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Stolpersteine

Ein Gott der Rache?

"Wenn Männer miteinander raufen und dabei eine schwangere Frau treffen, so dass sie eine Fehlgeburt hat, ohne dass ein weiterer Schaden entsteht, dann soll der Täter eine Buße zahlen, die ihm der Ehemann der Frau auferlegt; er kann die Zahlung nach dem Urteil von Schiedsrichtern leisten. Ist weiterer Schaden entstanden, dann musst du geben: Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß ..." (Exodus 21, 22-24:)

"Auge um Auge, Zahn um Zahn" dieser Spruch gehört gewiss zu den meistzitierten Bibelstellen. Meist wird er dafür verwendet, um Rachegelüste auszudrücken oder zu rechtfertigen, etwa nach dem Motto: "Wie du mir, so ich dir!"

Oder er gilt als Beleg für einen vermeintlich rachedürstenden alttestamentlich Gott. Der ursprüngliche Sinn dieses Bibelwortes ist aber ein ganz anderer. Das wird deutlich, wenn man den Zusammenhang anschaut, in dem der Satz steht. Mit unserem Spruch sind nämlich nicht diejenigen angesprochen, denen ein Schaden zugefügt wurde, sondern diejenigen, die einen Schaden verursacht haben. Die sollen Wiedergutmachung leisten, und zwar genau so viel, wie sie Schaden angerichtet haben (vgl. Ex 21,22-24; Lev 24,17-22; Dtn 19,16-19).

Zwar wird uns heute das Beispiel der Fehlgeburt, das in Ex 21,22 verwendet wird, eher befremden, und wir würden uns einen mitfühlenderen Umgang mit dieser Frau wünschen. Doch ist das ein anderes Problem und ändert nichts an der Stoßrichtung des Wortes.

Der Spruch ist also keinesfalls eine Aufforderung zur Rache und auch nicht zur Verstümmelung (so etwas ist dem Alten Testament völlig fremd!), sondern in bildhafter Sprache wird dazu aufgefordert, Schaden wieder gut zu machen. Heute würden wir vielleicht so sagen: Wenn ich jemandem einen Kotflügel am Auto beschädigt habe, dann muss ich ihm den Kotflügel ersetzen - und nicht das ganze Auto, aber auch nicht nur einen Blinker.

Vor diesem Gesetz sind alle gleich: Ein Schaden, der einem Fremden, einem Kleinbauern, einer Frau, einem Sklaven zugefügt wurde, ist ebenso zu ersetzen wie der Schaden, der einem Dorfältesten angetan wurde (vgl. Lev 24). Welch ein Meilenstein in der Rechtsgeschichte!

Eine Aufforderung zur Rache kennt das Erste Testament nicht. Im Gegenteil: Die Rache wird Gott überlassen und nicht selbst vollzogen. Denn jeder und jede weiß: Wo Menschen unkontrolliert ihrem Rachedurst nachgeben, dort hat die Gewalt nie ein Ende.

Das Wort zeugt also auch nicht von einem gewalttätigen alttestamentlichen Gott, sondern im Namen dieses Gottes wird der Eskalation von Gewalt unter Menschen ein Riegel vorgeschoben.

Sabine Bieberstein, Dr. theol., Bamberg und Zürich
Projektleiterin des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks für das Jahr der Bibel 2003

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