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Kernkraft eine Lösung?

Klimaschutz, eine Jahrhundertaufgabe

Aus meiner Sicht gibt es für die Zukunft zwei grundsätzliche Optionen, die Versorgungssicherheit an Energie für alle Menschen gleichermaßen zu gewährleisten, und die Schöpfung nachhaltig zu bewahren.

1. Einsparung von Energie

a. Steigerung der Effizienz

b. Suffizienz

2.Ausbau der erneuerbaren Energien

Option 1: Einsparung von Energie

Die beste Energiequelle im Sinne der Ökonomie und der Ökologie ist die Energie, die wir nicht brauchen. Sie verursacht keine Umweltschäden und erhält Ressourcen für die nachfolgenden Generationen. Mit allem Nachdruck sollte diese Option verfolgt werden auch deshalb, weil es zu erwarten ist, dass die Weltbevölkerung weiter wächst, die Ressourcen diese Erde aber nur einmal vorhanden sind. Auch Uran ist eine endliche Ressource. Ein paar Beispiele, die deutlich machen, dass vor allem in diesem Bereich enorme Reserven schlummern.

Zu 1a: Steigerung der Effizienz

Ein VW Käfer verbrauchte 10 Liter Kraftstoff, während es mittlerweile Autos gibt, die mit 3 Litern Kraftstoff aus-kommen. Dasselbe haben wir beim Energieverbrauch in Häusern erreicht. Während ein Privathaus, das in den 60er Jahren gebaut wurde noch 3000 Liter Öl auf 100m² verbraucht hat, gibt es mittlerweile schon Passivhäuser, die mit einem Zehntel davon auskom-men.

Zu 1b: Suffizienz – oder ein neuer Lebensstil

Wenn wir glauben, dass wir trotz wachsender Bevölkerung den Lebensstil der Industrieländer, der auf einem extrem hohen Verbrauch an Energie aufbaut, fortsetzen können, ohne den Planet Erde zu zerstören, dann irren wir gewaltig. Der Lebensstil der Amerikaner wäre umgerechnet für 1,4 Milliarden Menschen nachhaltig. Dies ist ein Fünftel der derzeitigen Weltbevölkerung. Anders ausgedrückt: Wenn die 7 Milliarden Menschen, die den Planet Erde im Moment bevölkern, alle so leben würden wie die Amerikaner, bräuchten wir 5 Planeten. Bei steigender Weltbevölkerung kommt dem Aspekt der Suffizienz wachsende Bedeutung zu.

Option 2: Ausbau erneuerbarer Energien

Bei allem Effizienzzuwachs, der auch in Zukunft weitere Einsparpotentiale möglich macht und Verzicht auf energieaufwändige Lebensstile, wird es nötig sein, den Restenergiebedarf möglichst nachhaltig zu erzeugen.

Kernenergie als Beitrag zum Klimaschutz?

Die Kernenergie, welche hinsichtlich ihrer Klimabilanz hervorragend abschneidet, scheidet als Option für eine nachhaltige Stromversorgung dennoch aus. Dafür möchte ich die wichtigsten Gründe aus meiner Sicht nennen.

1.Kernkraft birgt ein Restrisiko, das gesellschaftlich nicht verantwortbar ist

Die Wahrscheinlichkeit eines GAU bei der Kernenergie ist bei den deutschen Sicherheitsstandards eher gering aber nicht ausgeschlossen. Im Falle eines Schadenseintritts sind die Folgen verheerend und nicht mehr rückgängig zu machen. Im Kraftwerk Biblis B hätte ein GAU zur Folge, dass Millionen von Menschen im Rhein Main Gebiet evakuiert werden müssten. 6000 Quadratkilometer Land wären auf Jahrzehnte verseucht und unbewohnbar. Nur ein Bruchteil des wirtschaftlichen Schadens in dieser dicht besiedelten Region wäre durch Versicherungen abgedeckt. Kurzfristige aber auch langfristige ökonomische Vorteile rechtfertigen keinesfalls die radioaktive Kontamination einer ganzen Region über Jahrhunderte, den Tod vieler Menschen und die genetische Schädigung über Generationen hinweg. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts sehr gering ist.

