama schimpft, ruft sie: "Papa war lieber." Und als die Mama krank war, hatte sie Angst, die Mama könnte sterben. Aljona hat ganz viel gesammelt von Isabellas Vater. Sogar Internet-Daten hat sie kopiert. Sie bereitet sich auf "sehr viele Fragen" vor, die Isabella ihr stellen wird, wenn sie älter ist. Sie soll sich dann vorstellen können, wie ihr Vater gewesen ist. Und die siebenjährige Isabella sagt: "Das beste auf der ganzen Welt ist es, seinen eigenen Vater zu haben."

Datum: 07.03.2012
Erwachsenenpastoral - Fachbereich Ehe und Familie
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Artikel Fränkischer Tag 5.3.2012. Trauernde Kinder (16 KB)
Fränkischer Tag 5. März 2012. "Papa lebt jetzt im Himmel". Trauernde Kinder (1.448 KB)
Weiterführende Links:
Trauerbegleitung im Erzbistum Bamberg