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Stolpersteine

Lässt Gott mit sich handeln?

Abraham trat näher und sagte zu Gott: "Willst Du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen? Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt; Willst Du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort?" ... Und nochmals sagte er: "Mein Gott, zürne nicht, wenn ich noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn." Und wiederum sprach Gott: "Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten." (Gen 18,23 - 24.32)

Der unbewegte Beweger ist eine Erfindung der antiken griechischen Philosophen. In der Bibel, vor allem im Ersten Testament, begegnet uns ein bewegter und bewegender Gott: eifernd, leidenschaftlich, zuweilen parteiisch und manchmal auch ratlos, lebt er die Beziehung mit seinem Volk und einzelnen, mehr oder weniger glaubenden Menschen, die ihn anrufen und fürchten, ihn herausfordern und ihm gehorchen. Die antike Philosophie hat unsere christliche Religion genauso beeinflusst wie die biblische Tradition. Darum erscheint der Gott des Ersten Testamentes vielen heutigen Christinnen und Christen fremd in seiner lebendigen Dynamik. Ein allmächtiger, allwissender und allgütiger Gott benimmt sich in unserer Vorstellung anders. Der ließe nicht mit sich handeln - wozu auch, wenn er ja doch alles besser weiß als wir Menschen mit unserem beschränkten Horizont?

Der biblische Gott aber lässt mit sich handeln. In einem partnerschaftlichen Dialog verständigt er sich mit Abraham auf die exakten Kriterien für eine Bestrafung der Stadt Sodom (Gen 18,16-33). Dabei handelt Abraham nicht etwa aus Mitleid mit den bedrohten Stadtbewohnern. Ihm geht es darum, dass Gott hier seine Prinzipien der Gerechtigkeit nicht verletzt, dass er nicht im Zorn etwas tut, das nicht gottgemäß ist. Im Bewusstsein der großen Distanz zwischen ihm und seinem Gesprächspartner handelt Abraham taktisch geschickt und psychologisch einfühlsam die notwendige Zahl der Gerechten auf 10 herunter.

10 Personen sind noch ein Kollektiv (soviel Männer braucht es bis heute, um einen Synagogengottesdienst zu halten), darunter sind es Einzelfälle, die, wie das Beispiel Lots zeigt, individuell vor dem Unheil bewahrt werden können. Nun, das ganze Herunterhandeln nützte der Bevölkerung von Sodom nichts; denn da es keine 10 Gerechten waren, ließ Gott die Strafe über die Stadt kommen. Er tat es aber, dank Abraham, nach eingehender Überprüfung vor Ort und nach festen Kriterien der Gerechtigkeit. Wer übernimmt die Rolle Abrahams, wenn es heute um vermeintlich gerechte Kriege geht?

Brigitte Schäfer, Udligenswil,
reformierte Theologin und Sozialwissenschaftlerin,
Projektielterin bei wtb. Deutschschweizer Projekte Erwachsenenbildung, Zürich

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