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Stolpersteine

Vaterlose Kirche?

Mt 23.9: Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen.

Mt 23,9 steht: "Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen." Diese Anweisung Jesu hat die Kirche - im Gegensatz zu anderen - nicht wörtlich verstanden. Keinem Kind wurde verboten, seinen Vater mit Papa anzusprechen. Und im Gegensatz zum Bibelwort wurde die Anrede von Ordenspriestern als Pater (lateinisch für Vater) und des Bischofs von Rom als Heiliger Vater eingeführt.

Was ist der Sinn der Anweisung? Der Zusammenhang zeigt: Es geht Jesus um die Aufhebung aller irdischen Autoritäten: Wo Gott als Vater aller Menschen zum Zuge kommt, verlieren die Familien- und die Kirchenväter ihren Sonderstatus. Wo Jesus sich als "Meister" und "Lehrer" seiner Jüngerinnen und Jünger erweist, entsteht eine Nachfolgegemeinschaft von Gleichgestellten. Kirchliche und akademische Titel und alle Formen von Vorrangstellung aufgrund von Geschlecht Reichtum oder Frömmigkeit büßen ihre herkömmliche Bedeutung ein, Unterschiede zwischen "oben" und "unten", "ersten" und "letzten" herzustellen und zu rechtfertigen. Das ist ein Grundzug der Botschaft Jesu, der in scharfem Kontrast zur damaligen "patriarchalen" Lebensordnung wie zu heutigen Erfahrungen steht. Von einer geschwisterlichen Gemeinschaft sind wir weit entfernt, keineswegs nur wegen der Ordnung des Kirchenrechts, das "Patres" und "Heilige Väter" ausdrücklich vorsieht, sondern weil auch im kirchlichen Alltag die gesellschaftliche Ordnung unkritisch kopiert wird: Erwachsene haben mehr zu sagen als Kinder, der Herr Direktor und die Frau Doktor mehr als die einfache Mitarbeiterin, Deutsche mehr als Ausländer, der Kirchengemeinderatsvorsitzende mehr als die Studentin, die in der Gemeindeversammlung nach dem Verhältnis zwischen der teuren Kirchenrenovierung und dem kleinen Kredit für Entwicklungshilfe zu Gunsten der notleidenden Schwestern und Brüder fragt.

Stolperstein ist das Gebot Jesu, "niemand Vater zu nennen" nicht nur, wenn wir es wörtlich nehmen - sondern erst recht, wenn wir seine Absicht erfassen, die selbstverständlichen Rollenmuster aufzubrechen: Ihr alle seid Brüder und Schwestern - nur einer ist eurer mütterlicher Vater: der im Himmel.

Daniel Kosch, Dr. theol.,
leitete 1992-2001 das Schweizerische Katholische Bibelwerk und
ist Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz

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