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Stolpersteine

Was haben ganz profane Liebeslieder in der Bibel zu suchen?

Hld 4,1.5.7:
Schön, bist Du meine Freundin, ja, du bist schön. Hinter dem Schleier Deine Augen wie Tauben. Dein Haar gleicht einer Herde von Ziegen, die herabzieht von Gileads Bergen ... Deine Brüste sind zwei Kitzlein, wie die Zwillinge einer Gazelle, die in den Lilien weiden ... Alles an dir ist schön, meine Freundin, kein Makel haftet an dir.

Jaja, an der Bibel sollen wir uns stoßen, mit Texten ringen, heiße Eisen aufnehmen in dieser Reihe zu "Stolpersteinen". Ich weiß. Aber hier und heute streike ich und drehe den Spieß um. Die Titelfrage tut so, als wäre die Bibel ein gegebenes Gefäß, in welches dann Texte einzufügen wären. Die Frage müsste sich dann an jeden Text stellen lassen, etwa so: Was haben ganz profane Mordszenen in der Bibel zu suchen? Oder: Was haben ganz profane Rechtssätze in der Bibel zu suchen? Jeder Text wäre dann von entsprechenden Lobbyisten salon-, pardon: bibelfähig zu reden.

So ähnlich aber hat es sich abgespielt gerade mit dem Hohelied. Was in die hebräische Bibel aufgenommen werden konnte dank der Tradition, wonach Salomo sein Verfasser war (Ihr erinnert Euch: 700 Hauptfrauen und 300 Nebenfrauen - mehr als das für Moralisten unterschiedlicher Härtegrade zuträgliche Maß ...) lag christlicher Theologie auf den sensiblen Kirchenvätermägen. Der konsequente Ausbau einer leibfeindlichen Grundstimmung im Christentum (in eklatantem Widerspruch zu Dem, Der prasste und soff, Der die Salbe der Hure nicht verschmähte, Der das Reich Gottes in den Farben des Gastmahls schilderte, an Dessen Brust ein Lieblingsjünger lehnte) rief nach einer Deutung des Hoheliedes, welche jenem die erotischen Zähne zog.

Im Zisterzienser Bernhard von Clairvaux (einem großen Mystiker, Diplomaten und Kriegshetzer) fand das hebräische Liebeslied seinen lateinischen Meister; es wurde salon-, pardon: bibelfähig geredet und geschrieben durch den Versuch, die Augen (wie Tauben), die Haare (wie eine Ziegenherde), die Zähne (wie eine Herde frischgeschorener Schafe), die Lippen (wie Karmesinband), die Brüste (wie zwei Böcklein der Gazelle) der Braut auf die Kirche als jener zu beziehen, die auf ihren Geliebten Jesus wartet.

Fürwahr: ein Bild von Kirche, welches mich, den trockenen Reformierten, entflammen könnte. Nur eben auch ein Bild auf Kosten jener namenlosen und deshalb auch meiner Braut, die den Geliebten nicht erwartete, sondern umschmeichelte, verführte, in Taumel versetzte. Kann, darf, will ich sie und ihre Wildheit, Zartheit verlassen und unter den Schirm des katholischen Kirchenrechts, des lutherischen Bekenntnisses, der reformierten Kirchenordnung eilen? Streik! Und die Umdrehung der Frage: Was wäre die Bibel, was bliebe von der Bibel ohne ganz profane Liebeslieder?

Marc van Wijnkoop Lüthi, Dr. theol., Kirchenhistoriker, ist reformierter Pfarrer in Ligerz, Schweiz

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