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Nürnberger Mahnruf für Gerechtigkeit
Kirchen und DGB kommentieren Wirtschafts- und Finanzmarktkrise
Als Zeichen der Solidarität, wie bereits in der AEG-Krise, sind die Kirchen bei der Quelle vor Ort, links im Bild Betriebsseelsorger Oswald Greim.

"Wir sind Zeugen eines zum Himmel schreienden Unrechts“, eröffnete der evangelische Stadtdekan Michael Bammessel die Pressekonferenz in Nürnberg, „in unserem Land ist offenkundig etwas in Schieflage geraten“. Mit einem „Mahnruf für Gerechtigkeit“ gehen die katholische und die evangelische Kirche gemeinsam mit dem DGB an die Öffentlichkeit und fordern eine neue Kultur des Wirtschaftens, die den Menschen und nicht den Profit im Blick hat. Die Quelle-Insolvenz gab dem Forderungskatalog aktuelle Brisanz.

„Wir sind nicht immer einer Meinung, aber uns eint eine gemeinsame Leidenschaft: der Einsatz für Gerechtigkeit“, begründete Bammessel den Schulterschluss von Kirchen und Gewerkschaft, die gemeinsam die „Nürnberger Erklärung zur Wirtschafts- und Finanzmarktkrise“ erarbeitet haben. „Wir sind keine Politiker, aber wir nehmen unsere Verantwortung ernst und erheben unsere Stimme für die Menschen.“

Der katholische Stadtdekan Hubertus Förster pflichtete bei: "wir ergreifen Partei für alle Schwachen, für die Menschen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind“. Viel zu lange und zu einseitig sei nur auf Wirtschaftswachstum gesetzt worden, kritisierte Förster und zitierte aus der Enzyklika „Caritas in Veritate“ von Papst Benedikt XVI.: „Das Wirtschaftsleben kann nicht alle gesellschaftlichen Probleme durch die schlichte Ausbreitung des Geschäftsdenkens überwinden. Es soll auf das Erlangen des Gemeinwohls ausgerichtet werden, für das auch und vor allem die politische Gemeinschaft sorgen muss.“ Mit der Nürnberger „Allianz für den freien Sonntag“ kämpfe ein Bündnis von Kirchen und Gewerkschaften bereits gegen die Ausweitung der Sonntagsarbeit.

„Wir starten in Nürnberg keinen Alleingang“, betonte Johannes Rehm, Leiter des Evangelischen Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt, der Mahnruf sei eingebettet in die christliche Sozialethik und Lehrtradition der beiden Kirchen. „Unsere gemeinsame Forderung lautet: eine nachhaltige Wirtschaftsordnung ist durch einen aktiven Politikwechsel einzuleiten.“ Anstatt schnellen Gewinnen nachzujagen, brauche es „ein langfristig orientiertes und nachhaltiges Wirtschaften mit hoher Transparenz, das auch verlässlich gegenüber der eigenen Belegschaft ist".

„Die Krise ist nicht vom Himmel gefallen, sondern durch falsches Wirtschaften verursacht worden“, unterstrich Stephan Doll, Vorsitzender des DGB, Region Mittelfranken und erinnerte an das Grundgesetz: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

Die christliche Sozialethik verlange ein verstärktes Nachdenken „über eine Teilhabegerechtigkeit, die auch den Schwachen dieser Gesellschaft eine wirkliche Chance eröffnet, ihre Lebensmöglichkeiten entfalten zu können“, ergänzte Manfred Böhm, Leiter der Katholischen Betriebsseelsorge im Erzbistum Bamberg. Die Metropolregion Nürnberg dürfe sich daher nicht nur als „Wirtschaftsraum“ sehen, sondern müsse sich zwingend auch als „Solidarraum“ verstehen.

In Zusammenarbeit mit dem DGB Mittelfranken laden die beiden großen Kirchen auch wieder zum Sozialpolitischen Buß- und Bettag am Mittwoch, 18. November um 19.30 Uhr in die Peterskirche in der Regensburger Straße 62 in Nürnberg ein. Albrecht Müller, Volkswirt und Publizist, spricht zum Thema „Eliten außer Kontrolle? Zur Verantwortung von Management, Politik und Wissenschaft“. Der Eintritt ist frei. Ingrid Petersen

Datum: 08.11.2009
Autor: Ingrid Petersen
Weiterführende Links:
Der Wortlaut der „Nürnberger Erklärung“