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Stolpersteine

... aus der Rippe des Mannes geschaffen?

Gen 2,21-22: Da ließ Gott, der Ewige, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, so dass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch. Gott, der ewige, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu.

Die Wirkungsgeschichte des Bildes aus Gen 2,21-22 war fatal. Sogar Paulus hat es in 1 Kor 11,8 im Sinne einer Unterordnung der Frau unter den Mann zitiert, und es hat seither immer wieder dazu gedient, patriarchale Unrechtsstrukturen zu sanktionieren. Aber wird diese Rezeption dem Text gerecht? Das Bild stammt aus der älteren der beiden Schöpfungserzählungen der Bibel. Diese setzt seitens ihrer antiken Leserinnen und Leser weitere, noch ältere Schöpfungserzählungen der biblischen Umwelt und angesichts von deren Vielfalt auch als bekannt voraus, dass Schöpfungserzählungen von vorn herein keine naturwissenschaftlichen Erklärungen bieten. Vielmehr geht es darum, einen Funken Lebensweisheiten in ein Bild zu fassen, das allezeit gültig sein sollte und darum aus literarischen Gründen am "Anfang" der Menschheitsgeschichte seinen besten Ort hat.

Und welche Pointe bringt dieser Text gegenüber älteren Schöpfungserzählungen erstmals ins Spiel? Es ist soweit wir heute sehen die erste Schöpfungserzählung der Menschheitsgeschichte, die erkennt und benennt, dass Menschen nicht geschlechtslos, sondern stets Mann oder Frau sind. Doch schafft Gott zunächst weder "Mann' noch "Frau" , sondern "den Menschen'.

Doch weil "der Mensch in der Tierwelt kein ihm ebenbürtiges Gegenüber fand und allein war (oder kann ein Dackel einen Lebenspartner ersetzen?), schuf Gott weiter - so wird erzählt - aus dem Gebein des Menschen, aus einer Rippe, ihm ein ihm ebenbürtiges Gegenüber Erst danach werden die beiden erstmals als "Mann' und "Frau" bezeichnet (Gen 2,23).

Und zwei Verse später wird klar benannt worin die Schöpfung ihren Fluchtpunkt, ihre Erfüllung findet: Beide sind nackt, doch sie brauchen sich voreinander nicht zu schämen (Gen 2,25). Das ist Sexualität vom Feinsten. Nur in einem Detail ist es dem Verfasser (oder der Verfasserin) nicht ganz gelungen, die Symmetrie der Geschlechter durchzuhalten: Sie wurde aus seiner Rippe, nicht umgekehrt, geschaffen. Doch hat, wer in diesem Detail die Pointe, das Neue der Erzählung sucht, die Geschichte wohl nicht verstanden.

Klaus Bieberstein, Professor für Altes Testament an der Universität Bamberg

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