Aktuelles | Veranstaltungen | Spirituelles | Materialien | Ideen | Kontakt
Boxbild
  Druckversion   Seite versenden

Stolpersteine

Warum soll Homosexualität ein Gräuel sein?

Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Greuel. (Lev 18,22)

Darum hat Gott sie hingegeben in schändlichen Leidenschaften: denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen, desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen. (Röm 1,26-27)

Lasst mich die Frage dreifach angehen: als Historiker, als Theologe und als Mensch. Die Reihenfolge dabei ist für mich unumkehrbar - der dritte Weg ist der entscheidende, er steht (unsichtbar) am Anfang und (unausweichlich) am Ende.

1. Homosexualität ist eine Form der (auch) körperlichen Liebe, die nicht der Fortpflanzung dient. Für Völker auf Wanderung, in Entwicklungsphasen, in Zeiten direkter Bedrohung und unter dem (echten oder willkürlichen) Zugzwang der aktiven oder reaktiven Militarisierung ist sie unnütz, unbequem, quer (sie erhöht den Bestand und damit die potentielle Kampfkraft nicht). Lev 18 und Parallelaussagen des Ersten Testaments sind aus historischer Perspektive verständlich und bleiben gleichzeitig in historischen Kategorien gefangen. Die Verdammung von Homosexualität geht mich, den Historiker, ähnlich viel an wie ersttestamentliche Kleider-, Reinheits-, Sklaven- und Strafgesetze.

2. Das wichtigste Wort in der Römerbrief-Stelle steht am Anfang: "darum". Es weist darauf hin, dass sich (auch) im Zusammenhang mit Homosexualität Abwendung von Gott manifestieren kann. Das gilt für alles und jedes, was den Menschen einen kleineren oder größeren Götzen zwischen sich und Gott aufrichten lässt (wollt Ihr Beispiele? Stolz, Habgier, Ehrgeiz, Sexualität - fragt Eure Herzen). Ihr kennt das Wort von der "abgöttischen Liebe". Exakt diese ist in allen denkbaren Spielarten zu haben und aus Sicht des Paulus schlecht. Als Theologe stimme ich ihm zu: Der homosexuelle Mensch ist gefährdet - wie jeder Mensch.

3. Mein Leben liegt in der Hand Gottes. Nie hat er mich ganz fallen lassen. Dazu bedient er sich der Hände vieler, die mich tragen, stützen, ermutigen. Einige dieser Hände gehören zu (offen oder verdeckt) lesbischen und homosexuellen Menschen. Unter diesem Vorzeichen lebe und atme ich. Von dieser Voraussetzung aus denke ich nach über Homosexualität als einer innerweltlichen Ausrichtung von Menschen, die zu Glaube, Hoffnung und Liebe erwählt und zur Handlung in der Kraft Gottes befähigt sind. Einige wagen es, solchen Menschen Glaube, Hoffnung, Liebe und christliche Tatkraft abzusprechen. Als Mensch finde ich darauf abschließend nur eine einzige Antwort: ein klares, gelassenes, notfalls grobes Nein gegenüber vorauslaufenden, gesetzlichen, gottfernen Verurteilungen Anderer.

Marc van Wijnkoop Lüthi, Dr. theol, Pfarrer in Ligerz im Kanton Bern

<-- zurück