Risiken ergeben sich nicht nur durch menschliches Versagen, sondern auch durch die Möglichkeiten von Terroranschlägen auf Kernkraftwerke. Kein Mensch kann die Garantie dafür abgeben, dass menschliches Versagen, ein Terrorangriff oder auch ein Erdbeben ausgeschlossen sind.

2.Die Endlagerfrage ist nicht gelöst

Nach wie vor gibt es kein geeignetes Endlager für radioaktiven Atommüll. In Asse 2, einem Salzstock in Niedersachsen, schien ein sicheres Lager gefunden. Bei näherem Hinsehen hat sich gezeigt, dass in dem Stollen eben doch Lecks vorhanden waren. Auch im Salzstock in Gorleben zeigen sich Schwachpunkte. 160.000 Liter Salzlauge könnten zu einer Verteilung von Radioaktivität in der Biosphäre um Gorleben beitragen. Der Geologe Professor Johann Georg Haditsch, der sich jahrzehntelang mit der Lagerung von Atommüll beschäftigt hat, kommt zu dem Schluss, dass es derzeit und auf absehbare Zeit kein einziges geeignetes Endlager für radioaktiven Atommüll gibt. Dem füge ich eine Aussage von Markus Vogt, Professor für Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig Maximilians Universität München hinzu, die er bei einer Tagung zum Thema Kernenergie in der Evangelischen Akademie in Tutzing äußerte: „Das ist wie ein Flugzeug zu starten, ohne eine Landebahn zu haben“

Auch vor diesem Hintergrund ist Kernenergie keine zukunftsfähige Technologie.

3.Nachhaltige Alternativen sind vorhanden und schaffen Arbeitsplätze

Wer eine Technologie verwirft, sollte sich Gedanken über realistische Alternativen machen. Die Frage, die man sich stellen muss: Geht es überhaupt ohne Kernenergie?

Kernenergie deckt zurzeit nur etwa 2,5 % des globalen Primärenergieverbrauchs. Dieser im globalen Maßstab geringe Prozentsatz lässt sich durch Berücksichtigung der von mir vorgeschlagenen 2 Handlungsoptionen (Energieeinsparung und Regenerative Energien siehe oben) problemlos ersetzen. Die ersten Optionen Energieeinsparung und Effizienz kommen dem Klima und dem Geldbeutel der Verbraucher direkt zugute. In Deutschland haben wir gerade auf diesen Gebieten ein hervorragendes Know-how, das bei wachsendem Bedarf in der ganzen Welt zukunftsfähige Arbeitsplätze schafft (soziale und ökonomische Dimension der Nachhaltigkeit).

Vorreiter ist Deutschland nicht nur bei der Photovoltaik sondern auch bei Wind (Firma Siemens errichtet im Mo-ment Windkraftanlagen in der Nordsee) und bei Biogas. Die Biogasbranche boomt in Deutschland. Viele dezentrale Anlagen (Photovoltaik und Biogas) sorgen für neue Arbeitsplätze im Bereich der Biogasanlagenbauer, und tragen dazu bei, dass Bauern ein Zusatzeinkommen als Energiebauern erwirtschaften können. Dies kommt den Arbeitsplätzen in Ländlichen Gebieten zugute und bringt Gewerbesteuer in die Gemeindekassen.

Die Errichtung neuer Kernkraftwerke schafft im Vergleich dazu den nur einen Bruchteil von Arbeitsplätzen und führt zu einer stärkeren Konzentration von Kapital und Arbeit bei den 4 großen Energieversorgern in Deutschland.

4.Alternativen zu Kernkraft sind bezahlbar

Eine Verteuerung des Stroms durch die Einspeisung regenerativer Energien zu den derzeitigen Konditionen ist faktisch richtig. Um etwas Klarheit zu schaffen und um die Teuerung bewerten zu können, habe ich im Folgenden ein paar Zahlen dazu herausgesucht.

Nach einer Untersuchung des Leipziger Instituts für Energie betrug 2008 der Anteil der Kosten für die Förderung nach EEG 5 %, bzw. 1,17 Cent/kWh. Seit 1. Januar 2010 beträgt die EEG-Umlage nun 2,047 Cent/kWh. Damit ist sie stärker angehoben worden, als bisherige Schätzungen prognostizierten. Bisher war ein Anstieg auf 1,4 Cent/kWh bis 2014 geschätzt worden, um danach bis 2020 auf 0,6 Cent/kWh zu sinken. Auf den ersten Blick erscheint unlogisch, dass die Umlage steigt, während doch die Solarförde-rung bereits zu Jahresanfang 2009 und 2010 jeweils massiv gesenkt wurde. Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, weil eine höher als ursprünglich geplante Zahl Solaranlagen vor allem 2009 und bis Mitte 2010 installiert wurden. Damit steigt auch der Gesamtbetrag der geförderten erzielten Strommenge.

