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Stolpersteine

Lies nicht so, sondern ...

Lies doch in der Bibel! Da steht ..." ist ein beliebtes Argument, wenn einer Person die Argumente ausgehen. Und dieses Argument sitzt, denn die Bibel ist Wort Gottes. Da braucht es keine Begründung mehr.

Es wäre geradezu - vermessen, sollte die Offenbarung Gottes verändert und sein Wort unserem Geschmack angepasst werden. Wenn dem aber so ist, warum lassen sich dann so wenig Leute davon überzeugen? Als Wort Gottes müsste es doch unmittelbar mindestens alle diejenigen, die an ihn glauben, in der gleichen Weise ansprechen. Das aber ist nicht der Fall.

Warum nicht? Ein Grund könnte sein, dass der Griff nach dem nackten Buchstaben, nach dem, was geschrieben ist, keineswegs unproblematisch ist. Denn wer in einem Gespräch so direkt auf die Bibel zurückgreift, tut dies, um damit seine Meinung zu begründen. Die Bibel wird zur Zeugin und Garantin für die Richtigkeit der eigenen Ansicht gemacht.

Müsste es aber nicht gerade umgekehrt sein: Ich, der ich hier und jetzt lebe, lege Zeugnis für das in der Bibel geoffenbarte Wort Gottes ab? Im Judentum kennen die Gelehrten für das Lesen der Bibel eine Formel, die lautet: "Lies nicht das, was da steht, sondern etwas ganz anderes!" Was ist damit gemeint? In einem Kommentar zu den beiden Schrifttafeln, die Mose von Gott auf dem Berge Sinai erhält, wird erklärt, dass die Worte der Tora eingemeißelt seien in Stein. "Lies nicht: Eingemeißelt in Stein stehen dort die Worte der Tora sondern: Freiheit bedeuten die Worte der Tora."

"Freiheit' statt "eingemeißelt" zu lesen ist möglich, weil im Hebräischen beide Worte aus denselben Konsonanten bestehen. Sie unterscheiden sich einzig durch die Vokale, diese werden aber nicht geschrieben.

Die Konsequenz ist nicht, dass "eingemeißelt"' falsch wäre. Vielmehr: Wir bleiben dem eingemeißelten Wort treu, indem wir uns vom Buchstaben nicht knechten lassen, sondern durch das Wort Gottes frei werden. Wir bezeugen diese Freiheit, wenn wir durch unsere Art zu leben die Freiheit anderer ermöglichen.

Hanspeter Ernst, Dr. theol., Judaist und Alttestamentler, ist Leiter des Zürcher Lehrhauses

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