Aktuelles | Veranstaltungen | Spirituelles | Materialien | Ideen | Kontakt
Boxbild
  Druckversion   Seite versenden

Stolpersteine

Unser Liebstes opfern?

"Nach diesen Begebnissen geschah es: Gott prüfte den Abraham: ... Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, und geh vor dich hin in das Land Moria, und opfere ihn als Opfer dar auf einem der Berge." (Gen 22,1-2)

Mit diesem Satz beginnt eine der genialsten Erzählungen der Weltliteratur, ein Meisterwerk an sprachlicher Knappheit, Dichte und Präzision. Mit ihm beginnt auch eine nicht abgeschlossene kontroverse Deutung dieser Geschichte, in der Gott den Abraham auffordert, seinen Sohn zu opfern und dieses Opfer dann im letzten Moment verhindert. Die Kontroverse dreht sich vor allem um den Gehorsam Abrahams: War er gehorsam, weil er bereit war, seinen Sohn zu opfern - oder bestand sein Gehorsam darin, dass er es gerade nicht tat?

So viel mindestens ist klar: Die Geschichte beginnt mit der Aufforderung zur Opferung Isaaks, und sie endet damit, dass an Isaaks Stelle ein Widder geopfert wurde. Dazwischen liegt ein langer Weg. Abraham und Isaak gehen ihn - ohne Sara -, ein Stück weit zusammen mit dem Esel und den beiden Knaben, den letzten Teil allein. Sie sprechen miteinander. Isaak fragt seinen Vater nach dem Opfertier. Isaak weiß also, dass Tiere und nicht Menschen geopfert werden. Aber weiß das auch Abraham, der mit seinem Sohn unterwegs ist? Weiß er es, oder ist er imstande, sein Liebstes Gott zu opfern, der es von ihm verlangt? Und Gott kann es verlangen, weil er Gott ist?

Fragen über Fragen. Gibt es Antworten? Ja, eine Antwort ist, dass die Geschichte, die mit einem Tötungsbefehl beginnt, überraschend mit dem Gegenteil endet. Dazwischen liegt als schreckliche Versuchung die Vorstellung, es müsse getötet werden, um Gott zu gehorchen. Wie wenn das Morden Gottesdienst sein könnte. Und doch kehrt Abraham ohne Isaak zu den beiden Knaben zurück (V. 19). Hat er ihn etwa ... ?

Zu Beginn der Geschichte befiehlt Gott dem Abraham, "vor sich herzugehen". Am Ende der Geschichte kehrt Abraham zu den Knaben zurück und sie "gingen miteinander". Wieviel muss da unterwegs geschehen sein, dass aus diesem "für sich alleine gehen" - was ist töten anderes - ein Gehen zusammen mit anderen werden konnte? Wie viel hat sich geändert, dass der Befehl, das Liebste zu opfern, keinen Platz mehr hat und statt seiner die Zusage gilt: Ich will, dass du lebst?

Dr. Hanspeter Ernst ist Leiter des Zürcher Lehrhauses

<-- zurück