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Stolpersteine

Ist die Frau Abglanz des Mannes?

Ihr sollt wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi . (1 Kor 11,3)
Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abild nd Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. (1 Kor 11, 7)

Mit dem Wort, das in der Einheitsübersetzung mit "Abglanz" wiedergegeben ist (1 Kor 11,7) verwendet Paulus eine Vokabel, die in der Bibel normalerweise mit "Herrlichkeit" übersetzt wird, deren Grundbedeutung aber mit "Ruhm", "(guter) Ruf', "Pracht" oder "Glanz" wiederzugeben ist. Das entspricht der traditionsbedingten Vorstellung des Paulus: Im Glanz eines christlichen Mannes wird Gott erkennbar, im Ruf einer christlichen Frau wird der Mann erkennbar: Ihr Auftritt sorgt für seine Pracht, sein Auftritt sorgt für die Ehre, die Gott gebührt (Gen 2,18).

Darin liegt eine ganz enorme Macht der Frauen! Das wird Paulus beim Schreiben bewusst, darum schreibt er wenig später (V 10): "Deshalb muss die Frau Vollmacht über das Haupt haben von den Engeln her". Dieser Satz ist so ausgelegt worden, als ginge es um die Macht des Mannes über die Frau, aber genau genommen ist es umgekehrt.

Paulus wollte zeigen, dass Christen/Innen sich an die traditionellen Anstandsregeln zu halten haben, um die Ehre von Christus nicht zu desavouieren (V 13) - aber nun macht Paulus eine neue Entdeckung: Wenn die Frau so viel Macht über das Haupt (nämlich zunächst den Mann und dann auch Christus, vgl. V 3) hat, dann muss sie diese Macht, diese Vollmacht, konsequenter Weise auch ausdrücken, die sie "von den Engeln her" hat, nicht nur aus menschlich-männlicher Perspektive, nicht nur als Ausdruck der Loyalität, sondern ganz existentiell: Frauen haben Vollmacht über das Haupt, und damit sind sie beauftragt, diese Vollmacht auch zu kultivieren, denn in Christus, so fährt Paulus fort, ist "weder eine Frau ohne Mitwirkung des Mannes, noch ein Mann ohne Mitwirkung der Frau." (Gal 3,28)

Das billigt Männern wie Frauen die selbe Würde vor Gott und im Umgang miteinander zu. Wie anders klingt dieser Text, wenn wir ihn unbelastet von traditionalistischen Gewohnheiten lesen und mit Paulus gemeinsam eine Entwicklung machen: Frauen haben Macht, von Gott gegeben, und die soll auch zum Ausdruck kommen. Leben wir so, dass der Ruhm Gottes damit ausgedrückt wird?

Angela Wäffler-Boveland, Pfarrerin, Projektleiterin der Evangelischen Theologiekurse, Zürich

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