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Stolpersteine

Wirst du an den Toten Wunder tun?

Wirst Du an den Toten Wunder tun, werden Schatten aufstehn, um dich zu preisen? erzählt man im Grab von deiner Huld, von deiner Treue im Totenreich? werden deine Wunder in der Finsternis bekannt, deine Gerechtigkeit im Land des Vergessens? (Ps 88,11-12)

Solche Sätze klingen herb und hart. Die Beterin oder der Beter des Psalms geht ganz nüchtern davon aus, dass der Gott der Bibel ein Gott der -Lebenden sei - und wer aus dem Reich des Lebens ausscheide, sei auch seinem Arm entzogen. So feilscht die Beterin oder der Beter mit Gott in letzter Not, er möge endlich eingreifen, oder er werde einen Untertan an den Tod verlieren.

Erstaunlich? Wir finden im Alten Testament - dem größten Teil der Heiligen Schrift - weit weniger Stimmen, die an eine Auferstehung der Toten glauben, als in unserer heutigen Gesellschaft. So meint Kohelet (9,5-6) lakonisch: "Die Lebenden erkennen, dass sie sterben werden; die Toten aber, erkennen überhaupt nichts mehr. Sie erhalten auch keine Belohnung mehr; denn die Erinnerung an sie ist in Vergessenheit versunken. Liebe, Hass und Eifersucht gegen sie, all dies ist längst erloschen. Auf ewig haben sie keinen Anteil mehr an allem, was unter der Sonne getan wurde."

Und doch vernehmen wir - wenngleich zunächst noch verhalten - auch andere Stimmen wie Ps 73, der vielleicht zum ersten Mal - für damalige Leserinnen und Leser irritierend neu - bekennt, Gottes Arm werde an der Grenze des Todes nicht hilflos enden. Vielmehr werde der Beter oder die Beterin im Schritt über die Todesgrenze nicht in einen gottlosen Abgrund fallen, sondern auf Gott zugehen.

Und in den jüngsten Schriften des Alten Testaments findet sich schließlich das Hoffnungswort, Gott werde die Opfer der Geschichte, die Zukurzgekommenen, nicht vergessen, sondern einst, wenn die Menschengeschichte mit ihren Niederträchtigkeiten vorbei sei, ihr Bündel noch einmal aufknüpfen und ihnen jenes Leben schenken, das ihnen von ihren Mitmenschen zu Lebzeiten vorenthalten worden sei (Dan 12; 2 Makk 7).

Nur ihnen, den Opfern der Geschichte allein, sprechen diese Stimmen neues Leben zu, und es wird klar: Es geht ihnen nicht um Jenseitsspekulationen, nicht um Astralleiber und Seelenwanderung. Sondern es geht ihnen um einen Blick auf die Opfer, zu denen der Engel der Geschichte zurückeilen will, um die Toten zu wecken und die Geschlagenen zu heilen.

Klaus Bleberstein ist Professor für Altes Testament an der Universität Bamberg.

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