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Hans Wölfel zum 110. Geburtstag
Unter dem Thema „Zeugnis geben“ haben die Pfarreien St. Gangolf und St. Otto zu einem Gedenkvortrag über Rechtsanwalt Hans Wölfel eingeladen

Hans Wölfel wurde 1902 in Bad Hall in Österreich geboren und 1944 vom NS-Unrechtsregime in der NS-Tötungsanstalt Brandenburg-Görden ermordet, weil er als „Führer einer Katholischen Aktion vernichtet werden sollte“. So lautet der schwere Vorwurf, den Wölfels Verteidiger Dr. Kurt Behling in Berlin unter Eid im Rahmen der Befragungen zu den Kriegsverbrecherprozessen gegen die Richter erhob, die Hans Wölfel am 10. Mai 1944 zu Tode durch das Fallbeil verurteilt hatten.

In ihrem Vortrag zum 110. Geburtstag entfaltete die Referentin Mechthildis Bocksch das Bild von den Jüngern mit Jesus beim Sturm auf dem See (Mk 4,35-41) an dem sie nicht nur die gewaltigen Herausforderungen der damaligen Zeit, sondern auch die religiöse Haltung und das herausragende Handeln Hans Wölfels verdeutlichte. Belegt mit Exponaten aus seinem Nachlass beschrieb die Referentin zentrale Orientierungspunkte aus dem religiösen und menschlich wie politisch so überaus beeindruckenden Leben Hans Wölfels.

Schon mit 17 Jahren setzte sich der junge Wölfel intensiv mit den religiösen Grundfragen des Lebens auseinander und wurde in den Wirren der Revolution politisch aktiv. Diese beiden Eckpunkte, die ernsthafte Auseinandersetzung mit der religiösen Dimension des menschlichen Lebens und die darauf basierende Verantwortung in Kirche, Politik und Gesellschaft, markieren einen umfassenden Lernprozess und ziehen sich wie ein roter Faden durch Wölfels gesamtes Leben.

Aus den Quellen seines fundierten Glaubens schöpfte Hans Wölfel in den Jahren vor 1933 die Kraft, sich mutig der gott- und menschenfeindlichen NS-Ideologie entgegen zu stellen. Nach der legalen Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 bestärkte ihn der Glaube in der christlichen Lebensführung und im gemeinsamen Widerstand mit religiös und politisch Gleichgesinnten.

Seine gläubige Haltung prägte auch seine Einstellung und seinen Einsatz als Rechtsanwalt. Als im NS-Unrechtsstaat die Grund- und Menschenrechte außer Kraft gesetzt wurden, blieb er seinem Grundsatz „Recht muss Recht bleiben“ treu. 1943 wurde er denunziert, verhaftet und nach Berlin transportiert.

Während der langen Leidenszeit in verschiedenen Berliner Gefängnissen stärkten und tröste-ten sich die Eheleute Wölfel gegenseitig in Briefen aus ihrem Glauben heraus. Die Versuche, Hans Wölfel zu befreien, schlugen ebenso fehl, wie die vielen Gnadengesuche beim Reichs-justizminister. Der deutsche NS-Unrechtsstaat wollte keine Gerechtigkeit, sondern einen auf-rechten Gegner beseitigen.

Der Abschiedsbrief Hans Wölfels, geschrieben am Tag seiner Hinrichtung, an seine Frau und seine 12jährige Tochter ist noch heute ein überragendes und bewegendes Zeugnis seines tiefen Glaubens und seiner Liebe.

Die Größe Hans Wölfels, seine religiöse Haltung und sein mutiges gesellschaftspolitisches Handeln können auch uns Menschen der Gegenwart ermutigen und bestärken. Darin waren sich alle Anwesenden nach dem Gedenkvortrag einig. Die Erinnerung ist zugleich Auftrag: nur wenn wir uns gemeinsam für einen an Recht und Gerechtigkeit orientierten deutschen Staat engagieren, ist Hans Wölfel nicht umsonst gestorben.

Datum: 04.04.2012
Autor: Mechthildis Bocksch