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Stolpersteine

Warum darf Jiftach seine Tochter opfern?

Und Jiftach tat ein Gelübde dem Ewigen und sprach: "Wenn Du die Söhne Ammon in meine Hand gibst, so soll dasjenige, was herauskommt aus den Türen meines Hauses mir entgegen, wenn ich zurückkehre in Frieden von den Söhnen Ammon, dem ewigen gehören, und ich will es darbringen als Ganzopfer." (Richter 11, 30-31)

Bevor der Jiftach in den Krieg gegen die Ammoniter zieht, tut er Gott ein Gelübde: Wenn Gott ihm zum Sieg verhilft, will er dasjenige, das ihm zu Hause als erstes entgegen kommt, als Opfer darbringen. Die Geschichte nimmt ihren fatalen Lauf. Jiftach gewinnt den Krieg - und zu Hause kommt ihm seine einzige Tochter tanzend und seinen Sieg preisend entgegen. Jiftach erfüllt sein Gelübde. Die Tat ist so ungeheuerlich, dass der Text den Opfertod der Tochter nicht wörtlich erwähnt. Der Sinnhorizont, in dem der Text steht, aber auch dessen historischer Kontext lassen jedoch keinen Zweifel aufkommen: Jiftachs Tochter starb. Weshalb steht diese grauenvolle Geschichte in der Bibel? Um Israel zu lehren, sagen die Rabbiner, dass man Gelübde, wie die Tora es fordert, wohl überlegt und mit rationaler Nüchternheit aussprechen soll. Jiftach handelt aber in Unkenntnis der Tora. Diese fordert, dass nur reine Tiere geopfert werden, und sie ermöglicht das Auflösen unvorsichtig formulierter Gelübde durch den Priester.

Vom Geloben überhaupt raten die Tora und die jüdische Tradition ab. Gelübde entspringen oft einem subjektiven religiösen Impuls, einem Enthusiasmus, der eine realistische Einschätzung eigener spiritueller Fähigkeiten und Notwendigkeiten des Lebens vermissen lässt. Der intensive Wunsch nach Gottesnähe, was immer auch dessen Motiv sein mag, ist nicht a priori positiv. Er ist es erst dann, wenn er ins Leben und in die Freiheit weist. An diesen aus der Schrift ablesbaren Gütern hat sich die menschliche Interpretation des offenbarenden Wortes zu messen. Jiftach verfügt nicht über die besonders für einen politischen Führer notwendige religiöse Nüchternheit. Sein religiöser Eifer tötet und wendet sich gegen ihn selbst: "Und Jiftach, der Gileadi starb und wurde in den Städten Gileads begraben." (Richter, 12,7) Warum steht hier "Städte" und nicht "Stadt"? Weil seine Gebeine in verschiedenen Städten begraben sind, antworten die Rabbiner: Jiftach ist durch sein eigenes Handeln zerrissen worden und hat im religiösen Eifer sein menschliches Antlitz preis gegeben.

Michel Bollag, lic. phil. I, ist jüdischer Leiter des Züricher Lehrhauses.

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