Was bedeutet das für die Kosten einer Durchschnittsfamilie? Bei einem durchschnittlichen Stromverbrauch einer 4-köpfigen Familie von 3.500 kWh im Jahr machen die 2,047 Cent genau 71,65 Euro Mehrkosten aus.

Andererseits: Die Stromanbieter haben in den letzten Jahren massiv die Preise erhöht. Im Durchschnitt zahlen die Kunden heute 80 % mehr als noch vor drei Jahren. Die Gründe dafür liegen in höheren Netzentgelten, sowie gestiegenen Preisen für Erdgas, Öl, Kohle und auch Uran. Diese „Preistreiber“ werden aber genauso wenig an den Pranger gestellt, wie das Gewinnstreben der Stromanbieter, welches sicher auch zu gestiegenen und weiter stei-genden Preisen beiträgt. Höhere Gewinnmargen durch eine Verlängerung von Laufzeiten bei den Atommeilern werden sich eher unwahrscheinlich in sinkenden Strompreisen für die Verbraucher niederschlagen. Eine AG hat qua Satzung die Aufgabe, Gewinne für die Anteilseigner zu maximieren, nicht den Kunden Nachlässe zu gewähren.

In den Jahren bis 2020 werden die EEG-Vergütungen immer weiter reduziert, weil durch die Rationalisierungseffekte (Massenproduktion macht die Solarmodule immer billiger; economy of scale) bis in 10 oder 15 Jahren damit zu rechnen ist, dass die Stromproduktion mit Photovoltaikmodulen auch ohne das Einspeisegesetz ökonomisch rentabel sein wird.

Um die ungleichmäßige Produktion von Solar- und Windstrom in den Griff zu bekommen, gilt es, die dezentrale Speicherung von Strom zu fördern, die zum Beispiel mit einer stärkeren Ausweitung der Elektromobilität einherginge. Viele dezentrale Speicher (Autobatterien; in Deutschland gibt es über 40 Millionen Autos) welche die meiste Zeit stehen, könnten als Zwischenspeicher für Solarstrom fungieren und bei Bedarf Strom abgeben. Bei Sonnenschein würden die zumeist stehenden Autobatterien aufgeladen.

Eine weitere Ausgleichsmöglichkeit besteht in der Kombination der verschiedenen regenerativen Energieträger. Biogasanlagen liefern auch bei windigem Regenwetter Strom und könnten als Spitzenkraftwerke in den Zeiten des höchsten Bedarfs angefahren werden.

Fazit:

Die Nutzung von Kernenergie zur Stromumwandlung birgt ein Restrisiko. Bei einem Schadenseintritt sind die Folgen verheerend und daher nicht verantwortbar. Der Klimawandel rechtfertigt weder die Verlängerung der Laufzeiten noch den Neubau von Kernkraftwerken. Der Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie ist möglich und bezahlbar. Dazu sollten alle Möglichkeiten der Energieeinsparung genutzt, die Effizienz vorhandener Stromverbraucher verbessert und schließlich die regenerative Energieversorgung (Sonne, Wasser, Wind, Biogas) ausgebaut werden. Das EEG führte zu einem moderaten Strompreisanstieg bei erheblich steigenden Anteilen an umweltfreundlichen erneuerbaren Energien. Damit verbunden waren die Schaffung von vielen dezentralen Arbeitsplätzen und zusätzliche Erwerbsquellen für Landwirte. Der Ausgleich des Stromangebots, das bei Photovoltaik in Mitteleuropa große jahres- und tageszeitliche Schwankungen aufweist, ist keinesfalls gelöst; es gibt jedoch viel versprechende Ansätze, die im Sinne einer nachhaltigen Energieumwandlung verfolgt werden sollten.

 

 Klaus Schwaab,

Umweltbeauftragter der

Erzdiözese Bamberg