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Stolpersteine

Keine Antwort für Ijob?

Da antwortete der Herr dem Ijob aus dem Wettersturm und sprach: wer ist es, der den Ratschluss verdunkelt mit Gerede ohne Einsicht? Auf gürte deine Lenden wie ein Mann: Ich will dich fragen, du belehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gegründet? Sag es denn, wenn Du Bescheid weißt. Wer setzte ihre Maße? Du weißt es ja. Wer hat die Messschnur über ihr gespannt? Wohin sind ihre Pfeiler eingesenkt? Oder wer hat ihren Eckstein gelegt? (Ijob 38, 1-7)

Wir kennen ihn, Ijob, den Gerechten, der förmlich über Nacht seine Kinder, seine Herden, sein Hab und Gut verlor und mit Krankheit geschlagen wurde - der gerechte und ohne erkennbaren Grund gebrochene Mensch.

Da besuchen ihn seine drei Freunde, um ihm beizustehen; sie suchen in seinem Leben nach dem Grund für sein Leid und sind redlich bemüht, in seiner sinnlosen Leidensgeschichte noch einen Sinn zu finden. Doch während sie ihn auffordern, in sich zu gehen und nach seiner Schuld zu suchen, die sein Leid erklärt, beharrt er guten Gewissens auf seiner Unschuld, er erhebt den Vorwurf, die Welt sei ein Chaos und Gott ein FrevIer, der kein Gesetz kenne.

Schließlich fordert er Gott auf, sich ihm zu stellen und mit ihm zu rechten - und Gott lässt sich auf den Hadernden ein. Er erscheint ihm persönlich, er verurteilt die Reden seiner Freunde als unsachgemäß - und spricht Ijob frei. Eine überraschende Wende.

Und dennoch kein Schluss, der uns befriedigen könnte. Denn wir erwarten wie Ijob eine Erklärung. Gott aber hebt an und hält zwei Reden über die Schöpfung - schier endlos lang. Verwirrend und irritierend - zumindest für uns heute. Oder sollten drei Stunden Naturkundeunterricht eine angemessene Antwort sein? Oder kommt es nur darauf an, dass Gott, der Allmächtige, mit Ijob, dem Zerschlagenen, spricht, nicht aber darauf, was er ihm sagt? Oder haben wir die Bildersprache seiner Rede nur nicht verstanden?

So bestreitet Gott in seiner ersten Rede (38,2-39,30) Ijobs vermeintliche Kompetenz, seine Schöpfung zu verurteilen, weil ihm die nötige Einsicht fehle, und führt ihm in rhethorischen Fragen sein Schöpfungswalten an der Natur und seine Sorge um die Tiere vor Augen. Vor allem aber beschreibt er in seiner zweiten Rede (40,7) seine Sorge für das Nilpferd und das Krokodil, das nur er allein bezwingen kann.

Nur Naturkundeunterricht? Oder mehr? Wesentlich mehr. Denn Nilpferd und Krokodil, die in den unzugänglichen Sümpfen am Nilufer leben, galten in Ägypten als die Verkörperungen von Chaos, Unrecht und Unheil schlechthin.

Und indem Gott Ijob vor Augen führt, dass Ijob nicht in der Lage ist, sie zu bezwingen, Gott sie aber in seiner Obhut habe, erklärt er: Chaos, Unrecht und Unheil sind in der Welt. Unbezweifelbar. Und der Mensch ist nicht in der Lage, sie zu bezwingen. Unbestreitbar. Aber Gott ist dabei, sie an die Leine zu nehmen und das Chaos einzugrenzen. Tag für Tag.

Klaus Bieberstein ist Professor für Altes Testament an der Universität Bamberg

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