Vortrag über sexuellen Missbrauch hinter Kirchenmauern brachte neue Erkenntnisse
K. Hischer
Dr. Barbara Haslbeck bei ihrem Vortrag bei der KEB Bayreuth
Missbrauch tritt nicht plötzlich auf, sondern entwickelt sich schleichend. Dies ist die wichtigste Erkenntnis, die Besucher des Vortrags von Barbara Haselbeck, Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Caritaswissenschaften der Universität Pasau, mitgenommen haben. Haselbeck zeigte, wie sich Missbrauch anbahnt und auch, wie Täter ihre Opfer und ihre Umgebung manipulieren. Gleich zu Beginn räumte sie mit verschiedenen Halbwahrheiten über Missbrauch auf. So erklärte sie den interessierten Zuhörern im gut gefüllten Pfarrsaal von St. Hedwig, dass Täter eben nicht automatisch krank oder gestört wären, sondern wie jeder normale Mensch wirken würden. Genauso wenig sind die Täter alle pädophil, zumindest nicht im streng wissenschaftlichen Sinn. 80 Prozent der Opfer sind Jungen in der Pubertät, sagte Haselbeck. Ein weiterer Punkt, der Staunen und teilweise auch Misstöne bei den Zuhörern hervorrief, war Haselbecks Aussage: „Der durchschnittliche hetero Mann ist gefährlicher als der durchschnittliche Schwule.“ Damit räumte sie mit der weit verbreiteten Annahme auf, dass hauptsächlich schwule Männer zu Tätern würden. Zwischen Schwul und Missbrauch gebe es keinerlei Verknüpfung. Täter würden immer die Männer, die sexuell nicht ausgereift seien. Diese würden gerne in Institutionen wie die katholische Kirche gehen, wo sie sich über ihre Sexualität keine Gedanken machen müssten. Deshalb sei der Zölibat auch nicht an den Missbrauchsfällen Schuld. „Missbrauch entsteht nicht durch plötzlich erwachende sexuelle Bedürfnisse, sondern entwickelt sich schleichend über einen langen Zeitraum“, erklärte sie das Problem. Missbrauch sei in reinen Männergesellschaften häufiger verbreitet. Dazu zählen die Armee, Burschenschaften, aber eben auch die katholische Kirche. Zugleich erklärte Haselbeck jedoch, dass in der katholischen Kirche nicht häufiger Missbrauch stattfinde wie in der restlichen Gesellschaft. „Missbrauch in der Kirche sei keine Ausnahmeerscheinung, aber etwas womit man rechnen muss“, betonte sie. Wie gehen die Täter vor? Auf diese Frage hatte Haselbeck einige überraschende und interessante Antworten parat. Täter suchen sich Positionen bei denen sie mit Kindern und Jugendlichen engen Kontakt haben können. Obwohl der Mehrzahl nicht bewusst sei, dass sie für Missbrauch anfällig seien. Deshalb seien Berufe wie Erzieher, Lehrer oder eben auch Priester sehr beliebt. Dort haben sie einerseits Kontakt zu ihren Opfern und andererseits haben sie Macht über sie. Allerdings trifft das nicht nur auf Institutionen mit streng hierarchischen Strukturen zu, sondern auch auf gegenteilig geführte Einrichtungen. Dabei entpuppen sich die Täter immer wieder als beliebte Kollegen, die aktiv sind und sich vielleicht sogar gegen Kindesmissbrauch engagieren. Wer kommt als Opfer in Frage? Dies seien in der Regel Kinder, die in ihrem Umfeld irgendeinen Mangel haben: Kinder aus ärmeren Gesellschaftsschichten, die so genannten Wohlstandswaisen, die zwar keinen materiellen Mangel haben, die aber allein gelassen sind und schließlich auch Kinder, denen ein positives männliches Vorbild fehlt. Wobei am häufigsten Kinder zu Opfern werden, die schon missbraucht worden sind. Einen Missbrauch zu erkennen sei für Eltern oder sogar für die missbrauchten Kinder sehr schwer, da der Täter den Missbrauch als normal hinstellt und die Wahrheit so vernebelt, dass es fast unmöglich ist den Missbrauch zu erkennen. Eine wirksame Vorbeugung gegen Missbrauch kann Information und Aufklärung sein. Auch die öffentliche Diskussion, die zurzeit stattfindet, angestoßen durch das Canisius-Kolleg in Berlin, hilft die Mauer des Schweigens zu durchbrechen. Über die Maßnahmen der katholische Kirche, den Missbrauch einzuschränken, berichtete Regionaldekan Dr. Josef Zerndl im Anschluss des Vortrages, den er als ein: „seit langem wichtiges Anliegen, in unseren Räumen weiter zu informieren, als man es in Talkshows mitbekommt“, bezeichnete.
Vortrag über sexuellen Missbrauch hinter Kirchenmauern brachte neue Erkenntnisse