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Stolpersteine

Wie kann man Kindermord selig preisen?

Tochter Babel, du Zerstörerin! Wohl dem, der dir heimzahlt, was du uns getan hast! Wohl dem, der deine Kinder packt und sie am Felsen zerschmettert! (Psalm 137, 8-9)

Nein, wir lesen hier nicht den Anfang eines Drehbuches für einen Abenteuerfilm a la "Der Graf von Monte Christo" oder eines Western. Denkbar wäre es: Der Held steht vor den Ruinen seines Lebens und schwört Rache. Sein Fluch setzt den Racheweg in Gang. Die Story nimmt ihren Lauf. Als Unterhaltungsfilm mag so etwas hingehen. Aber wie kann die Bibel jemand selig preisen, der die Kinder Babels "packt und am Felsen zerschmettert"? Immerhin ist das Buch der Psalmen das Gebetbuch der jüdischen und christlichen Tradition.

Diejenigen, die im Psalm vor Gott die Feinde verfluchen, wurden aus dem zerstörten Jerusalem (587 v. Chr.) nach Babylon (heute im Irak) deportiert. Doch während im Film der Racheschwur den Kampf gegen das oder besser die Bösen in Gang setzt, steht der Rachewunsch im Psalm am Ende eines Gebetes. Diese Betenden können ihre Niederlage nicht rächen, ihnen bleibt nur der Fluch. Er ist die Waffe der Machtlosen - und als solche hat er entlastende Funktion. denn so ersetzt das Wort die Tat! Schlimmes wird erträglicher, wenn man hemmungslos klagen oder fluchen kann. Hier wünschen Menschen vor Wut oder Trauer dem Feind alles nur erdenklich Böse, in wahllosen Vernichtungsphantasien. Sie bitten Gott zwar nicht direkt um Erfüllung ihrer Rache, aber sie hoffen auf Segen für die, die die Rache ausführen.

Das Ende des Gebetes lässt es jedoch offen, ob Gott wirklich diese Rache mit Segen belohnt. Stattdessen wird die Rache in die Hand Gottes gelegt, und das sollte immer so sein, nicht nur bei den Ohnmächtigen, sondern auch bei den Mächtigen. Denn dort ist Rache immer unmäßig und trifft meist Unschuldige.Wer die Rache an Gott delegiert, lässt allmählich auch die Offenheit entstehen, dass Gott andere Mittel hat, Gewalttätern zu begegnen, als Menschen, die vor Rachegelüsten blind sind. Wie, das bleibt Gott überlassen.

Ulrike Bechmann, Dr. theol (AT) und M.A. (Islamwissenschaften),
wissenschaftliche Assistentin an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth

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